{"id":44680,"date":"2018-08-11T00:01:30","date_gmt":"2018-08-10T22:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44680"},"modified":"2022-03-01T16:57:38","modified_gmt":"2022-03-01T15:57:38","slug":"eine-kulturphilosophische-studie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/08\/11\/eine-kulturphilosophische-studie\/","title":{"rendered":"Eine kulturphilosophische Studie aus deutscher und deutsch-rum\u00e4nischer Perspektive"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Sammelband, bestehend aus Essays, Reden und Abhandlungen, tr\u00e4gt die Orientierungsmuster einer doppelten Zueignung. Im Vorwort attestiert der Verlag seinem renommierten Autor einen unorthodoxen Blickwinkel und eine enzyklop\u00e4dische Sichtbreite, die sich durch eine \u00fcberraschende Einheitlichkeit auszeichne. Dieses breite Spektrum der seit 1982 in verschiedenen Zeitschriften abgedruckten Aufs\u00e4tze begr\u00fcndet Hans Bergel in seinen einleitenden Reflexionen \u00fcber die \u201eDrei Sonnen\u201c, die sein literarisches Schaffen mit ihrer unvergleichbaren inspirierenden Strahlkraft beeinflusst h\u00e4tten. Das am Grabmal von Friedrich Nietzsche aus Anlass der Jahrestagung des Exil-P.E.N. deutschsprachiger SchriftstellerInnen in R\u00f6cken im Oktober 2016 vorgetragene Bekenntnis zu den Werken von Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich von Kleist und Friedrich Nietzsche dient Hans Bergel als Leitlinie und Bekenntnis zu einer radikalen und zugleich konsequenten Betrachtung der Welt aus \u00e4u\u00dferst unterschiedlichen perspektivischen Einstellungen. Im Laufe der Jahre, so Bergel, seien sie \u201etrotz des Absolutums ihrer Gegens\u00e4tzlichkeit zur Einheit \u2026 verschmolzen\u201c. (S. 9). Diese drei Antriebskr\u00e4fte, der erweckenden (Goethe), der b\u00e4ndigenden (Kleist) und der fordernden (Nietzsche), h\u00e4tten ihn mit einer Dreifaltigkeit ausger\u00fcstet, ungeachtet der \u201euns\u00e4glichen Umdunkelungen der Zeiten\u201c auf der richtigen Spur zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So ausger\u00fcstet mit den tief sch\u00fcrfenden \u00dcberlegungen und Bekenntnissen des Autors erfordert die Lekt\u00fcre der thematisch breit angelegten Texte eine besondere Einstellung, die von der Empfehlung geleitet sein sollte, sich den einzelnen Aufs\u00e4tzen mit je unterschiedlichem Interesse zu n\u00e4hern. Wie umfassend und vielschichtig die Ausf\u00fchrungen sind, zeigen bereits die \u00dcberschriften der einzelnen Beitr\u00e4ge. Sie greifen Migrationsprobleme auf, verweisen auf Leben und Sterben der Kulturen wie auch auf die Poetik der rum\u00e4nischen Dichterin Ana Blandiana und des aus Galizien stammenden Dichters Alfred Margul-Sperber, bewerten das Verh\u00e4ltnis der Deutschen zu ihrem Nationaldichter Goethe, setzen sich mit diversen plastischen Reitermotiven auseinander, besch\u00e4ftigen sich mit der politischen Farbsymbolik von Rot und Braun, erinnern an den bedeutenden musikhistorischen Beitrag seines Bruders Erich \u00fcber die \u201eKunst der Fuge\u201c und analysieren auf der Grundlage bitterer pers\u00f6nlicher Erfahrungen das kriminelle Wirken des rum\u00e4nischen Geheimdiensts <em>Securitate<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hans Bergel, der Nestor der deutschrum\u00e4nischen Literatur, Schriftsteller, Philosoph und Kulturwissenschaftler legt mit diesen ausgew\u00e4hlten Schriften ein besonderes Zeugnis au\u00dfergew\u00f6hnlich scharfsinniger Reflexionen und analysierender Beobachtungen und Wertzuschreibungen ab. Worin besteht die besondere Qualit\u00e4t seiner kulturhistorischen und ideologiekritischen Feuilletons? Unter Verweis auf den Untertitel der vorliegenden Publikation mit dessen Alliteration M-M-M ist festzuhalten: der Autor verbindet sehr oft das Handeln der entsprechenden Personen mit deren maskiertem Wirken unter dem zeitweiligen Schutzmantel von M\u00e4chten, konzentriert sich zugleich auf besondere Beispiele von autonomen Denkstrukturen und deren publizistische und schriftstellerische Ent\u00e4u\u00dferungen. Ein Beispiel vermag diese argumentative Vorgehensweise zu verdeutlichen, wie Bergel auf der Grundlage von zeitgen\u00f6ssischen Aussagen \u00fcber das Wesen der Deutschen und dessen Auswirkungen auf das Handeln ihrer Nation im 20. Jahrhundert das zwiesp\u00e4ltige Verh\u00e4ltnis Goethes zu seinen deutschen \u201eLandsleuten\u201c bewertet. \u201eDie gr\u00f6\u00dften Dichter der Deutschen waren immer zugleich auch ihre unbeeinflussbaren Kritiker und ihre am wenigsten zu blendenden Analytiker. Von Lessing bis H\u00f6lderlin und Heine, von Luther (!) bis Nietzsche. Und der erste unter ihnen ist immer noch Johann Wolfgang von Goethe.\u201c (S. 29) Mit dieser Wertung, in der lediglich die Rolle von Martin Luther aufgrund seiner Obrigkeitsh\u00f6rigkeit im sp\u00e4ten Alter anzuzweifeln ist, verbindet Bergel die besonders kritische Haltung des Weimarer Dichterf\u00fcrsten gegen\u00fcber den Deutschen: \u201eIch habe so oft einen bitteren Schmerz empfunden bei dem Gedanken an das deutsche Volks, das so achtbar im Einzelnen und so miserabel im Ganzen ist.\u201c Die aus dem Jahr 1813 stammende Aussage und weitere kritische \u00c4u\u00dferungen Goethes \u00fcber die Deutschen nimmt Bergel zum Anlass, sich \u00fcber dessen schwindende Ber\u00fccksichtigung seiner dichterischen Werke im Schulunterricht zu beklagen. Mehr noch, er verweist auf benachbarte Kulturnationen, die ihre Genies in steter wachsamer Erinnerungen bewahren w\u00fcrden. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass eine \u201esolche Misere deutschen Kulturgef\u00fchls der Gegenwart \u2026 nicht zuletzt damit zusammen(h\u00e4ngt), dass eine nach der Offenlegung der NS-Gr\u00e4uel aus dem inneren Gleichgewicht geratene Gesellschaft \u2026 die Peinlichkeit beging, die Schuld an der Katastrophe der j\u00fcngsten deutschen Geschichte in Traditionen ihres bedeutenden geistigen Erbes zu suchen, <em>anstatt sich selber der fatalen Missachtung und tendenzi\u00f6sen Deutung dieses Erbes zu bezichtigen.\u201c <\/em>(S. 32)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Stimme des 1968 aus der deutschsprachigen Kulturlandschaft Siebenb\u00fcrgen in Rum\u00e4nien in die Bundesrepublik Deutschland eingereisten Schriftstellers Hans Bergel besitzt aus mehreren Gr\u00fcnden ein besonderes Gewicht bei der Einsch\u00e4tzung der kulturpolitischen Situation im Nachkriegs-Deutschland. Der wegen seines nonkonformistischen Schaffens und seiner konsequenten antikommunistischen Haltung in Rum\u00e4nien zu einer langj\u00e4hrigen Haftstrafe verurteilte Autor zahlreicher Romane und Erz\u00e4hlungen wie auch vieler publizistischer Abhandlungen erweist sich aufgrund der schmerzlichen Erfahrungen in seinem Heimatland, seiner kritisch-abw\u00e4genden Haltung gegen\u00fcber seinen Landsleuten wie auch seiner umfassenden transkontinentalen Einsichten als Aufkl\u00e4rer besonderen Grades. Seine fundierten, kritisch abw\u00e4genden Schriften rezipieren nicht nur das Erbe abendl\u00e4ndischen Denkens und Handelns, sie greifen auch in das \u2013 freilich zusehend \u2013 un\u00fcbersichtlicher werdende Getriebe der europ\u00e4ischen Politik ein. Das ihm dabei zur Verf\u00fcgung stehende \u00fcberbordende abendl\u00e4ndische Handlungswissen erweist sich jedoch angesichts wachsender Spezialisierung und unkontrollierbarer Datenmengen trotz hoher Reflexionskraft der zur Verf\u00fcgung stehenden Generatoren als noch nicht ausreichend, um den computergetriebenen digitalen Systemen im 21. Jahrhundert praktikable L\u00f6sungen abzuringen. Ungeachtet dessen bleiben die hier vorgelegten fundierten Schriften ein bedeutendes Zeugnis der \u201eheroischen Mitte der Humanitas\u201c, um Bergels Befund \u00fcber die Absurde der Normalit\u00e4t abschlie\u00dfend zu zitieren. Dieses freilich vorl\u00e4ufige Urteil schlie\u00dft jedoch nicht aus, dass die Schnittmenge der hier vorgelegten Werturteile viele Anregungen f\u00fcr themen\u00fcbergreifende Diskurse bringt, vorausgesetzt, die aus einem hohen Potenzial von Lebenserfahrung entstandenen Texte werden in einer breiten interessierten \u00d6ffentlichkeit diskutiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44680&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"266\" \/><\/a><strong>Blick auf die Welt. <\/strong>Von Menschen, Masken und M\u00e4chten, von Hans Bergel. Berlin (Edition Noack &amp; Block) 2017.<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Sammelband, bestehend aus Essays, Reden und Abhandlungen, tr\u00e4gt die Orientierungsmuster einer doppelten Zueignung. Im Vorwort attestiert der Verlag seinem renommierten Autor einen unorthodoxen Blickwinkel und eine enzyklop\u00e4dische Sichtbreite, die sich durch eine \u00fcberraschende Einheitlichkeit auszeichne. 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