{"id":44101,"date":"2018-05-05T00:01:05","date_gmt":"2018-05-04T22:01:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44101"},"modified":"2018-05-06T08:41:18","modified_gmt":"2018-05-06T06:41:18","slug":"ein-kurzer-blick-auf-die-heutige-lyrik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/05\/05\/ein-kurzer-blick-auf-die-heutige-lyrik\/","title":{"rendered":"Ein kurzer Blick auf die heutige Lyrik"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Einleitung<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich zeige in diesem Aufsatz kurz auf, wo heutzutage Lyrik zu finden ist und gehe der Frage nach, wieso sie einen so schlechten Ruf genie\u00dft. Dabei steht vor allem die These im Vordergrund, dass Lyrik derartig in Verruf geraten ist, weil Autoren es nicht mehr f\u00fcr n\u00f6tig erachten, Form und Inhalt in ihren Werken passend zusammenzubringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gedichte, egal welcher Art, sind literarische Erzeugnisse, die dem einen oder anderen Leser oder H\u00f6rer gefallen, anderen wiederum nicht. Ob ein Gedicht letztlich jemanden zusagt, obliegt der reinen Subjektivit\u00e4t, ist also abh\u00e4ngig von der Beschaffenheit der Person, die das Gedicht liest oder h\u00f6rt, unter Umst\u00e4nden sogar schreibt. Verbleibt man bei dieser Sicht, liegt es nahe, den Blick auf die heutige Zeit, in der die Lyrik scheinbar immer mehr an Bedeutung verliert, als unn\u00f6tig zu erachten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch an der Stelle angelangt m\u00f6chte ich zun\u00e4chst fragen: Was unterscheidet Gedichte, wie die eines Gryphius, eines von Platens, eines Goethes oder eines Schillers, von den heutigen? Ferner, wieso sind diese Autoren auch heute noch den Leuten ein Begriff? Dazu m\u00f6chte ich den Leser um etwas bitten: Er m\u00f6ge bitte ein beliebiges Gedicht der als Beispiele aufgef\u00fchrten Autoren zur Hand nehmen sowie im Anschluss ein Gedicht aus der heutigen Zeit, welche man in Scharen in Internetforen, vielleicht sogar in B\u00fcchern in der Geschenkabteilung der Buchl\u00e4den finden kann. Der Leser m\u00f6ge ohne Vorbereitung beide Gedichte laut vorlesen und sich anschlie\u00dfend folgende Fragen stellen: Konnte ich beide Gedichte ohne zu stocken vorlesen, hatten die Gedichte eine Art Disposition zu einem bestimmten Vortrag oder eine, die dazu veranlasste, ein bestimmtes Gef\u00fchl beim Lesen zu haben, und schlie\u00dflich, konnte ich auch beim ersten Mal den Sinn des Gedichtes erfassen, w\u00fcrde ich es noch einmal lesen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Leser sollte seine Antworten im Hinterkopf behalten, sie werden an anderer Stelle noch eine wichtige Rolle spielen. Zun\u00e4chst m\u00fcssen wir uns die Frage stellen:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wo finden wir heutzutage Lyrik?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schl\u00e4gt man Tageszeitungen auf, findet man kein Gedicht, wenn man Gl\u00fcck hat, vielleicht noch einen kurzen <em>Spruch des Tages<\/em>. Robert Gernhardt bemerkte dazu schlicht: \u201eDa, wo Lyrik ihrer K\u00fcrze wegen gut hineinpassen w\u00fcrde, in Tageszeitungen und Publikumszeitschriften n\u00e4mlich, ist sie kaum mehr zu finden [\u2026].\u201c (Gernhardt, Seite 11). Tages \u2013 Fernseh \u2013 und Klatschzeitschriften sind denkbar ungeeignet, wenn man auf der Suche nach einem Gedicht ist. Allerdings gibt es spezielle Zeitschriften, die sich unter anderem oder g\u00e4nzlich auf Lyrik spezialisiert haben. Sie sind meist leicht \u00fcber das Internet zu finden, wo sie zu bestellen sind. In Zeitungsl\u00e4den sucht man sie leider vergeblich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">L\u00e4sst man von Zeitungen ab, hat man die M\u00f6glichkeit, in Buchl\u00e4den nach Lyrik zu suchen. Meist ganz hinten, in der letzten Reihe, dort, wo das Licht schon d\u00fcsterer wird, sich nur selten ein Interessent verirrt, dort trifft man auf ein kleines Regal, mit der \u00dcberschrift <em>Lyrik<\/em>. Wenn man in einem guten Buchladen ist, findet man die Werke einiger Klassiker, wie Goethe und so weiter. Ist man in einem weniger guten Buchladen, findet man nur noch Heine, vielleicht noch etwas aus der Moderne, aber letztendlich nur buntbemalte B\u00fccher in einem merkw\u00fcrdigen Format. Nat\u00fcrlich m\u00f6chte ich damit nicht aussagen, dass keine B\u00fccher von neuen Lyrikautoren zu finden sind. Der Leser wird aber sicherlich meine gebrauchte Hyperbel verstanden haben. Diese B\u00fccher jedenfalls haben sonderbare Titel wie <em>F\u00fcr Dich <\/em>oder <em>X Gedichte zum Wohlf\u00fchlen<\/em>. Wenn der Leser das nicht glaubt, m\u00f6ge er sich Zeit und starke Nerven mit in eine Buchhandlung nehmen und sich davon selbst \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die meisten Gedichte, wobei ich immer vom deutschsprachigen Raum ausgehe, sind wohl oder \u00fcbel im Internet zu finden. Dort findet man eine Vielzahl an lyrischen Foren, in welchen man seine Gedichte zur allgemeinen und breiten Kritik ver\u00f6ffentlichen kann. Offizielles Ziel der meisten Foren ist es, Gedichte zu bewerten, bei eventuellen n\u00f6tigen Verbesserungen den Autoren Hilfestellung zu geben, auf dass ein Feinschliff oder \u00fcberhaupt erst einmal ein Schliff am ver\u00f6ffentlichten Gedicht erfolgen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu guter Letzt gibt es mittlerweile recht popul\u00e4r gewordene Veranstaltungen, die sich <em>Poetry Slam <\/em>nennen. Wenn man gewillt ist, ein Gedicht allein h\u00f6rend zu konsumieren, sollte man sich bei jenen Slams einfinden. Wobei es mittlerweile eine Besch\u00f6nigung ist, bei den vorgetragenen Texten von Gedichten zu sprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fassen wir noch einmal kurz zusammen: Nur wenige Zeitungen, die dar\u00fcber hinaus aufgrund ihres meist geringen Bekanntheitsgrades schwer zu erhalten sind, beinhalten Gedichte. In den Buchl\u00e4den, wenn sie gro\u00df genug sind, sind die ein oder anderen B\u00fccher zu finden, meist jedoch von ber\u00fchmten, l\u00e4ngst verstorbenen Autoren oder man erh\u00e4lt lediglich in der Masse sogenannte Geschenkideen,ein richtiger Lyrikband (im Sinne eines Lyrikbands, den ein Autor allein verfasste und ver\u00f6ffentlichte) ist eher sehr selten. Die Masse an Gedichten ist in Internetforen zu finden. Letztlich zeichnet sich dar\u00fcber hinaus ein Trend ab, bei <em>Poetry Slams <\/em>seine Werke der \u00d6ffentlichkeit kundzutun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lyrik ist also immer seltener, mit Ausnahme von <em>Poetry Slams<\/em> (wobei die Anzahl wirklicher Lyrik zusehends schwindet) in der \u00d6ffentlichkeit zu finden. Schnell k\u00f6nnte man sagen: Das liegt daran, weil es rein subjektiv ist, ob einem ein Gedicht gef\u00e4llt oder nicht. Man kann gegen den R\u00fcckgang der Lyrik aus der \u00d6ffentlichkeit nichts unternehmen. Sie gef\u00e4llt den Leuten in der Masse schlicht nicht mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Liegt das aber allein an Subjektivit\u00e4t der H\u00f6rer oder Leser, oder haben es die Autoren vers\u00e4umt, auf bestimmte objektive Ma\u00dfst\u00e4be zu achten?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Objektivit\u00e4t an Gedichten<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was in der Einleitung implizit war, m\u00f6chte ich nun explizit formulieren: Auch wenn das Gefallen eines Gedichtes von der Subjektivit\u00e4t des Lesers oder des H\u00f6rers abh\u00e4ngt, gibt es ein objektives Kriterium, dass ebenso notwendig ist, damit ein Gedicht gef\u00e4llt: Die \u00dcbereinstimmung von Form und Inhalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was bringt diese \u00dcbereinstimmung mit sich? Um das zu verdeutlichen, m\u00f6chte ich den Leser bitten, sich den Prometheus von Goethe zu Gem\u00fcte zu f\u00fchren, wenn er ihn nicht noch, den Schulzeiten geschuldet, auswendig beherrscht. Der Leser erinnert sich ferner an die zahlreichen Fragen in der Einleitung? Versuchen wir sie gemeinsam zu beantworten, jedoch gleich auf eine etwas verallgemeinerte Weise. Ebenso wie im Prometheus weisen Gedichte, die eine \u00dcbereinstimmung von Form und Inhalt besitzen, etwas Besonderes auf, das vielen der heutigen Gedichte fremd ist: eine Disposition, gewisse Gedanken und Gef\u00fchle oder Emotionen beim Leser oder H\u00f6rer auszul\u00f6sen. Blicken wir in eine sogenannte Geschenkidee in unseren gemeinen Buchl\u00e4den, lesen nur ein beliebiges Werk daraus, so werden wir zum Schluss kommen, dass diese Disposition nicht existiert. Im Prometheus kommt die Disposition vor allem dadurch zur Geltung, weil Goethe das Gedicht nicht in Reimen verfasste. Die Verse wirken wild und frei, wenn nicht sogar ein wenig revolution\u00e4r. Der Inhalt kommt auf diese Weise bestens zur Geltung. Abschlie\u00dfend wird man sich einmal mehr dazu entscheiden, das Gedicht erneut zu lesen, als es bei den Gedichten aus unseren beliebten Geschenkideen der Fall ist. Um das auf anderem Wege verdeutlichen zu k\u00f6nnen, kann der Leser gern das Experiment unternehmen und den Prometheus so umschreiben, dass jeder Vers in Reimschemen gesetzt wird. Wird die Disposition des Werkes dann immer noch dieselbe sein, wie im Original, wird es immer noch eine \u00dcbereinstimmung von Form und Inhalt geben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich m\u00f6chte an dieser Stelle unsere Geschenkideen nicht g\u00e4nzlich in ein schlechtes Licht stellen, das liegt mir fern. Jedoch ist zu kritisieren, dass die Autoren jener Werke keinen Wert auf die \u00dcbereinstimmung von Form und Inhalt legen. Liest man die Gedichte, erkennt man schnell, dass der eine Vers viel zu lang gegen\u00fcber den anderen Versen ist. Man erkennt, dass kein Sprachfluss entsteht, man erkennt, dass Verse einfach nur erdacht wurden, ohne R\u00fccksicht auf den Inhalt, auf dass sich wenigstens zwei Verse im beliebten Paarreimschema reimen. Ist das jene \u00dcbereinstimmung von Form und Inhalt, beinhalten diese Gedichte jene Disposition?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der kritische Leser wird bereits festgestellt haben, dass die Frage, ob er ein Gedicht wieder lesen m\u00f6chte, von seiner Subjektivit\u00e4t abh\u00e4ngig ist. Gef\u00e4llt mir der Gedanke oder das Gef\u00fchl oder die Emotion, die das Gedicht in mir ausl\u00f6st? Das kann nur jeder f\u00fcr sich beantworten. Ist aber keine Disposition im Gedicht gegeben, erstellt sich damit nicht einmal die M\u00f6glichkeit, sich die Frage zu stellen, ob mir das, was das Gedicht mir vermitteln will, f\u00fcr mich interessant ist oder nicht. Fehlt eine \u00dcbereinstimmung von Form und Inhalt, damit die Disposition, Bestimmtes im Leser oder H\u00f6rer auszul\u00f6sen, gibt es nicht die M\u00f6glichkeit des Interesses oder Desinteresses, sondern nur Letzteres.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der kritische Leser wird nun hier einwenden, dass auch Gedichte aus den Geschenkideen sich bestimmter Beliebtheit erfreuen, da sie nicht grundlos in den Regalen zu finden sind. W\u00fcrde sie keiner kaufen, gebe es sie dort nicht. Wird aber die Geschenkidee gekauft, weil man der \u00dcberzeugung ist, dass die Werke darin wirklich Interesse beim sp\u00e4ter Beschenkten erwecken k\u00f6nnten, oder werden sie als Notl\u00f6sung gekauft, gar als unpers\u00f6nliches Geschenk, da man sonst keine weiteren Alternativen sich vorstellen kann? Um die\u00a0 Frage zu beantworten, m\u00fcsste man in die Regale der Beschenkten sehen. Dort, wo der meiste Staub zu finden ist, wird sich eine Geschenkidee vom letzten Geburtstag befinden. Ist das ein Indiz f\u00fcr Beliebtheit?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pauschalisieren sollte man die entwickelten Gedanken dennoch nicht; davor m\u00f6chte ich den Leser auch warnen! Wie gesagt, ob einem ein Gedicht gef\u00e4llt, ist von der Subjektivit\u00e4t des Lesers abh\u00e4ngig. Demnach kann es ebenso m\u00f6glich sein, dass eine Geschenkidee vor einem H\u00f6lderlin, Nietzsche oder Ringelnatz bevorzugt wird. Dabei sei aber angemerkt, dass die Ursache dieses Ph\u00e4nomens nicht in der Qualit\u00e4t der Gedichte zu suchen ist, sondern im Leser oder H\u00f6rer selbst. Das zu erl\u00e4utern, w\u00fcrde dem Ziel des Aufsatzes nicht entsprechen. Demnach muss ich mich entschuldigen und den Leser mit Unklarheiten zur\u00fccklassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Kritik an Gedichten:<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Festzustellen ist heutzutage zweierlei: Es werden viele Gedichte geschrieben. Sie finden jedoch wenig Beachtung. Das liegt prim\u00e4r daran, dass sie keine \u00dcbereinstimmung von Form und Inhalt aufweisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie kann dieses Problem gel\u00f6st werden? Die benannten Internetforen bieten eine ausgezeichnete Grundlage, um Gedichte kritisieren zu lassen. Leider erfolgt das nur wenig konstruktiv. Viele Kritiker, deren Kenntnisse und Talent ich nicht abstreiten m\u00f6chte, erkennen in ihren Evaluationen von Gedichten nicht den Unterschied zwischen objektiver und subjektiver Kritik. Ein Beispiel f\u00fcr letztere ist: <em>Ich finde das Gedichte gut oder schlecht, weil mir der Vers ist X gef\u00e4llt oder nicht zusagt. <\/em>Was soll ein Autor mit einer solchen Kritik anfangen? Soll er den Vers ab\u00e4ndern, damit er einem anderen gef\u00e4llt? Soll er beginnen, f\u00fcr das Wohlgefallen anderer zu schreiben? Auf Zuruf? Eine Kritik, welche man annehmen k\u00f6nnte, kann beispielsweise lauten: <em>Im Vers X hast du einen metrischen Fehler gemacht. Dass er dort einen Sinn hat, geht aus dem Inhalt des Verses und des Textes nicht hervor.<\/em> Im Unterschied zur subjektiven Kritik, wird hier etwas Allgemeines kritisiert und vor allem etwas, dass bei einsetzender Verbesserung wirklich der Qualit\u00e4t des Gedichtes zu Gute kommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kritik anzunehmen, setzt jedoch zweierlei voraus: Ersten, dass man bereit ist, Kritik anzunehmen, zweitens, dass man angemessene, konstruktive Kritik erh\u00e4lt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie eine solche Kritik aussehen kann, wurde benannt. Der Leser muss nun aber \u00fcber ein weiteres Problem in den heutigen Zeiten aufgekl\u00e4rt werden. Es geht um die Kritikbereitschaft. H\u00f6ren wir dazu noch einmal Robert Gernhardt: \u201eErinnern wir uns: Die Lyrik ist uralt und weltweit verbreitet. Ungez\u00e4hlte Herzen und Hirne haben singend, betend, fluchend, spottend, preisend, klagend, t\u00fcfteln oder rasend un\u00fcberschaubar viele M\u00f6glichkeiten lyrischer Mitteilungen erprobt und \u00fcberliefert, dazu einen Fundus bestens erprobter rhetorischer Haltungen, Figuren und Tricks.\u201c (Gernhardt, Seite 15) Ferner: \u201eDa haben also Jahrtausende eine Technologie\u00a0 verbaler Suggestion entwickelt und unendlich verfeinert \u2013 und kaum einer der heutigen Arbeiter am Wort interessiert sich f\u00fcr dieses Erbe.\u201c (Gernhardt, Seite 15)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum ist das so? Viele Autoren nehmen von ihren Texten keinen Abstand. Aber was bedeutet das? Der Leser m\u00f6ge sich an etwas in seinem Leben erinnern, vielleicht an etwas, dass mit Liebe oder Zorn oder dergleichen zu tun hat. Die Gedanken, die er dabei hat, m\u00f6ge er gleich auf Papier schreiben, vielleicht, wenn er es m\u00f6chte mit Reimen oder anderen Stilmitteln. Dieses Werk m\u00f6ge er dann zur Kritik bereitstellen und sich nach Erhalt einer Kritik selbst beobachten. Hat man keinen Abstand vom Text, schreibt man also genau das auf, was man sich erdachte, bringt man einen Teil aus seiner Gedankenwelt direkt und <em>ohne Schutz <\/em>auf ein Blatt, so wird die Kritik nicht annehmbar sein. Anstatt zu sehen, dass eine textliche Kritik vorgenommen wurde, denkt man, dass man selbst und nicht das Werk kritisiert wurde. Dieses Ph\u00e4nomen ist h\u00e4ufig, gerade in den benannten Foren, anzutreffen. Vor allem Neulingen in der Lyrik ergeht es schnell so. Lyrik lebt davon, im Leser oder H\u00f6rer etwas auszul\u00f6sen. Der schnellste Weg dahin, so glauben es viel zu viele, f\u00fchre \u00fcber die Mitteilung besonders emotionsgeladener Ereignisse im Leben. Schreibt ein Neuling ein Gedicht ohne Abstand \u00fcber den Tod seiner Mutter oder dergleichen und wird dieses Gedicht dann kritisiert, kann sich der Leser leicht vorstellen, wie dem Neuling zumute sein wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der kritische Leser wird hier bemerken, dass es nicht m\u00f6glich sei, Abstand von einem Gedicht als Autor zu nehmen. Das Gedicht ist etwas, das durch Subjektivit\u00e4t, durch eigene Wahrnehmung, eigene Gedanken entsteht. Das ist aber nicht g\u00e4nzlich so. Der Gedanke oder der Inhalt eines Gedichtes entsteht genau durch jene Subjektivit\u00e4t, das sp\u00e4tere gesamte Gedicht nicht. Denn wenn man einen Gedanken entwickelt hat, den man verdichten will, sollte man sich die Frage stellen: Welche Form passt zu diesen Gedanken, zu diesem Inhalt? Damit gelangt Objektivit\u00e4t in das Gedicht. Ferner fragt man sich: Wie dr\u00fccke ich denn den Gedanken am besten aus? Das ist eine Frage, die ich unter die erste subsumieren w\u00fcrde. Aber auch anhand dieser Frage ist ersichtlich, dass ein Gedicht nicht g\u00e4nzlich aus Subjektivit\u00e4t entspringt, im Sinne dass selbst die Form nach rein zuf\u00e4lligen und personenabh\u00e4ngigen Gr\u00fcnden gew\u00e4hlt wird. Dass allerdings von einem Gedicht, das man schrieb, niemals eine v\u00f6llige Distanz einzunehmen ist, ergibt sich schon allein aus dem Fakt, dass es der Autor war, der sein Gedicht schrieb. Allein dort ist schon eine Verbindung und kein Abstand zu sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sei bemerkt, dass nicht nur der Autor von seinem Gedicht, sondern auch der Kritiker davon Abstand halten muss. Schreibt ein Autor \u00fcber einen Selbstmord, w\u00e4re es t\u00f6richt vom Kritiker anzunehmen, dass er, der Autor, wirklich einen Selbstmord plant. Aber hier ist ebenfalls Differenziertheit gefragt. Zu ihr gelangt man letztendlich schlicht mit der Kenntnis, wann ein Gedicht auf bestimmte Weise geschrieben wurde, ob der Autor davon Abstand nehmen konnte, oder nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abstand vom Gedicht kommt vor allem durch Objektivit\u00e4t zustande. Zu ihr gelangt man wesentlich durch \u00dcbung, ebenso durch konstruktive Kritik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abschlie\u00dfend m\u00f6chte ich dem Leser weitere Erfahrungen schildern. Kritik wird leider von vielen Leuten vorgenommen, die nicht in der Lage sind zu kritisieren. Ihnen fehlen schlicht die Kenntnisse dazu. Sich von jemandem ohne Kenntnisse kritisieren zu lassen, ist unzul\u00e4ssig und demnach muss auf diese Personen nicht Acht gegeben werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Offensichtlich wollen viele Autoren heutzutage einfach nur gelesen werden, einmal in ihrem Leben Anerkennung erfahren mit dem, was sie geschrieben haben. Solche Leute wirklich konstruktiv zu kritisieren, ist eine Sache der Unm\u00f6glichkeit. Denn ihnen geht es nicht darum, sich in ihrem Stil zu verbessern, wirklich der Frage nachzugehen, welche Form am besten auf einen bestimmten Inhalt passt, sie wollen beachtet werden, mehr nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zusammenfassend m\u00f6chte ich die These aufstellen, dass die Lyrik heutzutage ihren schlechten Ruf vor allem aus dreierlei Dingen heraus genie\u00dft:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Autoren nehmen sich nicht mehr die Zeit, eine \u00dcbereinstimmung von Form und Inhalt in ihren Werken zu entwickeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neulinge in der Lyrik gehen in der Masse von arroganter und unqualifizierter Kritik unter,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">aber auch aus dem Grund heraus, dass Neulinge durch mangelnden Abstand zum Texte keine Kritik vertragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele Autoren sind allein daran interessiert, ihren Durst nach Ruhm und Ansehen zu stillen, anstatt sich Zeit zu nehmen, ein qualitativ hochwertiges Gedicht zu schreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Abschlussbemerkung:<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geht nicht darum, einem Sonett oder einer Sestine den Vorrang vor einem modernen Gedicht zu gew\u00e4hren. Das, lieber Leser, kann auch nicht der richtige Weg sein. Alle Gedichte verdienen es, gelesen oder geh\u00f6rt zu werden, aber nur unter einer Bedingung: Form und Inhalt m\u00fcssen zusammen passen. Bestimmte Motive lassen sich nur schwer neu und immer wieder neu ausdr\u00fccken. Das tut aber, falls ein Neuausdruck eines Motives nicht erfolgt, einem Gedicht keinen Abbruch. Selbst wenn die Inhalte und die darin gew\u00e4hlten Motive noch so naiv, noch so einfach sind, sind diese Gedichte lesens- und h\u00f6renswert, wenn jene \u00dcbereinstimmung von Form und Inhalt ersichtlich ist!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kehrt man von Gedichten ab, die Reime aufweisen, weil man meint, Reime engen die Gedanken ein, so kann das zul\u00e4ssig sein. Kehrt man von ihnen allerdings ab, weil man zu faul ist, sich die M\u00fche zu machen, einen Reim, der in einem Metrum auftaucht, zu verfassen, braucht man sich nicht wundern, wenn man in den Weiten eines Internetforums untergeht oder in einer Geschenkidee zu lesen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn das aber der Leser wirklich anstrebt, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, m\u00f6chte ich ihn zum Abschluss fragen: Sind dir deine Gedanken wirklich derartig wenig wert?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich wurde nun viel kritisiert. Und Kritik allein, ohne Verbesserungsvorschlag, bleibt nutzlos.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44097&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/The-Transnational.png\" sizes=\"auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/The-Transnational.png 353w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/The-Transnational-212x300.png 212w\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"266\" \/><\/a><strong>The Transnationa<\/strong>l ist ein zweisprachiges Literaturmagazin. 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