{"id":44304,"date":"2018-05-12T00:01:27","date_gmt":"2018-05-11T22:01:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44304"},"modified":"2019-10-02T20:49:36","modified_gmt":"2019-10-02T18:49:36","slug":"die-suche-nach-dem-glam","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/05\/12\/die-suche-nach-dem-glam\/","title":{"rendered":"Die Suche nach dem Glam"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">1<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Reise beginnt. Die Suche nach dem Kitt. Die Suche nach dem Heroin. Die Suche nach dem Glam. Glam kurz f\u00fcr Glamour. Wo findet sich dieser Stoff, der alles besser macht, das Pulver, der Feinstaub, der alle Bedeutung erh\u00f6ht? Der Zauberstoff, der festklebende Sternenstaub?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Hotel am Rande der Stadt. Pink gestrichene soziale R\u00e4ume. Verschwommene M\u00f6bel, Stehlampen, fl\u00fcssige Musik. Von der Decke h\u00e4ngen Fotos von Paris Hilton. Auf eine Leinwand wird ein Bogart-Film projiziert, in rauchfreier Version (\u00bbSmoke-free edition\u00ab). Es ist ein schw\u00fcler Maitag am fr\u00fchen Abend. Die Luft ist warm, aber sie steht nicht. Von oben kommen Knarzger\u00e4usche, von drau\u00dfen ein leises Zirpen. Kirsten kommt die Treppe herunter, auf dem Oberarm hat sie eine Palme t\u00e4towiert. Kirsten st\u00f6ckelt durchs Foyer des Strandhotels und l\u00e4chelt. In der rechten Hand, steif, h\u00e4lt sie eine Zigarette. Sie erkennt mich, ich sehe fremd aus. Ich stehe aus einem roten Ledersessel auf, strecke die Hand aus und wechsele ein paar Worte mit ihr. Kirsten frischt ihr Deutsch auf. Wir reden \u00fcber ihre Gro\u00dfmutter, \u00fcber weit entfernte Landschaften, \u00fcber deutschen Kaffee und kalifornische Orangen, \u00fcber ihre Filme reden wir nicht. Ich gebe ihr einen Zettel mit S\u00e4tzen. Sie wird sich, so hoffe ich, einige dieser S\u00e4tze merken. Wir verabreden uns f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag. Zum Abschied schenke ich ihr ein Buch: Der Tod in Venedig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Originaldeutsch. Death in Venice, hei\u00dft das Buch auf Englisch, sage ich zu ihr, sie denkt an den Strand, an Venice Beach. Dann erinnert sie sich, den Film gesehen zu haben. In einem ehemaligen Pornokino in New York. Sie macht eine Geste, sie f\u00fchrt die Hand an die Stirn und lacht. Dann sucht sie einen Aschenbecher, ich sage, nehmen Sie den gro\u00dfen, das machen hier alle. Sie sch\u00fcttelt den Kopf, undenkbar, den gro\u00dfen zu benutzen. Sie findet eine Vase.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine bleiche Frau, fast albinohaft. Mit wasserblauen Augen hinter einer runden Brille mit hellem, braunt\u00f6nigen Rand. Sie ist etwas verhuscht, etwas sch\u00fcchtern. Da ich sie will, da ich sie wirklich will, komme ich mit meiner eigenen Sch\u00fcchternheit besser zurecht. Die Frage nach der Arbeit. Die Frage der Arbeit. Wie alle w\u00fcnscht sie sich, weniger arbeiten zu m\u00fcssen. Alle wollen weniger arbeiten. Weniger Arbeit. Die H\u00e4lfte der Arbeit, das doppelte Honorar. Man kommt auch schlechter in die Arbeit, je l\u00e4nger man fortgeblieben ist. Wir wollen weniger P\u00e4dagogik. Weniger P\u00e4dagogik und weniger Arbeit. Sie verschwindet, wie sie immer verschwindet, in einen R\u00fcckraum, oder auf den R\u00fccksitz, oder die Treppe wieder hoch. Ich sehe ihr nach. Ich sehe ihr nach, wie ich ihr immer nachsehe. Am Ende haben wir uns geduzt, zumindest auf Englisch. Ich sehe die hellbraunen Sohlen ihrer Schuhe. Ich sehe ihre Waden, die selbstredend sexy sind. Schwitzt sie? Tropft es auf das dunkle Holz der Treppen?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auszug aus: <strong>Die Suche nach dem Glam<\/strong>, von Ren\u00e9 Hamann. edition taberna kritika 2017<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44304&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignright\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/GlamCover-e1504421505769.jpg\" alt=\"\" width=\"168\" height=\"266\"\/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cAlltag der Schriftstellerei: Fortw\u00e4hrender Abgleich von Realit\u00e4t, Leben und Text. Verfassen von Texten \u00fcber Realit\u00e4t, Leben und andere Texte, Verfassen von Texten zum Abgleich von Realit\u00e4t, Leben und Texten. Texte \u00fcber Souver\u00e4nit\u00e4t. Texte \u00fcber Kalamit\u00e4ten, Empathie und Notwendigkeit. Vielb\u00fccherei. Zaubern k\u00f6nnen hie\u00dfe, die eigenen Misanthropien auszuleben. Menschen verwandeln, Erziehung ohne P\u00e4dagogik, Versch\u00f6nerung ohne Nachfrage. Die betuchteren Gebiete der Fantasie. Tats\u00e4chlich bekommt das alles etwas sehr Unwirkliches, verglichen mit der Realit\u00e4t. Sitzt man vor dem Caf\u00e9 als Texter und begegnet den Textverwaltern, den Redakteuren, stellt sich ein Gef\u00fchl von unguter Beobachtung ein. Mein Gesang wirkt schief, undeutlich, im Grunde auch l\u00e4cherlich (ich h\u00fcpfe probeweise in ein anderes Leben, als k\u00f6nnte ich nur noch extrem). Nie wieder unger\u00e4chte Geschmacksmusterver\u00adletz\u00adung\u00aden. Eine weiche Freiheit. Ein Kuss im Baumarkt, ein R\u00fchrfilm, eine sch\u00f6ne Gegend mit viel Natur. Die Feuilletonisten verhandeln mit den Obstverk\u00e4ufern, eine gerettete Welt. Keine B\u00fccher in schwarzen Umschl\u00e4gen, keine schwarze P\u00e4dagogik. Urheberrecht f\u00fcr alle.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1 Eine Reise beginnt. Die Suche nach dem Kitt. Die Suche nach dem Heroin. Die Suche nach dem Glam. Glam kurz f\u00fcr Glamour. Wo findet sich dieser Stoff, der alles besser macht, das Pulver, der Feinstaub, der alle Bedeutung erh\u00f6ht?&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/05\/12\/die-suche-nach-dem-glam\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":44305,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1621],"class_list":["post-44304","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-rene-hamann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44304","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=44304"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44304\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=44304"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=44304"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=44304"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}