{"id":44495,"date":"2018-03-13T00:01:09","date_gmt":"2018-03-12T23:01:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44495"},"modified":"2018-03-11T09:39:24","modified_gmt":"2018-03-11T08:39:24","slug":"9-fragen-an-den-schriftsteller-steffen-marciniak","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/03\/13\/9-fragen-an-den-schriftsteller-steffen-marciniak\/","title":{"rendered":"9 Fragen an den Schriftsteller Steffen Marciniak"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Eine Gespr\u00e4chsreihe<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Gef\u00fchrt von Tamara Kudryavtseva, Germanistin (Moskau)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>T.K.: Au<\/em><em>f der 4. Internationalen Gr\u00e4zistik-Konferenz im April 2017 in Moskau hielt ich den Vortrag: &#8222;\u00dcber das Schaffen Steffen Marciniaks: Hellenischer Geist in moderner deutscher Darstellung&#8220;. In Vorbereitung auf diese Veranstaltung stellte ich dem Schriftsteller einige Fragen. <\/em><\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44495&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignright\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/KYPARISSOSCover.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 182px) 100vw, 182px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/KYPARISSOSCover.jpg 341w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/KYPARISSOSCover-205x300.jpg 205w\" alt=\"\" width=\"182\" height=\"266\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>1) Die literarische Besch\u00e4ftigung mit griechischer Antike und Mythologie ist in unserer modernen Zeit selten geworden. Wie kamen Sie, im Norden Deutschlands, in Stralsund geboren, zum Schreiben und wie zum mythologischen Thema Ihrer \u201eEphebischen Novellen\u201c?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Norden wird oft als kalt, rau und die Menschen als unzug\u00e4nglich geschildert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Jahren, in denen ich viel reiste, habe ich einen Abstand auf die Heimat gewonnen, stelle f\u00fcr mich fest, dass dieses Urteil nicht so ganz falsch ist. Zumindest trifft es auf einige Erinnerungen zu, insbesondere meine dort erlebte pubert\u00e4re Schulzeit. Es herrschte eine Atmosph\u00e4re, in der nicht viel \u00fcber Seelisches gesprochen wurde. Ich erkannte, mit meinem Empfindungsleben ziemlich allein zu sein. Mit elf Jahren begann ich zu schreiben: Abenteuergeschichten, nichts Besonderes. Unbewusst wanderte in diese Texte einiges hinein, was ich erst Jahre sp\u00e4ter verstehen sollte. Es gab in den Geschichten eine bunte Vielfalt, wie ein Kind, das Jules Verne las, sich solche Abenteuer vorstellte und das Gelesene gern weiter mit eigenen Fantasien ausdehnen wollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich nenne, was ich entdeckte gern meine s\u00fcdliche Seele, obwohl ich den wahren S\u00fcden damals nicht kannte. Geb\u00fcrtig in der DDR blieben nur Geschichten, um mit ihnen das Seelenfernweh zu befriedigen. M\u00e4rchen, Sagen, Mythen waren das erste was ich las, und ich las viel. Die Weltliteratur folgte mit 15, 16 Jahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mythen waren mir immer ein Inbegriff von Buntheit und Fantasie, zugleich Flucht- wie Ausgangspunkt in eine unwirkliche Au\u00dfenwelt, einem Jungen, der nur sein Innenleben hat, dass er vielleicht ahnte, nicht kannte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heutzutage kenne ich die s\u00fcdlichen L\u00e4nder. Ich wei\u00df, dass es nicht nur im Norden, sondern auch im S\u00fcden unter den Menschen eine tiefe Verschlossenheit und Abwehr gibt, gegen alles, was aus der Norm ger\u00e4t. Was anders ist, das ist eine oberfl\u00e4chliche Leichtigkeit. In allen vier Himmelsrichtungen, so verschieden sie sein m\u00f6gen, findet die k\u00fcnstlerische Seele keine befriedigende Antwort auf seine Einsamkeit. Sie braucht Zeit, um sich geborgen zu f\u00fchlen. Zartheit im Wesen, Innerlichkeit, und wenn man sich entdeckt, die Angriffe eines menschlichen Gewohnheitslebens abwehren, \u00fcberall muss man lernen, mit dem zu leben, was einem begegnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Davon ausgehend erf\u00e4hrt man als Schreibender auch, wie man Gewaltt\u00e4tiges schildert. Gerade in den \u00fcberlieferten Mythen gibt es viel Gewalt. Bei mir kommt sie gern als Gleichnis. Nach dem \u00dcberwinden, auch, wie man das veranschaulicht, jedes Mal wird bei meinen derartigen Darstellungen die Traurigkeit f\u00fchlbar. Den Aspekt der Gewalt sp\u00fcre ich anders, als es normalerweise in monumentalen Filmen oder entsprechenden B\u00fcchern vorkommt, wo oft mehr gestorben als gelebt wird. Manch einer fragt nach den unerl\u00e4sslichen dramatischen Konflikten in einer Geschichte. Meist schwebt mir anfangs ein Geschehen ohne Drama vor Augen, ich lasse mich erst langsam darauf ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Streben im Schreiben widmet sich Erlebtem, so fantastisch auch manche Handlung daherkommt. Es gilt, wie schon als Kind, eher der Flucht aus der rauen Unfreiheit einer Wirklichkeit, hin zu einem gern verkl\u00e4rten Mythos, der ein frei gelebtes Leben und Lieben zeigen oder ahnen lassen soll. Flucht, die mit Wunschwelten verbinden soll, Gewalt aber als unn\u00fctz und vergeblich betrachtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gern begebe ich mich dazu in wahre oder erfundene Welten der Vergangenheit, wie auch der Fantasie, verkn\u00fcpfe sie einerseits im Heute, und belasse sie andererseits, gerade in meinen mythischen \u201eEphebischen Novellen\u201c ganz in der alten Zeit. Der wirklich Moderne darin bin ich, der Erz\u00e4hler, und mit mir mag auch der heutige Leser darauf schauen, lesend dorthin reisen und das M\u00e4rchen in seine eigene Wirklichkeit versetzen. Meine Novellen sind in jedem Fall keine blo\u00dfen Nacherz\u00e4hlungen, sondern zwar aus unterschiedlichen \u00dcberlieferungen gesammelt, ganz eigene neue Geschichten mit \u00fcberraschenden Sichten und neuen Zusammenstellungen. Daher auch die wenig bekannten Figuren der Mythologie im Zentrum meiner B\u00fccher. Sie treten aus dem Schatten der G\u00f6tter und Helden und bekommen ihr eigenes Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>2) Welche literarischen Besch\u00e4ftigungen gibt es in der zeitgen\u00f6ssischen deutschsprachigen Literatur, die sich den griechischen Mythen widmen? Welche Autoren beeinflussen Sie f\u00fcr das Schreiben?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da kann ich nur einen unvollst\u00e4ndigen \u00dcberblick versuchen. Zurzeit gibt es eher wenig Besch\u00e4ftigung mit griechischen Mythen in der deutschsprachigen Literatur. Wenn man akribisch sucht, wird man aber gl\u00fccklicherweise mehr finden, als man glaubt. Ein bekannter Autor ist der \u00d6sterreicher <em>Michael K\u00f6hlmeier<\/em>, der die Romane \u201eTelemach\u201c und \u201eKalypso\u201c sowie ein \u201eSagenbuch des klassischen Altertums\u201c ver\u00f6ffentlichte, damit auch im Fernsehen auftrat. Die 2017 verstorbene <em>Waldtraud Lewin<\/em> schrieb klassische Sagen, auch \u00fcber die Griechen. Das sind recht angelehnte Nacherz\u00e4hlungen an die in Deutschland ber\u00fchmten Sagen von <em>Gustav Schwab<\/em>, mit denen alle Jugendlichen hier aufwachsen. Eventuell heutzutage weniger, als noch in meinen Jugendjahren. Sehr bekannt ist <em>Christoph Hein<\/em>. Von ihm gibt es die Novelle \u201eDas goldene Vlies\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Lyrik gibt es bei sehr vielen Dichtern immer mal wieder ein gleichnishaftes Gedicht, wo mythische Figuren im Werk eines Autors vorkommen, so bei <em>Norbert Hummelt, Joachim Werneburg, Rolf Hochhuth, Christoph Meckel<\/em>, um nur wenige zu nennen. Ein sehr sch\u00f6nes Beispiel f\u00fcr eine intensive Besch\u00e4ftigung mit den Mythen bilden die formvollendeten Gedichte von <em>Rolf Schilling<\/em>. Nach den homerischen Mythen schrieb auch <em>Peter V\u00f6lker<\/em> eine lyrische Trilogie: \u201eAgamemnon und Kassandra\u201c, \u201eOdysseus und Seussydos\u201c, \u201eAchilleus und Thetis\u201c. Peter V\u00f6lker ver\u00e4ndert das Schicksal, die g\u00f6ttliche Vorbestimmung der mythischen Figuren, gibt ihnen eine neue Chance, wirft sie auf sich selbst zur\u00fcck. Auch unter ganz jungen Autoren w\u00e4chst etwas nach, zum Beispiel bei <em>Max Drushinin<\/em>, der \u201eDie S\u00e4nger der alten Griechen\u201c ver\u00f6ffentlichte, einen Gesang \u00fcber die f\u00fcnf antiken Mythens\u00e4nger. Die Anthologie \u201eAfterwork mit Sisyphos\u201c von Nik Salsflausen versammelt Texte junger Slam Poetry &#8211; Interpreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr den Gr\u00f6\u00dfenwahn Verlag gebe ich im n\u00e4chsten Jahr einen Band der \u201eGriechischen Einladung\u201c heraus, der sich ganz der Mythologie widmet, und einige hier erw\u00e4hnte, bekannte und unbekannte Autoren vereint. Die Geschichten und Gedichte dieses Bandes werden ganz klassisch oder mit Bez\u00fcgen in unsere Zeit oder auch in andere Mythen daherkommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>3) Nach welchen Gesichtspunkten w\u00e4hlen Sie die wenig bekannten Titelfiguren Ihrer Novellen aus?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Mythologie Griechenlands kennt eine Unzahl von sagenhaften \u00dcberlieferungen und unendlich viele Figuren. Sie f\u00fcllen dicke Lexikonb\u00e4nde. Die ber\u00fchmtesten Nacherz\u00e4hlungen der griechischen Mythen im Deutschen erschienen als <em>\u201eDie sch\u00f6nsten Sagen des klassischen Altertums\u201c<\/em> durch Gustav Schwab und stammen aus der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts. \u201eSch\u00f6nste\u201c ist nat\u00fcrlich immer ein singul\u00e4rer Begriff des Autors, in solchen Sammlungen nimmt er oft die gel\u00e4ufigsten Geschichten der bekanntesten G\u00f6tter und Helden auf und erz\u00e4hlt in Form einer Kurzgeschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mich reizen die eher unbekannten Gestalten, die in diesen Sammelwerken nur den kleinsten Platz einnehmen, gar nicht vorkommen oder, weil einige Wahrheiten nicht in die damalige Zeit der Entstehung passen, einfach verschwiegen werden. Mich reizen eher die Lieblinge der G\u00f6tter und Helden. Ich gebe den ruhmlosen Figuren die Hauptrollen, versuche sie psychologisch auszuleuchten und schreibe bevorzugt Novellen, die deutlich l\u00e4nger als die Schwab\u00b4schen Geschichten sind. Bei mir bekommen die vertrauten G\u00f6tter und Helden nur die zweite Hauptrolle, wie Herakles im <em>\u201eHylas\u201c<\/em> oder Apollon im <em>\u201eKyparissos\u201c<\/em>. Im dritten Band meiner Nonalogie-Reihe, <em>\u201ePhaethon\u201c<\/em> tritt als bekanntester Gott der Sonnengott Helios erst in den letzten Kapiteln auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><em>4) Ihr griechisch-mythologisches Hauptwerk ist als Nonalogie angelegt und wird als \u201eEphebische Novellen\u201c \u00fcbertitelt. Warum eine Nonalogie und worauf bezieht sich der ungew\u00f6hnliche Name des Reihentitels?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>D<\/em>as erste Werk der Nonalogie, <em>\u201eHylas oder Der Triumph der Nymphe\u201c<\/em> erschien 2014 im Berliner Aphaia Verlag. Die Geschichte schrieb ich, weil ein Freund, dem ich sie zuvor erz\u00e4hlte, gern die Dialoge f\u00fcr einen Einschub in einen geplanten Film haben wollte. Nur die Dialoge aufzuschreiben, war mir langweilig, so schrieb ich die ganze Novelle. Diesen Film gibt es bis heute nicht, jedoch war von diesem Moment an die Geburt meiner literarischen Besch\u00e4ftigung mit den griechischen Mythen geboren. Schon w\u00e4hrend der Arbeit am <em>\u201eHylas\u201c<\/em> fielen mir beim Recherchieren immer weitere Gestalten in den Scho\u00df, deren Geschichten ich gern ausf\u00fchren wollte. Ich musste mich begrenzen, da ich auch B\u00fccher zu anderen Themen schreiben m\u00f6chte. So beschlo\u00df ich neun in sich abgeschlossene Novellen zu schreiben, eine Nonalogie. Warum gerade eine Nonalogie? Es soll die Unendlichkeit anzeigen und weil die Neun als Zahl der Vollkommenheit gilt, sie umfasst als h\u00f6chste einstellige Zahl s\u00e4mtliche Ziffern. Zugleich enth\u00e4lt sie dreimal die in vielen Kulturen als heilig angesehene Zahl Drei. Die Neun sollte demzufolge auch f\u00fcr meine \u201eEphebischen Novellen\u201c die vollkommene Anzahl darstellen, sozusagen meine 9 Symphonien werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freilich hat mich die Lust an den Mythen inzwischen weitere k\u00fcrzere \u201eEphebische Novellen\u201c und auch \u201eEphebische Gedichte\u201c verfassen lassen, die in verschiedenen Anthologien erscheinen, so <em>\u201eHarmodios\u201c<\/em>, <em>\u201eAmphion\u201c<\/em> und <em>\u201eIkaros\u201c<\/em>. Der Plan geht nun dahin, einen Sammelband mit den ersten drei l\u00e4ngeren einzeln erschienenen B\u00e4nden und weiteren sechs k\u00fcrzeren zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch etwas zum Begriff des Ephebischen. Mein Alter Ego unter den Dichtern, der 1949 verstorbene Dichter <em>Albert H. Rausch<\/em> schrieb 1924 eine \u201eEphebische Trilogie\u201c, die kein griechisches Thema hat, aber als Gemeinsamkeit J\u00fcnglinge als Hauptfiguren der Geschichten. Epheben nannte man im alten Griechenland junge M\u00e4nner ab dem 18. Lebensjahr, die eine zweij\u00e4hrige Dienstzeit, die Ephebie, abzuleisten hatten, bevor sie mit vollen B\u00fcrgerrechten ausgestattet wurden. Auf Deutsch w\u00fcrde man die Reihe entsprechend etwa \u201eJ\u00fcnglingsnovellen\u201c nennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><em>5) Sie erw\u00e4hnten Ihr literarisches Vorbild Albert H. Rausch, der den meisten Lesern unbekannt sein d\u00fcrfte. Inwiefern beeinflusste gerade dieser Autor Ihr Schreiben?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit meiner Studienzeit und intensiver Lekt\u00fcre, interessierte ich mich mehr und mehr f\u00fcr weniger bekannte Autoren, ich liebte das St\u00f6bern in Antiquariaten und auf Flohm\u00e4rkten. <em>Albert H. Rausch<\/em> erhielt 1932 den B\u00fcchnerpreis und ist dennoch bekannter unter seinem Pseudonym der Jahre danach, <em>Henry Benrath<\/em>. Er ist unter vielen wunderbaren Entdeckungen der Stern meines Lesehimmels. Als erstes entdeckte ich von ihm zwei wundervoll gestaltete dunkelblaue Leinenb\u00e4nde, den Gedichtband \u201eDank an Apollon\u201c mit einer Goldvignettendarstellung des Apollon und einen Essayband \u201eDie Stimme Delphis\u201c mit Essays zu zweien meiner Lieblingsdichter, <em>Stefan George<\/em> und <em>August Graf Platen<\/em> sowie der griechischen Dichterin <em>Sappho<\/em>. In beiden Buchtiteln deutet sich ein Griechenlandbezug des Dichters an, doch nicht allein das machte Rauschs Wirkung auf mich aus. Ich sammelte und las alles, fand in ihm etwas derart Artverwandtes, wie sonst bei keinem Dichter. Er beeinflusst nicht mein Schreiben, ich lese ihn gern, betrachte diesen Dichter eher als Seelenbruder \u00fcber die verflossenen Jahrzehnte hinweg, ein Alter Ego. Heute glaube ich, man kann wunderbare Schriftsteller entdecken, doch kann gl\u00fccklich sein, wenn man den einen findet, von dem man denkt, er m\u00fcsste einem so sehr \u00e4hneln, wie es Zwillinge tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>6) In Ihren Geschichten f\u00e4llt auf, dass Sie bevorzugt literarische Kurzformen w\u00e4hlen. Kann man Romane von Ihnen erwarten?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In lange zur\u00fcckliegenden Jahren schrieb ich lange Werke, die ich aus Gewohnheit Roman nannte. Zwei davon sind beinahe bis ans Ende gelangt. Aber eben nur beinahe. \u00dcber Zeit und Lebensumst\u00e4nde will ich nicht sprechen, ich nahm das Schreiben dieser Romane wie schon die Abenteuergeschichten der Kindheit als Freude und Spa\u00df f\u00fcr mich selbst. An ein Ver\u00f6ffentlichen w\u00e4re immer noch nach dem Ende Zeit, an ein Leben als Schriftsteller dachte ich ebenso wenig, diese \u201eGrillen\u201c wurden mir in der Pubert\u00e4t ausgeredet. Dabei wei\u00df ich, damals fehlte es vielleicht nur an einem unterst\u00fctzenden Menschen. Niemand hat diese Texte je in Vollst\u00e4ndigkeit gesehen. Das eine oder andere, sage ich mir heute, das mag ich k\u00fcnftig gern noch mal neu bearbeiten. Die Zukunft wird es zeigen, aber ich bin fast sicher, diese Texte dann als Novellen zu konzipieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Novellen und Erz\u00e4hlungen liegen mir mehr als Romane. Ich mag die verdichtete und knappe Form. Nicht von ungef\u00e4hr liebe ich auch Gedichte, noch dichter kann eine Form nicht sein. Je verdichteter ein Werk, umso mehr gef\u00e4llt es mir. Es gibt lange Erz\u00e4hlungen anderer Autoren, wie zum Beispiel Hermann Hesse, wo jeder denkt, das w\u00e4re ein Roman, doch nein, es steht Erz\u00e4hlung darunter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichtsdestotrotz wird es, so habe ich es vor, mindestens einen Roman von mir geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was danach wird, mal schauen. Ich habe oft einige Ideen im Kopf, wei\u00df aber erst weit nach der H\u00e4lfte, in welche literarische Form es eingehen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Arbeit an einer Novelle bedarf bei mir nicht weniger Aufwand, als andere die Zeit f\u00fcr einen Roman brauchen. Ich schreibe nicht schnell, \u00fcberarbeite oft, verfeinere, versch\u00f6nere. Mir gilt neben der Handlung beim Schreiben auch, es in einem sch\u00f6nen Stil zu tun. Warum einen \u00fcberlangen Roman schreiben, und ihn mit Dingen anf\u00fcllen, die nicht unmittelbar zu der Geschichte geh\u00f6ren, die ich eigentlich erz\u00e4hlen will. Von wie vielen Autoren schafft es ein Mensch, wirklich alles zu lesen? Wenn das gesamte Lebenswerk eines Autors 2000, 3000, meinetwegen 4000 Seiten betr\u00e4gt, kann er darin nicht unterbringen, was er mitteilen m\u00f6chte? Lyriker brauchen weit weniger Seiten. Aber freilich will ich nichts ausschlie\u00dfen, auch nicht mal einen Tausendseitenroman.<em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>7) Der erw\u00e4hnte Roman, welche Bedeutung besitzt er inmitten der Novellen? Gibt es Querverbindungen zu ihnen?<\/em><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser begonnene Roman hat erst einmal nichts mit den griechischen Mythen zu tun. Er schildert eine ganz diesseitige Jugend, bedr\u00fcckt erlebt, die sich durch einen guten Umstand v\u00f6llig \u00e4ndert. In der neuen Welt, in die meine Hauptfigur ger\u00e4t, wird es Fantasie geben. Dort bekommt der Leser schlie\u00dflich den Urgrund f\u00fcr mein Schreiben zu sp\u00fcren und sieht m\u00f6glicherweise die Quelle f\u00fcr alle anderen erschienenen und noch erscheinenden Texte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der Niederschrift dieses Romans begann ich w\u00e4hrend meiner Zeit in Peru, wo ich ein halbes Jahr lebte, schrieb daran weiter anschlie\u00dfend in den Monaten auf den Philippinen. Zur\u00fcck in Deutschland unterbrach ich die Arbeit, es entstanden erstmal die ersten griechischen Mythengeschichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht ist alles, was ich schreibe oder schreiben werde, Teil eines gro\u00dfen Epos. Jedes Einzelwerk steht erst einmal f\u00fcr sich. Ich sp\u00fcre aber einen inneren Zusammenhang, der die bisherigen Werke miteinander verbindet. In mir lebt die Vorstellung, dass all die Teile am Ende eines hoffentlich unendlich langen Lebens \u2013 da halte ich es mit Elias Canetti, dem gr\u00f6\u00dften Todesver\u00e4chter unter den Schriftstellern \u2013 sich dann logisch ineinander f\u00fcgen. Eine Ahnung davon k\u00f6nnte sich in dem erw\u00e4hnten Roman andeuten. Auch alles Nichtgeschriebene w\u00fcrde sich in der Fantasie dort angliedern, ein Kosmos f\u00fcr den Leser, der sich darein begibt.<em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>8) Woher kommt Ihr Hang zu Mythologischem oder Fantastischem? Darf man sich in der heutigen hochpolitischen Zeit literarisch stark fiktional zur\u00fcckziehen? Und wenn ja, wie behalten Sie Bez\u00fcge zur Wirklichkeit?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Fantastische war sicherlich schon in mir angelegt, seit ich die ersten M\u00e4rchen in die Hand bekam. \u00dcbrigens eine ganz fr\u00fche Liebe galt <em>Alexander Wolkows<\/em> \u201eZauberland\u201c- Reihe, f\u00fcr die ich mit elf Jahren eine eigene Geschichte entwarf. M\u00e4rchen und Mythen haben etwas Bildhaftes an sich, und ich bin ein durch und durch visuell veranlagter Mensch. Das gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr das Schreiben. Vielleicht fing ich an zu schreiben, weil ich mir in der Schule einreden lie\u00df, nicht malen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit den mythologischen Novellen ist es einfach, die Vorliebe nach Bildhaftem auszuleben. Die verschiedenartige Welt meiner Traumreiche wird man vermutlich in allen meinen B\u00fcchern finden. Ideen f\u00fcr B\u00fccher zeigen mir immer wieder solche fantastischen Welten, und m\u00f6chten sich unter die Wirklichkeit mischen. Manchmal \u00fcberf\u00e4llt mich ein Hang zur puren Ernsthaftigkeit, doch nicht lang und das Fantastische meldet sich zur\u00fcck, so real eine Handlung auch angelegt sein mag. Genauso umgekehrt, bei meinen griechischen Mythen. Was erst einmal rein fantastisch anmutet, ist mir als Autor absolut existent, einfach weil ich meine Wirklichkeit als lebender Mensch aufschreibe. Die Figuren der Mythologie beispielsweise sind mir greifbarer, als die Mehrzahl all der verstorbenen Menschen, deren Namen keiner mehr kennt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Politische Zeiten gab es immer, in allen Jahrhunderten. F\u00fcr mich sind Fiktionen kein Widerspruch dazu. Ein Buch ist f\u00fcr mich nicht gut, wegen seiner politischen Aussage. Je unpolitischer es daherkommt, je allgemeing\u00fcltiger, desto aussagekr\u00e4ftiger erscheint es mir. Es hat dadurch die M\u00f6glichkeit, in allen Zeiten zu wirken, nicht nur in der Zeit des Niederschreibens. Ich vermeide daher absolute Bez\u00fcge. Einen heutigen Politiker kennt bald keiner mehr, ein Herakles wird ewig bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>9) Zum Abschluss eine kurze Frage nach den vier Lieblingsb\u00fcchern: Welche vier B\u00fccher haben Sie gepr\u00e4gt, waren oder sind Ihnen die liebsten?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vier sind wenig. Ich m\u00f6chte viel mehr aufz\u00e4hlen. Doch werde ich dann vier deutschsprachige Dichter ausw\u00e4hlen, die mich aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden positiv ersch\u00fcttert haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da w\u00e4re <em>Albert H. Rausch: <\/em>\u201eDie Geschenke der Liebe\u201c (1952). Ich nenne diesen Titel, dem ich andere zur Seite stellen k\u00f6nnte, sein sp\u00e4tes Hauptwerk, weil darin zusammengefasst die ganze Welt umfangen ist, die er in mir weckte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann nenne ich, der ich Lyrik liebe, einen Dichter, der als Meister verehrt wurde: <em>Stefan George: <\/em>\u201eGedichte\u201c, keinen speziellen Band, dass kann man bei einem Gedichtband selten tun. Das ist auch eine nostalgische Wahl eines Menschen, der sich vielleicht im Jugendalter einen Meister gew\u00fcnscht h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Jugend in mir, den Wunsch nach einem sch\u00fctzenden Ort und der dann doch siegende Aufbruch in die Welt der Literatur bewirkte auch bei mir<em> Hermann<\/em> <em>Hesse: <\/em>\u201eNarzi\u00df und Goldmund\u201c (1930). Und auch, wenn es heute bel\u00e4chelt wird, sein Pazifismus, der mir den Weg wies.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als vierten m\u00f6chte ich einen beinahe unbekannten nennen, <em>Erich Ebermayer: <\/em>\u201eKampf um Odilienberg\u201c (1929), was das beste seiner B\u00fccher ist, neben leider vielem nicht Gelungenem. Doch dieser Roman eines \u201evielleicht\u201c idealen Schulwesens (Reformator <em>Gustav Wyneken<\/em>) zeigte mir, was ich in der eigenen Schulzeit schmerzlich vermisste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leider darf ich ja nicht mehr nennen, Gro\u00dfes, wie wenig Bekanntes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den wichtigsten identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Gespr\u00e4chsreihe Gef\u00fchrt von Tamara Kudryavtseva, Germanistin (Moskau) \u00a0 T.K.: Auf der 4. Internationalen Gr\u00e4zistik-Konferenz im April 2017 in Moskau hielt ich den Vortrag: &#8222;\u00dcber das Schaffen Steffen Marciniaks: Hellenischer Geist in moderner deutscher Darstellung&#8220;. In Vorbereitung auf diese Veranstaltung&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/03\/13\/9-fragen-an-den-schriftsteller-steffen-marciniak\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":127,"featured_media":44497,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2085,1477],"class_list":["post-44495","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-steffen-marciniak","tag-tamara-kudryavtseva"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44495","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/127"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=44495"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44495\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=44495"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=44495"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=44495"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}