{"id":43467,"date":"2018-01-12T00:01:11","date_gmt":"2018-01-11T23:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=43467"},"modified":"2018-03-11T10:55:56","modified_gmt":"2018-03-11T09:55:56","slug":"hommage-a-jean-krier","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/01\/12\/hommage-a-jean-krier\/","title":{"rendered":"hommage \u00e0 jean krier"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">[Spiegelmensch und letzte Reise]<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">es spielt keine rolle wo sich f\u00fcr uns das jenseits vom diesseits trennen wird nochmal eine reise also nach paris rom helsinki athen new york berlin yaound\u00e9 oder basse-terre w\u00e4re unsinnig aber danach fragen wir nicht tun es einfach nach paris weil guadeloupe so unwirklich ist sagt sie nichts als armut und dreck und dummheit und feuchte hitze \u00fcppige flora du wirst alles das nie sehen weil sie sagt nicht nur die <i>grands-blancs<\/i> ertr\u00e4nken sich im alkohol und des meeres gischt knistert dazu unter dem passat paris also wo du jede verpisste gasse kennst und noch nie auf dem eiffelturm warst aber pflasterm\u00fcde im jardin du luxembourg unter einem tuschelnden taschentuchbaum liegend eingeschlafen bist \u00fcber dem gedanken wie michelle die erste frau von boris vian die geliebte sartres werden konnte philosophenpack aber es geh\u00f6ren zwei dazu sagt man paris also das bodenlose obskure drecksloch sein charme stinkt und klebt an dir wie hundeschei\u00dfe am schuh sie spricht vom <i>odeur<\/i> der <i>boh\u00e8me<\/i> in den villes nouvelles ist sie niemals gewesen das ist so t\u00f6richt wie licht und freiheit und <i>fraternit\u00e9<\/i> in welcher epoche lebt sie eigentlich sie sagt paris ist ein teil von dir das bist du <i>la ville de l\u00b4amour<\/i> wenn man noch daran glaubt dass <i>je t\u00b4aime<\/i> die sch\u00f6nsten w\u00f6rter der welt seien<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der morgen im h\u00f4tel des arts hinter dem th\u00e9\u00e2tre des nouveaut\u00e9s hohe fenster schmutziges halbdunkel himmelsgrau statt meeresblau das breite doppelbett ihr dicker godemichet sie sagt lass uns sch\u00f6ne schweinereien machen so schmutzig wie paris bevor das volle licht des tages unser zimmer penetriert und dann ein caf\u00e9 au lait aber deine fleischlichkeit fiel der zeit zum opfer zum v\u00f6geln fehlt die kraft deine lust gilt den gedichten von jean krier dem buch dort auf dem von schlaflosigkeit zerw\u00fchlten laken ihr krankes herz war vian und krier gemein denkst du und dann sieht er dich im bad der spiegel in \u00fcbergr\u00f6\u00dfe darin wirst du ein spiegelmensch unversehens verloren und gefunden vor dem finale in deinem leid still und schleichend dein schicksalstag ist da heute vor dem fin de partie der endlichkeit alles gedachten und vorgestellten bewusst zeigt der spiegel mehr als er sieht du sein und er sein und sie und es <i>soi-m\u00eame comme un autre<\/i> die erkenntnis des homomorphismus und dass es umgekehrt richtig und g\u00fcltig sei du das spiegelgesicht und es das du strukturvertr\u00e4glich du l\u00e4chelst wenn es l\u00e4chelt du streckst den arm mit zeigendem finger weil es den arm ausstreckt zeigend auf sich weil du wei\u00dft du bist das abbild und welt gleitet weg und du wirst eben nicht auf den kopf gestellt<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">was ist geschehen ein jetzt zerplatzt <i>le jour o\u00f9 tout a bascul\u00e9<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">und alles ist anders ein wimpernschlag und du bist das dem ich das ich erkl\u00e4rende ich da sitzt du in dir ohne spiegel nun und doch seid ihr zwei <i>chin-chin<\/i> sagt sie dir unpassend eine kaffeetasse entgegengestikulierend es ist bald mittag du bestellst das <i>d\u00e9jeuner jp sartre<\/i> sie lacht ach der schon wieder und \u00fcber deine schmieralien der vergangenen jahre spricht sie von versgewordenem schicksal nichts kommt zur\u00fcck aus der lebenserinnerung was immer sie damit meint und der andere oder das andere l\u00f6st sich aus dir sitzt mit euch am tisch des les deux magots <i>salut mon pote d\u00e9j\u00e0 chi\u00e9 aujourd&#8217;hui<\/i> paul verlaine ging hier ein und aus und rimbaud simone de beauvoir sartre picasso und fran\u00e7ois truffaut und du in den neunzigern wei\u00dft du noch sagt sie wir schrieben uns nieder reimten uns einer am anderen das waren leichte zeiten zwischen wahnsinn und vernunft und viehischer sofortbegattung als der kopf noch erogene zone war vor der misshandlung der ideale und den tr\u00e4umen die nach einsamkeit schrien jedoch wir waren die spiegelmenschen immer nur vorstellung von uns so ist es nur nat\u00fcrlich dass wir sterblich sind wie alle anderen ideen jetzt erhitzen einsicht und der doppelte espresso deinen k\u00f6rper<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das bordeauxrot der sitzbank verblasst hinter ihrem r\u00fccken mir geht es schlecht so blass bin ich so fahl und eingefallen wie ein winziges winterm\u00fcdes goldh\u00e4hnchen einen schritt draussen noch unter der gr\u00fcnen markise wird meine spiegelwelt zu nebel die sp\u00e4tsommerluft gl\u00e4sern und gespannt als ob vektorr\u00e4ume gleich<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">zerrei\u00dfen sie erfasst meine hand und ich frage obgleich ich es begriffen habe wie kann es sein dass wir sterblich sind und sie fragt glaubst du an ein leben vor dem tod das \u00fcberraschendste das ich jemals von ihr geh\u00f6rt habe und ich sage deine seele sehen beim blick in den Spiegel dein vortodkontakt mit dir selbst deine gewissheit es gibt ein leben vor dem tod aber was soll der unsinn <i>pourquoi tu g\u00e2ches ta vie<\/i> du musst den spiegelmenschen in den spiegel zur\u00fcckbannen die welt die ein spiegel zeigt ist die welt die in ihm vorhanden ist wir sind das abbild langsam beginne ich zu verstehen warum du von den gedichten kriers nicht loskommst<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">sagt sie es ist sein aufruhr gegen das sterben nicht wahr seine revolte der endlichkeit die dir ein fieber macht unruhe und trotz und wir gehen einen zweiten schritt und einen dritten weit wollen wir laufen bis zur rue dauphine ecke rue christine wo es den club le tabou nicht mehr gibt <i>centre de folie organis\u00e9e<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">jean krier ist tot und du wirst ihm folgen wie es wie sie wie ich<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wie k\u00f6nnen wir ruhig schlafen mit dem wissen um verg\u00e4nglichkeit ich habe endlich meine vorstellung von mir gesehen beim blick<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">in den spiegel zu viel zeit verloren zuvor jetzt glaube ich an das leben vor dem tod sie h\u00e4lt weiter meine hand ich finde es albern und wir schreiten in den kosmos der place saint-germain-des-pr\u00e9s<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">m\u00f6chten noch einmal die rue bonaparte hinauf der turm der abbaye erscheint mir h\u00f6her als sonst und childebert schwebt transluzent dar\u00fcber ich st\u00fcrze zu boden rieche warmen asphalt und den staub der welt in einer weltstadt sie blickt zur\u00fcck sieht einen kellner<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">des deux magots <i>monsieur fait un malaise<\/i> lieber w\u00e4re ich im jardin de luxembourg unter dem taschentuchbaum erloschen oder unter einem balsambaum im parc national de la guadeloupe aber es ist einerlei wo und wann und deshalb <i>pas de souci<\/i> mein letzter blick touchiert ihre quietschgelben dianetten mit pfennigabsatz du zitterst also<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">und stirbst und feierst fr\u00f6hliche urst\u00e4nd am n\u00e4chsten morgen und mein letzter gedanke sucht meine tochter in der r\u00fcckschau acht jahre alt strahlend und aufrecht sagt sie vorsicht vor menschen die sich mit dem zeigefinger der linken hand in der nase bohren das sind spiegelmenschen die fressen deine seele auf<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=43467&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Denis_Ullrich-300x300.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 266px) 100vw, 266px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Denis_Ullrich-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Denis_Ullrich-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Denis_Ullrich-e1520668311146.jpg 180w\" alt=\"\" width=\"266\" height=\"266\" \/><\/a>Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18423\">Sind wir nicht alle ein bisschen COPY &amp; Paste?<\/a> wurde beim KUNO-Essaypreis 2013 mit einer lobenden Erw\u00e4hnung bedacht. Die Begr\u00fcndung findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12856\">hier.\u00a0<\/a>Die Redaktion verlieh Denis Ullrich f\u00fcr einen weiteren fulminanten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26608\">Text<\/a> den KUNO\u2013Essay\u2013Preis 2015.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie bitte auch: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=33429\">Fragmentarischer Versuch einer Prosaverortung<\/a> und den Prosa\u00fcberflug\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34426\">Lost in Laberland<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Spiegelmensch und letzte Reise] es spielt keine rolle wo sich f\u00fcr uns das jenseits vom diesseits trennen wird nochmal eine reise also nach paris rom helsinki athen new york berlin yaound\u00e9 oder basse-terre w\u00e4re unsinnig aber danach fragen wir nicht&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/01\/12\/hommage-a-jean-krier\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":116,"featured_media":47232,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1331,2073],"class_list":["post-43467","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-denis-ullrich","tag-jean-krier"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43467","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/116"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=43467"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43467\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=43467"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=43467"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=43467"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}