{"id":43241,"date":"2018-11-20T00:01:34","date_gmt":"2018-11-19T23:01:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=43241"},"modified":"2021-10-11T13:09:02","modified_gmt":"2021-10-11T11:09:02","slug":"atina","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/11\/20\/atina\/","title":{"rendered":"ATINA"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>I<\/p>\n<p>Ich tauchte spiegelnd aus beiernden* fluten<\/p>\n<p>verkrallt in das land die lungen voll gift<\/p>\n<p>Den himmel \u00fcber mir sah ich verbluten<\/p>\n<p>der wind schlich davon mit gef\u00e4lschter drift<\/p>\n<p>Ich dachte an einen der mit mir getrieben<\/p>\n<p>da legt er die schlingen des ankerspills*<\/p>\n<p>schnitt aus meiner haut seine grieben<\/p>\n<p>und opferte mir eine ziegenmilz<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und ich kam zu sp\u00e4t als das feuer ihn schlug<\/p>\n<p>und er seine beute ins wadi trug<\/p>\n<p>die lotosfr\u00fcchte verschwendet<\/p>\n<p>Ich sa\u00df in glut und verbrannte nicht<\/p>\n<p>Atina starrte mit kaltem gesicht<\/p>\n<p>vom Schah als letzte geblendet<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II<\/p>\n<p>Er war der siebte der sikelioten*<\/p>\n<p>mit denen ich spielte um auge und geld<\/p>\n<p>Er sagte: f\u00fcr vierzig kamele boten<\/p>\n<p>die seinen mir schutz im geheimen zelt<\/p>\n<p>Ich f\u00fcllte den korpus der leier mit liedern<\/p>\n<p>von dem was vor ihrer zeit gelebt<\/p>\n<p>ich lehrte sie im kehrreim erwidern<\/p>\n<p>was von ihrem blut an der leier klebt<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er nahm aus der schale und bot shalom<\/p>\n<p>Sie zierte sich noch und er sagte: komm<\/p>\n<p>und keiner wagte zu passen<\/p>\n<p>Die aufseher trieben sie morgens auf<\/p>\n<p>Sie gingen und folgten dem sonnenlauf<\/p>\n<p>da hat sie die sonne verlassen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III<\/p>\n<p>So gingen sie durch ihre dunkelheiten<\/p>\n<p>und hatten nur katzen und kinder zum mahl<\/p>\n<p>Sie hatten nichts als um iotas zu streiten<\/p>\n<p>und nichts als zirren* f\u00fcr ihre qual<\/p>\n<p>Verga\u00dfen gott und verga\u00dfen die ahnen<\/p>\n<p>und opferten toter pferde gas<\/p>\n<p>Die jahre starben es starben die wanen*<\/p>\n<p>Sie tranken den tran von delphinenaas<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich folgte dem ausgepl\u00fcnderten zug<\/p>\n<p>der in seiner mitte die lade trug<\/p>\n<p>und konnte das licht nicht erreichen<\/p>\n<p>Ein volk auf wanderschaft stern\u00fcberdacht<\/p>\n<p>voll hoffnung im schwarzen schimmer der nacht<\/p>\n<p>suchen sie ihresgleichen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV<\/p>\n<p>Blasse kinder staubiger fr\u00fche<\/p>\n<p>blick vom get\u00fcnchten Tartessos rot<\/p>\n<p>noch f\u00fchrt sie nichts als ger\u00f6ll und die m\u00fche<\/p>\n<p>zu wandern unter dem schweigenden lot<\/p>\n<p>Doch an den weichen pl\u00f6tzlicher gletscher<\/p>\n<p>in denen das blut zu eisen gefror<\/p>\n<p>schr\u00e4mten* sie wie gelernte dispatcher<\/p>\n<p>so da\u00df sich das werk in w\u00e4ldern verlor<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich h\u00f6rte vom s\u00fc\u00dfen markt in Taiwan<\/p>\n<p>vom opiumschiff auf dem strand von Tainan<\/p>\n<p>und arbeit im landesinnern<\/p>\n<p>und klagte der erde die mich gebar<\/p>\n<p>weder des tods noch des lebens gewahr<\/p>\n<p>und kiebitzte bei den gewinnern<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>V<\/p>\n<p>Einzig Atina trug ihre klage<\/p>\n<p>und ihre hoffnung und ihren mut<\/p>\n<p>in dieser w\u00fcste durch vierzig tage<\/p>\n<p>\u00fcber die steinerne k\u00f6rnige flut<\/p>\n<p>Die alte orgel des windhimmels lade<\/p>\n<p>zuversicht \u00fcber der stahlszenerie<\/p>\n<p>die serenade verrosteter krade*<\/p>\n<p>als sie am wachturm um wasser schrie<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie fand nur vergiftete brunnen und trank<\/p>\n<p>das bittere wasser und wurde nicht krank<\/p>\n<p>und suchte sein ohr auf den molen<\/p>\n<p>Der Indienfahrer pachtet Migjorn<\/p>\n<p>Sie haben zur h\u00e4lfte vermahlen sein korn<\/p>\n<p>und die andere h\u00e4lfte gestohlen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>VI<\/p>\n<p>Tiefer in w\u00e4lder flohn amazonen<\/p>\n<p>von katzen gelockt die den tod verf\u00fchrt<\/p>\n<p>In den arenen wo r\u00f6mer wohnen<\/p>\n<p>sind v\u00f6lker in blendgas zum k\u00e4mpfen gek\u00fcrt<\/p>\n<p>Ich schlug mich \u00fcbern pa\u00df nach westen<\/p>\n<p>und merkte da\u00df ich das zeitenrad<\/p>\n<p>noch auf dem r\u00fccken trug\u00a0\u00a0 am besten<\/p>\n<p>ich h\u00f6rte auf nichts und a\u00df meinen pfad<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich wanderte aus den w\u00e4ldern aus reif<\/p>\n<p>ins fenn\u00a0\u00a0 die schwingen des launischen Greif<\/p>\n<p>trugen mich \u00fcber die br\u00fcche<\/p>\n<p>Und ich lief im kreis mit dem fl\u00fcchtingstreck<\/p>\n<p>und \u00fcber mir grinste der himmel wie speck<\/p>\n<p>und hunger dampfte die k\u00fcche<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>VII<\/p>\n<p>Sie stand auf dem markt als falsche prophetin<\/p>\n<p>und t\u00e4uschte mit tr\u00fcgendem kartenstrau\u00df<\/p>\n<p>Der zwerg ri\u00df am schleier der anachoretin<\/p>\n<p>und fuhr sie aus tobender stadt heraus<\/p>\n<p>Da grub sie sich durch die katakomben<\/p>\n<p>lunten in fluren von absprachen leer<\/p>\n<p>Er aber zeichnet besoffene rhomben<\/p>\n<p>und f\u00e4ngt sie vergeblich und sch\u00fctzt sie nicht mehr<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aus marmor und glas ein freiheitsmodell<\/p>\n<p>weisungsempf\u00e4nger beim abt\u00f6ten schnell<\/p>\n<p>und alle pl\u00e4ne gescheitert<\/p>\n<p>Die risse jenes gelobten lands<\/p>\n<p>grau verwischt an der hauswand stand\u2019s:<\/p>\n<p>Erst ratten taten die freitat<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>VIII<\/p>\n<p>Wir hatten zu fr\u00fch von der k\u00e4lte im herzen<\/p>\n<p>wir pfl\u00fcgten das land zu w\u00fcste und blut<\/p>\n<p>wir zahlten den kopflohn in bittren sesterzen<\/p>\n<p>und machten versteinert das himmelblau gut<\/p>\n<p>Ich blieb ihnen hinter s\u00fcndenbock s\u00fcnder<\/p>\n<p>gekelcht und den morgenstern \u00fcberquert<\/p>\n<p>Sie suchten in mir den zeitverk\u00fcnder<\/p>\n<p>und fanden einen der hinkjamben lehrt<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vierzig jahre morganaverw\u00f6hnt<\/p>\n<p>vierzig karten herzbubeverh\u00f6hnt<\/p>\n<p>in lilie mit k\u00f6nig und assen<\/p>\n<p>die ohren kalt vom schreien des gongs<\/p>\n<p>ins totenland singt einer zynische songs<\/p>\n<p>und taumelt allein auf den gassen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IX<\/p>\n<p>Er schnitt sich die zunge sie aufzuessen<\/p>\n<p>als erster wach im bleiwei\u00df der zeit<\/p>\n<p>und schwieg als erster und hatte vergessen<\/p>\n<p>er hatte keine der br\u00e4ute gefreit<\/p>\n<p>Das kind blickt \u00fcber die steppe im westen<\/p>\n<p>da liegt \u00fcberm rauch ein zitternder schein<\/p>\n<p>Sie schichteten tr\u00fcmmer zu reckenden resten<\/p>\n<p>knochen der toten in nichtsbrand zu spein<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Strandgut der nacht ohne poren verdorrt<\/p>\n<p>und vorm atelier ein weiterer mord<\/p>\n<p>und sandfahnen \u00fcber den ergen*<\/p>\n<p>Djungel versteint unter w\u00fcsten von eis<\/p>\n<p>und ein stinkender zwerg ein kind ein greis<\/p>\n<p>und frauen in wei\u00dfglatten s\u00e4rgen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Rohlieder I \u2013 X<\/strong> von HEL, KUNO 2018<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=43206&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/HEL.jpeg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>HEL ist bekannt geworden als Publizist gesellschaftskritischer Lyrik sowie Essays. Nach dem Zyklus\u00a0<em>Zeitgef\u00e4hrten<\/em><em>, die<\/em> zwischen 1977 \u2013 2008 entstanden sind, ver\u00f6ffentlicht KUNO die Reihe <i>Rohlieder I \u2013 X<\/i>, die dank Caroline Hartge neu ediert worden sind. Diese Gedichte legen eine Stimmung frei, die zwischen Melancholie und Unbeschwertheit, Wehmut und Klarheit wechselt.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine W\u00fcrdigung von HEL findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=33276\">hier<\/a>. Ein faszinierend langer Briefwechsel zwischen Ulrich Bergmann und HEL findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9168\">hier<\/a>. Eine <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hel\/helbenntjes.htm\">H\u00f6rprobe<\/a> des Autors findet sich auf MetaPhon.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\"><i>Redaktionelle Anmerkungen:<\/i><\/span><\/p>\n<p>beiern = \u201eglocke mit kl\u00f6ppel anschlagen nich l\u00e4uten\u201c<\/p>\n<p>ankerspill = \u201ewinde zum ankerlassen und -lichten\u201c<\/p>\n<p>sikelioten = \u201egriech. sizilier\u201c<\/p>\n<p>zirren = \u201ezirrus-, sch\u00e4fchen- und federwolken\u201c<\/p>\n<p>wanen = \u201enord. G\u00f6ttergeschlecht\u201c<\/p>\n<p>schr\u00e4men = \u201ef\u00e4llb\u00e4ume kennzeichnen\u201c<\/p>\n<p>krade = \u201emehrzahl von k(raft)rad\u201c<\/p>\n<p>erg = arab. Sandw\u00fcste<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; I Ich tauchte spiegelnd aus beiernden* fluten verkrallt in das land die lungen voll gift Den himmel \u00fcber mir sah ich verbluten der wind schlich davon mit gef\u00e4lschter drift Ich dachte an einen der mit mir getrieben da legt&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/11\/20\/atina\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":154,"featured_media":46967,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1454],"class_list":["post-43241","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-hel-toussaint"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43241","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/154"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=43241"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43241\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=43241"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=43241"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=43241"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}