{"id":44388,"date":"2019-01-03T00:01:21","date_gmt":"2019-01-02T23:01:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44388"},"modified":"2023-04-20T13:21:31","modified_gmt":"2023-04-20T11:21:31","slug":"was-bedeutet-teilhabe-fuer-die-kunst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/01\/03\/was-bedeutet-teilhabe-fuer-die-kunst\/","title":{"rendered":"Was bedeutet Teilhabe f\u00fcr die Kunst?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Ein tausendmal gelesenes Buch \u2013 das sind tausend verschiedene B\u00fccher.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Andrej Tarkowskij: Von der Verantwortung des K\u00fcnstlers <\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt S\u00e4tze, die haben etwas Subversives. Man nimmt sie zwar wahr, aber nicht recht zur Kenntnis. Und doch bleiben sie haften. Unterschwellig. Entfalten ihre Wirkung schleichend, daf\u00fcr aber umso nachhaltiger: Haben sie sich erst mal h\u00e4uslich niedergelassen, bekommt man sie nicht mehr aus dem Kopf \u2013 was zuvor v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich erschien, wird nun bis in alle Ewigkeit prinzipiell in Zweifel gezogen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache\u201c. Das ist solch ein Satz. Zumindest f\u00fcr mich. Was Ludwig Wittgenstein mir damit angetan hat, kann ich, konsequenterweise, kaum in Worte fassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So ist es mir zum Beispiel nicht mehr m\u00f6glich, ganz unbefangen einen Blick in ein W\u00f6rterbuch zu werfen, um die Bedeutung eines Wortes zu kl\u00e4ren. Wenn ich nur daran denke, \u00fcberf\u00e4llt mich schon ein intellektueller Sch\u00fcttelfrost, der sich bisweilen zu einem veritablen geistig-grippalen Infekt mausert: Was soll mir denn das Lexikon sagen, wenn doch jedes Wort, das ich suche, dort ungebraucht vorliegt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch erweist sich mir im Gebrauch der Gebrauch der W\u00f6rter seit Lekt\u00fcre dieses Satzes als derart vielf\u00e4ltig, dass ich nicht mehr den Hauch einer Chance sehe, ihre Bedeutungen, die sich aus dem Gebrauch ergeben, auch nur ann\u00e4hernd erfassen zu k\u00f6nnen \u2013 die Bedeutungen eines Wortes sind so zahlreich wie es \u201edie Sprache und die T\u00e4tigkeiten (sind), mit denen sie verwoben ist\u201c. Unendlich, um genau zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ist es nur folgerichtig, dass, wenn nun verschiedene \u201aSprachspiele\u2019, wie Wittgenstein es nennt, aufeinandertreffen, das Missverst\u00e4ndnis die Regel ist, nicht aber das Verst\u00e4ndnis: Wenn zwei das gleiche Wort benutzen und meinen, sie w\u00fcrden damit auch das gleiche meinen, befinden sie sich von vornherein auf dem Holzweg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das gilt f\u00fcr den philosophischen Diskurs ebenso wie f\u00fcr das allt\u00e4gliche Gespr\u00e4ch. Und auch f\u00fcr solche kulturpolitische Debatten, wie sie 2016 in D\u00fcsseldorf anl\u00e4sslich des Streits um den Erhalt der Eigenst\u00e4ndigkeit der Kunsthalle gef\u00fchrt wurden. Die drehte sich n\u00e4mlich um einen Begriff, den zwar die Beteiligten immer wieder gebrauchten, von dem aber alle einen anderen Gebrauch zu machen schienen: Teilhabe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Demokratie stabilisieren<br \/>\nTeilhabe, so damals die Aussage des D\u00fcsseldorfer Oberb\u00fcrgermeisters Thomas Geisel, sei die M\u00f6glichkeit der Menschen, \u201eam zivilisierten b\u00fcrgerlichen Leben\u201c teilzunehmen. Sei sie nicht gegeben, f\u00fchlen sich die Menschen in der Gesellschaft abgeh\u00e4ngt. Ein Umstand, der, wie er in einem Interview mit der \u201aWelt\u2019 betonte, erst den \u201eAufstieg von Demagogen wie Donald Trump oder Marine Le Pen\u201c erm\u00f6glicht hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie, wo und wann er diese demokratiestabilisierende Form der Teilhabe beispielhaft realisiert sah, tat er in diesem Interview auch kund: \u201eF\u00fcr die Tour de France werden wir vielleicht vier Millionen Euro (Anm: mittlerweile, 07.09.17, beziffert er den Verlust auf 7,8 Millionen Euro&#8230;) ausgeben und an diesem Ereignis k\u00f6nnen \u2013 umsonst und drau\u00dfen \u2013 \u00fcber eine Millionen Menschen teilhaben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Gebrauch des Wortes Teilhabe ist nat\u00fcrlich v\u00f6llig legitim. Zumal die dort angesprochene Form von Teilhabe, wenn sie auch nicht immer ganz umsonst ist, doch Millionen begeistert. Das wird einem jeder Fu\u00dfballfan landauf, landab mit leuchtenden Augen gerne best\u00e4tigen. Aber ob sich eine solch rein zuschauende Teilhabe an der Tour de France bereits als eine Teilhabe am \u201ezivilisierten b\u00fcrgerlichen Leben\u201c verstehen l\u00e4sst oder ob sie gar ein probates Mittel darstellt, den Aufstieg der Trumps und Le Pens dieser Welt zu verhindern, sei einmal dahingestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Bestreben, m\u00f6glichst viele Menschen mit einem m\u00f6glichst geringen finanziellen Aufwand zu erreichen, ist, aus rein haushaltspolitischer Sicht, sicherlich sehr l\u00f6blich. Aber darf allein schon die projektierte Anzahl teilhabender B\u00fcrger als eines der wesentlichen Kriterien f\u00fcr die F\u00f6rderungsw\u00fcrdigkeit kultureller Ereignisse definiert werden? Sollte man die Subvention rein kommerziell getriebener sportlicher Gro\u00dfevents mit der im Staatsvertrag festgeschriebenen Verpflichtung zur \u00f6ffentlichen F\u00f6rderung kultureller Ereignisse in einen Topf werfen? Ist die Verwendung des Begriffs Teilhabe auch bei lediglich passivem Konsum, insbesondere \u201eniedrigschwelliger Angebote\u201c, angemessen? Die Antwort auf all diese Fragen schien bei Geisel schlicht zu lauten: Ja. Ja. Ja.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Vitale Kultur als Voraussetzung wirtschaftlichen Wohlstands<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eKultur ist, was uns definiert\u201c, sie ist \u201eSpiegel unserer Geschichte und unserer Identit\u00e4t\u201c. Insofern hat \u201eKunst nicht nur einen Preis, sondern auch einen Wert\u201c \u2013 einen kulturellen Wert. Darauf machte Kulturstaatsministerin Monika Gr\u00fctters in einer bemerkenswerten Rede anl\u00e4sslich einer Veranstaltung des Industrieclubs D\u00fcsseldorf\u00a02016 aufmerksam:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201eKultur schafft Werte jenseits der Ma\u00dfst\u00e4be \u00f6konomischer Verwertbarkeit. Wo, wenn nicht in der Kultur, wird nach Antworten auf letzte Fragen gerungen, auf Fragen nach den Sinn stiftenden Kr\u00e4ften und Werten, die unsere Gesellschaft zusammen halten?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies zu erm\u00f6glichen, ist Aufgabe einer Kulturpolitik, die sich der Freiheit der Kultur und der Kunst verpflichtet f\u00fchlt. In Deutschland haben wir aus zwei deutschen Diktaturen in einem Jahrhundert eine Lehre gezogen, die da lautet: Kritik und Freiheit der Kunst sind konstitutiv f\u00fcr eine Demokratie. Wir brauchen sie, die mutigen K\u00fcnstler, die verwegenen Denker! Sie sind der Stachel im Fleisch unserer Gesellschaft, der verhindert, dass intellektuelle Tr\u00e4gheit, argumentative Phantasielosigkeit und politische Bequemlichkeit die Demokratie einschl\u00e4fern. Sie sind imstande, unsere Gesellschaft vor gef\u00e4hrlicher Lethargie und auch vor neuerlichen totalit\u00e4ren Anwandlungen zu sch\u00fctzen. Die Freiheiten dieser Milieus zu sch\u00fctzen, ist oberster Grundsatz, ist vornehmste Pflicht verantwortungsvoller Kulturpolitik. Kunst, Kultur, Literatur d\u00fcrfen, ja sie sollen und m\u00fcssen zuweilen Zumutung sein. Deshalb m\u00fcssen wir alles daran setzen, ihre Freiheiten und ihre \u00e4sthetische Vielfalt zu sichern. Die staatliche F\u00fcrsorge f\u00fcr die Kultur und ihre Freiheit, die mit dem Mut zum Experiment nat\u00fcrlich auch das Risiko des Scheiterns einschlie\u00dft, hat immer wieder weltweit beachtete Leistungen hervorgebracht. Ich bin \u00fcberzeugt: Dieses hartn\u00e4ckige Engagement f\u00fcr die Kultur und die K\u00fcnste hat entscheidenden Anteil am mittlerweile wieder hohen Ansehen Deutschlands in der Welt. Kultur ist eben nicht das Ergebnis wirtschaftlichen Wohlstands; sie ist vielmehr dessen Voraussetzung. Sie ist nicht allein Standortfaktor, sondern auch und vor allem Ausdruck von Humanit\u00e4t. Sie ist der Modus unseres Zusammenlebens.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gr\u00fctters schloss ihre Rede mit einem Appell an D\u00fcsseldorf, der durchaus als Appell an alle kommunal Verantwortlichen in Deutschland zu verstehen ist: \u201eGeben Sie der Kultur in Ihrer Stadt so viel Raum wie nur m\u00f6glich!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Aktive Partizipation vs. passiver Konsum<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade vor dem Hintergrund der Bedeutung von Kunst und Kultur als konstituierende und stabilisierende Kraft f\u00fcr eine offene, zivilisierte Gesellschaft, bekommt der erweiterte Gebrauch des Wortes Teilhabe eine Bedeutung, deren Dimension sich einem erst nach und nach er\u00f6ffnet: Teilhabe bedeutet da nicht mehr passiver Konsum, sondern aktive Auseinandersetzung mit dem Werk \u2013 K\u00fcnstlerInnen zwingen den Einzelnen durch ihre inspirierende N\u00f6tigung zur spontanen, selbstverantworteten Stellungnahme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Somit w\u00e4ren es nicht Kunst und Kultur, die \u201eWerte jenseits der Ma\u00dfst\u00e4be \u00f6konomischer Verwertbarkeit\u201c schaffen \u2013 dank ihrer inspirierenden Kraft schaffen Kunst und Kultur diese Werte durch und mit uns: In einem steten Prozess der Rezeption und Inspiration konstituieren sich alle Beteiligten mit \u201aunsichtbarer Hand\u2019 (Adam Smith) gemeinsam ihre gemeinsamen kulturellen Werte, ihre gemeinsame Geschichte und Identit\u00e4t. Diese stellen sich, da von niemandem beabsichtigt, als kollektives Resultat individueller Beitr\u00e4ge dar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses ungeplante und ungewollte synchrone Resultat ist im fortlaufenden diachronen Prozess von Rezeption und Inspiration in best\u00e4ndiger Entwicklung, Erneuerung und Wandlung begriffen. So wie es, was der Linguist Rudi Keller \u00fcberzeugend dargelegt hat, auch in einer lebendigen Sprache geschieht. Eben in dieser F\u00e4higkeit zeigt sich die Vitalit\u00e4t einer zivilisierten Gesellschaft \u2013 sie ist ein wesentlicher Ausweis ihrer Zukunftsf\u00e4higkeit. Und da ja, wie uns die britische Schriftstellerin A. L. Kennedy im letzten Jahr anl\u00e4sslich ihrer Rede zur Verleihung des Heinrich-Heine-Preises ins Stammbuch geschrieben hat, \u201edie Kunst das Herz der Demokratie\u201c ist, ist folglich die Demokratie umso ges\u00fcnder je vitaler ihre Kunst ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wird jedoch dieser Prozess nicht intensiv ge- und bef\u00f6rdert, kann die kollektive kulturelle Dynamik einer Gesellschaft zum Erliegen kommen. Im Extremfall w\u00fcrden zuk\u00fcnftig kaum noch kulturelle Werte neben \u00f6konomischen Werten geschaffen und aufrechterhalten, die Logik der \u00d6konomisierung w\u00fcrde die absolute Herrschaft \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da sich aber die Menschen nach Werten jenseits der Verwertbarkeit und Messbarkeit, jenseits merkantiler Interessen und durchg\u00e4ngiger Kommerzialisierung, jenseits eines rein rational und funktional definierten Primats sehnen, macht sich in ihnen ein Gef\u00fchl des Defizits breit. Ein Defizit, das sich, wie wir es gerade weltweit in seinen verschiedensten Auspr\u00e4gungen erleben, rasend schnell zu einem Vakuum auswachsen kann \u2013 dann ist die Stunde der Demagogen gekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vordringlichstes Ziel jeder staatlicher und kommunaler Beh\u00f6rden, aber auch jedes Einzelnen sollte es deshalb sein, diesen Prozess mit allen zur Verf\u00fcgung stehenden Kr\u00e4ften in einem stetigen Fluss zu halten: Darin zeigt sich unser aller gesellschaftliche Verantwortung und Verpflichtung.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Kunst lehrt uns Eigenverantwortung<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Norbert Elias beschrieb den Prozess der Zivilisation, grob vereinfacht, so: In dem Ma\u00dfe, in dem wir unsere individuelle Freiheit gewinnen, m\u00fcssen wir \u00e4u\u00dferen Zwang durch innere Kontrolle ersetzen. Das hei\u00dft, wir sind zunehmend zur Selbstverantwortung verpflichtet. Was m\u00fchsam ist, muss sie doch t\u00e4glich in Eigenleistung neu erarbeitet werden. Da uns in unserer zunehmend globalisierten, im Zuge der Aufkl\u00e4rung so rationalisierten wie s\u00e4kularisierten Welt mehr und mehr die liebgewonnenen ehernen Werte fehlen, die uns heilsgewisse Orientierung geben, leben wir in einer Zeit der Unverbindlichkeit, Ungewissheit und Unsicherheit. \u2028\u2028Wir sind auf uns geworfen. M\u00fcssen unseren eigenen Werterahmen schaffen, ihn best\u00e4ndig abgleichen, vor anderen rechtfertigen, ihn modifizieren, sozial kompatibel machen. Und ihn morgen wom\u00f6glich komplett \u00fcber den Haufen werfen, weil sich wieder mal die Umst\u00e4nde \u00e4ndern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun sind aber, so Elias, \u201edie \u201aUmst\u00e4nde\u2018, die sich \u00e4ndern, (&#8230;) nichts, was gleichsam von \u201aau\u00dfen\u2018 an den Menschen herankommt; die \u201aUmst\u00e4nde\u2018, die sich \u00e4ndern, sind die Beziehungen zwischen den Menschen selbst.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies, so hat es den Anschein, wird dem Menschen auf Dauer zu viel, zu kompliziert, zu anstrengend. Da ist es doch leichter und angenehmer, sich gleich in den warmen, wohligen Schoss eines wie auch immer gearteten Wir zu begeben. Sich ihm zu \u00fcberantworten, um sich der M\u00fchsal der Eigenverantwortung zu entledigen. Hier bin ich unter meinesgleichen, muss mich nicht mehr sonderlich anstrengen, vor anderen rechtfertigen. Sondern bekomme mundgerecht meine Ansichten zugeteilt, die ich zu haben habe, um wieder Teil eines gro\u00dfen Ganzen zu sein, in dem es f\u00fcr alle verbindliche Werte gibt \u2013 im Zweifelsfalle vorgesetzt von einer totalit\u00e4ren Autorit\u00e4t, die mir, gleichsam im zivilisatorischen R\u00fcckschritt wieder von au\u00dfen kommend, die Umst\u00e4nde, in denen ich zu leben habe, so definiert, dass sie mir als absolut und ewig bestehend erscheinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kunst, die frei ist, kann jedoch einen Beitrag zur Stabilisierung der Gesellschaft beitragen: In der Teilhabe an ihr, der individuellen Rezeption, lernt der Mensch ein St\u00fcck weit Eigenverantwortlichkeit, indem er sich von ihr inspirieren l\u00e4sst, selber zu denken. Stellung zu beziehen. Seine eigene Meinung zu \u00e4u\u00dfern und zu begr\u00fcnden. Er lernt, nicht einer autokratischen Instanz zu gehorchen und geistig in vorgestanzten Rastern zu vagabundieren. Er lernt, Vertrauen in sich selbst zu haben und zu einer individuellen Entscheidungsfindung zu kommen, die nicht auf ein Wir rekurriert, das ihm Halt, Sicherheit und Orientierung gibt. Sondern auf sein Ich, das durch seine Teilhabe an Kunst und Kultur aktiv zur Konstitution gemeinsamer kultureller Werte im sozialen Kontext beitr\u00e4gt \u2013 zu einer Identit\u00e4t, die der Mensch aus sich selbst heraus entwickelt und die ihm eben nicht oktroyiert wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So gesehen stellt eine aktive Teilhabe an der Kunst fast schon so etwas wie ein p\u00e4dagogischer Auftrag im Geiste Wilhelm von Humboldts zur Ausbildung der individuellen F\u00e4higkeiten zum Wohle der Gesellschaft dar. Eine Ausbildung, die dem zunehmend als Belastung empfundenen Zwang zur Eigenverantwortung etwas von ihren Schrecken zu nehmen vermag: Ich erlerne sie spielerisch, abseits des lebensweltlichen Drucks.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sicherlich ist damit nur wenig getan. Zu wenig. Aber wer sich selbst dem Wenigen verweigert, verweigert sich ganz. Und \u00fcberl\u00e4sst zum einen der Logik der \u00d6konomisierung, Verwertbarkeit und Messbarkeit die Macht \u2013 und zum anderen den Demagogen dieser Welt das Vakuum, das die Menschen angesichts der kulturellen Wertelosigkeit derzeit empfinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ohne Teilhabe keine Kunst<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Individuelle Rezeption der Kunst qua Inspiration ist das exakte Gegenteil einer merkantilen Logik, die keine Abweichung von einer einmal definierten, f\u00fcr alle verbindlichen Norm erlaubt: Sie ist subversiv und assoziativ. Sie fordert die dysfunktionale Abschweifung und den aberwitzigen Exkurs. Die spontane Eingebung. Intuitive Reaktion. Und hemmungslose Subjektivit\u00e4t. Dort m\u00e4andern wir durch unsere Gedanken. Verfertigen sie allm\u00e4hlich beim absichtslosen Staunen und im interesselosen Wohlgefallen. Gehen methodisch Umwege. Reflektieren in Schlangenlinien. Laufen zickzack. Und flanieren lustvoll im Labyrinth unseres eigenen Hirns.<\/p>\n<p>Besonders lustvoll wird es, wenn man sich dessen bewusst wird, dass Kunst als kulturelles Ph\u00e4nomen ja nicht in der Weise existiert, wie ein Stuhl existiert. Oder ein Tisch, ein Auto, ein Bild. Kunst ist ein Allgemeinbegriff, eine Universalie. So wie es der Markt ist, der Staat oder die Kirche. Wir nutzen diese Allgemeinbegriffe sinnvollerweise, um eine allt\u00e4gliche, halbwegs problemlose Verst\u00e4ndigung \u00fcberhaupt erst zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber da, so Wilhelm von Humboldt, unsere Vorstellung von der Wirklichkeit von der Art und Weise gepr\u00e4gt wird, wie wir \u00fcber die Wirklichkeit sprechen, kommt neben der sprach\u00f6konomischen Komponente noch eine weitere, psychologische hinzu: Wir nehmen die Sprache f\u00fcr bare M\u00fcnze. Und halten es bei den Allgemeinbegriffen so, wie wir es bei den Konkreta tun \u2013 wir reden so von ihnen, als h\u00e4tten sie ein physisches Pendant. Drum reden wir auch best\u00e4ndig von den \u201aSelbstheilungskr\u00e4ften des Marktes\u2019 oder davon, dass doch endlich mal \u201ader Staat eingreifen muss\u2019.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sicherlich sind bei Abstrakta physische Momente involviert. Bei einem Ereignis wie der Mondphase ist es, zum Beispiel, der Mond, die Erde und die Sonne. Aber die Mondphase selber besitzt keine eigene physische Entit\u00e4t, ihre \u201aSeinsart\u2019 besteht allein in der relationalen Bewegung dieser drei physischen Komponenten zueinander.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz \u00e4hnlich verh\u00e4lt es sich bei der Sprache. Sie ist \u201ekein Werk (Ergon), sondern eine T\u00e4tigkeit (Energeia)\u201c. Besitzt also keine eigene physische Entit\u00e4t, sondern ist, so Humboldt, fl\u00fcchtig und an die stetige Aktualisierung durch uns, den Menschen \u2013 als Totalit\u00e4t des jedesmaligen Sprechens \u2013 gebunden:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u201eDie Sprache in ihrem wirklichen Wesen aufgefa\u00dft, ist etwas best\u00e4ndig und in jedem Augenblicke Vor\u00fcbergehendes. Selbst ihre Erhaltung durch die Schrift ist immer nur eine unvollst\u00e4ndige, mumienartige Aufbewahrung, die es doch erst wieder bedarf, da\u00df man dabei den lebendigen Vortrag zu versinnlichen sucht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u201aKunst\u2019 existiert deshalb nicht so, wie wir gemeinhin von ihr reden, sprich: wie wir sie uns gemeinhin vorstellen. Und schon gar nicht \u201aals solche\u2019 in einem diffusen Kosmos au\u00dferhalb und unabh\u00e4ngig von uns. Kunst als kulturelles Ph\u00e4nomen existiert in der Diachronie als stets im Wandel begriffenes kollektives ephemeres Resultat tausendfacher gleichgerichteter individueller intentionaler Handlungen von K\u00fcnstlerInnen und Rezipienten, die alle eines ganz sicher nicht zum Ziel haben: ein allgemein akzeptiertes Verst\u00e4ndnis von Kunst zu definieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber genau dies erfolgt. Wenn auch nicht expressis verbis artikuliert, sondern allein intuitiv und fluide im allgemeinen Verst\u00e4ndnishorizont einer kulturellen Gemeinschaft verankert: Der britische Sprachphilosoph H.P. Grice entwickelte ein Modell der systematischen Herleitung der etablierten Bedeutung aus der Sprecher-Bedeutung, d.h. unserer singul\u00e4ren sprachlichen \u00c4u\u00dferung.\u00a0 \u201eBedeutung ist emergent\u201c, so der Sprachwissenschaftler Frank Liedtke. Sie entsteht in der Entwicklung von der niedrigen Stufe, der singul\u00e4ren \u00c4u\u00dferung, \u00fcber die Stufen des Idiolekts und Soziolekts hin zur h\u00f6heren Stufe, zur etablierten Bedeutung in einer Sprache, \u201ein deren Zuge sich aus Einzelverwendungen allm\u00e4hlich eine Einzelsprache als Durchschnitt der Verwendungen vieler Sprecher entwickelt\u201c (Liedtke).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Parallel zu dieser Bedeutungskonstitution, die wie gesagt nie einen fixen, starr definierten, auf ewig g\u00fcltigen, sondern einen in jedem Moment stets fluiden Zustand beschreibt, ereignet sich als andere Seite der Medaille die Verst\u00e4ndniskonstitution. Und so wie auf der sprachlichen Ebene bei der individuellen Teilhabe an der Verwendung des Begriffs \u201aKunst\u2019 die etablierte Bedeutung kollektiv konstituiert, aber nicht intendiert wird (ein \u201aProzess der unsichtbaren Hand\u2019, ein Ph\u00e4nomen der dritten Art, dazu: Keller 1990), so wird bei der Teilhabe an der Kunst als kulturelles Ph\u00e4nomen, dem unmittelbaren Kunsterleben, analog ein kollektives Verst\u00e4ndnis von Kunst konstituiert \u2013 ich als Betrachter, Zuschauer, Zuh\u00f6rer leiste somit, ohne dass ich es wei\u00df oder intendiere, einen elementaren konstitutiven Beitrag zu dem jeweiligen gesellschaftlich etablierten Verst\u00e4ndnis von Kunst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnliches passiert auch auf einer dritten Ebene, der der Zuschreibung des Labels \u201aKunst\u2019 auf einzelne Werke: Das eine oder andere wird in der diachronen Entwicklung des kollektiven Verst\u00e4ndnisses einmal als \u201aKunstwerk\u2019 verstanden werden \u2013 ein Werk ist also kein Kunstwerk aus sich heraus, a priori und schon gar nicht durch irgendeine einsame individuelle Setzung.<\/p>\n<p>Die aktiv rezipierende Teilhabe an der Kunst, die Teilhabe an der Hochkultur und freien Szene, der Subkultur, an Eigeninitiativen, Poetry-Slams und Literaturfestivals, an Lesungen und Open-Air-Festivals, an kleinen Galerien und gro\u00dfen Konzerten zu f\u00f6rdern hei\u00dft in diesem Sinne, Kunst als gemeinsam konstituiertes kulturelles Ph\u00e4nomen faktisch \u00fcberhaupt erst zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und Kunst zu f\u00f6rdern, indem ich sie erm\u00f6gliche, hei\u00dft, so A. L. Kennedy, \u201edas Herz der Demokratie\u201c zu st\u00e4rken und die \u201eZukunftsf\u00e4higkeit einer Gesellschaft\u201c sicherzustellen: Je mehr und je intensiver sie daran teilhaben, desto stabiler die Demokratie. Die Teilhabe an der Kunst zu f\u00f6rdern ist somit keine Frage des Geldes, sondern die Gretchenfrage unserer gesellschaftlichen Haltung:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie h\u00e4ltst du es mit der Zukunft der Demokratie?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong> von Stefan Oehm, KUNO 2018<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44273&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignright\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/KUNO-e1505588144923.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"150\" \/><\/a>Die <i>Essays <\/i>von Stefan Oehm auf KUNO kann man als eine Reihe von Versuchsanordnungen betrachten, sie sind undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Er betrachtet diese Art des Textens als Medium und Movens der Reflektion in einer Zeit, die einem bekannten Diktum zufolge ohne verbindliche Meta-Erz\u00e4hlungen auskommt. Der Essay ist ein Forum des Denkens nach der gro\u00dfen Theorie und schon gar nach den gro\u00dfen Ideologien und Antagonismen, die das letzte Jahrhundert beherrscht haben. Auf die offene Form, die der Essayist bespielen muss, damit dieser immer wieder neu entstehende \u201eintegrale Prozesscharakter von Denken und Schreiben\u201c auf der \u201eB\u00fchne der Schrift\u201c in Gang gesetzt werden kann, verweist der Literaturwissenschaftler Christian Sch\u00e4rf. Im Essay geht die abstrakte Reflexion mit der einnehmenden Anekdote einher, er spricht von Gef\u00fchlen ebenso wie von Fakten, er ist erhellend und zugleich erhebend. Daher verliwhen wir Stefan Oehm den KUNO-Essaypreis 2018.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Literatur:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Elias, Norbert (1976): \u00dcber den Prozess der Zivilisation, Frankfurt a.M.: Verlag Suhrkamp.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Grice, Herbert Paul (1979), in: Georg Meggle (Hrsg.), Handlung Kommunikation Bedeutung, Frankfurt a.M.: Verlag Suhrkamp.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Humboldt, Wilhelm von (2007): Schriften zur Sprache, Stuttgart: Verlag Reclam \u2028Keller, Rudi (1990): Sprachwandel, T\u00fcbingen: A. Francke Verlag. \u2028Liedtke, Frank (2016): Moderne Pragmatik. Grundbegriffe und Methoden, T\u00fcbingen: Verlag Narr Francke Attempto.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">de Saussure, Ferdinand (2013): Cours de linguistique g\u00e9n\u00e9rale \u2013 zweisprachige Ausgabe, Peter Wunderli (Hrsg.), T\u00fcbingen: Verlag Narr Francke Attempto.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wittgenstein, Ludwig (1977): Philosophische Untersuchungen, Frankfurt a.M.: Verlag Suhrkamp.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein tausendmal gelesenes Buch \u2013 das sind tausend verschiedene B\u00fccher. Andrej Tarkowskij: Von der Verantwortung des K\u00fcnstlers &nbsp; Es gibt S\u00e4tze, die haben etwas Subversives. Man nimmt sie zwar wahr, aber nicht recht zur Kenntnis. Und doch bleiben sie haften.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/01\/03\/was-bedeutet-teilhabe-fuer-die-kunst\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":169,"featured_media":100363,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2074],"class_list":["post-44388","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-stefan-oehm"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44388","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/169"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=44388"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44388\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104619,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44388\/revisions\/104619"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100363"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=44388"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=44388"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=44388"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}