{"id":44273,"date":"2018-06-01T00:01:27","date_gmt":"2018-05-31T22:01:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44273"},"modified":"2018-05-31T20:18:06","modified_gmt":"2018-05-31T18:18:06","slug":"assoziationen-zur-frage-ist-das-kunst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/06\/01\/assoziationen-zur-frage-ist-das-kunst\/","title":{"rendered":"Assoziationen zur Frage: Ist das Kunst?"},"content":{"rendered":"<div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Vorbemerkung der Redaktion:<\/span> \u00dcber Kunst wird viel geschrieben. In den Feuilletons, in Fachzeitschriften, kunsthistorischen Seminaren, kulturpolitischen Aussch\u00fcssen oder in Kommissionen zum Thema \u201aKunst als Wirtschaftsfaktor\u2018. Aber wann wird einmal ganz grunds\u00e4tzlich \u00fcber Kunst nachgedacht, dar\u00fcber, ob wir, wenn wir \u00fcber Kunst reden, angemessen \u00fcber Kunst reden? &#8211; Wir streiten zwar wie die Kesselflicker \u00fcber Kunst, jeder hat seine ganz eigene Ansicht zu ihr. Aber alle Diskursteilnehmer verhalten sich dabei so, als g\u00e4be es eine Art geheimen, unausgesprochenen Konsens, eine interkulturelle, \u00fcberzeitliche Schnittmenge, die sicherstellt, dass dabei alle \u00fcber das Gleiche reden. Stefan Oehm hat da so seine Zweifel. Ob wir angemessen \u00fcber das reden, was alle Welt \u201aKunst\u2018 nennt. Ob das, wor\u00fcber alle Welt redet, \u00fcberhaupt etwas mit Kunst zu tun hat. Ob das, wor\u00fcber alle Welt redet, von denen, die dar\u00fcber reden, \u00fcberhaupt expliziert werden kann. Ob alle, die \u00fcber Kunst reden, wissen wor\u00fcber sie reden. Ob alle, die miteinander \u00fcber Kunst reden, auch \u00fcber das Gleiche reden. Oder ob nicht vielleicht manche meinen, sie reden, wenn sie \u00fcber Kunst, \u00fcber etwas, wo sie doch eigentlich \u00fcber nichts reden, aber keiner sich traut, das ihnen mal \u00f6ffentlich zu sagen, weil man Angst hat, sich bis auf die Knochen zu blamieren. Um es vorweg zu sagen: Auch KUNO wei\u00df nicht, wor\u00fcber wir reden, wenn wir \u00fcber Kunst reden. Stefan Oehm wei\u00df nur, dass ein gro\u00dfer Teil derer, die \u00fcber Kunst reden, einige grundlegende Erkenntnisse au\u00dfer acht l\u00e4sst. Und \u00fcber genau die m\u00f6chte er in einer Reihe von Essays\u00a0reden:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1.<\/strong> Man m\u00f6chte meinen, dies sei eine Frage des Geschmacks. Aber weit gefehlt: Es ist schlicht eine unsinnige Frage.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die eigentliche Frage hinter der Frage, ob ein Werk Kunst ist, lautet: Was ist <em>Kunst<\/em>? Denn nur wenn diese Frage hinreichend beantwortet werden kann, w\u00e4re eine Zuschreibung eines einzelnen Werkes als <em>\u201aKunst\u2019<\/em> \u00fcberhaupt denkbar. Die Bedingung der M\u00f6glichkeit der Beantwortbarkeit dieser Frage ist jedoch die Annahme der wie auch immer gearteten Existenz einer abstrakten Idee: dem <em>Wesen<\/em> einer Sache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Wesen ist ein sehr praktikables, jedoch rein gedankliches Konstrukt, bei dem wir gewisse allgemeinverbindliche Merkmale imaginieren, um etwas als etwas benennen zu k\u00f6nnen. In unserem Falle: als \u201a<em>Kunst\u2019<\/em>. Versucht man nun aber ihr Wesen zu benennen, an dem ein Werk in irgendeiner Form teilhat und es, so geadelt, als <em>\u201aKunst\u2019<\/em> bezeichnet werden kann, dann wird es diffus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass dem so ist, liegt nicht an der Kunst. Das Problem ist prinzipieller Natur. Denn schon der vermeintlich einfachere Versuch, das Wesen eines Stuhls zu beschreiben, ist zum Scheitern verurteilt: Welche Eigenschaften kennzeichnen einen Stuhl unzweifelhaft, eineindeutig, f\u00fcr alle Ewigkeit, in allen sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten als <em>\u201aStuhl\u2019<\/em>? Mir ist nicht eine bekannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber selbst wenn diese Frage wider Erwarten beantwortet werden k\u00f6nnte \u2013 bereits die Art der Fragestellung, das wissen wir seit Ludwig Wittgenstein, ist grunds\u00e4tzlich unangemessen: Die Frage \u201eWas<em> ist <\/em>Kunst?<em>\u201c<\/em> hypostasiert unterschwellig. <em>So<\/em> kann man nur nach einem Gegenstand fragen, der zumindest potentiell \u00fcber ein real existierendes Referenzobjekt verf\u00fcgt \u2013 also zum Beispiel der Stuhl, auf dem ich gerade sitze \u2013 nicht aber nach einer gedanklichen Abstraktion, einer Universalie, der keine physische Entit\u00e4t entspricht. Wie es eben bei der \u201aKunst\u2019 der Fall ist. Angemessener w\u00e4re da eher die Frage:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Was <em>verstehen<\/em> wir unter \u201aKunst\u2019?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darauf gibt es nun aber keine allgemeinverbindliche, f\u00fcr alle Zeit g\u00fcltige Antwort. Es gibt nicht einmal eine f\u00fcr den gegebenen Moment <em>eineindeutige<\/em> Bedeutung des Wortes, also eine verbindliche Gebrauchsweise dieses Wortes in einem bestimmten Sprachspiel innerhalb einer bestimmten Gesellschaft. Dessen ungeachtet gehen aber alle Beteiligten stillschweigend von einer ausreichenden Schnittmenge der Gebrauchsweisen, sprich: Bedeutungen, und damit auch analog von einem entsprechend gemeinsamen Grundverst\u00e4ndnis aus. So auch bei dem Wort <em>\u201aKunst\u2019<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jede Epoche hat ein anderes Verst\u00e4ndnis von <em>\u201aKunst\u2019<\/em>. Ebenso jede Kultur und Gesellschaft. Wie im Zweifelsfalle auch jede ihrer sozialen Gruppen. Oder wom\u00f6glich jeder Angeh\u00f6riger einer solchen Gruppe. Denn jeder ist etwas anders sozialisiert, war etwas anderen Einfl\u00fcssen ausgesetzt. Bei denen individuell andere famili\u00e4re, geschlechtliche, ethnische, ethische, religi\u00f6se, psychologische Aspekte in je individueller Auspr\u00e4gung eine Rolle spielen. Dar\u00fcber hinaus geh\u00f6rt wom\u00f6glich jeder zur gleichen Zeit verschiedenen Gruppen an, in denen wiederum verschiedene Einstellungen vorherrschen. Die aber nicht zwingend konstant bleiben m\u00fcssen \u2013 was heute gilt, kann in ihnen morgen schon wieder ganz anders aufgefasst werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage \u201eWas verstehen wir unter \u201a<em>Kunst\u2019<\/em>?\u201c k\u00f6nnte also bestenfalls auf eine im Max Weber\u2019schen Sinne idealtypische Begriffsdefinition hinauslaufen, bei der wir immer im Hinterkopf behalten m\u00fcssen, dass sie nie einen \u201aIst\u2019-Zustand, sondern immer nur einen hypothetischen Zustand beschreibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Individuelle Handlungen k\u00f6nnen wertneutral sein. Aber auch sehr tugendhaft. Oder moralisch verwerflich. Sie k\u00f6nnen Folgen haben, die von den Handelnden beabsichtigt sind. Andere wiederum sind unbeabsichtigt und nicht vorhersehbar. Manche sind vielleicht vorsehbar, aber dennoch unbeabsichtigt. Tugendhafte Intentionen k\u00f6nnen furchtbare Konsequenzen, moralische verwerfliche hingegen fruchtbare Auswirkungen haben. Ein Ph\u00e4nomen, das als Mandevillesches Paradox bekannt ist; Robert K. Merton hat es weiter ausgef\u00fchrt und als &#8218;Gesetz der unbeabsichtigten Folgen&#8216; in der modernen Soziologie etabliert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kommt es nun zu einer Vielzahl \u00e4hnlicher individueller Handlungen, gleichwelcher Couleur, so erh\u00f6ht sich die Wahrscheinlichkeit dramatisch, dass es zu von den jeweils Handelnden unbeabsichtigten Folgen kommt. Sprechakte sind solche individuelle Handlungen, die, t\u00e4glich millionenfach ablaufend<em>, \u201ePh\u00e4nomene der dritten Art\u201c <\/em>zeitigen<em>,<\/em> wie sie der Sprachwissenschaftler Rudi Keller nennt: Sie sind die nicht-intendierte <em>\u201ekausale Konsequenz einer Vielzahl individueller intentionaler Handlungen, die mindestens partiell \u00e4hnlichen Intentionen dienen.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Sprachwandel ist, so Keller, ein solches Ph\u00e4nomen. Es wird \u201e<em>durch Handlungen der Individuen hervorgebracht (&#8230;), ohne von diesen intendiert zu sein<\/em>\u201c. Damit ist der Sprachwandel das Ergebnis menschlichen Handelns, nicht aber das der Durchf\u00fchrung eines menschlichen Plans. Mithin also das kollektive Resultat individueller Handlungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Keller erl\u00e4utert dieses Ph\u00e4nomen an einem \u00fcberaus simplen Beispiel: Wie entsteht ein Trampelpfad? Jemand nimmt von einem Parkplatz aus nicht den Umweg \u00fcber den B\u00fcrgersteig, sondern den direkten Weg \u00fcber die Wiese hin zu seinem Ziel. Das tut er nur, weil er zu bequem ist, weil er keinen Umweg gehen und schnellstm\u00f6glich von A nach B kommen will. So denkt und handelt jeder Einzelne, der den direkten Weg nimmt. Das Resultat der Tausenden, die so denken und handeln, ist \u2013 ein Trampelpfad. Niemand hat ihn intendiert, aber alle haben ihn mit ihrer gleichartigen individuellen Intention, schnellstm\u00f6glich von A nach B zu kommen, geschaffen. So sieht\u2019s dann aus: Zwar tragen alle einen Teil der Verantwortung, aber niemand ist f\u00fcr das Resultat verantwortlich. Wie immer bei solchen kollektiven Ph\u00e4nomenen der dritten Art.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Prozess der unsichtbaren Hand, wie ihn Keller in Anlehnung an Adam Smith nennt, hat das Zeug zu weit mehr als nur zu einer Theorie des Sprachwandels: Er hat das Zeug zur Blaupause f\u00fcr alle Ph\u00e4nomene, die kollektive Resultate individueller Handlungen sind \u2013 also f\u00fcr kulturelle Ph\u00e4nomene. Denkt man, zum Beispiel, Wittgensteins Diktum <em>von der Bedeutung eines Wortes als sein Gebrauch in der Sprache<\/em> konsequent weiter, so kann, darauf weist Keller hin, der Bedeutungswandel als kollektive \u00c4nderung der Gebrauchsregeln eines Wortes beschrieben werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mehr noch: Der Bedeutungswandel l\u00e4sst sich in seiner synchronen und diachronen Gesamtheit des tagt\u00e4glichen millionenfachen Vollzugs individueller Sprachhandlungen durchaus als kollektive Bedeutungskonstitution begreifen. Denn Wandel ist nur da m\u00f6glich, wo es etwas zu wandeln gibt. Also Bedeutung. So gesehen sind Bedeutungswandel und Bedeutungskonstitution eins, vereint in einem steten Fluss, der keinen Anfang und, solange es Verwender der Sprache gibt, auch kein Ende kennt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bedeutung ist stets fluid, bereits im Moment ihrer Konstitution immer schon wieder im Wandel begriffen. Und das eben im millionenfachen Vollzug unter millionenfach anderen individuellen Bedingungen, Einfl\u00fcssen und Voraussetzungen. Die Gebrauchsweisen sind somit in allen Verwendungen de facto immer etwas verschieden, es gibt nur einen stillschweigend vorausgesetzten, hypothetischen Bestandszustand einer Bedeutung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So hypothetisch wie auch die Vorstellung von der Sprache als Korpus. Eine \u00e4u\u00dferst n\u00fctzliche Hilfskonstruktion, die uns bef\u00e4higt, den Gegenstand der Betrachtung systematisch zu erfassen. Aber dennoch ist es nur eine Hilfskonstruktion. Wie auch die Separierung in Grammatik, Syntax und Semantik. Wir trennen da, was nicht zu trennen ist. Sprache als Sprache existiert allein im Gebrauch, den wir von ihr machen. Sie ist nicht unabh\u00e4ngig davon und damit von uns zu denken \u2013 sie wird erst durch uns zu dem, was sie ist. Schlafen wir, ist sie nicht. Nirgends. Sie besitzt keinen eigenen Seinszustand, ist kein statisches Gebilde, sondern steter Fluss, millionenfacher Gebrauch, Akt, Handlung, \u201a<em>energeia\u2019<\/em>, wie es W. v. Humboldt nannte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir tragen gemeinsam Verantwortung f\u00fcr die Bedeutung, ohne als Einzelner daf\u00fcr verantwortlich zu sein. Sie ist das Ergebnis intentionaler menschlicher Handlungen, nicht aber Resultat eines kollektiven menschlichen Plans: Ich will in der allt\u00e4glichen Sprechweise auf eine sprach\u00f6konomisch angemessene Weise kommunizieren. Deshalb unternehme ich in der Regel nicht den kommunikativ \u00fcberfl\u00fcssigen Versuch, geplant und intentional Bedeutung zu konstituieren. Dar\u00fcber hinaus legt unsere kontinuierliche individuelle Teilhabe an diesem kollektiven Prozess der Bedeutungskonstitution auch die Konstitution des reziproken Ph\u00e4nomens nahe: das des gemeinsamen Verst\u00e4ndnisses der am Sprachspiel Beteiligten, resultierend aus einer pr\u00e4supponierten ausreichenden Schnittmenge der Gebrauchsweisen, sprich: Bedeutungen. Eine tr\u00fcgerische Hoffnung nat\u00fcrlich. Denn wo bestenfalls eine Schnittmenge, aber keine \u00dcbereinstimmung gegeben ist, da ist de facto das Missverst\u00e4ndnis unser st\u00e4ndiger Begleiter in der Kommunikation: Es ist die Regel, nicht die Ausnahme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solange wir also nicht auf die verwegene Idee kommen, die Bedeutung eines Wortes wie <em>\u201aKunst\u2019<\/em> ein f\u00fcr alle mal per Diktum festlegen zu wollen, k\u00f6nnen wir auf keine lexikalisch eineindeutig definierte, unumst\u00f6\u00dfliche und f\u00fcr alle verbindliche Bedeutung dieses Wortes rekurrieren. Wir beziehen uns lediglich auf den fluiden sprachlichen Normalfall und verwenden einen schwammigen, von uns in seiner Bedeutung, also seinem Gebrauch in der Sprache, kaum jemals zureichend reflektierten Begriff.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So sind wir gestrickt: Wir neigen dazu, selbst wesentliche Begriffe und ihre Bedeutung nicht gro\u00df in Frage zu stellen, sondern ihren Gebrauch lax zu perpetuieren. Wenn wir aber nicht die Bedeutungen reflektieren, also die verschiedenen aktualen Gebrauchsweisen der Worte, die eigenen wie die der anderen, so sind wir auch nur bedingt in der Lage, die Bedeutungsdifferenzen der Worte im Gebrauch der verschiedenen Verwender zu erkennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Exponentiell dramatischer erscheint dieses Problem, zieht man die diachrone Zeitachse in Betracht, in der sich der Bedeutungswandel eines Wortes wie <em>\u201aKunst\u2019<\/em> ereignet, der sich, analog des Sprachwandels, als ungeplantes und unbeabsichtigtes Resultat unserer millionenfachen kollektiven Sprachhandlungen ergibt. Angesichts dessen muss ernsthaft die Frage gestellt werden, wor\u00fcber wir eigentlich sprechen, wenn wir \u00fcber \u201a<em>Kunst\u2019<\/em> sprechen \u2013 und was die jeweiligen Teilnehmer des Diskurses meinen, wor\u00fcber gesprochen wird. (Nicht dass jetzt der eine oder andere zu fr\u00fch zustimmend mit dem Kopf nickt: \u00c4hnliches gilt auch f\u00fcr die Diskurse zum Thema \u201a<em>Markt\u2019<\/em>, \u201a<em>Staat\u2019<\/em>, \u201a<em>Gesellschaft\u2019<\/em>, \u201a<em>Kirche\u2019 <\/em>etc. pp.: Wir vergegenst\u00e4ndlichen, was nicht gegenst\u00e4ndlich ist. Reden so, als w\u00e4re die Sprache, der Markt, der Staat, die Gesellschaft oder die Kirche \u201e<em>ein Ding mit ihm innewohnenden Lebenskr\u00e4ften, ein Organismus, wie man im 19. Jahrhundert zu sagen pflegte<\/em>\u201c (Keller).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>4.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im tagt\u00e4glichen millionenfachen Vollzug der individuellen Sprachhandlungen haben wir zwar die Absicht, uns mit anderen auszutauschen. Die Konstitution von Bedeutung ist dabei aber ein unbeabsichtigter, ungeplanter und unreflektierter Nebeneffekt der Kommunikation. Nur in Ausnahmef\u00e4llen versuchen wir geplant und intentional Bedeutung zu konstituieren. Die wissenschaftlichen Begriffsdefinitionen stellen solche Ausnahmef\u00e4lle dar. Oder auch die Inbesitznahme im politischen Diskurs, wie es derzeit im v\u00f6lkisch-nationalen, xenophobischen und populistischen Kontext geschieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Prozess der unsichtbaren Hand, in dem wir gemeinschaftlich als nicht-intendierte kausale Konsequenz unserer individuellen Sprachhandlungen die Gesamtheit der aktualen fluiden Bedeutungen der Worte konstituieren, stellt eine aktive und produktive <em>Teilhabe<\/em> des einzelnen Menschen an der Sprache, an ihrer Ausgestaltung und ihrem Wandel dar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gebrauch des Wortes \u201a<em>Kunst\u2019<\/em> \u00a0konkretisiert sich diese sprachliche Teilhabe auf exemplarische Weise. Verlasse ich die sprachliche Ebene und werde mit der Kunst nicht als Wort, sondern als Werk konfrontiert, so habe ich nicht mehr nur Teil am Gebrauch des Wortes \u201a<em>Kunst\u2019<\/em>, sondern Teil an der Kunst selber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es kommt damit zu einer <em>Teilhabe<\/em> h\u00f6herer Ordnung. <em>Teilhabe<\/em> bedeutet hier aktive, intentionale und individuelle Auseinandersetzung mit dem Werk \u2013 K\u00fcnstler_innen zwingen den Einzelnen durch ihre inspirierende N\u00f6tigung zur Meinungs-Bildung, zur spontanen, selbst verantworteten Stellungnahme. Die positiv ausfallen kann. Oder negativ. Oder entschieden unentschieden. Eine, die Ratlosigkeit dokumentiert. Sprachlosigkeit. Oder auch hymnische Begeisterung.<br \/>\nSo gesehen stellt die aktive <em>Teilhabe<\/em> an der Kunst fast schon so etwas wie ein p\u00e4dagogischer Auftrag, ganz im Geiste Humboldts, zur Ausbildung der individuellen F\u00e4higkeiten zum Wohle der Gesellschaft dar. Eine Ausbildung, die dem zunehmend als Belastung empfundenen Zwang zur Eigenverantwortung innerhalb einer fragil gewordenen Gesellschaft etwas von ihren Schrecken zu nehmen vermag: Ich erlerne sie hier spielerisch, abseits des lebensweltlichen Drucks.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese in der Teilhabe an der Kunst spielerisch erlernte Eigenverantwortung, eine Grundvoraussetzung f\u00fcr den Bestand einer stabilen, von der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung getragenen Demokratie, stellt die unbeabsichtigte Folge einer g\u00e4nzlich anderen Intention dar: Sie zielt f\u00fcr gew\u00f6hnlich auf die Befriedigung unserer Neugier, Interessen, Vorlieben, auf Freude, Genuss, Zeitvertreib, Weiterbildung. In der Gesamtheit der Teilhabe aller mit k\u00fcnstlerischen Werken Konfrontierten legt nun wiederum die unsichtbare Hand heimlich Hand an. Und es kommt auch hier zu einer kausalen, nicht intendierten \u201e<em>Konsequenz der Vielzahl individueller intentionaler Handlungen, die mindestens partiell \u00e4hnlichen Intentionen dienen<\/em>\u201c:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem solch steten synchronen und diachronen Prozess der Inspiration und Rezeption konstituieren sich alle Beteiligten ihre gemeinsame Kultur und kulturellen Werte, ihre gemeinsame Geschichte und Identit\u00e4t, die darum nie konstant, sondern fluide, in st\u00e4ndiger Entwicklung, Erneuerung und Wandlung begriffen sind. Kultur, Werte, Geschichte und Identit\u00e4t stellen sich somit, wie Sprach- oder Bedeutungswandel, auch als von niemandem beabsichtigtes, ungeplantes, kollektives und kausales Resultat individueller Handlungen dar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Je mehr Menschen an diesem Prozess von Inspiration und Rezeption teilhaben, je reflektierter und intensiver ihre Meinungs-Bildung ist, desto gr\u00f6\u00dfer ist dessen identit\u00e4tsstiftende Kraft \u2013 eine Kraft, die aus dem Volk kommt: demos kratos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>5.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da, wo eine Bedeutung gesetzt ist, ist auch eine Sichtweise gesetzt. Sie w\u00e4re nicht mehr relativ, sondern absolut. Und wird, wie in einem idealtypischen wissenschaftlichen Kontext, im Konsens als verbindlich akzeptiert. Schlimmstenfalls wird jedoch ein solcher Gebrauch mit aller Macht von einer autorit\u00e4ren Instanz oktroyiert, zur Regel gemacht. In diesem Moment wird der Gebrauch ideologisch. Und da, wo die Sprache ideologisch wird, wird auch die Denkstruktur ideologisch. Die Herrschaft einer einzig g\u00fcltigen Bedeutung beginnt. Die in den H\u00e4nden derer liegt, die die Wahrheit f\u00fcr sich und ihre Weltsicht gepachtet haben. Sprache wird statisch, verliert ihre vitale Wandlungsf\u00e4higkeit. Alles hat aus einer Perspektive gesagt, gedacht, getan zu werden. Alternative Sichtweisen sind tabu, individuelle Variationen perdu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die eigene Wahrheit wird gegen alle Widerst\u00e4nde, Andersdenkende, Fremde verteidigt. Aggressiv bis aufs Blut von religi\u00f6sen Eiferern, von autorit\u00e4ren und totalit\u00e4ren Herrschern, smart und subtil von den Diktatoren der Funktionalit\u00e4t und Verwertbarkeit, die das Millennium der digitalen Transformation eingel\u00e4utet haben. Die intentionalen Handlungen der Menschen werden zu einer massenhaften Intention synchronisiert, gleichgeschaltet, um so unvorhergesehene kausale, nicht intendierte Konsequenzen m\u00f6glichst auszuschlie\u00dfen. Alles wird zielgerichtet kanalisiert, so dass idealerweise die individuellen Handlungen zu eben den kollektiven Konsequenzen f\u00fchren, die die Herrschenden intendieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Land spricht man flie\u00dfend Neusprech. Alles bewegt sich in gleichf\u00f6rmiger Bewegung auf ein mythisch aufgeladenes Ziel hin. Der Einzelne geht auf in der Masse, die keine konkrete individuelle Verantwortung mehr kennt, nur noch die diffuse des Kollektivs. Diese <em>Diffusion der Verantwortung<\/em> besitzt f\u00fcr den Einzelnen eine erregend enthemmende Kraft: Wo nur noch eine kollektive Verantwortung besteht, braucht sich niemand mehr f\u00fcr irgendetwas verantwortlich zu f\u00fchlen \u2013 und werden die Taten im Sinne und Interesse des Kollektivs ver\u00fcbt, wird auch niemand zur Verantwortung gezogen. In dieser fatalen Konsequenz \u00e4hnelt es der ethischen Konsequenz, die dem Prozess der unsichtbaren Hand inh\u00e4rent ist: Hier ist es die Verantwortungslosigkeit der Vielen, die \u00e4hnlich gerichtete Intentionen verfolgen, dort die der intentional gleichgeschalteten Masse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mensch in der Masse sieht, v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von Herkunft, Religion, Geschlecht, Sozialisation, Intelligenz, Bildungsstand oder Alter, seine <em>\u201eChance der unbestraften Unmenschlichkeit\u201c<\/em> (G\u00fcnther Anders) gekommen. Und ist geneigt, sie zu nutzen, da er keinerlei Sanktionen zu bef\u00fcrchten hat:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eDie Gewissheit der Straflosigkeit, die mit der Menge zunimmt, und das Bewusstsein einer bedeutenden augenblicklichen Gewalt, bedingt durch die Masse, erm\u00f6glicht der Gesamtheit Gef\u00fchle und Handlungen, die dem Einzelnen unm\u00f6glich sind.\u201c<\/em> (Gustave Le Bon, Psychologie der Massen, 1895)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>6.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eDie Bedeutung eines Wortes besteht nur im jeweiligen besonderen Gebrauch.\u201c<\/em> So zitiert Harald Weinrich nicht etwa Ludwig Wittgenstein, sondern den franz\u00f6sischen Essayisten Paul Valery, der diesen Gedanken seinen Heften, den posthum ver\u00f6ffentlichten <em>\u201aCahiers\u2019<\/em>, anvertraute.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Reflexion \u00fcber die Bedeutung eines Wortes, die von diesem Umstand absieht und sich mal auf diesen, mal auf jenen Teilaspekt konzentriert, ist nicht nur legitim \u2013 sie ist vielleicht auch die einzige m\u00f6gliche Weise, sich dem \u00fcberaus komplexen Ph\u00e4nomen <em>\u201aSprache\u2019<\/em> n\u00e4hern und es wissenschaftlich pr\u00e4zise beschreiben zu k\u00f6nnen. Jedoch beschreibt sie dabei einen Zustand, der nicht dem des Gegenstands der Betrachtung entspricht \u2013 er besitzt, wie gesagt, keinen von uns unabh\u00e4ngigen Seinszustand, ist steter Fluss, millionenfacher Gebrauch, Akt, Handlung, \u201a<em>energeia\u2019.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz \u00e4hnlich verh\u00e4lt es sich mit der Zeit, die de facto ein gerichtetes Kontinuum, aber kein in messbare Einheiten zerhackter Strang ist. Nur \u2013 anders l\u00e4sst sie sich f\u00fcr uns nicht erfassen. Wie auch das Denken, das seine eigene Conditio sine qua non, notwendige Bedingung der M\u00f6glichkeit ist, um \u00fcber das Denken nachdenken zu k\u00f6nnen. Der Gegenstand der Betrachtung als seine eigene Voraussetzung. Diesem Circulus vitiosus kann niemand entkommen. Niemals. So dreht man sich bis in alle Ewigkeit im Kreise. \u00c4ndern kann der Mensch daran nichts, er kann nur seine grunds\u00e4tzliche Beschr\u00e4nktheit einsehen. Und sich seinen Teil denken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sprache ist sie selbst immer nur im Gebrauch. Und dieser Gebrauch findet faktisch immer in spezifischen Kontexten, konkreten Situationen und Sprachspielen statt. Um zu verstehen, \u201e<em>wie es sich mit seiner Bedeutung verh\u00e4lt, muss man das ber\u00fccksichtigen<\/em>\u201c (Harald Weinrich). Mehr noch: Solche Situationen sind nur willk\u00fcrliche Ausschnitte. Momentaufnahmen komplexer synchroner und diachroner Lebenswelten, gesellschaftlicher und kultureller Lebenszusammenh\u00e4nge, die, so der Wissenssoziologe Karl Mannheim, den Menschen unbewusst pr\u00e4gen. Und damit die Struktur unseres Denkens, unsere Erkenntnisf\u00e4higkeit und Sprache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun sind aber auch diese Lebenswelten und -zusammenh\u00e4nge stets fluid, nie statisch. Sie \u00e4ndern sich je nach unserer Stellung in der Gesellschaft. Ja, in jedem Einzelnen scheinen sie durch die je individuelle Sozialisation immer in einer unverkennbar individuellen F\u00e4rbung auf. Einzigartig wie ein Fingerabdruck. Diese spezifischen Varianten sind mithin Unikate \u2013 und mit ihnen unser Gebrauch der Sprache, unser Erkennen und Denken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da nun diese Dreifaltigkeit in jedem von uns eine einzigartig individuelle Pr\u00e4gung aufweist, ist sie notwendig perspektivisch. Und damit relativ. Verabsolutiere ich diese Sichtweise, ideologisiere ich sie, so Karl Mannheim. Ein Vorgang, der allt\u00e4glicher nicht gedacht werden kann: Es ist nicht etwa ein isoliertes Ph\u00e4nomen, das nur in der Politik oder Religion aufscheint, sondern auch in den profanen Szenen einer Ehe. Beim Konflikt unter Kollegen. Oder bei der Spieltagsanalyse in der Eckkneipe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sind unentrinnbar gefangen in einem Netz von Bedingungen. K\u00f6nnen nicht anders als perspektivisch denken, k\u00f6nnen uns nicht aus der Abh\u00e4ngigkeit unserer Lebenszusammenh\u00e4nge l\u00f6sen. K\u00f6nnen nicht sprechen, ohne dabei nicht Intentionen zu verfolgen: Sprache ohne Intentionen ist keine Sprache. So wie wir nicht nicht-kommunizieren k\u00f6nnen, k\u00f6nnen wir auch nicht nicht-intentional sprechen. Die Frage ist immer nur, welcher Art die Intentionen sind, die wir verfolgen. Welche Relevanz sie f\u00fcr ein Gespr\u00e4ch haben. Ob sie tats\u00e4chlich bewusst, geplant und zielgerichtet sind oder aber, paradox genug, unabsichtlich, weil unbewusst, internalisiert, intuitiv.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Intentionen k\u00f6nnen marginal, banal, allt\u00e4glich sein. Aber auch weltbewegend. Verletzend. Verst\u00f6rend. Vernichtend. Es gibt so viele Spielarten wie es Situationen gibt. Im Zweifelsfalle gleicht keine Intention der anderen. Und manchmal ist es sogar ein B\u00fcndel von Intentionen, das sich im Gespr\u00e4ch offenbart. Da anzunehmen, dass die Verst\u00e4ndigung das prim\u00e4re oder gar wesentliche Ziel der Sprache ist, erscheint nicht recht plausibel. Eher wie eine verk\u00fcrzte, idealisierte Sichtweise der Dinge. Denn wir verwenden t\u00e4glich millionenfach Sprache, bel\u00fcgen und betr\u00fcgen einander mit ihrer Hilfe. Flunkern. Tarnen. T\u00e4uschen. Manchmal auch uns selbst. Manipulieren. Machen dem anderen etwas vor. Wollen uns profilieren. Ablenken. Aufmerksamkeit erregen. Sch\u00f6n f\u00e4rben. Das Ziel, von dem anderen verstanden zu werden, erscheint da lediglich wie eine von vielen Varianten der Kommunikation. Die auch gerne in Kombination mit anderen Intentionen auftritt. Und dabei mal mehr, mal weniger im Vordergrund steht. Wie man es beim gegenw\u00e4rtigen Pr\u00e4sidenten der USA ganz aktuell erleben kann. Die Maxime der Kommunikation scheint also nicht zu lauten: <em>Rede so verst\u00e4ndlich wie m\u00f6glich. <\/em>Sondern allgemeiner: <em>Rede so, dass du maximale Aussicht auf das erfolgreiche Erreichen deiner kommunikativen Absichten hast.<\/em> Oder wie es Rudi Keller formuliert: \u201e<em>Rede so, dass du die Ziele, die du mit deiner kommunikativen Unternehmung verfolgst, am ehesten erreichst.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ziel ist demnach nicht die Verst\u00e4ndigung, sondern der eigene soziale Erfolg. Und Kommunikation dient prim\u00e4r dazu, den anderen zu etwas zu bewegen, was in meinem Interesse ist.<strong>7.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unser Gebrauch der Sprache wird ganz wesentlich gespeist durch ein Wissen, das, so Karl Mannheim, implizites Erfahrungswissen, \u201e<em>konjunktives Wissen\u201c,<\/em> ist und unsere t\u00e4glichen Handlungen unbewusst und unbemerkt anleitet. So meinen wir im allt\u00e4glichen Gebrauch der Sprache zwar zu wissen, was wir meinen, wenn wir etwas sagen. Aber ohne dass wir um dieses Erfahrungswissen wissen, bleibt dies ein frommer Wunsch: Ein Gro\u00dfteil dieses Wissens l\u00e4sst sich von uns nicht oder nur h\u00f6chst unzureichend explizieren. Es ist reflexiv f\u00fcr uns praktisch nicht verf\u00fcgbar, seine Relevanz f\u00fcr den Gebrauch, den wir von Worten machen, kaum darstellbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Demgegen\u00fcber gibt es ein \u201e<em>kommunikatives Wissen<\/em>\u201c (Mannheim), das zumindest theoretisch reflexiv verf\u00fcgbar und explizierbar ist. Von der M\u00f6glichkeit, es zu explizieren, machen wir jedoch nur selten Gebrauch \u2013 wir machen es uns, schon aus Gr\u00fcnden der Sprach\u00f6konomie, nun mal gerne einfach. Und setzen im Rahmen dieses Wissens den Bestand einer Bedeutungsschnittmenge stillschweigend als gegeben voraus, die uns suggeriert, dass wir, wenn wir \u00fcber etwas reden, auch \u00fcber das gleiche reden. Wobei es dabei v\u00f6llig irrelevant ist, ob es diese Schnittmenge tats\u00e4chlich gibt. Hinreichend ist, dass alle Beteiligten annehmen, dass dem so ist. Allein diese Annahme vermittelt schon den Eindruck einer gelungenen Kommunikation, unabh\u00e4ngig davon, ob der Eindruck auch nur ansatzweise mit der Realit\u00e4t \u00fcbereinstimmt: Gelungen ist, was mir als gelungen erscheint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das gilt nicht nur f\u00fcr unseren allt\u00e4glichen Gebrauch der Worte, es gilt auch f\u00fcr den wissenschaftlichen Kontext. Also dort, wo die Bedeutung eines Wortes oftmals nicht sein Gebrauch in der Sprache, sondern per definitionem gesetzt und von den anderen Teilnehmern des Sprachspiels akzeptiert ist. Hier ist die Bandbreite der Bedeutung des Wortes eingeschr\u00e4nkt und ihrer individuellen lebensweltlichen Variationsbreite, ihrer Konnotationen und Implikationen k\u00fcnstlich enthoben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es wird in gewisser Weise eine relative Bedeutung absolut gesetzt und aus Gr\u00fcnden der effektiven Kommunikation bis auf Weiteres einvernehmlich ideologisiert. Wird diese Bedeutung jedoch nicht reflektiert, besteht die Gefahr, dass sich ein nachl\u00e4ssiger Gebrauch einschleicht. Davor sind auch wissenschaftliche Sprachspiele nicht gefeit: Termini technici, diese h\u00f6chst sinnvollen <em>\u201eA<\/em><em>bk\u00fcrzungen f\u00fcr komplexe Sachverhalte\u201c, <\/em>die, so der Germanist Steffen Martens in der FAZ, \u201e<em>\u00fcber einen langen Zeitraum hinweg\u201c<\/em> erarbeitet wurden, werden in ihrem Gebrauch nur selten und nur ungern grunds\u00e4tzlich hinterfragt. In diesem Fall wird der unreflektierte Gebrauch der Worte perpetuiert, seine Verwender werden weiter <em>\u201ein ihrem \u201aSprachpanzer\u2019 hausen und durch Wortdunst ihre handwerklichen Fehler verschleiern\u201c<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Ph\u00e4nomen, das vor keiner Branche halt macht, wie Martens betont: <em>\u201eDas ist bei \u00c4rzten, Heizungsbauern oder Juristen nicht anders.\u201c <\/em> Dies geschieht nicht bewusst oder geplant, sondern aus Nachl\u00e4ssigkeit. Bequemlichkeit. Aus Ehrfurcht vor den Riesen, auf deren Schultern wir Zwerge stehen. Vielleicht aber auch ganz intuitiv aus Selbstschutz. Denn einen Gebrauch in Frage zu stellen schlie\u00dft ja immer die M\u00f6glichkeit mit ein, dass er radikal revidiert werden muss. Und mit ihm m\u00f6glicherweise herrschende Lehrmeinungen. Oder historisch liebgewonnene Denkmuster.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Womit wir wieder am Anfang stehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong> von Stefan Oehm, KUNO 2018<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44273&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignright\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/KUNO-e1505588144923.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <i>Essays <\/i>von Stefan Oehm auf KUNO kann man als eine Reihe von Versuchsanordnungen betrachten, sie sind undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Er betrachtet diese Art des Textens als Medium und Movens der Reflektion in einer Zeit, die einem bekannten Diktum zufolge ohne verbindliche Meta-Erz\u00e4hlungen auskommt. Der Essay ist ein Forum des Denkens nach der gro\u00dfen Theorie und schon gar nach den gro\u00dfen Ideologien und Antagonismen, die das letzte Jahrhundert beherrscht haben. Auf die offene Form, die der Essayist bespielen muss, damit dieser immer wieder neu entstehende \u201eintegrale Prozesscharakter von Denken und Schreiben\u201c auf der \u201eB\u00fchne der Schrift\u201c in Gang gesetzt werden kann, verweist der Literaturwissenschaftler Christian Sch\u00e4rf. Im Essay geht die abstrakte Reflexion mit der einnehmenden Anekdote einher, er spricht von Gef\u00fchlen ebenso wie von Fakten, er ist erhellend und zugleich erhebend. Daher verleihen wir Stefan Oehm den KUNO-Essaypreis 2018.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion: \u00dcber Kunst wird viel geschrieben. In den Feuilletons, in Fachzeitschriften, kunsthistorischen Seminaren, kulturpolitischen Aussch\u00fcssen oder in Kommissionen zum Thema \u201aKunst als Wirtschaftsfaktor\u2018. 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