{"id":44277,"date":"2018-07-02T00:01:03","date_gmt":"2018-07-01T22:01:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44277"},"modified":"2019-01-16T07:27:33","modified_gmt":"2019-01-16T06:27:33","slug":"unuebliche-gedanken-zur-kunst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/07\/02\/unuebliche-gedanken-zur-kunst\/","title":{"rendered":"Un\u00fcbliche Gedanken zur Kunst"},"content":{"rendered":"<div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Vorbemerkung der Redaktion:<\/span> \u00dcber Kunst wird viel geschrieben. In den Feuilletons, in Fachzeitschriften, kunsthistorischen Seminaren, kulturpolitischen Aussch\u00fcssen oder in Kommissionen zum Thema \u201aKunst als Wirtschaftsfaktor\u2018. Aber wann wird einmal ganz grunds\u00e4tzlich \u00fcber Kunst nachgedacht, dar\u00fcber, ob wir, wenn wir \u00fcber Kunst reden, angemessen \u00fcber Kunst reden? &#8211; Wir streiten zwar wie die Kesselflicker \u00fcber Kunst, jeder hat seine ganz eigene Ansicht zu ihr. Aber alle Diskursteilnehmer verhalten sich dabei so, als g\u00e4be es eine Art geheimen, unausgesprochenen Konsens, eine interkulturelle, \u00fcberzeitliche Schnittmenge, die sicherstellt, dass dabei alle \u00fcber das Gleiche reden. Stefan Oehm hat da so seine Zweifel. Ob wir angemessen \u00fcber das reden, was alle Welt \u201aKunst\u2018 nennt. Ob das, wor\u00fcber alle Welt redet, \u00fcberhaupt etwas mit Kunst zu tun hat. Ob das, wor\u00fcber alle Welt redet, von denen, die dar\u00fcber reden, \u00fcberhaupt expliziert werden kann. Ob alle, die \u00fcber Kunst reden, wissen wor\u00fcber sie reden. Ob alle, die miteinander \u00fcber Kunst reden, auch \u00fcber das Gleiche reden. Oder ob nicht vielleicht manche meinen, sie reden, wenn sie \u00fcber Kunst, \u00fcber etwas, wo sie doch eigentlich \u00fcber nichts reden, aber keiner sich traut, das ihnen mal \u00f6ffentlich zu sagen, weil man Angst hat, sich bis auf die Knochen zu blamieren. Um es vorweg zu sagen: Auch KUNO wei\u00df nicht, wor\u00fcber wir reden, wenn wir \u00fcber Kunst reden. Stefan Oehm wei\u00df nur, dass ein gro\u00dfer Teil derer, die \u00fcber Kunst reden, einige grundlegende Erkenntnisse au\u00dfer acht l\u00e4sst. Und \u00fcber genau die m\u00f6chte er in einer Reihe von Essays&nbsp;reden:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>\u201eWas wollt ihr denn noch von der Kunst?\u201c<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Niklas Maak stellt Kulturschaffenden wie Kunstinteressierten in einem bemerkenswerten Artikel in der F.A.S. die Sinnfrage angesichts einer Kunst, die zunehmend mehr in die F\u00e4nge einer globalen \u00d6konomisierung ger\u00e4t. Einer Kunst, die allerdings an dieser Entwicklung nicht ganz unschuldig ist, begibt sie sich doch bisweilen freiwillig dort hinein und beraubt sich, derart kommerziell gleichgeschaltet, weitgehend selbst der ihr innewohnenden Kritikf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wovon spricht man \u00fcberhaupt, wenn man von <em>\u201ader Kunst\u2019 <\/em>spricht? Es scheint, als g\u00e4be es einen geheimen Konsens aller im engeren und weiteren Sinne am Diskurs Beteiligten dar\u00fcber, was <em>\u201adie Kunst\u2019<\/em> ist. Genau dies suggeriert auch die Frage von Niklas Maak. Wobei wir doch sp\u00e4testens seit Wittgenstein wissen: Es ist ein Trugschluss, wenn man meint, beim Gebrauch eines Begriffs von dem exakt gleichen Gebrauch dieses Begriffs bei anderen ausgehen zu k\u00f6nnen. <em>\u201cDie Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.\u201c <\/em>So Wittgensteins Diktum. Und der Gebrauch ist bei jedem, wenn auch vielleicht nur minimal, in der synchronen Betrachtung anders als bei anderen, ja, oftmals ist er sogar bei dem Einzelnen selbst von Gebrauch zu Gebrauch etwas anders \u2013 und in der diachronen Betrachtung potenzieren sich diese unterschiedlichen Gebrauchsweisen, sprich: Bedeutungen, ins Unermessliche.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Kunst ist nicht<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das im Gespr\u00e4ch explizit ber\u00fccksichtigen zu wollen, w\u00fcrde nicht nur das Ende eines jeden Gespr\u00e4chs bedeuten. Es w\u00fcrde ein Gespr\u00e4ch prinzipiell unm\u00f6glich machen. Um also eine Kommunikation grunds\u00e4tzlich zu erm\u00f6glichen, lassen wir im jeweiligen Gebrauch des Wortes den Aspekt der unterschiedlichen Gebrauchsweisen erst einmal au\u00dfer Acht. Stattdessen gehen wir, ganz intuitiv, von einem idealisierten Verst\u00e4ndnis aus, das uns als Bedingung der M\u00f6glichkeit allt\u00e4glicher Kommunikation eine halbwegs kollisionsfreie Verst\u00e4ndigung mit anderen sichert. Wir ignorieren also weitgehend die Bedeutungsunsch\u00e4rfen, die sich aus den individuell verschiedenen Gebrauchsweisen und dem entsprechenden individuellen Verst\u00e4ndnis von den Worten ergeben. Aber manchmal kommt man nun mal nicht umhin, sich auf eine grunds\u00e4tzliche Diskussion \u00fcber die Bedeutung eines Wortes, also seines Gebrauchs in der Sprache, einzulassen. Denn nur dann wird man zum einen sicherstellen k\u00f6nnen, dass man nicht nur die gleichen Worte verwendet, sondern auch halbwegs den gleichen Gebrauch davon macht. Und zum anderen, dass man \u00fcber das, wor\u00fcber man redet, \u00fcberhaupt so reden kann, wie man es tut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eben das ist bei der Kunst der Fall. Denn sie existiert nicht in der Weise, wie ein Stuhl existiert. Oder ein Tisch, ein Auto, ein Bild. <em>\u201aKunst\u2019<\/em> ist ein Allgemeinbegriff, eine Universalie. So wie es der <em>\u201aMarkt\u2019 <\/em>ist, der <em>\u201aMensch\u2019<\/em>, der \u201a<em>Staat\u2019 <\/em>oder die <em>\u201aKirche\u2019<\/em>. Sie alle existieren nur durch uns so wie die Bedeutung eines Wortes nur durch unseren Gebrauch in der Sprache existiert. Wir hypostasieren, nutzen diese Allgemeinbegriffe wie deiktische Begriffe, die sich auf Dinge in der Wirklichkeit beziehen. Wir tun das sinnvollerweise, denn dies erm\u00f6glicht uns eben eine relativ problemlose Verst\u00e4ndigung mit anderen. Aber das darf uns nicht dazu verleiten, anzunehmen, es g\u00e4be diese Dinge wirklich: Allgemeinbegriffe haben kein physisches Pendant, sie beziehen sich nicht auf etwas, was einen sinnlich wahrnehmbaren, real existenten Seinszustand besitzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deshalb gibt es auch <em>die <\/em>Kunst nicht. Zumindest nicht so, wie es uns unser laxer Sprachgebrauch glauben machen m\u00f6chte: als <em>\u201aetwas\u2019<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das Wort, eine platonische Liebe<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum wir aber nur zu gerne von der Kunst so sprechen, als h\u00e4tte sie eine ontologische Existenz, liegt nicht allein an unserer sprach\u00f6konomisch begr\u00fcndeten laxen Redeweise \u2013 wir tun es auch, weil eine solche ontologische Existenz in einer anderer Gebrauchsweise des Wortes in manchen F\u00e4llen tats\u00e4chlich vorliegt: Als <em>\u201aKunst\u2019<\/em> bezeichnen wir auch ein real existierendes Werk<em>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weil Sprache uns gefangen nimmt, sie unsere Wahrnehmung ganz wesentlich pr\u00e4gt, weil diese Art der Deixis uns so viel plausibler erscheint und so viel einfacher zu verstehen ist, \u00fcbertragen wir in der Kommunikation der Einfachheit halber die eine Redeweise auf die andere. Und reden auch von <em>\u201ader Kunst\u2019<\/em> &nbsp;so, als handle es sich um ein konkretes Objekt, das in der aktualen Welt real existiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier stehen wir nun mit beiden Beinen tief im gut 2500 Jahre alten abendl\u00e4ndischen Schlamassel der Philosophiegeschichte, den uns Platon mit seiner Ideenlehre eingebrockt hat. Und von der wir seitdem nicht lassen k\u00f6nnen. Wir kommen immer wieder auf die Idee, ein Werk als <em>\u201aKunst\u2019<\/em> zu bezeichnen, weil wir beim Gebrauch der Allgemeinbegriffe an der Idee der abstrakten Idee h\u00e4ngen: dem Wesen einer Sache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Wesen: Auch so ein enorm praktikables, aber rein gedankliches Konstrukt, bei dem wir gewisse allgemeinverbindliche Merkmale imaginieren, um etwas als etwas benennen zu k\u00f6nnen. In unserem Falle: als \u201a<em>Kunst\u2019<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn\u2019s allerdings konkret wird, wenn also das <em>Wesen<\/em> der Kunst benannt werden soll, an dem ein Werk, in welcher Form auch immer, teilhat und es, so geadelt, als <em>\u201aKunst\u2019<\/em> bezeichnet werden kann, dann wird\u2019s in der Regel heikel. Was allerdings nicht, wie mancher nun meinen k\u00f6nnte, an der Kunst liegt. Nein: Das Problem ist prinzipieller Natur. Denn schon der vermeintlich einfachere Versuch, das Wesen eines Stuhls zu beschreiben, l\u00e4sst einen schier verzweifeln: Welche Eigenschaften kennzeichnen einen Stuhl denn unzweifelhaft, eineindeutig, f\u00fcr alle Ewigkeit, in allen sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten als <em>\u201aStuhl\u2019<\/em>? Mir f\u00e4llt spontan nicht eine ein. Also weg mit dem Wesen. Zumindest solange, bis jemand derart charakterisierte Eigenschaften f\u00fcr die verschiedenen F\u00e4lle verbindlich definieren kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Verf\u00fchrerische Rede<em>&nbsp;<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit ewigen Zeiten haben wir das unstillbare Verlagen, selbst das Unbegreifliche <em>begreifen<\/em> zu wollen. Neigen dazu, Gedachtes als Seiendes aufzufassen. Abstraktes als Konkretes. Und bannen es dann nicht ohne Grund in Worte. Geben den Dingen Namen, um sie sich uns anzueignen. Untertan zu machen. Dabei machen wir im Gebrauch keinen Unterschied zwischen den Worten, denen konkrete Existenzen, physische Objekte entsprechen und den Worten, bei denen dies nicht der Fall ist. Wie eben bei <em>\u201eder Kunst\u201c<\/em>. Eine Neigung, die durch die Tendenz der sprachlichen \u00d6konomie, solche Feinheiten im Gespr\u00e4ch geflissentlich auszublenden, tatkr\u00e4ftige Unterst\u00fctzung findet. Was einerseits zwar eben die Alltagstauglichkeit der Sprache sicherstellt, aber uns andererseits auch dazu verf\u00fchrt, Worte f\u00fcr bare M\u00fcnze zu nehmen. Im allt\u00e4glichen Gespr\u00e4ch ebenso wie im Feuilleton oder in philosophischen Diskursen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir reden \u00fcber die Dinge in einer Weise, wie sie prinzipiell nicht sein k\u00f6nnen. Aber nur weil wir so reden, sollten wir nicht auch so denken. Stellt sich nur die Frage: Wie sind die Dinge dann zu denken?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong> von Stefan Oehm, KUNO 2018<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44273&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignright\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/KUNO-e1505588144923.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"150\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <i>Essays <\/i>von Stefan Oehm auf KUNO kann man als eine Reihe von Versuchsanordnungen betrachten, sie sind undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Er betrachtet diese Art des Textens als Medium und Movens der Reflektion in einer Zeit, die einem bekannten Diktum zufolge ohne verbindliche Meta-Erz\u00e4hlungen auskommt. Der Essay ist ein Forum des Denkens nach der gro\u00dfen Theorie und schon gar nach den gro\u00dfen Ideologien und Antagonismen, die das letzte Jahrhundert beherrscht haben. Auf die offene Form, die der Essayist bespielen muss, damit dieser immer wieder neu entstehende \u201eintegrale Prozesscharakter von Denken und Schreiben\u201c auf der \u201eB\u00fchne der Schrift\u201c in Gang gesetzt werden kann, verweist der Literaturwissenschaftler Christian Sch\u00e4rf. Im Essay geht die abstrakte Reflexion mit der einnehmenden Anekdote einher, er spricht von Gef\u00fchlen ebenso wie von Fakten, er ist erhellend und zugleich erhebend. Daher verleihen wir Stefan Oehm den KUNO-Essaypreis 2018.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion: \u00dcber Kunst wird viel geschrieben. In den Feuilletons, in Fachzeitschriften, kunsthistorischen Seminaren, kulturpolitischen Aussch\u00fcssen oder in Kommissionen zum Thema \u201aKunst als Wirtschaftsfaktor\u2018. 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