{"id":44291,"date":"2018-11-02T00:01:33","date_gmt":"2018-11-01T23:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44291"},"modified":"2019-01-16T07:10:43","modified_gmt":"2019-01-16T06:10:43","slug":"nimms-mit-humor","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/11\/02\/nimms-mit-humor\/","title":{"rendered":"Nimm\u2019s mit Humor"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Eine kleine sibyllinische Anekdote.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man ist wirklich bass erstaunt, was der Humor nicht alles zu leisten imstande ist. Platzt er, zum Beispiel, aus heiterem Himmel in eine gesellige Runde, besitzt er eine ungeahnte therapeutische Kraft. Da biegen wir uns vor Lachen, schlagen uns krachend auf die Schenkel und schie\u00dfen uns die Tr\u00e4nen in die Augen. Das wirkt so nachhaltig auf die Physis, dass der Humor fast schon als Durchblutungswirkstoff f\u00fcr die t\u00e4gliche Medikation durchgeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber Humor kann sogar noch deutlich mehr. Er kann subversiv sein. Uns Kraft geben. Hoffnung vermitteln. Auswege aufzeigen. Gefahren bannen. Schw\u00e4chen offenbaren. Verzweiflung \u00fcberwinden helfen. Gemeinsamkeiten schaffen. Entkrampfen. Entspannen. Ablenken. Befreien. Und nicht zuletzt: <em>befruchten<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlie\u00dflich weckt er in uns spontane Assoziationen. Eingebungen. Logisch kaum erkl\u00e4rbare Einsichten in verbl\u00fcffende, v\u00f6llig unerwartete Zusammenh\u00e4nge. Nehmen wir, nur mal so als Beispiel, den englischen Humor. Dass der etwas ganz Besonderes, Einzigartiges ist, wei\u00df jedes Kind. Was aber nicht unbedingt jeder wei\u00df, ist, dass er nicht nur einzigartig, sondern auch der erste seiner Art ist. Denn besagte Engl\u00e4nder waren es, die im 17.\/18. Jahrhundert als erste auf die Idee gekommen sind, unter \u201a<em>Humor<\/em>\u2019 genau das zu verstehen, was wir heute darunter verstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der englische<em> humour<\/em>: Das ist seitdem das, was der Duden als \u201e<em>die Begabung eines Menschen, der Unzul\u00e4nglichkeit der Welt und der Menschen, den allt\u00e4glichen Schwierigkeiten und Missgeschicken mit heiterer Gelassenheit zu begegnen<\/em>\u201c definiert. In den Jahrhunderten zuvor h\u00e4tte man dieses Verst\u00e4ndnis vielleicht mit Humor genommen, aber wohl kaum so genannt. Denn als der gute alte Galen, ein griechischer Arzt im 2. Jahrhundert n. Chr., seine Lehre von den vier elementaren K\u00f6rpers\u00e4ften entwickelte, die das cholerische, melancholische, phlegmatische und sanguinische Temperament hervorbringen, nannte er jene S\u00e4fte ganz humorlos<em> humores<\/em>: \u201aFeuchtigkeiten<em>\u2019<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Anfang war der <em>humor<\/em> also gar nicht witzig. Sondern eher feucht. Und mit ihm seine gesamte lateinische Wortfamilie: <em>umere<\/em>, feucht sein. Oder auch<em> umidus<\/em>, feucht, nass.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unversehens sind wir hier jedoch bei eben jenen Ankl\u00e4ngen angelangt, die in den etymologischen Tiefen der W\u00f6rter \u00fcber Jahrtausende hinweg heimlich, still und leise schlummern. Von uns unbemerkt. Unerkannt. Vergessen. Aber immer da. Stetig lauernd. Im Untergrund g\u00e4rend. Bereit zum Ausbruch aus dem Subtext, um eruptiv die Konnotation auszuspeien:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>ugh-<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was hier gleichsam als Urlaut aus der Sprache in der Bedeutung \u201a<em>feucht\u2019<\/em>, \u201a<em>befeuchten\u2019<\/em>, \u201a<em>(be-)spritzen\u2019<\/em> emporsteigt, ist tats\u00e4chlich die indogermanische Wurzel des Humors. Mehr noch: Sie ist auch, man mag es kaum glauben, die des Ochsen. Eben jenes Ochsen, mhd. <em>ohse<\/em>, der zwar das entmannte, mithin also unfruchtbare Rindviech bezeichnet, dessen Name aber sprachlich von einer \u00e4u\u00dferst fruchtbaren Vergangenheit zeugt: Der Ochse ist n\u00e4mlich, man h\u00f6rt\u2019s gleich, verwandt mit altindisch <em>uksa, <\/em>was gewisserma\u00dfen sein Gegenteil bedeutet \u2013 Stier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In jenem <em>uksa<\/em> steckt zudem <em>uksati.<\/em> Was genauso soviel hei\u00dft wie <em>ugh-<\/em>. Sprich: \u201a<em>feucht\u2019<\/em>, \u201a<em>befeuchten\u2019<\/em>, \u201a<em>(be-)spritzen\u2019.<\/em> Und der Stier, Ex-Ochse, vormaliger <em>uksa<\/em>, hat nun mal in der Geschichte der Zivilisation die Funktion, die <em>uksati<\/em> nahelegt: Er ist der Befeuchter. Bespritzer. <em>Befruchter<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier nun n\u00e4hern wir uns langsam, aber stetig dem <em>Humor<\/em>, seiner urspr\u00fcnglichen Bedeutung sowie der heutigen Funktion als inspirierende, geistig befruchtende Gattung an. Und damit schlie\u00dft sich der Kreis. Was man \u00fcbrigens auch mit etwas Humor nehmen sollte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong> von Stefan Oehm, KUNO 2018<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44273&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignright\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/KUNO-e1505588144923.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"150\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <i>Essays <\/i>von Stefan Oehm auf KUNO kann man als eine Reihe von Versuchsanordnungen betrachten, sie sind undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Er betrachtet diese Art des Textens als Medium und Movens der Reflektion in einer Zeit, die einem bekannten Diktum zufolge ohne verbindliche Meta-Erz\u00e4hlungen auskommt. Der Essay ist ein Forum des Denkens nach der gro\u00dfen Theorie und schon gar nach den gro\u00dfen Ideologien und Antagonismen, die das letzte Jahrhundert beherrscht haben. Auf die offene Form, die der Essayist bespielen muss, damit dieser immer wieder neu entstehende \u201eintegrale Prozesscharakter von Denken und Schreiben\u201c auf der \u201eB\u00fchne der Schrift\u201c in Gang gesetzt werden kann, verweist der Literaturwissenschaftler Christian Sch\u00e4rf. Im Essay geht die abstrakte Reflexion mit der einnehmenden Anekdote einher, er spricht von Gef\u00fchlen ebenso wie von Fakten, er ist erhellend und zugleich erhebend. Daher verleihen wir Stefan Oehm den KUNO-Essaypreis 2018.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine kleine sibyllinische Anekdote. &nbsp; Man ist wirklich bass erstaunt, was der Humor nicht alles zu leisten imstande ist. Platzt er, zum Beispiel, aus heiterem Himmel in eine gesellige Runde, besitzt er eine ungeahnte therapeutische Kraft. Da biegen wir uns&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/11\/02\/nimms-mit-humor\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":169,"featured_media":53665,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2074],"class_list":["post-44291","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-stefan-oehm"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44291","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/169"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=44291"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44291\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=44291"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=44291"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=44291"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}