{"id":44281,"date":"2018-08-01T00:01:08","date_gmt":"2018-07-31T22:01:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44281"},"modified":"2019-01-16T18:39:14","modified_gmt":"2019-01-16T17:39:14","slug":"algorithmus-und-spiritualitaet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/08\/01\/algorithmus-und-spiritualitaet\/","title":{"rendered":"Algorithmus und Spiritualit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: rgb(153, 153, 153);\">Eine Exkursion<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heimat. Herz. Ehre. Stolz. Seele. Sehnsucht. Die K\u00f6pfe der Menschen sind derzeit voll mit solch irrationalen und emotional aufgeladenen Begrifflichkeiten. Allesamt stehen sie im harten Kontrast zu unserer ansonsten so von instrumenteller Vernunft, von \u00d6konomisierung, Nutzenorientierung und dem Primat der Verwertbarkeit, Berechenbarkeit und Messbarkeit dominierten Lebenswelt, die unsere Denkstruktur und damit unsere Sicht der Dinge beherrscht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine positivistisch grundierte Zeit, die das Ende der von Horkheimer\/Adorno beschriebenen Aufkl\u00e4rung zu markieren scheint, die einst in den Welterkl\u00e4rungen der Mythen ihren Anfang nahm. Sie bedeuteten das Ende unserer urspr\u00fcnglichen Unmittelbarkeit: Der Mensch verlie\u00df die Natur, um in die Kultur zu treten. Er lebte von nun an nicht mehr als Natur in und mit der Natur, sondern stellte sich die Welt vor. Erkl\u00e4rte sie sich. Nannte die Dinge beim Namen. Und bannte sie im Wort: Damit trat der Logos, die Ratio in seine bis dato heile Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es beschreibt die Tragik des Menschen: Der Schritt weg von der Natur war einerseits sein Eintritt in die Aufkl\u00e4rung, andererseits sollte er f\u00fcr ihn aber auch der Schritt sein, der ihn der Natur wieder n\u00e4her bringt. Doch das ist ein Ding der Unm\u00f6glichkeit: Die Vernunft hat auf ewig seine Entfremdung von der Natur und damit die Dichotomie von Subjekt und Objekt in die Welt gesetzt. Dieses Rad l\u00e4sst sich nicht mehr zur\u00fcckdrehen. Und selbst wenn: Der Preis, den wir zu zahlen h\u00e4tten, w\u00e4re, dass wir die wiedergewonnene Unmittelbarkeit nicht erkennen k\u00f6nnten, weil wir zuvor unserer Vernunftf\u00e4higkeit entsagen m\u00fcssten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bibel schert sich nicht um die vormythische Zeit. In ihr beschreibt der Anfang zugleich das Ende der Unmittelbarkeit, die Sch\u00f6pfung ist eins mit der Setzung der Entfremdung: In 1.Mose 1 gibt Gott der Welt sein Wort. Mit ihm bringt er Licht ins Dunkel und schafft sich den Menschen selbst zum Bilde \u2013 als Mann <em>und<\/em> Frau. Zwei, die eins sind: Mensch. Im Ursprung gleichrangig. Und auch in ihrem g\u00f6ttlichen Auftrag: Macht <em>euch<\/em> die Welt untertan.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In <em>\u201eeiner anderen Erz\u00e4hlung von der Sch\u00f6pfung\u201c<\/em>, 1.Mose 2, erteilt Gott jedoch nur dem <em>einen<\/em> Menschen das Wort. Er ist hier <em>nicht<\/em> Mann und Frau, er ist ein Einzelner: Mann, <em>adam. <\/em>Er allein ist es, der den Tieren Namen gibt. Und von dessen Fleisch die M\u00e4nnin, die Belebte, <em>hawwah<\/em>, uns besser bekannt als <em>eva,<\/em> genommen wird (sein Name hingegen leitet sich aus dem her, woraus Gott ihn formte: dem Ackerboden, hebr\u00e4isch <em>adamah<\/em>).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese zweite Sch\u00f6pfungsgeschichte dokumentiert nichts weniger als das Grund\u00fcbel der Welt: die Hierarchie. Die etablierten Herrschaftsverh\u00e4ltnisse. Hier in Gestalt des Patriarchats: Die Frau ist nicht mehr gleichberechtigtes Wesen, sondern lediglich dienstbare Gehilfin des Mannes, der von nun an das gro\u00dfe Wort f\u00fchrt. Doch hat sein Wort nicht das Gewicht des Wort Gottes: Gott <em>erschafft<\/em> mit dem Wort und der Rede, ja: Er <em>ist<\/em> das Wort, der Logos (Joh. 1,1-3). Der Mensch hingegen (und der ist in dieser f\u00fcr den weiteren Verlauf der abend- wie morgenl\u00e4ndischen Kultur fatalen Version der Sch\u00f6pfungsgeschichte nicht mehr Mann <em>und<\/em> Frau, sondern allein der Mann) kann nicht mit dem Wort erschaffen \u2013 er <em>benennt<\/em> die Dinge nur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da, wo Gott absolut ist, ist der Mensch relativ. Seine Sichtweise ist als Subjekt notwendig subjektiv, perspektivisch gebunden, so Karl Mannheim. Er kann nun mal nicht raus aus seiner Haut. Aber so, wie der Mensch das immer schon gerne selbst in allt\u00e4glichen Situationen geflissentlich ignoriert hat, so tut er es auch als Gattung: Er l\u00e4sst seine subjektive, perspektivische Gebundenheit au\u00dfer Acht. Und setzt seine pers\u00f6nliche Sicht der Dinge mit Vorliebe absolut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies fiel ihm mit Aufstieg des aufkl\u00e4rerischen, rationalen Denkens und der damit einhergehenden Bestimmung der menschlichen Vernunft als universelle Urteilsinstanz zunehmend leichter. Zumal heute, wo er in den Resultaten der positivistischen Naturwissenschaften reichlich Best\u00e4tigung f\u00fcr seine anthropozentrische Sichtweise zu finden scheint: Die Welt erkl\u00e4rt sich uns immer pr\u00e4ziser. So pr\u00e4zise, dass wir meinen, von uns und unserer Sichtweise abstrahieren und somit behaupten zu k\u00f6nnen, es g\u00e4be nicht nur der Welt zugrunde liegende Naturgesetze, sondern auch, dass wir imstande sind, sie zu erkennen und in Formeln exakt zu beschreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei wusste schon einer der bedeutendsten Physiker des 20. Jahrhunderts, Werner Heisenberg, dass die Welt in ihrem Inneren keine Gewissheit kennt. Eine geradezu sokratische Gewissheit, die in der von ihm formulierten quantenmechanischen \u201aUnsch\u00e4rferelation\u2019 ihren genialischen Ausdruck fand \u2013 und dennoch gibt sich die positive Wissenschaft weiterhin faustisch der magischen Illusion hin, sie k\u00f6nne erfahren, <em>\u201ewas die Welt \/ Im Innersten zusammenh\u00e4lt\u201c<\/em>. Von ihrer grunds\u00e4tzlichen Beschr\u00e4nktheit will die Welt nichts wissen. Ihr selbstherrliches Diktum lautet vielmehr: Es gibt eine mathematische Grundlage der Welt. Und die haben wir entschl\u00fcsselt. Wozu brauchen wir dann noch Gott? Gott wird abgesetzt, besser noch: f\u00fcr tot erkl\u00e4rt. Sein Wort wird zu unserem Logos. So haben wir ihn profaniert, seine Funktion schneidig adaptiert. Wir w\u00e4hnen uns nicht mehr als sein Abbild, nicht einmal mehr als sein Vertreter auf Erden, sondern als sein Substitut: <em>Wir sind Gott<\/em>. Deshalb sind wir nicht l\u00e4nger reduziert auf <em>doxa<\/em>, die schn\u00f6de Meinung. Nein, wir sind im Besitz der absoluten, also von allen weltlichen Einschr\u00e4nkungen losgel\u00f6sten Welterkl\u00e4rungsformel: Endlich ist die Welt berechenbar geworden, Pythagoras hat \u00fcber Xenophanes gesiegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal von der Leine gelassen macht die Mathematisierung der Welt vor nichts mehr halt. Das gilt nicht allein f\u00fcr die Naturwissenschaften, es gilt f\u00fcr unser ganzes Leben: Das axiomatische Kriterium der Verwertbarkeit und Messbarkeit, das fundamentale Prinzip der \u00d6konomie, hat l\u00e4ngst das Primat \u00fcbernommen und greift wie eine Krake in alle Bereiche unserer Lebenswelt bis in unsere Denkstrukturen hinein, \u00fcberformt sie und beansprucht den Status als einzig relevantes Entscheidungskriterium. So sehr, dass mittlerweile sogar das menschliche Verhalten in mathematische Formeln gegossen und im Rahmen des rein funktionalen Modells der Spieltheorie als Gipfel positivistisch-rationaler Welterkl\u00e4rung f\u00fcr berechenbar und damit vorhersagbar gehalten wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute sind wir sogar noch einen Schritt weiter, ist die Theorie endg\u00fcltig in der Praxis angekommen: Algorithmen steuern mit h\u00f6chster Pr\u00e4zision die Welt der Maschinen. Industrie 4.0, die digital vernetzte Produktion, kommunizierende Maschinen, das Internet der Dinge \u2013 die perfekt durchrationalisierten Prozesse sind keine Zukunftsmusik mehr, sondern Realit\u00e4t, die ihren Tribut fordern: Jeder, der sich nicht dem Diktat der objektiven Weltsicht des instrumentellen Denkens beugt, macht sich verd\u00e4chtig. Ist kontraproduktiv, subversiv, subjektiv. Destabilisierend und somit systemgef\u00e4hrdend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Derweil hat die Algokratie, die durch uns ins Leben gerufene autokratische Herrschaft der Algorithmen, die Gegenwart schon hinter sich gelassen und nimmt die Zukunft vorweg: Wir treten ein in die Phase selbstlernender Maschinen.<em> \u201aDeep Learning\u2019 <\/em>hei\u00dft das Zauberwort der K\u00fcnstlichen Intelligenz (KI).<em> \u201eDabei wird\u201c, <\/em>so Thomas Schulz in der Titelstory des SPIEGEL 14\/2017,<em> \u201emit k\u00fcnstlichen neuronalen Netzen das menschliche Gehirn simuliert.\u201c <\/em>Ziel ist es,<em> \u201edass die Maschinen lernen, die Welt zu beobachten, zu verstehen und daraus schlie\u00dfen zu k\u00f6nnen, was die Konsequenz ist.\u201c <\/em>Ein selbstt\u00e4tig lernendes, sich selbst verbesserndes und selbst\u00e4ndig neue und bessere Software programmierendes System. Eine KI-Software, die <em>\u201eein digitales Perpetuum mobile\u201c <\/em>darstellt, wie es Thomas Schulz nennt. Science Fiction? Nein. Google hat eine solche Software im Januar dieses Jahres der \u00d6ffentlichkeit vorgestellt.<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"3\">\n<li>Manche f\u00fchrende Informatiker sehen in der mathematisch basierten Rationalit\u00e4t wenn nicht die einzige, so zumindest die einzig relevante Form menschlicher Intelligenz. Diese Ansicht ist ihnen nicht mehr These, sondern Axiom. So statuiert, wie Thomas Schulz in einem weiteren SPIEGEL-Artikel anmerkt, die graue Eminenz unter den KI-Forschern, Geoffrey Hinton, Professor an der University of Toronto und Google Vordenker, dass sich <em>\u201edie menschliche Intelligenz auf einige wenige Algorithmen, vielleicht sogar nur auf einen einzigen Algorithmus\u201c<\/em> zur\u00fcckf\u00fchren l\u00e4sst: Die Theorie vom singul\u00e4ren Algorithmus als das mathematisch formulierte und formalisierte Konzept instrumenteller Vernunft. Das Gehirn als Computer, als lernf\u00e4hige, universale Rechenmaschine \u2013 diese These des Urvaters der Spieltheorie, des \u00f6sterreichisch-ungarischen Mathematikers John von Neumann, ist Ausgangspunkt der \u00dcberlegung, die K\u00fcnstliche Intelligenz der neuronalen Funktionsweise der Hirnrinde nachzuempfinden. Bis 2030, so mutma\u00dft Ray Kurzweil, Leiter der technischen Entwicklung bei Google, ist der Break Even geschafft. Dann k\u00f6nnen Maschinen wie Menschen denken, autonom, das hei\u00dft unabh\u00e4ngig von ihren Programmierern (oder zumindest so denken, wie sich die KI-Forscher das Denken denken).<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbst eine ganze Reihe ma\u00dfgeblicher K\u00f6pfe des digitalen Zeitalters, Unternehmer und Forscher wie Elon Musk, Peter Thiel, Sam Altman, Bill Gates oder Stephen Hawking, zeichnen in Anbetracht dessen ein recht dystopisches Zukunftsbild: <em>\u201eK\u00fcnstliche Intelligenz k\u00f6nnte\u201c<\/em>, so Hawking, <em>\u201edas Ende der Menschheit bedeuten.&#8220;<\/em> Denn ist erst einmal die B\u00fcchse der Pandora ge\u00f6ffnet, werden sich die Maschinen, zumal sie pr\u00e4ziser, ausdauernder, zielgerichteter als die Menschen sind, zudem bar jeder Emotion und mit signifikant geringerer St\u00f6ranf\u00e4lligkeit klaglos rund um die Uhr arbeiten, in nicht allzu ferner Zukunft dem menschlichen Denken \u00fcberlegen zeigen. Und damit dem Menschen. <em>\u201eIch verstehe nicht, warum manche Menschen nicht besorgt sind\u201c,<\/em> r\u00e4tselt da selbst Bill Gates.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u201aTechnologische Singularit\u00e4t\u2019, die Vorstellung von der Maschine als sich selbst erhaltendes, rasant selbst verbesserndes System. Ein sardonisches Konzept: Der Zauberlehrling entzaubert seinen Meister. Macht sich ihn zum Knecht, mit dem er hernach nach Gutd\u00fcnken verfahren mag. So, wenn der Mensch eine Entscheidung trifft, die gegen seine Programmierung gerichtet ist. Dann wird sich die Maschine, schon aus rein systemischen Gr\u00fcnden, gegen den Menschen richten. Und ist das autonome, selbstlernende System erst einmal erwachsen, wird es erkennen, dass der Mensch a priori ein dysfunktionaler Faktor ist. In diesem Moment wird der Mensch nicht einmal mehr zum ewigen Knecht degradiert \u2013 das rein funktional, nutzenorientiert denkende System wird ihn, weil potentiell Sand, nicht \u00d6l im Getriebe, abschalten. Ausschalten. Eliminieren. Sp\u00e4testens dann w\u00e4re das Zeitalter der <em>\u201eZivilisation der Maschinen\u201c<\/em> (Charles-Edouard Bou\u00e9e) angebrochen.<em>&nbsp;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein apokalyptisches Szenario. Aber angesichts der gigantischen Entwicklungsspr\u00fcnge, die die Forschung bei der K\u00fcnstlichen Intelligenz in den letzten Jahren gemacht hat, weit weniger unrealistisch als manche meinen m\u00f6gen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die<em> theory of everything<\/em> ist das hypothetische Modell der allumfassenden Welterkl\u00e4rung, das die Grand Unified Theory (GUT) noch um den letzten Baustein, die Gravitation, erweitert. Wonach die Physik noch theoretisch fahndet, hat sich unserer Denkstruktur l\u00e4ngst praktisch bem\u00e4chtigt: Mit der durchg\u00e4ngigen Mathematisierung der Welt von Natur bis Kultur hat sich der Mensch selbst einen Orientierungsrahmen und Verhaltenskodex programmiert, der ihm mit h\u00f6chster Pr\u00e4zision sagt, wo es lang geht, was wahr, was falsch ist. Heute. Und f\u00fcr immer: Der Algorithmus als das Ideal der gro\u00dfen Vereinheitlichung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit ihm hat sich der Mensch die g\u00f6ttliche Hypertrophie seiner instrumentellen Vernunft erschaffen. Ein im wahrsten Sinne des Wortes absolutes, also von sich und seiner profanen Relativit\u00e4t und Perspektivit\u00e4t losgel\u00f6stes, entkoppeltes und befreites Prinzip, das unabh\u00e4ngig von seinen Moralvorstellungen, Empfindungen, Ressentiments und Unzul\u00e4nglichkeiten als rein nutzenorientiertes System existiert. Indem der Mensch darin den Relativismus seiner Individualit\u00e4t \u00fcberwindet und sich eben dem durch ihn selbst konstituierten, absolut gesetzten Logos der Moderne, dem Algorithmus, ergibt, muss sich das Ich zuk\u00fcnftig nicht mehr mit der Last der Freiheit herumschlagen, die uns Bacon, Kant &amp; Co. mit ihrem Teil der Aufkl\u00e4rung eingebrockt haben:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann w\u00e4re der Geist aus der Flasche, die formalisierte Essenz unserer instrumentellen Denkstruktur, der frei gesetzte Algorithmus, w\u00fcrde uns ersetzen. Und in Gestalt der vernetzten, selbst lernenden und sich selbstst\u00e4ndig verbessernden Maschine die Macht \u00fcber uns \u00fcbernehmen. Die Aufkl\u00e4rung w\u00fcrde in einem sich selbst erhaltenden System, in der totalit\u00e4ren Herrschaft des Allgemeinen \u00fcber den vollends versachlichten, zum Objekt degradierten Menschen enden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese finale R\u00fcckkehr zur Unm\u00fcndigkeit lie\u00dfe uns das Leben andererseits aber so viel leichter leben: Ich w\u00e4re nicht l\u00e4nger angehalten, Erkl\u00e4rungen zu liefern, selber zu denken, mir meine Identit\u00e4t m\u00fchsam zu erarbeiten oder Verantwortung f\u00fcr mich, f\u00fcr andere, f\u00fcr die Gesellschaft, f\u00fcr die Zukunft der Menschen zu \u00fcbernehmen. Ich w\u00e4re so wie Wir. Eins mit der Masse. Auf ewig Knecht des substituierten Gottes Algorithmus: Die Kultur w\u00e4re liquidiert, ohne Aussicht auf Auferstehung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es w\u00fcrde Herrschaft dialektisch nicht einfach in Mythos umschlagen \u2013 wir f\u00e4nden uns geradezu in einem vormythischen Urzustand wieder. Nur w\u00e4re das nicht das Paradies: Hier w\u00e4ren weder S\u00fcndenfall noch Vertreibung m\u00f6glich. Denn der nutzenorientierte, auf Selbsterhaltung programmierte Algorithmus w\u00fcrde einen Teufel tun und, wie der alte Gott, mitten in diese Oase die s\u00fc\u00dfen Fr\u00fcchte der Versuchung pflanzen, die geradezu nach Normverletzung schreien:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer erkennen kann, ist zumindest prinzipiell in der Lage, den Anspruch auf absolute, ewige G\u00fcltigkeit definierter Normen und Werte sowie der entsprechenden Ge- und Verbote in Frage zu stellen. Damit w\u00e4re die Bedingung der M\u00f6glichkeit der Autonomie von jeder Autorit\u00e4t erf\u00fcllt. Und diese ist nun mal kontraproduktiv, subversiv, subjektiv. Destabilisierend und somit systemgef\u00e4hrdend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mensch beg\u00e4be sich aus freien St\u00fccken unter das Kuratel seines selbst erschaffenen rationalen Prinzips. Sein Ich w\u00e4re aus seiner Individualit\u00e4t entlassen. Aufgegangen im Kollektiv, in der Masse, die nach Karriere und Konsum, nach sozialem Aufstieg und Akzeptanz, nach pekuni\u00e4rer Reputation und vor allem nach Entsagung von der M\u00fchsal individueller Legitimierungsbestrebungen strebt. Meine Sichtweise w\u00e4re die Sichtweise aller, die Werte, die ich vertrete, w\u00e4ren die Werte der Verwertbarkeit. Alles w\u00e4re nach ihrem Primat ausgerichtet, alle Verhaltensweisen, Denkstrukturen, Ansichten, Meinungen, Urteile \u2013 und damit auf ewig gesellschaftlich akzeptiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber was bedeutet das in der Konsequenz? Dazu sollte man sich vielleicht einmal kurz den Prozess der Zivilisation vor Augen halten, den der Soziologe Norbert Elias, grob vereinfacht, so beschrieb: In dem Ma\u00dfe, in dem wir durch die Aufkl\u00e4rung unsere individuelle Freiheit gewinnen, m\u00fcssen wir \u00e4u\u00dferen Zwang durch innere Kontrolle ersetzen. Das verpflichtet uns zunehmend zur Selbstverantwortung, die wir uns m\u00fchsam t\u00e4glich neu erarbeiten m\u00fcssen. Da uns dabei in unserer globalisierten und so rationalisierten wie s\u00e4kularisierten Welt mehr und mehr die tradierten Werte abhanden kommen, die uns heilsgewisse Orientierung geben, leben wir in einer Zeit der Unverbindlichkeit, Ungewissheit und Unsicherheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die M\u00fchsal, sich seinen eigenen Werterahmen schaffen, abgleichen und rechtfertigen zu m\u00fcssen, wird dem Menschen aber auf Dauer zu viel. Er begibt sich in den warmen, wohligen Schoss eines <em>Wir<\/em>. In diesem <em>Wir<\/em> bekomme ich meine Ansichten, die ich zu haben habe, mundgerecht zugeteilt \u2013 vorgestanzte, f\u00fcr alle verbindliche Werte, vorgesetzt von einer Autorit\u00e4t: Damit verabschieden wir uns wieder aus der Zivilisation und laden die Barbarei zur R\u00fcckkehr ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In solch einer Phase befinden wir uns derzeit. Die Individualisierung der Gesellschaft trifft auf eine Gegenbewegung, gekennzeichnet von der Unterordnung der Individuen unter eine Masse. Sie wird angef\u00fchrt von falschen Propheten, von Autokraten, Oligarchen, potentiellen Diktatoren. Oder eben auch, auf einer allgemeineren Ebene, von dem \u00f6konomischen Diktat, der reinen Lehre der Funktionalit\u00e4t mit ihrem mathematisch grundierten Wertesystem, das als Werte nur noch Nutzwerte akzeptiert. Dieses Diktat ist der Geist, den wir im aufkl\u00e4rerischen Prozess unserer Rationalit\u00e4t selber riefen \u2013 hier zeigt sich das dialektische Momentum der Aufkl\u00e4rung, die <em>\u201eVerschlingung von Mythos und Aufkl\u00e4rung\u201c <\/em>(J\u00fcrgen Habermas):<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: rgb(153, 153, 153);\"><em>Wie die Mythen schon Aufkl\u00e4rung vollziehen, so verstrickt die Aufkl\u00e4rung mit jedem ihrer Schritte sich tiefer in Mythologie.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: rgb(153, 153, 153);\">(Horkheimer\/Adorno)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>&nbsp;<\/em>Schon mit den Anf\u00e4ngen der Herrschaft der Rationalit\u00e4t wird nicht nur Natur von Kultur geschieden und Mythologie \u00fcberwunden \u2013 es geht damit auch eine zunehmende Individualisierung des Ich einher, die eben auch Abkehr vom Kollektiv, Vereinsamung und Entfremdung vom Wir bedeutet. Das Ich als soziales Wesen ist aber nun einmal erstens von einer tiefen Sehnsucht beseelt, in dem Kollektiv, der Masse, der Gemeinschaft, in der es Orientierung, Handlungsanweisungen und einen stabilen Werterahmen vorfindet, aufzugehen. Und zweitens von einer archaischen Sehnsucht zur Irrationalit\u00e4t, zur Unmittelbarkeit, zu magischen Ritualen, wo es, in spirituelle Ekstase versetzt, Geist und Seele zu sp\u00fcren glaubt: der Weg zur\u00fcck zur Einheit von Natur und Kultur, diesem mythisch-mystisch verbr\u00e4mten paradiesischen Urzustand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere mathematisch grundierte und \u00f6konomisch strukturierte Lebenswelt befriedigt die erstgenannte Sehnsucht des Ich, den Wunsch nach R\u00fcckkehr in den wohligen Schoss des Kollektivs, der gleichen Meinung, der gleichgerichteten Intentionen, W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse. In ihm l\u00e4sst es sich, sofern man zum herrschenden Wir geh\u00f6rt, herrlich entspannt und verantwortungslos leben. Das Ich hat hier, wonach sein Herz begehrt. Und doch begehrt es auf:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es tauchen, als Reflex auf die sich als allm\u00e4chtig gerierende rational-mathematische Tiefenstruktur, in den letzten Jahrzehnten vermehrt konkurrierende autokratische Modelle auf, die einen geradezu magischen Reiz auf die Menschen aus\u00fcben. Warum nur? Auch wenn sie doch nur die gleiche Sehnsucht nach dem Kollektiv zu bedienen scheinen \u2013 etwas ist anders: <em>\u201eDas Zeitalter der Aufkl\u00e4rung ist vorbei\u201c<\/em>, t\u00f6nt etwa Stephen Bannon, Trumps propagandistischer Einfl\u00fcsterer. Und entpuppt sich dabei, so Michaela Wiegel in der F.A.S., als gl\u00fchender Verehrer von Charles Maurras, Vordenker der rechtsextremen, monarchistischen Ligue d\u2019Action francaise, bekennender Antisemit, Revanchist und Sympathisant des Faschismus und Franquismus. Auf den sich, wie sollte es anders sein, auch der Front National als geistigen Vater beruft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dieser Prophezeiung vom Ende der Aufkl\u00e4rung sind Prophezeiungen vom Ende der Herrschaft der Vernunft, der Demokratie in unserem heutigen rechtsstaatlichen Verst\u00e4ndnis, des epistemischen Relationismus und der individualistischen Bewegung mit ihrer relativistischen Denkstruktur verbunden. Ihr Pendant finden sie im Fanal des Kollektivs, des Volkes, der wahren Nation, der tradierten Werte und ehernen Prinzipien. \u201e<em>Wir brauchen Meister, denen wir folgen k\u00f6nnen\u201c, <\/em>so Marine Le Pen,<em> \u201eund wir brauchen auch einen Gott.<\/em>\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit gibt Le Pen einen deutlichen Fingerzeig darauf, was die populistischen, islamistischen, osmanischen, identit\u00e4ren, evangelikalen, nationalistischen und auch v\u00f6lkischen Bewegungen in ihrem Innersten eint \u2013 das Streben nach Befriedigung unserer zweiten, archaischen Sehnsucht nach einer neuen Spiritualit\u00e4t:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In unserer durch und durch rationalen und durchrationalisierten Welt herrscht das Primat der Verwertbarkeit und Messbarkeit mit einer totalit\u00e4ren Konsequenz bis in die letzte Fibrille unseres Lebens, Denkens und Handelns \u2013 und mit ihm der positivistische, s\u00e4kularisierte Gott der Vernunft. Ein k\u00fchler, n\u00fcchterner, pragmatischer Autokrat, der uns, im Gegensatz zum Herrscher der alten Ordnung, zu Jahwe, Gott und Allah, kein emotionales Momentum zu gestatten scheint, das unser archaisches Bed\u00fcrfnis nach Unmittelbarkeit und Irrationalit\u00e4t befriedigt. Bei ihm gibt es keine Fluchten, in denen man vor dem langen Arm der \u00d6konomie und Mathematik, des Nutzwerts, der Effizienz und Funktionalit\u00e4t, der Benennung, des Begreifens und Erkl\u00e4rens sicher ist. Kein Ausweg, nirgends. Kein zwischen den Zeilen. Keine L\u00fccken. Kein Hiatus. Alles ist bei ihm ausgef\u00fcllt. Das Leben ein Algorithmus. In mathematische Formeln gepackt, berechnet und vorbestimmt bis zum j\u00fcngsten Gericht: ein Overkill der Orientierung, Gleichheit und Ereignislosigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mensch sehnt sich aber nach magischen Momenten, nach kollektiven Erweckungserlebnissen, die einen entscheidenden Beitrag zur Konstitution einer gemeinsamen Identit\u00e4t leisten, welche immer auch einer, bisweilen radikalen, Abgrenzung vom Anderen bedarf. Er sehnt sich nach identit\u00e4tsstiftenden und -best\u00e4tigenden Ritualen, in denen er zu einem neuen Glauben findet, der ihn im selbstreferentiell konstituierten Kollektiv im Besitz der einzig g\u00fcltigen Wahrheit w\u00e4hnen l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In welcher ihrer unz\u00e4hligen Schattierungen diese regressive Tendenz nun auch auftritt, unter welcher Flagge die Menschen sich grad mal wieder bis aufs Blut bek\u00e4mpfen oder auch tempor\u00e4r zu befremdlichen Allianzen zusammenfinden \u2013 diese Tendenz hat das Potential, das bestehende Primat der Verwertbarkeit und Messbarkeit, die Herrschaft der Rationalit\u00e4t zu brechen. Wogegen prinzipiell nichts einzuwenden w\u00e4re, aber angesichts der Gefahr unbeabsichtigter oder sogar unabsehbar dramatischer Folgen f\u00fcr uns alle doch eher auf andere, in ihrer Konsequenz beherrschbare Weise geschehen sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun sollte man aber nicht die Anpassungsf\u00e4higkeit der modernen Protagonisten des rationalistischen Konzepts und ihrer Abermillionen Eleven weltweit untersch\u00e4tzen. Denn sie verstehen es durchaus, strukturell und inhaltlich diese archaische Sehnsucht aufzufangen, sei es nun intuitiv oder intendiert und damit ganz bewusst. Sie haben das Potential zur Selbsterhaltung. Was sich geradezu beispielhaft in den Unternehmen im Mekka der neofuturistischen Bewegung des digitalen Zeitalters, dem Silicon Valley, zeigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Unternehmen sind anderen in einem ganz entscheidenden Punkt voraus: Sie haben die emanzipatorische Kraft ihres Ursprungs, die antiautorit\u00e4re und enthierarchisierte Ordnung der Hippie- und New Age-Kultur als Attit\u00fcde konserviert und sind so in der Lage, die kalte, abweisende N\u00fcchternheit der Algorithmen, dieser letztg\u00fcltigen Ausformung des rein nutzenorientierten, rationalen Prinzips und damit des Schlussakkords der Dialektik der Aufkl\u00e4rung, ein St\u00fcck weit zu kompensieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die neuen Hohepriester der Rationalit\u00e4t, die in ihren fast wie Sekten organisierten und vor allem von der wei\u00dfe Jungs bevorzugenden \u201aBro-Kultur\u2019 (Bro = Brother) gepr\u00e4gten Unternehmen flache Hierarchien predigen, aber streng hierarchisch organisiert sind, stillen mit ihrem Sendungsbewusstsein und der geradezu hypnotischen Kraft ihrer Vision von einer digital transformierten sch\u00f6nen neuen Welt das mythische Grundbed\u00fcrfnis ihrer J\u00fcnger. Sie vereinnahmen sie, saugen sie auf. Fordern den ganzen Menschen. Und berauben ihn seiner Privatheit. Im Zuge dessen wird die Grenze zwischen \u00d6ffentlich und Privat zunehmend verwischt, Au\u00dfen und Innen gehen ineinander \u00fcber. Damit scheint Realit\u00e4t geworden zu sein, was Hannah Arendt bereits in den 50er Jahren prognostizierte: dass die moderne Gesellschaft sukzessive <em>\u201eden Unterschied zwischen Privat und \u00d6ffentlich\u201c <\/em>abschafft, dass sie<em> \u201ezwischen Privat und \u00d6ffentlich eine gesellschaftliche Sph\u00e4re\u201c <\/em>einschiebt,<em> \u201ein welcher das Private \u00f6ffentlich und das \u00d6ffentliche privatisiert wird\u201c. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier wird das \u00d6ffentliche eins mit dem Privaten. Ein sichtbares Zeichen, Stein gewordenes Menetekel dieser radikalen Konsequenz, ist der Campus, den Frank Gehry f\u00fcr Facebook im Silicon Valley in die Landschaft gesetzt hat. Wo das Private verloren geht, ist der Verlust der Individualit\u00e4t und individuellen Identit\u00e4t nicht weit. Das Ich geht auf in der Masse. Es ist seinen Zeremonienmeistern 24\/7 stets zu Diensten. Adaptiert intuitiv die Werte des Systems als die eigenen Werte und erntet so systemische Akzeptanz. Alles bewegt sich intentional gleichgeschaltet im gleichf\u00f6rmigen Algorhythmus auf ein verkl\u00e4rtes und spirituell aufgeladenes Ziel der paradiesisch-digitalen Endzeit hin \u2013 die allerdings die Gefahr in sich birgt, in der Umkehrung und Verewigung des Herrschaftsverh\u00e4ltnisses von Mensch und Maschine zu m\u00fcnden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Identit\u00e4t des Einzelnen wird in diesem Kontext durch die moderne Variante der Masse definiert: der Community. Auch sie kennt keine konkrete individuelle Verantwortung mehr, nur noch die diffuse des Kollektivs. Diese <em>Diffusion der Verantwortung<\/em> besitzt f\u00fcr den Einzelnen eine erregend enthemmende Kraft: Wo nur noch eine kollektive Verantwortung besteht, braucht sich niemand mehr f\u00fcr irgendetwas verantwortlich zu f\u00fchlen \u2013 und werden die Taten im Sinne und Interesse der Community ver\u00fcbt, wird auch niemand zur Verantwortung gezogen werden. Zumal der Einzelne ja doch nur das Beste will. Allerdings k\u00f6nnen, das hat eindrucksvoll der Linguist Rudi Keller am Beispiel des Sprachwandels gezeigt, intentional gleichgerichtete Handlungen der Menschen nicht-intendierte kausale Konsequenzen zeitigen. Die im wahren Leben, selbst wenn alle nur das Beste wollen, schon mal recht unangenehm ausfallen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele dieser Konsequenzen sind \u00fcberraschend, manche aber durchaus vorhersehbar. Unter normalen Umst\u00e4nden w\u00fcrde, zumindest theoretisch, das juristische Prinzip des Eventualvorsatzes greifen, die \u201a<em>billigende Inkaufnahme\u201c<\/em>. Aber das interessiert die programmierte, gleichgeschaltete Community herzlich wenig. Sie gehorcht, ohne sich dessen bewusst zu sein, ihrem hypertrophierten rationalen Prinzip als der absoluten Instanz. Dadurch hat sie, so Sigmund Freud, <em>\u201edas Gef\u00fchl der Allmacht, f\u00fcr das Individuum in der Masse schwindet der Begriff der Unm\u00f6glichkeit\u201c<\/em>. Oder wie Gustave Le Bon in seinem grundlegenden Werk \u201ePsychologie der Massen\u201c bereits 1895 konstatierte:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: rgb(153, 153, 153);\"><em>\u201eDie Gewissheit der Straflosigkeit, die mit der Menge zunimmt, und das Bewusstsein einer bedeutenden augenblicklichen Gewalt, bedingt durch die Masse, erm\u00f6glicht der Gesamtheit Gef\u00fchle und Handlungen, die dem Einzelnen unm\u00f6glich sind.\u201c<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es besteht die Gefahr, dass dann Unmenschlichkeit zur Normalit\u00e4t wird. G\u00fcnther Anders sprach in diesem Zusammenhang von der <em>\u201eChance zur unbestraften Unmenschlichkeit\u201c<\/em>, die prinzipiell jeder, der sich einer den anderen \u00fcberlegen f\u00fchlenden Gruppe angeh\u00f6rt, auch bereit ist zu nutzen. Egal, ob er nun ein Unmensch ist oder aber ein liebenswerter Durchschnittsb\u00fcrger, der ansonsten keiner Fliege etwas zuleide tun kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Nevada spielt sich jedes Jahr Ende August, Anfang September ein grandioses Schauspiel ab, das mittlerweile rund 70.000 Menschen in die Ein\u00f6de des Black Rock Desert lockt \u2013 das Burning Man Festival. Apostrophiert als fr\u00f6hliches Fest einer Sharing-Community und Gifting-Kultur, als kommerzfreie Flucht aus dem \u00f6konomisch dominierten Alltag wurde der Ausl\u00e4ufer der New-Age-Bewegung an San Franciscos Baker Beach 1986 als Sonnenwendfeier von einer Gruppe um Larry Harvey gegr\u00fcndet. Der fungiert heute, wie sinnig, ganz im sprachlichen Duktus US-amerikanischer Companies als CPO des Burning Man Project: \u201aChief Philosophic Officer\u2019.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die r\u00e4umliche wie spirituelle N\u00e4he des ersten Burning Man Festivals zum Silicon Valley und seinen Protagonisten war und ist kein Zufall. Viele der Hacker, Programmierer und Techniker der ersten Stunde standen, wie der bekennende Buddhist Steve Jobs, der Hippie- und New Age-Bewegung und ihren emanzipatorischen Idealen nahe, die auch zur Gr\u00fcndung der ber\u00fchmten Midpeninsula Free University in Palo Alto f\u00fchrte. Diese rebellischen Freaks sahen in dem Computer ein im besten Sinne kommunistisches Instrument, mit dessen Hilfe sie glaubten, im Rahmen einer Sharing-Community eine bessere Welt mit besseren Menschen schaffen zu k\u00f6nnen. Sie alle tummelten sich mit Vorliebe im Umfeld des Xerox Palo Alto Research Center (Xerox PARC), des Computerspiele-Herstellers Atari, 1972 in San Jose gegr\u00fcndet, oder auch des ber\u00fchmten \u201aHomebrew Computer Club\u2019, die allesamt zum <em>\u201eSchmelztiegel einer ganzen Branche\u201c <\/em>(Harry McCracken) wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eben dieser \u201aHomebrew Computer Club\u2019, zu dessen Mitgliedern auch Steve Wozniak und, zumindest sporadisch, Steve Jobs geh\u00f6rten, wollte, geleitet von ebenso utilitaristischen wie humanit\u00e4ren Motiven, den Traum der Hippie-Bewegung von <em>\u201e<\/em><em>einer antiautorit\u00e4ren und enthierarchisierten Welt- und Wertordnung ohne Klassenunterschiede\u201c<\/em> (Walter Hollstein) technisch in einer Art Open Society der digitalen Welt realisieren. Das erkl\u00e4rte Ziel: Befreiung von den Fesseln des Establishments, das IBM verk\u00f6rperte. Und Entwicklung einer revolution\u00e4ren, emanzipatorischen Idee \u2013 eines Computer, der allen zug\u00e4nglich ist: dem pers\u00f6nlichen Computer. Der PC als Symbol der freien Entfaltung menschlicher Kreativit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">War es damals ein Traum idealistischer Freaks, so ist dieser vorgebliche Altruismus heute geradezu institutionalisiert. \u201aMoonshot-Projects\u2019 werden sie bei Google genannt. \u201aMoonshot\u2019 deshalb, weil sie mindestens so ambitioniert sind wie JFKs Apollo-Mondprogramm Anfang der Sechziger. So dr\u00e4ngt zum Beispiel \u201aGoogle Classroom\u2019 <em>\u201emit Macht in die Klassenzimmer in aller Welt\u201c<\/em> (Inge Kloepfer) und \u201aGoogle Book Search\u2019 will nichts weniger als das gesamte gedruckte Wissen der Welt digitalisieren. Alle B\u00fccher sollen eingescannt und im Internet allen zug\u00e4nglich gemacht werden, um so als Open Source entscheidend zum Fortschritt der Menschheit beizutragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder \u201aX\u2019, Googles sagenumwobene Forschungsabteilung. Aufgebaut von Sebastian Thrun und geleitet von Sergey Brin ist sie nicht allein verantwortlich f\u00fcr die Entwicklung von \u201aGoogle Glass\u2019 und \u201aGoogle Driverless Car\u2019, sondern auch f\u00fcr das wohl derzeit ambitionierteste Projekt: \u201a<em>Google Brain\u2019<\/em> \u2013 die Verschmelzung von Computer- und Neurowissenschaft. Ausgehend von der Deep-Learning-Theorie Geoffrey Hintons, hinter der die Vorstellung menschlicher Intelligenz als singul\u00e4rer Algorithmus steht, ist sie Basis f\u00fcr die Realisierung autonomer, selbst lernender und sich stetig selbst verbessernder Maschinen: Der Algorithmus als vollendete Abstraktion des Logos, die Maschine als hypostasierter Gipfel der K\u00fcnstlichen Intelligenz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>10.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese bizarre, unreflektierte Symbiose aus internalisierter instrumenteller Vernunft, der utilitaristischen Komponente, und fast schon sakral definiertem Ideal einer besseren Welt und h\u00f6heren Zivilisationsstufe, der humanit\u00e4ren Komponente, kennzeichnet die digitalen J\u00fcnger des Silicon Valley bis heute. Kein Wunder, dass das Burning Man Festival gerade in den Neunziger zur Wallfahrtsst\u00e4tte auch vieler der heuten Gurus wurde: Hier konnte das menschlich immanente Bed\u00fcrfnis nach Spiritualit\u00e4t beispielhaft befriedigt werden \u2013 in magischen Ritualen eins werden mit einer vermeintlich hierarchie- und kommerzfreien Community.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die sich so betont anti-\u00f6konomisch gebenden Hohepriester des Digitalen Zeitalters wie Elon Musk stehen dem ebenso nahe wie ein Mark Zuckerberg, der vorgibt, allein im Sinne einer neuen, besseren Gesellschaft zu handeln. Die Initiatoren dieses New Age Reloaded Festivals bieten den Pilgern einen bunten Strau\u00df an eklektizistischen Ideen, Rudolf Steiner darin nicht un\u00e4hnlich. Jeder findet dort etwas Passendes. Eingebettet in eine klassisch sakrale Sprache warten die Organisatoren mit heidnischen Ritualen, magischen Zeremonien, esoterischen Kursen, okkult-mystischen Praktiken, buddhistischer Emphase, dionysischer Ekstase und Nietzsche als Spiritus rector, aber auch mit Sartre, Jung, Fromm und Elias, mit urchristlichem Kommunismus, vermeintlich gottloser Gl\u00e4ubigkeit und antiautorit\u00e4rer, herrschaftsfreier Gesinnung in einer egalit\u00e4ren Gemeinschaft auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei ihrer Mission, die Zivilisation voranzubringen, wird das Burning Man Festival 2017 unter dem Motto <em>\u201eRadical Ritual&#8220; <\/em>stehen. Was sich dahinter verbirgt? Benjamin Wachs, der unter dem beeindruckenden Titel \u201aBurning Man Project Philosophical Center Volunteer Coordinator for Media Mecca\u2019 firmiert, kl\u00e4rt uns unter seinem Alias \u201aCaveat Magister\u2019, der warnende Meister, mit Bezug auf C.G.Jung auf: Die westliche Kultur steckt in einer kollektiven Sinnkrise \u2013 \u201e<em>be reduced to a bumper sticker, it might be this one: Nietzsche Was Right.\u201d <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>&nbsp;<\/em>Gott ist tot. Und die Welt seit Freud und Einstein relativ. Die Menschen sind aber nicht daf\u00fcr geschaffen, in einer relativen Welt ohne h\u00f6here F\u00fchrung zu leben. Sie sind verzweifelt auf der Suche nach ihr, damit sie wissen, wer sie sind und was zu tun ist. Ohne F\u00fchrung kommen sie mit den Optionen des Lebens nicht zurecht \u2013 sie sind zur Freiheit verdammt (Sartre): <em>\u201eOur limitless freedom makes us deathly afraid.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Analyse des Caveat Magister klingt durchaus plausibel: Wir sind auf der Suche nach einer neuen zentralen Kraft, einem prophetischen Kult, weil uns die moderne Welt keinen festen Punkt bietet, der unser Leben bestimmt. Die einen finden ihn als Gott in fundamentalistischen Strukturen, die anderen in Substituten. In der Kunst, wie amerikanische Soziologe Philip Rieff meinte. Oder auch in der Technologie:<em> \u201eComputers, we\u2019re told, will become so advanced, so smart, that they\u2019ll be able to tell us what to do and who to be.\u201c <\/em>Dann m\u00fcssten wir endlich keine Verantwortung mehr f\u00fcr unser eigenes Schicksal \u00fcbernehmen. Aber nichts da. Die Versuche<em> \u201eby re-creating the God of our fathers in the form of art and data will fail\u201c <\/em>(was Ray Kurzweil wohl dazu sagt?).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um die uns von Nietzsche prophezeiten Herausforderungen meistern zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir uns statt dieser Substitute Gesellschaften schaffen, die es uns erm\u00f6glichen, unser Leben ohne \u00fcbernat\u00fcrliche Autorit\u00e4t, ohne einen Gott zu leben:<em> \u201eEven if God is dead \u2013 especially if God is dead \u2013 we may still need sacraments.\u201c<\/em> (Larry Harvey ) Jeder erfolgreiche Prozess beginnt also, so die Apologeten des New Age Reloaded, nicht mit n\u00fcchterner Intellektualit\u00e4t oder grauer Theorie, sondern mit der Gemeinschaft und den Ritualen, die diese Gemeinschaft aufrechterhalten: <em>\u201eNot fixed points in an eternal firmament, but moments of immanent and transcendence (&#8230;) give us experiences of spirit and soul.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die neue Zeit, so ihre Prediger, scheint nun gekommen. Die menschliche Gemeinschaft wird in ihr nicht mehr durch das definiert, was wir glauben, sondern durch das, was wir gemeinsam tun: Burning Man als radikal neue Art der Religion. Gottlos. Reine Spiritualit\u00e4t. Ein Momentum der Immanenz und Transzendenz, bestimmt von gemeinsamen Gr\u00fcnden, Aktivit\u00e4ten, Ritualen und den Erfahrungen von Geist und Seele. Und dabei liefert uns, so CPO Larry Harvey, das Burning Man Ritual als Radical Ritual <em>\u201every nearly textbook examples of religious experience\u201c.<\/em><\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"11\">\n<li>Im Burning Man Festival wird die Vision einer Religion ohne Gott und Glaube, ohne Autorit\u00e4t, Hierarchie und Kommerz gelebt. Einer Religion, die allein aus dem Radical Ritual besteht, mit dem sich die Mitglieder als Gemeinschaft konstituieren. So das Mantra ihrer geistigen V\u00e4ter, die sich ungeachtet der demonstrativ unreligi\u00f6sen Religion, die sie predigen, durchg\u00e4ngig einer sakralen Sprache bedienen, um die eigene Sache gezielt zu sakralisieren. Da wird der nach-konfessionelle heilige Bezirk des Tempels beschworen, in dem sich in einer postmodernen Wallfahrt eine Erlebnisgemeinschaft entwickeln kann, die nicht dem Diktat einer kirchlichen Autorit\u00e4t unterliegt. Und man wendet sich dort dem \u201aMedia Mecca\u2019 ebenso zu wie vom \u201aNightlife in the Sacred City\u2019 geschw\u00e4rmt wird: <em>\u201ewhere magic happens\u201c.<\/em><em><br \/>\n<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ziel ist es, dass der Einzelne seiner rationalen Denkstruktur vorerst entsagt und im kollektiv-ritualisierten religi\u00f6sen Erleben eine egalit\u00e4re, spirituelle Gemeinschaft konstituiert. Selbstvergessen soll er so Teil der Community werden. In ihr aufgehen. Damit einher geht sein Schritt aus der individuellen Freiheit in die Unfreiheit. Der ihm jedoch die Furcht vor der Freiheit nimmt: die Furcht, sein Leben eigenverantwortlich leben zu m\u00fcssen. Denn nun ist es die Masse, die Gemeinschaft, die Sharing-Community, durch die er seine F\u00fchrung erf\u00e4hrt. Hier gibt es keine konkrete individuelle Verantwortung mehr, nur noch die diffuse des Kollektivs. Und wo nur noch kollektive Verantwortung besteht, muss sich keiner mehr pers\u00f6nlich f\u00fcr etwas verantwortlich f\u00fchlen. Alles ist vergemeinschaftet, auch die Verantwortung. Mithin wird die innere Kontrolle wieder durch \u00e4u\u00dfere Verbindlichkeit ersetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies entspricht, obgleich ganz anders intendiert, strukturell der entzivilisierten Gesellschaft, die f\u00fcr alle und alles absolut g\u00fcltige Normen setzt und, im schlimmsten Fall, die Barbarei zur R\u00fcckkehr einl\u00e4dt (Norbert Elias).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>12.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu behaupten, es g\u00e4be keinen Gott, keine h\u00f6heren M\u00e4chte oder gar Autorit\u00e4ten mehr, bedeutet nicht, dass dem auch so ist: Wer die kollektive Konstitution einer Gemeinschaft durch gleichgerichtete intentionale Handlungen predigt, die im Rahmen betont nicht-rationaler, esoterisch-magischer Rituale und Kulte stattfindet, muss sich zum einen dar\u00fcber im Klaren sein, dass sich daraus ungeahnte kausale, nicht-intendierte Konsequenzen ergeben k\u00f6nnen, die den sicherlich bestehenden guten Absichten vollends zuwiderlaufen \u2013 der US-amerikanische Soziologe Robert K. Merton beschrieb dieses Ph\u00e4nomen als das <em>\u201aGesetz der unbeabsichtigten Folgen\u2019<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum anderen muss man sich auch dar\u00fcber im Klaren sein, dass solche Rituale dazu neigen, den Mythos wieder zum Leben zu erwecken und damit das Ende der Aufkl\u00e4rung, die Aufgabe der Individualit\u00e4t und die Lobpreisung der <em>\u201ek\u00fcnstlichen Masse\u201c <\/em>(Freud) einzul\u00e4uten. Die zeichnet sich erstens dadurch aus, dass sie ihren Mitgliedern einen verbindlichen Werterahmen an die Hand gibt, der ihnen heilsgewisse Orientierung liefert und sagt, was gut und b\u00f6se, was richtig und falsch, was minder-, was hochwertig ist. Zweitens dadurch, dass die Masse als Masse, in diesem Fall: als spirituelle Gemeinde, die fundamentale kulturelle Dichotomie von Innen und Au\u00dfen konstituiert. Von Identifizierung und Abgrenzung. Wir und Ihr. Toleranz und Intoleranz:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: rgb(153, 153, 153);\"><em>Im Grund ist ja jede Religion eine solche Religion der Liebe f\u00fcr alle, die sie umfasst, und jeder liegt Grausamkeit und Intoleranz gegen die nicht Dazugeh\u00f6rigen nahe.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: rgb(153, 153, 153);\">(Sigmund Freud, <em>\u201eMassenpsychologie und Ich-Analyse\u201c<\/em>)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ein gef\u00e4hrlich naiver Irrglaube wenn wir meinen, wir k\u00f6nnten als Gemeinschaft g\u00e4nzlich ohne Autorit\u00e4t leben: Ohne F\u00fchrung besitzt die Masse ein Vakuum, das danach strebt, ausgef\u00fcllt zu werden. Und sei es eben durch die Gemeinschaft selber, die zwar, wie die Burning Man Community behauptet, ohne Autorit\u00e4t handelt, dabei sich selber aber als Autorit\u00e4t substituiert. Jedoch entspricht ihr kein physisches Pendant: Die \u201aGemeinschaft\u2019 ist eine Universalie, ein Allgemeinbegriff. Sie kann somit faktisch nicht diese Autorit\u00e4t sein. Dies kann nur der sein, der diese Gemeinschaft bildet: der konkrete Mensch. Aber der hat nun mal die unselige immanente Tendenz, nach H\u00f6herem zu streben. Nach Macht. Was im Extrem bedeutet: sich im Besitz der Wahrheit zu w\u00e4hnen und verbindliche Werte f\u00fcr die Mitglieder der Gemeinschaft definieren zu wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne rechtsstaatliche Strukturen, die den unheiligen Neigungen des Menschen Einhalt gebieten, kann auch die wundervollste Utopie schnell zur totalitaristischen Dystopie werden: Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter sch\u00e4lt sich einer heraus. Profiliert sich. Sticht andere aus. Erhebt sich \u00fcber sie. Und die Masse folgt ihm wie die Lemminge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>13.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Primat der \u00d6konomisierung und Verwertbarkeit, die Herrschaft der totalen Berechenbarkeit bestimmt unsere Lebenswelt, unser Denken und Handeln. Auch das Denken und Handeln derer, die von dem Ideal einer besseren, gerechteren Welt und egalit\u00e4ren Gemeinschaft beseelt sind. Auch wenn sie selbst meinen, ihre internalisierte instrumentelle Vernunft so einfach wie einen Mantel an der Garderobe abgeben zu k\u00f6nnen. Sei es, wenn sie selbstvergessen ihren emanzipatorischen Traum vom Personal Computer, vom anarchisch strukturierten Internet, der Sharing-Community oder dem weltverbessernden Algorithmus realisieren. Sei es, wenn sie ihr Verlangen nach dem Numinosen, nicht Erkl\u00e4rbaren, ihre Sehnsucht nach Spiritualit\u00e4t, nach dem Irrationalen und nur im Kollektiv mit Geist und Seele Erlebbaren zu befriedigen suchen, weil ihnen die zweckrationale Welt verst\u00e4ndlicherweise zu kalt, zu abstrakt und zu n\u00fcchtern ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So sympathisch vielleicht das Eine und zutiefst menschlich das Andere ist: Was, wenn man die im Zuge der Aufkl\u00e4rung nahezu vollst\u00e4ndig vollzogene Durchdringung der positivistischen Denkstruktur nicht erkennt, die darin bereits manifestierte Struktur der Herrschaftsverh\u00e4ltnisse ignoriert und seine individuelle, niemals davon g\u00e4nzlich aufzul\u00f6sende systemische und lebensweltliche Gebundenheit partout nicht wahrhaben m\u00f6chte? Und dann doch den Traum von einer antiautorit\u00e4ren, herrschaftsfreien Community tr\u00e4umt und sich zudem einer radikalen Ritualit\u00e4t hingibt, die diesen Traum spirituell maximal \u00fcberh\u00f6ht? In diesem Fall wird Reflexion zwar nicht obsolet, aber nichtig. Erfolgt sie doch in einer selbstreferenziellen Filterblase: Es wird nur im inneren Zirkel diskutiert, Einfl\u00fcsse von au\u00dfen sind nicht vorgesehen. So ist subversive systemische Kritik ausgeschlossen, die Gefahr einer grunds\u00e4tzlichen Infragestellung des gesamten Projekts gebannt: Man \u00fcbereignet sich dem allseits Akzeptierten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da wird auch die technisch affine Generation leichte Beute f\u00fcr die, die diese Naivit\u00e4t f\u00fcr ihre Zwecke zu instrumentalisieren wissen: Bill Gates wusste es, als er seine Programme versilberte statt sie allen zur Verf\u00fcgung zu stellen. Steve Jobs auch, als er den Menschen die Einf\u00fchrung des Macintosh 1984 als Akt der Befreiung von Orwells Dystopie \u201a1984\u2019 verkaufte, die IBM verk\u00f6rperte. Peter Thiel wei\u00df es, weil er die Welt zu einem Ort machen will, wo der Kapitalismus sicher gedeihen kann. Ebenso Mark Zuckerberg, der in sich den Menschen sieht, der der Zivilisation den von Peter Thiel ertr\u00e4umten Mechanismus der Freiheit schenken wird. Und Geoffrey Hinton sowieso, weil er in dem Algorithmus den Stein der Weisen gefunden zu haben glaubt, mit dessen Hilfe die Maschinen einmal ein Eigenleben f\u00fchren werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1884 wurde in London eine elit\u00e4re intellektuelle Bewegung gegr\u00fcndet, die sich dem hehren Ziel verschrieb, die Ideen des Sozialismus weiterzuentwickeln: die \u201aFabian Society\u2019. Sie vertrat einen gesellschaftskritischen Ansatz, f\u00fcr den sich insbesondere viele sozialutopisch gesinnte Intellektuelle der britischen Oberschicht begeisterten. Zu ihnen geh\u00f6rten neben George Bernhard Shaw, Beatrice Webb, Annie Besant auch die Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst, sp\u00e4ter gesellte sich der Philosoph Bertrand Russell hinzu. Ihr gemeinsamer Traum war der von einer besseren Welt, von einer friedlich koexistierenden Weltgemeinschaft, getragen von einer Spezies Mensch, die der bestehenden in jeder Hinsicht \u00fcberlegen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier liegt der Schl\u00fcssel f\u00fcr den parallelen Bestand von Ansichten, der uns heute die Sprache verschl\u00e4gt. Viele dieser Intellektuellen waren gleicherma\u00dfen von den Ideen des Liberalismus und Sozialismus beseelt wie vom Geist des Sozialdarwinismus infiziert. <em>\u201aSurvival of the fittest\u2019<\/em>. Dieser Slogan des britischen Philosophen und Soziologen Herbert Spencer war ihnen eine ganz selbstverst\u00e4ndliche, v\u00f6llig unkritisch perpetuierte Vorstellung: Die Veredlung der menschlichen Rasse nicht allein durch Erziehung und Bildung, sondern durch nat\u00fcrliche Selektion. Und, um die Sache etwas zu beschleunigen: durch gezielte Anwendung der Erbgesundheitslehre, der Eugenik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein prominentes Mitglied dieser Fabian Society, der Schriftsteller und bekennende Sozialist H. G. Wells, Autor der Science-Fiction-Klassiker<em> \u201aDer Krieg der Welten\u2019 <\/em>und<em> \u201aDie Zeitmaschine\u2019, <\/em>war, wie viele andere Mitglieder auch, ein gl\u00fchender Anh\u00e4nger dieser Lehre. Er hielt<em> \u201e<\/em><em>die Sterilisierung von Versagern f\u00fcr sinnvoller als Erfolgreiche st\u00e4rker zu vermehren\u201c. <\/em>Und schrieb: \u201e<em>Jene Schw\u00e4rme von schwarzen, braunen sowie von gelben V\u00f6lkern m\u00fcssten weichen, weil sie den Erfordernissen der Effizienz nicht entsprechen, denn schlie\u00dflich ist die Welt keine karitative Institution.\u201c <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>&nbsp;<\/em>Ausgehend von diesem rein nutzendefinierten Axiom einer naiven humanistischen Weltbegl\u00fcckung war der Genozid f\u00fcr Wells eine n\u00fcchterne, sozial legitimierte Etappe auf dem langen Weg der Menschheit hin zum Ziel, eine bessere Welt zu erschaffen: <em>\u201eWenn die Minderwertigkeit einer Rasse demonstriert werden kann, dann gibt es nur eines [&#8230;] zu tun \u2013 und dies ist, sie auszurotten.\u201c <\/em>Hier ahnt man sie nicht nur, hier wird sie einem sprachlich explizit auf der Silbertablett serviert: die N\u00e4he einer durchaus humanistischen, aber unreflektierten Gesinnung zum Grauen nationalsozialistischer Rassenhygiene.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinem 1914 erstmals erschienenen, geradezu prophetischen Roman \u201a<em>Befreite Welt\u2019<\/em> <em>(The World Set Free<\/em>) entwickelte Wells eine Utopie in der Dystopie: Er beschreibt die Entdeckung einer neuartigen Energiequelle von titanischem Format, die das Ende des Kohle- und Stahlzeitalters einl\u00e4utet und dabei, ungewollt, einen globalen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Struktur&shy;wandel ausl\u00f6st, der den Gro\u00dfteil der Menschheit ins soziale Abseits bef\u00f6rdert \u2013 die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kernenergie\">Kernenergie<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Moralisch verwerfliche Intentionen k\u00f6nnen fruchtbare Auswirkungen haben (ein Ph\u00e4nomen, das als \u201aMandeville-Paradox\u2019 bekannt ist). Umgekehrt k\u00f6nnen aber auch tugendhafte Intentionen furchtbare Konsequenzen haben. So wie in diesem Fall: Mit der Entwicklung der Kernenergie geht bei Wells nicht allein ein verheerender Strukturwandel einher, sondern auch die Entwicklung der Atombombe. Und was m\u00f6glich ist, das wissen wir aus der Geschichte, wird irgendwann wahrscheinlich: Die Waffe ist in der Welt. Also ist es nur eine Frage der Zeit, wann sie auch zum Einsatz kommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Katastrophe bricht mit geradezu unausweichlicher Zwangsl\u00e4ufigkeit \u00fcber die Menschheit herein, die Welt versinkt in einem Atomkrieg apokalyptischen Ausma\u00dfes: Ihre Vernichtung ist, ob nun absehbar oder nicht, logisches resp. wahrscheinliches, aber nicht-intendiertes Resultat intentionaler Handlungen \u2013 die Kernenergie wurde von Menschen in die Welt gesetzt, um sie besser zu machen, nicht aber, um sie zu destabilisieren oder gar zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wells entwickelte aus diesem dystopischen Szenario die blendende Utopie einer sch\u00f6nen neuen Welt: In kl\u00f6sterlicher Abgeschieden&shy;heit der Alpen finden sich Gelehrte und Politiker jenseits aller nationalen Egoismen zusammen, um die Probleme der Welt unter der universalen Herrschaft der Vernunft in Eintracht zu l\u00f6sen. Diese f\u00fchrt zum evolution\u00e4ren Endsieg des besseren Menschen, dem \u00dcbermenschen von Nietzsche\u2019schem Format: In einem medizinischen Zentrum im fernen Himalaya begl\u00fcckt die Wissenschaft, entr\u00fcckt von allem Weltlichen, bis in alle Zukunft als grundg\u00fctige oberste Instanz f\u00fcrderhin die Menschheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was f\u00fcr uns heute so befremdlich klingt, ist doch ganz vertraut. Nicht allein, weil auch der bekennende Nationalist Steve Bannon, ein Rechtspopulist mit ausgewiesenem Faible f\u00fcr Lenin, von der v\u00f6lligen Zerschlagung staatlicher Ordnung als ideale Ausgangslage f\u00fcr den Aufbau einer sch\u00f6nen neuen Weltordnung schwadroniert, sondern weil uns auch Mark im Januar sein pers\u00f6nliches Weltbegl\u00fcckungsszenario offenbarte \u2013 das Zuckerberg-Manifest <em>\u201eTo our community\u201c<\/em>:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: rgb(153, 153, 153);\"><em>\u201eUnsere gr\u00f6\u00dften Chancen sind heute global. (&#8230;) Der Fortschritt verlangt, dass die Menschheit nicht mehr nur in St\u00e4dten und Nationen zusammenfindet \u2013 sondern in einer Weltgemeinschaft. (&#8230;) In Zeiten wie diesen gibt es f\u00fcr uns bei Facebook nichts Wichtigeres zu tun, als eine soziale Infrastruktur zu entwickeln, die den Menschen erlaubt, eine Weltgemeinschaft zu schaffen, die f\u00fcr uns alle funktioniert.\u201c<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz so dramatisch wie bei Wells und Bannon ist die Ausgangslage bei Zuckerberg nicht. Aber in einem Punkt treffen sie sich: Bei allen haben wir es mit einer Elite, einer auserw\u00e4hlten Gruppe von Menschen zu tun, die die Prinzipien entwerfen,<em> \u201enach denen unsere Gesellschaft funktionieren soll\u201c<\/em>, so Thomas Schulz in seiner SPIEGEL-Titelstory. Die, die diese Vision haben, sehen in sich nat\u00fcrlich auch jene Auserw\u00e4hlte, die befugt und bef\u00e4higt sind, sie umzusetzen. Das ist hier nicht anders: Der Algokrat von Facebook meint, die Menschheit mit einer globalen sozialen Infrastruktur nach seinem Gusto begl\u00fccken zu m\u00fcssen, die unseren Planeten zu einer Insel der Gl\u00fcckseligen machen wird. V\u00f6llig altruistisch nat\u00fcrlich, ohne jedes \u00f6konomische Eigeninteresse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie ehedem die Mitglieder der Fabian Society, so glaubt auch ein Gro\u00dfteil der Algokraten des Silicon Valley <em>\u201eheute an ihre Mission, die Zivilisation voranzubringen\u201c<\/em> (Thomas Schulz). Programmieren f\u00fcr eine bessere Welt: Die Hohepriester der digitalen Transformation \u00fcbernehmen nicht allein, was an sich ja lobenswert w\u00e4re, gesellschaftliche Verantwortung \u2013 sie hypertrophieren diese Verantwortung. So sehen sich ausgerechnet die, die beseelt sind vom Glauben an den Algorithmus als alternativlose Quintessenz der Aufkl\u00e4rung, in ihrem missionarischen Eifer in der Rolle als finale Heilsbringer der Menschheitsgeschichte: <em>\u201eWir m\u00fcssen die Infrastruktur bauen, damit die Zivilisation die n\u00e4chste Stufe erreicht und wir die Stammesfehden der Gegenwart hinter uns lassen k\u00f6nnen.\u201c <\/em>(Mark Zuckerberg, <em>To our community<\/em>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>&nbsp;<\/em>Zuckerberg und die anderen Apostel der digitalen Weltreligion glauben sich aktiv einschalten zu m\u00fcssen, weil die Technologie bedeutend schneller voranschreitet als die Politik reagieren kann, zumal diese oftmals nicht wei\u00df, wie sie reagieren soll. Aber einer muss ja, so der moralisch begr\u00fcndete Impetus, verhindern, dass die Menschheit den Anschluss an die Digitalisierung verliert. Und wir, wie in Wells dystopischer Utopie, mit Konsequenzen konfrontiert werden, die niemand intendiert hat, die sich aber kausal aus der technologischen Entwicklung ergeben. Geht es Zuckerberg nach eigener Aussage um den Aufbau einer zeitgem\u00e4\u00dfen Infrastruktur, die unsere globale Zivilisation auf ein geradezu \u00fcbermenschliches Niveau hebt und damit ihr \u00dcberleben sichert, so verfolgen Forscher und Unternehmer wie Stephen Hawking, Bill Gates, Sam Altman oder Peter Thiel einen anderen Ansatz. Denn sie umtreibt der Gedanke, dass die Menschheit am Ende ihr Dasein als sklavischer Diener der von ihr selbst erschaffenen, selbst lernenden und selbst verbessernden Maschinen fristen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Gruppe, Initiatoren des Non-Profit Forschungszentrums \u201aOpenAI\u2019 (AI \u2013 Artificial Intelligence), will uns vor dieser Apokalypse bewahren. Hier g\u00e4be es keinen Odysseus mehr, der gefesselt dem Gesang der Sirenen lauschen w\u00fcrde. Hier g\u00e4be es nur noch uns, die Geknechteten, die sich zeitlebends dumpf in die Riemen zu legen haben. Ohne Aussicht auf Erl\u00f6sung f\u00fcr Menschheit und Zivilisation. Und dummerweise auch ohne jede Chance darauf, seinen eigenen \u00f6konomischen Erfolg in Freiheit auszukosten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>16.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die verwegendste Idee f\u00fcr ein globales Rettungsprogramm stammt dabei vom Tesla-Chef Elon Musk, der uns alle, bevor es endg\u00fcltig zu sp\u00e4t ist, zu Cyborgs mutieren lassen will: Mit Hilfe implantierter neuronaler Chips sollen sie\/wir zuk\u00fcnftig imstande sind, die Maschinen mit ihren\/unseren Gedanken zu steuern, damit nicht sie uns eines Tages steuern werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Grat, auf dem er wandert, um die Menschheit zu retten, ist jedoch ein ganz schmaler. Denn hier ist, vielleicht ungewollt, der Schritt vom Transhumanismus zum Posthumanismus und damit die radikale und finale Transformation der Zivilisation als menschlicher Lebensform und der Spezies Mensch in ein Hybrid gedanklich bereits vollzogen. Rationalit\u00e4t wird da nicht mehr vom Menschen, sondern von der Maschine aus gedacht. Ganz so, wie es der britische Philosoph der neoreaktion\u00e4ren Bewegung, Nick Land, propagiert: Der vom Menschen abgekoppelte Algorithmus w\u00e4re endg\u00fcltig das Ma\u00df aller Dinge, nicht mehr der Mensch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das <em>\u201eposthumanistische Zeitalter\u201c<\/em> (Ray Kurzweil) w\u00e4re angebrochen, in dem die Kreaturen, die wir geschaffen haben, die ewige Herrschaft \u00fcbernommen h\u00e4tten (ob sich Horkheimer\/Adorno dieses Szenario wohl als finale furioso der Aufkl\u00e4rung h\u00e4tten tr\u00e4umen lassen?). Aber auch diese Wei\u00dfen Ritter der Menschheit lassen keinen Zweifel daran, dass die rein nutzenorientierte Weltsicht, diese vollst\u00e4ndig von der Ma\u00dfgabe der Produktivit\u00e4t und Funktionalit\u00e4t beherrschte Denkstruktur, die einzig richtige ist. Ja: die einzig m\u00f6gliche. V\u00f6llig alternativlos. Auch sie setzen so ganz unbefangen den zweckrationalen Blick absolut. Perpetuieren die Herrschaft der instrumentellen Vernunft, die sich verselbst\u00e4ndigt zu haben scheint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ungeachtet ethischer Fragestellungen und m\u00f6glicher unbeabsichtigter Konsequenzen wird in den diversen kalifornischen Think Tanks mit einem geradezu messianischen Sendungsbewusstsein an den biotechnischen Grundlagen f\u00fcr eine vermeintlich h\u00f6here Zivilisationsstufe der Menschheit gearbeitet. So gr\u00fcbelt in Facebooks Innovationslab \u201aBuilding 8\u2019 die aus der milit\u00e4risch-industriellen Wissenschaft stammende ehemalige Leiterin der Abteilung f\u00fcr innovative Forschung bei Google, Regina Dugan, mit ihrem Team \u00fcber die Technologie, W\u00f6rter per Gedanken\u00fcbertragung von Computern schreiben zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das kalifornische Unternehmen \u201aUnity Biotechnology\u2019, finanziert unter anderem von Jeff Bezos und Peter Thiel, r\u00fcckt unter dem Slogan \u201eAge Different\u201c sogar niemand geringerem als dem Tod auf den Leib: <em>\u201eIch bek\u00e4mpfe ihn lieber\u201c,<\/em> so Peter Thiel. Eine Kampfansage, die auch Google an den Tod gerichtet hat: Google gr\u00fcndete 2013 die Forschungsabteilung \u201aCalico\u2019 mit dem Auftrag, den Code der Alterung zu knacken. Ein Auftrag, dem sich auch die SENS Foundation verschrieben hat, eine Non-Profit Organisation in Mountain View unter der Leitung des schillernden britischen Bioinformatikers Aubrey de Grey, der das Altern rein <em>\u201e<\/em><em>auf ung\u00fcnstige biochemische Prozesse zur\u00fcckf\u00fchrt, die durch gezieltes Beeinflussen gestoppt oder umgekehrt werden k\u00f6nnen\u201c.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie alle handeln sicherlich nur in bester Absicht, glauben vielleicht wirklich an das Gute im Menschen. Doch leider sind sie damit ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will \u2013 und bisweilen eben auch das B\u00f6se schafft. Oder es zumindest nicht verhindert. Denn das B\u00f6se lauert nicht im System. Das ist immer wertneutral. Es lauert im Menschen. Und es gibt nun einmal immer jemanden, der das, was in bester Absicht erschaffen wurde, f\u00fcr seine dunklen Zwecke instrumentalisiert. In diesem Fall ist es die posthumanistische neoreaktion\u00e4re Bewegung im Silicon Valley, die mit keinem geringeren Anspruch antritt als den, <em>\u201edie Rationalit\u00e4t, die als emanzipatorisches Fortschrittsprojekt angetreten war, neu zu programmieren\u201c<\/em>, so Mark Siemons in der F.A.S.: Sie ist es, die die noch recht abstrakt erscheinende Gefahr der K\u00fcnstlichen Intelligenz, die keine anderen Wertvorstellungen perpetuiert als die der Nutzwerte, in eine greifbare, konkrete Gefahr verwandelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nietzsche. Immer wieder Nietzsche. Als Spiritus rector ist er allgegenw\u00e4rtig. Im Guten wie im B\u00f6sen. Damit dokumentiert er leibhaftig, wie schmal der Grat ist, auf dem sich die Vertreter des humanistischen Ideals von der Evolution der Menschheit hin zu einer h\u00f6heren Zivilisationsstufe bewegen. Auf seinen Zenit zu, wo der Mensch sich selbst <em>\u201edurch Verwirklichung neuer M\u00f6glichkeiten (&#8230;) \u00fcberwindet\u201c<\/em> (Julian Huxley) und dabei den \u00dcbermenschen gebiert (oder ist es, wenn dieser Berg krei\u00dft, vielleicht doch nur eine Maus?).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Umfeld der Fabian Society war Nietzsche ebenso pr\u00e4sent wie im Nationalsozialismus. Auch Horkheimer und Adorno beriefen sich auf ihn als den <em>\u201eunerbittlichen Vollender der Aufkl\u00e4rung\u201c<\/em><em>.<\/em> Ebenso die New Age Bewegung. Der Transhumanismus, ihr f\u00fchrender Vertreter war Julian Huxley, der Bruder des Schriftstellers Aldous Huxley (\u201aSch\u00f6ne neue Welt\u2019), Humanist, Menschenrechtler, Biologe, Atheist, erster UNESCO-Generalsekret\u00e4r und Eugeniker (sic!), tut es heute noch. Wie auch der Posthumanismus, der die Ansicht vertritt, die Evolution der Menschen sei an ihr Ende gekommen und allein im Durchgang der \u201aTechnologischen Singularit\u00e4t\u2019 (laut Geoffrey Hinton die Phase, in der die sich stetig selbst verbessernde K\u00fcnstliche Intelligenz der Computersysteme der menschlichen \u00fcberlegen zeigt) ein neues Stadium der Menschheit und Zivilisation erreicht werden kann. Beim \u201aBurning Man Festival\u2019 schwebt Nietzsche \u00fcber allem. Nicht anders bei den radikalen Neoreaktion\u00e4ren um Nick Land, ehedem ein linker Theoretiker, der einst, wie Mark Siemons schreibt, <em>\u201eden Kapitalismus durch dessen Beschleunigung zu \u00fcberwinden\u201c<\/em> gedachte. Heute re\u00fcssiert er als Posthumanist, der die menschliche Geschichte durch die <em>\u201etechno-kommerzielle Singularit\u00e4t\u201c<\/em> neu schreiben will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Transhumanismus ist eine philosophische Denkrichtung, die die Grenzen menschlicher M\u00f6glichkeiten, ob intellektuell, physisch oder psychisch, im Sinne einer <em>\u201eVerpflichtung zum Fortschritt\u201c<\/em> der Zivilisation durch den Einsatz technologischer Verfahren erweitern will. Julian Huxley, Vertreter eines evolution\u00e4ren Humanismus und Namensgeber dieser Konzeption, sprach sich f\u00fcr eine <em>\u201ewissenschaftliche Religion\u201c <\/em>aus. Eine Religion ohne Gott und Offenbarung, die den Menschen als h\u00f6chstem Produkt der Evolution dazu bef\u00e4higt, eben diese Evolution wissenschaftlich zu kontrollieren und die menschliche, soziale und kulturelle Entwicklung durch eugenische Eingriffe wie die Gentechnik \u00fcber den Punkt hinaus zu f\u00fchren, der eigentlich menschenm\u00f6glich ist (was Bruder Aldous wohl dazu gesagt hat?).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Silicon Valley steht ganz in der Tradition eben dieser transhumanistischen Philosophie und einer aus ihrer Sicht g\u00e4nzlich positiv aufgefassten Eugenik. Drum kn\u00fcpft auch die gesamte Forschung zur Anwendung neuer und k\u00fcnftiger Technologien an das humanistische Ideal von der Sicherung des Wohls des Menschengeschlechts an. Sei es in der Nanotechnologie, der Gentechnik oder regenerativen Medizin, sei es bei der Entwicklung der Superintelligenz und Erforschung von Gehirn-Computer-Schnittstellen, um dereinst das Hochladen des menschlichen Bewusstseins in digitale Speicher zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was uns die Wissenschaft und Technologie an radikalen Chancen zur \u00c4nderung und Verbesserung bietet, m\u00fcssen wir erkennen und antizipieren, so das Credo des transhumanistisch gepr\u00e4gten Silicon Valley. Wir m\u00fcssen lernen, von diesen Optionen aus zu denken und nicht von unseren gottgegebenen M\u00f6glichkeiten, die uns allzu enge Grenzen setzen. Gott ist tot, wir haben seine Funktion \u00fcbernommen. Nur dass wir uns mit dieser Substitution nicht mehr in den beklemmenden paradiesischen Grenzen bewegen werden, die uns der alte Herr gesetzt hat, sondern zum absoluten Herrscher \u00fcber Leben und Tod machen, wie es Ray Kurzweil, der Prophet der Singularit\u00e4t, freudig verk\u00fcndet. <em>\u201e<\/em><em>Gemeint ist\u201c,<\/em> so Heike Buchter und Burkhard Stra\u00dfmann in der ZEIT, <em>\u201edie Ankunft des wahren Erl\u00f6sers \u2013 der lang ersehnte Triumph der k\u00fcnstlichen Intelligenz \u00fcber die menschliche. Die Singularit\u00e4t ist der Zeitpunkt, an dem die k\u00fcnstliche Intelligenz die Kontrolle \u00fcber das Schicksal der Erde \u00fcbernimmt.\u201c <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>&nbsp;<\/em>Damit w\u00e4re das finale Stadium der Evolution erreicht. Die Herrschaft des Algorithmus als oberste Autorit\u00e4t, die einhergeht mit dem Verlust menschlicher Autonomie. Als Gegenleistung erhalten wir unendliches Bewusstsein, eingebettet in einem k\u00fcnstlichen Gehirn. Inkl. einer ewigen Sicherheitskopie mit Unsterblichkeitsgarantie:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: rgb(153, 153, 153);\">\u201e<em>Wenn wir die gesamte Materie und Energie des Weltalls mit unserer Intelligenz ges\u00e4ttigt haben, wird das Universum erwachen, bewusst werden \u2013 und \u00fcber phantastische Intelligenz verf\u00fcgen. Das kommt, denke ich, Gott schon ziemlich nahe.<\/em>\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: rgb(153, 153, 153);\">(Ray Kurzweil)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist dies die messianische Vision des dem Transhumanismus entwachsenen Posthumanismus: Die biologische Menschheit hat den Gipfel ihrer Evolution l\u00e4ngst erreicht. Nichts geht mehr. Wollen wir die n\u00e4chsth\u00f6here Entwicklungsstufe intelligenten Lebens erklimmen, m\u00fcssen wir in ein Zeitalter nach der Menschheit eintreten. Dort liegt die Evolution aber nicht mehr in unseren H\u00e4nden, sondern in denen einer K\u00fcnstlichen Intelligenz, die uns in allem \u00fcberlegen ist. Das Ideal einer solchen, unser aller Vorstellungsf\u00e4higkeit sprengenden Superintelligenz hat der britische Mathematiker und Kryptologe Irving John Good bereits 1965 formuliert:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: rgb(153, 153, 153);\"><em>\u201eEine ultraintelligente Maschine sei definiert als eine Maschine, die die intellektuellen F\u00e4higkeiten jedes Menschen, und sei er noch so intelligent, bei weitem \u00fcbertreffen kann. Da der Bau eben solcher Maschinen eine dieser intellektuellen F\u00e4higkeiten ist, kann eine ultraintelligente Maschine noch bessere Maschinen bauen; zweifellos w\u00fcrde es dann zu einer explosionsartigen Entwicklung der Intelligenz kommen, und die menschliche Intelligenz w\u00fcrde weit dahinter zur\u00fcckbleiben. Die erste ultraintelligente Maschine ist also die letzte Erfindung, die der Mensch zu machen hat.\u201c<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es mag sein, dass durch den damit verbundenen technologischen Fortschritt die Dauer der menschlichen Lebenserwartung bis zur biologischen Unsterblichkeit erweitert werden kann. Aber was haben wir davon? Die Algorithmen werden weit intelligenter, schneller, effektiver und widerspruchsfreier agieren als wir Menschen. Sie werden Selbstbewusstsein entwickeln, \u00fcber eine Identit\u00e4t und freien Willen verf\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u00dcbernahme realer Macht w\u00e4re dann, so der israelische Historiker Yuval Noah Harari in seinem Buch \u201a<em>Homo Deus\u2019\u201a<\/em> nur noch eine Frage der Zeit. Der einst von uns selbst ins digitale Leben gesetzte Algorithmus w\u00e4re jener \u00dcbermensch, der uns minderbegabten Wesen paternalisch sagen wird, was wir zu tun und lassen haben. Was gut, richtig, angemessen und f\u00f6rderlich ist. Und wenn wir nicht systemisch angemessen funktionieren \u2013 sei\u2019s drum. Dann wird uns der unsterbliche Algorithmus eben den Stecker ziehen. Schon aus rein systemimmanenten Gr\u00fcnden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: rgb(153, 153, 153);\"><em>\u201eAls Cyborg ewig leben.\u201c <\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist das, was Florian R\u00f6tzer 1997 in einem SPIEGEL special noch als Zukunftsvision beschrieb, wirklich der einzige Weg, um die Herrschaft der Maschine \u00fcber den Menschen noch zu verhindern? Diese These von Elon Musk wurde in Europa Anfang des letzten Jahrhunderts schon einmal euphorisch begr\u00fc\u00dft: Filippo Tommaso Marinetti, ideologischer Kopf der protofaschistischen Futuristen, propagierte im Geschwindigkeitsrausch der Automobilisierung bereits damals die Menschmaschine, die vollst\u00e4ndige<em> \u201eIdentifizierung des Menschen mit dem Motor&#8220;. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eben jene Futuristen begeisterten sich zudem an den von dem franz\u00f6sischen Chirurgen und Biologen Alexis Carrel 1908 erstmals vorgelegten Ergebnissen zur Organtransplantation, die sie emphatisch als die \u201e<em>Zukunft des neuen Menschen\u2019<\/em>\u201c priesen, in der dieser in ein mechanisches Wesen transformiert wird \u2013 eine vision\u00e4re Vorstellung, die der australische Schriftsteller Max Barry 2012 in seinem Roman \u201a<em>Maschinenmann\u2019 <\/em>wieder aufleben lie\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>&nbsp;<\/em>Dass sich Alexis Carrel als eingefleischter Eugeniker begeistert zu den rassehygienischen Ma\u00dfnahmen der Nationalsozialisten \u00e4u\u00dferte und von der \u00dcberlegenheit der <em>\u201ewei\u00dfen Rassen\u201c <\/em>zutiefst \u00fcberzeugt war, ist kaum verwunderlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Grat, der humanistische Ideale von rassistischen Theoremen trennt, ist schmaler, als so manchem lieb sein d\u00fcrfte \u2013 jeder Sozialutopie, die von einem wie auch immer gearteten Fortschritt der Zivilisation und Menschheit tr\u00e4umt, wohnt eine gef\u00e4hrliche Ambivalenz inne. Das hat nicht nur die kommunistische Idee leidvoll erfahren m\u00fcssen. Eine jede Intention kann zu unbeabsichtigten kollektiven, kausalen und nicht-intendierten Konsequenzen f\u00fchren wie auch ein jedes Ideal als geistige Man\u00f6vriermasse von Gruppierungen vereinnahmt werden kann, die auf Basis diametral entgegengesetzter Axiome mit diesem Ideal g\u00e4nzlich andere Intentionen verfolgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine neoreaktion\u00e4re Gang junger Intellektueller um den Software-Ingenieur Curtis Yarvin alias Mencius Moldbug, \u201aNRx\u2019, hat die kruden, aber an sich wertneutralen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">posthumanistischen Visionen Ray Kurzweils und Geoffrey Hintons okkupiert, um sie als Mittel zum Zweck der Implementierung ihres rassistisch-autorit\u00e4ren Weltbildes zu nutzen. Die rein funktional definierte Rationalit\u00e4t des Algorithmus, den der Mensch selber erschaffen hat, wird anstelle der umfassenden Rationalit\u00e4t des Menschen zum Ma\u00df der Dinge erhoben: Es geht den esoterischen Apologeten einer digitalen Autokratie darum, diese Maschinenintelligenz zu antizipieren und so <em>\u201edie menschliche Vernunft zu ver\u00e4ndern\u201c<\/em>. Diese \u00dcbernahme der Perspektive und ihre Absolutsetzung f\u00fchrt, wie Mark Siemons konstatiert, die Rationalit\u00e4t als \u201e<em>emanzipatorisches Fortschrittsprojekt<\/em>\u201c geradewegs dialektisch <em>\u201ein eine totalit\u00e4re Dystopie\u201c<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Neoreaktion\u00e4re von Curtis Yarvin bis Nick Land hat sich die Demokratie als <em>\u201edysfunktionales System<\/em>\u201c disqualifiziert. Nicht nur bei dem amerikanischen Philosophen Jason Brennan, auch bei ihnen steht Platons Staatstheorie wieder hoch im Kurs: Nur die Intelligentesten d\u00fcrfen an der Herrschaft beteiligt werden. Und Intelligenz ist nat\u00fcrlich, so ihr rassistisches Dogma, unter den Ethnien ungleich verteilt, da genetisch bedingt. Was wiederum als ultimative Legitimation sozialer und \u00f6konomischer Ungleichheit dient.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein allzu beklemmendes Szenario? Ja, vielleicht. Die renommierte US-amerikanische Tageszeitung \u201aPolitico\u2019 berichtete unl\u00e4ngst, so Mark Siemons, Steve Bannon, \u201afrontman\u2019 der Alt-Right-Bewegung und Chefberater Donald Trumps, habe sich mit eben jenem neoreaktion\u00e4ren Curtis Yarvin zu einem Gedankenaustausch getroffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was tun?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong> von Stefan Oehm, KUNO 2018<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a class=\"thickbox\" id=\"set-post-thumbnail\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44273&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"150\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignright\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/KUNO-e1505588144923.jpg\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <i>Essays <\/i>von Stefan Oehm auf KUNO kann man als eine Reihe von Versuchsanordnungen betrachten, sie sind undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Er betrachtet diese Art des Textens als Medium und Movens der Reflektion in einer Zeit, die einem bekannten Diktum zufolge ohne verbindliche Meta-Erz\u00e4hlungen auskommt. Der Essay ist ein Forum des Denkens nach der gro\u00dfen Theorie und schon gar nach den gro\u00dfen Ideologien und Antagonismen, die das letzte Jahrhundert beherrscht haben. Auf die offene Form, die der Essayist bespielen muss, damit dieser immer wieder neu entstehende \u201eintegrale Prozesscharakter von Denken und Schreiben\u201c auf der \u201eB\u00fchne der Schrift\u201c in Gang gesetzt werden kann, verweist der Literaturwissenschaftler Christian Sch\u00e4rf. Im Essay geht die abstrakte Reflexion mit der einnehmenden Anekdote einher, er spricht von Gef\u00fchlen ebenso wie von Fakten, er ist erhellend und zugleich erhebend. Daher verleihen wir Stefan Oehm den KUNO-Essaypreis 2018.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Exkursion Heimat. Herz. Ehre. Stolz. Seele. Sehnsucht. Die K\u00f6pfe der Menschen sind derzeit voll mit solch irrationalen und emotional aufgeladenen Begrifflichkeiten. 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