{"id":44541,"date":"2018-07-10T00:01:11","date_gmt":"2018-07-09T22:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44541"},"modified":"2022-03-01T17:18:25","modified_gmt":"2022-03-01T16:18:25","slug":"chronik-einer-berliner-familie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/07\/10\/chronik-einer-berliner-familie\/","title":{"rendered":"Chronik einer Berliner Familie"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der 1954 im Darmst\u00e4dter Schneekluth Verlag erschienene Roman geh\u00f6rt neben Theodor Plieviers \u201eBerlin\u201c (1954) und Heinz Reins \u201eFinale Berlin\u201c (1948) zu den von der akademischen Literaturgeschichte anerkannten Werken, die die Besetzung der Reichshauptstadt durch die Rote Armee im Fr\u00fchjahr 1945 aus jeweils eigenst\u00e4ndiger Perspektive dargestellt haben. Bor\u00e9es Chronik einer Berliner Familie, die den Einmarsch der russischen Truppen in den sp\u00e4ten Apriltagen des Jahres 1945 erlebt, zeichnet sich bei diesem Vergleich durch eine besondere Perspektive aus. Der Ich-Erz\u00e4hler, der Bankangestellte Stein, vom Kriegsdienst befreit, erlebt im Umfeld seiner Familie eine Atmosph\u00e4re, die von st\u00e4ndigen Bombenangriffen, einer sich rapide verschlechternden Versorgung der Bev\u00f6lkerung mit Lebensmitteln und der wachsenden Angst vor der Besetzung Berlins durch russische Soldaten gepr\u00e4gt ist. Diese drei gro\u00dfen atemberaubenden Einflussfaktoren wirken auf ihn ein, mit ihnen geht er gleichsam souver\u00e4n um, so als ob es nicht um das \u00dcberleben handelt, sondern um die Handhabung schwieriger Transaktionen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWir f\u00fcrchteten das Ende der K\u00e4mpfe; es war damit zu rechnen, da\u00df hier in den Vororten gek\u00e4mpft werden w\u00fcrde. Wir f\u00fcrchteten die Russen, aber von den Nachrichten der amtlichen Greuelpropaganda glaubten wir nur die H\u00e4lfte. Sie w\u00fcrden uns nicht alle ohne Unterschied erschie\u00dfen, und eine gro\u00dfe Zahl ist ein guter Schutz. [\u2026] Was ich am meisten f\u00fcrchtete \u2013 Vertreibung aus dem behaglichen Heim, Einquartierung von SS, Einberufung zum Volkssturm, K\u00e4mpfe &#8211; , dem entgingen wir durch die Flucht nicht.\u201c (S. 51)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was in diesen Stunden und Tagen der Ungewissheit der Ich-Erz\u00e4hler, umgeben von Frau und Tochter (die zweite Tochter lebte in Graz und der Sohn war in amerikanischer Kriegsgefangenschaft) wie auch Flippa, der Hausverwalterin, f\u00fcr \u00dcberlegungen anstellt, um aus dem Kessel Berlin herauszukommen, das erweist sich als abgewogen und n\u00fcchtern. So teilt er die Sorgen \u201eseiner\u201c Frauen vor der Rachsucht der Russen, den Vergewaltigungs\u00e4ngsten. Er ist nach den Bombenn\u00e4chten einer der ersten, der beim Wegschaffen von Schutt und Asche dabei ist, rei\u00dft Witze \u00fcber die \u00dcberlebenspropaganda der Nazis, bereitet sich auf den Einmarsch der russischen Truppen vor, h\u00f6rt den Gespr\u00e4chen der dem Bombenterror gerade Entkommenden zu. Er kommentiert das Verhalten der Russen in der \u00d6ffentlichkeit, am\u00fcsiert sich \u00fcber die Verspieltheit der Soldaten, beschreibt die Physiognomien der Offiziere (brutal, feist), lernt das Feilschen um Brot, bewertet das Lebensgef\u00fchl seiner deutschen Landsleute, als sie vom nahenden Kriegsende h\u00f6ren, und er stellt \u00dcberlegungen \u00fcber die Zukunft an (\u201eIch war erf\u00fcllt von heimlicher und unheimlicher Sehnsucht\u201c) Und der Wiederaufbau der zerbombten Innenstadt von Berlin? Und die Zuteilung von Lebensmitteln? Was in diesen Passagen auff\u00e4llt, ist die distanzierte Beschreibung seiner deutschen Landsleute, die aufgrund ihrer ausgekl\u00fcgelten Organisationsf\u00e4higkeit sehr schnell mit der Nachkriegssituation zu Recht gekommen w\u00e4ren. Und die Bew\u00e4ltigung von Mit-Schuld im Hinblick auf die Unterst\u00fctzung des verbrecherischen Nazi-Regimes? Dessen aktive Mitl\u00e4ufer und Funktionstr\u00e4ger tauchen mit Unschuldsminen bald wieder auf, auch auf die Gefahr hin, von Antifa-Leute und den Milit\u00e4rbeh\u00f6rden geschnappt zu werden, die sich auf die Suche nach Nazi-Anh\u00e4ngern machen. Unterdessen geht auch die administrative Neuaufteilung von Berlin unter die Siegerm\u00e4chte voran. In F\u00f6hren bzw. Frohnau am n\u00f6rdlichen Rand von Berlin, dem Wohnort des Protagonisten, bilden nun die Franzosen die Besatzungsmacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das sehr informative Nachwort aus der Feder von Axel von Ernst w\u00fcrdigt den schriftstellerischen Werdegang des Autors, der erst 1930 als Vierundvierzigj\u00e4hriger sein literarisches Deb\u00fct mit Dor und der September feierte. Die nationalsozialistische Terrorherrschaft \u00fcberlebt er trotz des Publikationsverbots seines Antikriegsromans Quartier an der Mosel mit weiteren literarischen Ver\u00f6ffentlichungen. Es gelingt ihm sogar 1941 im Piper Verlag seinen Roman Diesseits von Gott zu publizieren, das nach von Ernst \u201eBor\u00e9es Bekenntnis und Aufruf zu Vernunft und Menschlichkeit jenseits widerspr\u00fcchlicher Glaubensinhalte, unpathetisch heruntergebrochen auf eine schlichte, nat\u00fcrliche Humanit\u00e4t \u2026\u201c artikulierte. Dieser Haltung bleibt er auch nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes treu. Seine 1948 abgeschlossene Roman-Chronik \u00fcber eine Berliner Familie, leider erst 1954 ver\u00f6ffentlicht, hat ihre literarische und historische Bedeutung auch mehr als nach sechzig Jahren nicht verloren. F\u00fcr die Wiederentdeckung eines Ausnahmeautors verdient auch der Lilienfeld Verlag hohe Anerkennung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44541&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/CoverBore%CC%81e.jpeg\" alt=\"\" width=\"163\" height=\"266\" \/><\/a><strong>Fr\u00fchling 45. Chronik einer Berliner Familie<\/strong>, Roman von Karl Friedrich Bor\u00e9e. Mit einer Nachbemerkung zum Autor. D\u00fcsseldorf (Lilienfeld Verlag) 2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der 1954 im Darmst\u00e4dter Schneekluth Verlag erschienene Roman geh\u00f6rt neben Theodor Plieviers \u201eBerlin\u201c (1954) und Heinz Reins \u201eFinale Berlin\u201c (1948) zu den von der akademischen Literaturgeschichte anerkannten Werken, die die Besetzung der Reichshauptstadt durch die Rote Armee im Fr\u00fchjahr&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/07\/10\/chronik-einer-berliner-familie\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2087,1158],"class_list":["post-44541","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-karl-friedrich-boree","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44541","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=44541"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44541\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101386,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44541\/revisions\/101386"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=44541"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=44541"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=44541"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}