{"id":43235,"date":"1995-01-11T00:01:55","date_gmt":"1995-01-10T23:01:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=43235"},"modified":"2021-11-15T14:21:17","modified_gmt":"2021-11-15T13:21:17","slug":"farewell-borussiak","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/01\/11\/farewell-borussiak\/","title":{"rendered":"FAREWELL BORUSSIAK*"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>I<\/p>\n<p>Ich geh \u00fcbern himmel im abendrot fort<\/p>\n<p>Wir sehn uns \u00fcber stachel und streben<\/p>\n<p>Die nacht liegt schwarz im neumond\u00a0\u00a0 den ort<\/p>\n<p>wo ich hingeh w\u00fcnsch ich m\u00f6g\u2019s schw\u00e4rzere geben<\/p>\n<p>Ich hoff da\u00df die k\u00e4lte dich nicht verschont<\/p>\n<p>und priester vertun sich mit deinen ged\u00e4rmen<\/p>\n<p>Kann sein da\u00df dich zu verscharren nicht lohnt<\/p>\n<p>Die geier wird schon der bl\u00e4hwind w\u00e4rmen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kleine nummer im schattentheater<\/p>\n<p>du beinloser zinngrenadier<\/p>\n<p>du kuriosit\u00e4t am Prater<\/p>\n<p>zwei k\u00f6pfe und arme vier<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch f\u00fcrchte nicht du gehst drauf bei der pest<\/p>\n<p>scheinst gegen den schnelltod immun<\/p>\n<p>Du soffst aus kloaken du fra\u00dfest asbest<\/p>\n<p>und der dich vergiftet dem gibst du den rest<\/p>\n<p>du mungo im scho\u00df des tycoon<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II<\/p>\n<p>Ich wei\u00df noch wir wuchsen auf kriegwunder trift<\/p>\n<p>sind zugewachsene ufer gegangen<\/p>\n<p>Wir haben vom sandturm zwillingsgeschifft<\/p>\n<p>du hast mich im flug deiner h\u00e4nde gefangen<\/p>\n<p>mit breitwandtr\u00e4umen und jackpotgequizzt<\/p>\n<p>wir haben zwei r\u00fccken den himmel verschlungen<\/p>\n<p>und schlugen uns durch mit der faust und mit list<\/p>\n<p>zwei wilde und weise versto\u00dfene jungen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Deine gest\u00f6hnten ghazelen*<\/p>\n<p>dein abz\u00e4hlreim bis zum tod<\/p>\n<p>durchschnittner barbarenkehlen<\/p>\n<p>halsband samtig rot<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf trebe verschwandst du in Afrika S\u00fcd<\/p>\n<p>hast blut zum fr\u00fchst\u00fcck getrunken<\/p>\n<p>Seht was da schwarz am pappelbaum bl\u00fcht<\/p>\n<p>im burenauferstehungsgest\u00fct<\/p>\n<p>und g\u00e4nseeisack die halunken<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III<\/p>\n<p>Wir wurden ber\u00fchmt als h\u00e4rteste band<\/p>\n<p>Wir waren die ersten die weltkrieg riefen<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht ob heut ein aas uns nocht kennt<\/p>\n<p>es kommt noch ich lecke das fett aus den siefen*<\/p>\n<p>Nachts hat mich dein krimsektatem bet\u00e4ubt<\/p>\n<p>dein chromgeheul fra\u00df mir die haut von den ohren<\/p>\n<p>Du hieltst hof in P\u00f6seldorf linienbest\u00e4ubt<\/p>\n<p>hast millionen an schlitzmaschinen verloren<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum billardritter geschlagen<\/p>\n<p>du verlogener gabardinehecht<\/p>\n<p>Und auf den standortgelagen<\/p>\n<p>hottet ihr lagerbezecht<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die pauke noch einmal walk\u00fcrenerf\u00fcllt<\/p>\n<p>gestopft da\u00df sie tiefer verh\u00f6hne<\/p>\n<p>hast du wieder den schlachtgesang forte gebr\u00fcllt<\/p>\n<p>die totenkopfcombo im reethaus auf Sylt<\/p>\n<p>genickschu\u00df \u00fcbte die m\u00f6hne*<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV<\/p>\n<p>Stets denen mit sch\u00e4rferen peitschen verkauft<\/p>\n<p>der firma vertraglich bootlegs gestatten<\/p>\n<p>und deinen s\u00e4nger in wolfblut getauft<\/p>\n<p>Und dann standst du im zugigen Jupiterschatten<\/p>\n<p>der schlierigen b\u00fchne verkabelt verschwitzt<\/p>\n<p>und einsam unter den schnulzern geschniegelt<\/p>\n<p>Merkst du wo der verratknopf sitzt?<\/p>\n<p>sahst nicht mal die rissige maske gespiegelt<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hast osten wie westen betrogen<\/p>\n<p>die mutter niedergekn\u00f6rt<\/p>\n<p>die tratte* noch einmal gezogen<\/p>\n<p>den bruder drei n\u00e4chte verh\u00f6rt<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dein kopf ein dreigriffsong dein schwanz polyglott<\/p>\n<p>Dein patent schien ihnen geeignet<\/p>\n<p>einer shreddermaschine f\u00fcr menschenschrott<\/p>\n<p>und als gnade f\u00fcr einige schnelles schafott<\/p>\n<p>die zeitig kredite gezeichnet<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>V<\/p>\n<p>Wir wurden bis in die h\u00f6fe gescha\u00dft<\/p>\n<p>als am Ku\u2019damm steine ins goldglas flogen<\/p>\n<p>und landeten beide im Tegeler knast<\/p>\n<p>Du riefst: der warf den ersten! ich sagte: gelogen<\/p>\n<p>Eh morgens die stadt nach schwein wieder stank<\/p>\n<p>warst du t\u00e4towiert und die haare geschoren<\/p>\n<p>sagtest dreimal aus: der da f\u00fchrte den punk<\/p>\n<p>Als ich nach Stammheim kam hast du gefroren?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer kerben bei dir hatte<\/p>\n<p>den hieltst du mit himmelsjobs aus<\/p>\n<p>Als du frei kamst warst du in patte<\/p>\n<p>Wer abschwor dem halfst du raus<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erst kriegtest du schi\u00df bei molossergebell*<\/p>\n<p>und schossest dem V mann ein blasloch<\/p>\n<p>Dann trugst du Lucianos achziger fell*<\/p>\n<p>die n\u00e4chte in Howard Hughes\u2018 hotel<\/p>\n<p>hast gel\u00fcftet als es nach gas roch<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>VI<\/p>\n<p>Jetzt trimmst du die kader der hahn hat geschrien<\/p>\n<p>ruhst auf persern hoch \u00fcber Kreuzbergs tschawale*<\/p>\n<p>in nem penthouse mit landeplatz draus zu fliehn<\/p>\n<p>auf der schulter ne ratte zu f\u00fc\u00dfen schakale<\/p>\n<p>l\u00e4\u00dft schwingkugeln pendeln den abzug geklinkt<\/p>\n<p>hast pool girls um deine wamme zu balgen<\/p>\n<p>und erz\u00e4hlst beim shake hands wie du Judas gelinkt:<\/p>\n<p>dein silber war falsch doch erb\u00f6tig dein galgen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hockst da auf intarsien die pfoten<\/p>\n<p>kurzatmiger pavian<\/p>\n<p>hetzt aktienfaule heloten*<\/p>\n<p>gegeneinander an<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dein k\u00f6ter verbellt seine Bagdadbahn<\/p>\n<p>Vorm checkpoint kniet deine stimme<\/p>\n<p>Vom giftenden Rhein bis nach Eriwan<\/p>\n<p>vom Elbrus weiter nach Astrachan<\/p>\n<p>was treibst du noch in die kimme?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>VII<\/p>\n<p>Die antwort ist ausgestreut \u00fcber die wand<\/p>\n<p>ein regenbogen aus goldscheibenscherben<\/p>\n<p>Und manche wie du sind sie nicht au\u00dfer land<\/p>\n<p>die werden im schrei dieser alpnacht sterben<\/p>\n<p>Du hast dich als junge nach sonne gesehnt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>der blitz wird die blauen augen verblenden<\/p>\n<p>So zahlst auch du den verminderten zehnt<\/p>\n<p>kannst haut \u00fcber arm deinen vortritt vollenden<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Soll ich den zug besteigen<\/p>\n<p>an der rampe zum widergang?<\/p>\n<p>aus verdrahteten hainen geigen<\/p>\n<p>den massengrabhorizont lang<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da\u00df ich den weg aus den schneefeldern find<\/p>\n<p>gekillt doch nicht zu verwesen<\/p>\n<p>die schultern vereist und ich steure blind<\/p>\n<p>meinen bomber zum spiel auf ein spielendes kind<\/p>\n<p>Der himmel bricht in die vehsen*<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was gedenkst du nun weiter zu tun<\/p>\n<p>hast noch nicht meine drachen get\u00f6tet<\/p>\n<p>Zur\u00fcck bin ich mit dem taifun<\/p>\n<p>der das abendfeuer r\u00f6tet<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Rohlieder I \u2013 X<\/strong> von HEL, KUNO 2018<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=43206&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/HEL.jpeg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>HEL ist bekannt geworden als Publizist gesellschaftskritischer Lyrik sowie Essays. Nach dem Zyklus\u00a0<em>Zeitgef\u00e4hrten<\/em><em>, die<\/em> zwischen 1977 \u2013 2008 entstanden sind, ver\u00f6ffentlicht KUNO die Reihe <i>Rohlieder I \u2013 X<\/i>, die dank Caroline Hartge neu ediert worden sind. Diese Gedichte legen eine Stimmung frei, die zwischen Melancholie und Unbeschwertheit, Wehmut und Klarheit wechselt.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine W\u00fcrdigung von HEL findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=33276\">hier<\/a>. Ein faszinierend langer Briefwechsel zwischen Ulrich Bergmann und HEL findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9168\">hier<\/a>. Eine <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hel\/helbenntjes.htm\">H\u00f6rprobe<\/a> des Autors findet sich auf MetaPhon.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\"><i>Anmerkungen:<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\"><i>borussiak = \u201e-K steht f\u00fcrs pelaSGische\u201c<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\"><i>ghazelen = \u201epers. gespinst; gedichtgattung\u201c<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\"><i>sief = \u201esiepe, brauchwasserabflu\u00dfrinne\u201c<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\"><i>m\u00f6hne = \u201evermummte beim rheinischen karneval\u201c<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\"><i>tratte = \u201etracta, gezogener wechsel\u201c<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\"><i>molosser = \u201ealtgriechische kampfhunde\u201c<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\"><i>achziger fell = \u201esaisonfell der achziger jahre\u201c<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\"><i>tschawale = \u201eroma p\u00f6bel, aufruhr, barrikaden\u201c<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\"><i>heloten = \u201espartan. niedergehaltene messener, proll\u201c<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\"><i>vehsen = \u201efehse, veese &#8211; \u00e4hre\u201c<\/i><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; I Ich geh \u00fcbern himmel im abendrot fort Wir sehn uns \u00fcber stachel und streben Die nacht liegt schwarz im neumond\u00a0\u00a0 den ort wo ich hingeh w\u00fcnsch ich m\u00f6g\u2019s schw\u00e4rzere geben Ich hoff da\u00df die k\u00e4lte dich nicht verschont&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/01\/11\/farewell-borussiak\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":154,"featured_media":46967,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1454],"class_list":["post-43235","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-hel-toussaint"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43235","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/154"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=43235"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43235\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=43235"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=43235"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=43235"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}