{"id":43089,"date":"2024-12-22T00:01:00","date_gmt":"2024-12-21T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=43089"},"modified":"2023-03-15T14:06:46","modified_gmt":"2023-03-15T13:06:46","slug":"sinnlich-dynamisierte-wortkaskaden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/12\/22\/sinnlich-dynamisierte-wortkaskaden\/","title":{"rendered":"Sinnlich dynamisierte Wortkaskaden"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Als Dichter, der sich dem Wetter aussetzt und im besten Sinne unangepasst ist, war ich immer in Bewegung, irrte sogar umher, und nur die Freiheit mit allen Risiken liebte ich. [\u2026] war ich ein Anarcho nach der brillanten Definition des alten Ernst J\u00fcnger.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der 1916 in dem s\u00fcdchilenischen St\u00e4dtchen Lebu geborene, 2011 in Santiago de Chile gestorbene Gonzalo Rojas geh\u00f6rte nach dem Bekenntnis seiner langj\u00e4hrigen Bekannten Fabienne Bradu zur Gruppe jener seltenen Dichter, die ihre Poesie aus distanzierter, humorbeladener Perspektive bewerteten und dennoch Beweise der Anerkennung ihres Schaffens \u201emit ungeduldigem Wohlwollen\u201c akzeptierten, wie der Cervantes Preis 2003, der Nobelpreis der hispanoamerikanischen Literaturen. Beim aufmerksamen Betrachten des Werkverzeichnisses in dem \u00fcbersichtlich gestalteten Gedichtband mit den morphologisch ungew\u00f6hnlichen Illustrationen von Roberto Matta (1911-2002), einem chilenischen Architekten, renommiertem K\u00fcnstler und Freund, f\u00e4llt auf, dass Rojas\u2018 Werk erst in den 1960er Jahren au\u00dferhalb von Chile eine wachsende Anerkennung fand. Die Ursachen f\u00fcr die relativ sp\u00e4te internationale Entdeckung seiner vom lyrischen Mainstream des 20. Jahrhundert stark abweichenden Dichtung beschreibt Fabienne Bradu, Schriftstellerin und \u00dcbersetzerin, wie folgt. Es ist \u201eeine Dichtung, dominiert vor allem vom Klang, vom Rhythmus, von einer zerschlagenen Syntax sowie von den \u201apalabras esdr\u00fajulas\u2018 (auf der drittletzten Silbe betonten W\u00f6rtern), die wie Pauken mitten in eine Symphonie platzen.\u201c (S. 10) Diese palabras esdr\u00fajulas seien W\u00f6rter, die schneller sein wollen als die anderen, sie zerplatzen vorzeitig, um uns glauben zu lassen, dass sie eher zu Ende sind als die regul\u00e4r sterbenden W\u00f6rter\u201c, oder \u201esie platzen fr\u00fcher, um ihr Erl\u00f6schen zu verz\u00f6gern.\u201c (S. 10). Diese ungew\u00f6hnliche Akzentsetzung gehe, so Bradu, leider in der \u00dcbersetzung verloren. Eine zweite, nicht minder wichtige Ursache f\u00fcr seine verz\u00f6gerte internationale Anerkennung sind seine zahlreichen Reisen und erzwungenen Wechsel seiner Aufenthaltsorte, Umst\u00e4nde, die finanziellen und politischen Gr\u00fcnden zuzuschreiben sind. So musste er in den 1970er Jahren nach dem Putsch der chilenischen Milit\u00e4rjunta sein Heimatland verlassen, verbrachte Jahre in der DDR und Venezuela, lebte in den 1980er und fr\u00fchen 1990er Jahre gemeinsam mit seiner zweiten Frau Hilda R. May von Lehrauftr\u00e4gen und Vorlesungen an nordamerikanischen Universit\u00e4ten und verbrachte dann die letzten f\u00fcnfzehn Jahre seines Lebens in dem s\u00fcdchilenischen St\u00e4dtchen Chill\u00e1n.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der vorliegende Band mit ausgew\u00e4hlten Gedichten beruht, wie die Herausgeber Rodrigo Rojas Mackenzie und Reiner Kornberger anmerken, sowohl auf der <i>Anthologie Gonzalo Rojas. Das Haus aus Luft \u2013 Gedichte 1936 \u2013 2005<\/i> (Bremen 2005) als auch auf bisher unver\u00f6ffentlichten \u00dcbertragungen aus dem Spanischen. Die einzelnen Gedichte sind sieben Themenbereichen zugeordnet, deren Titel bereits durch ihre semantischen Schattierungen die Aufmerksamkeit des Lesers erregen k\u00f6nnten<i>: Rudernd im Rhythmus, Sch\u00f6ne Dunkelheit, Das Wort Lust<\/i> oder <i>Der Hubschrauber<\/i>. Im ersten Themenbereich ist <i>Atem\u00fcbung<\/i>, das Titelgedicht des Bandes abgedruckt. \u201eZufall \/ mit Gestammel sind Ilions Zeilen\/ darin die Welt geschrieben steht \u2026.\u201c Und der zweite Teil des Siebenzeilers verweist auf ein wesentliches Element des Rojas\u2019schen Weltbilds. Es ist von Chaos, der Suche nach einem Rhythmus und dem Satz: \u201eHomer sah Gott\u201c gebildet. Troja alias Ilion b\u00fcndeln sich hier in Homers <i>Odyssee<\/i>, und ein nicht explizit genanntes lyrisches Ich signalisiert die vagen Vermutungen um den Ort des Geschehens auf dem heutigen Territorium der T\u00fcrkei, ohne eine von Rhythmus gepr\u00e4gte Antwort zu finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter die Gedichte, die des Dichters entschiedene Abwehrhaltung gegen die Bem\u00fchungen der Akademiker artikulieren, geh\u00f6rt sicherlich <i>Die Gelehrten<\/i>. Ihnen wirft ein explizites lyrisches Ich auf kognitiver und visueller Ebene vor: \u201eAlles erkl\u00e4ren sie. Monologisieren \/ wie \u00f6ltriefende Maschinen.\/ Beflecken alles mit ihrem metaphysischen Geifer.\u201c Und dann folgt eine schreckliche Vision: \u201eIch m\u00f6chte sie in den Meeren des S\u00fcdens sehen, in einer echten Sturmnacht, den Kopf \/ von der K\u00e4lte entleert, riechend \/ die Einsamkeit der Welt, [\u2026]\u201c. Was hier \u201eim Schrecken der Verlorenheit\u201c den Gelehrten keine Anerkennung zuspricht, das gew\u00e4hrt der Dichter auch seinem Kollegen Juan Liscano (1915-2001) aus Venezuela als Vertreter der schreibenden Zunft nicht. Dreimal betont er in <i>Schriftst\u00fcck mit L. <\/i>(1977), dass zu viel Lekt\u00fcre traurig mache, das Summen des Unsichtbaren t\u00f6te und auch die Phantasie des Auges \u00e4lter werden lasse. Und entwirft Rojas Gegenmodelle? Es sind die \u201ewahren Dichter\u201c. \u201eSie lieben und phosphorisieren, setzen \/ auf das Sein, nur darauf, haben tausend Augen \/ und noch mal tausend Ohren, bewahren \/ sie aber im musikalischen Sch\u00e4del, wittern \/ das Unsichtbare jenseits der Zahl, mit ihnen \/ ist die Prophezeiung, die sind \/ und lodern bl\u00fchendes Leben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und was bedeutet bl\u00fchendes Leben in der Poetik von Rojas? In dem Themenbereich <i>Das Wort Lust <\/i>ist eine Reihe von Gedichten zu entdecken, in denen die sinnliche Lust in woll\u00fcstigen Bildern ausgereizt wird. \u201eIch k\u00fcsste dich auf die B\u00f6gen der Brauen und die Brustwarzen, ich k\u00fcsste turbulent dich, \/ meine Versch\u00e4mte, auf diese Schenkel \/ einer wei\u00dfen Individue, ber\u00fchrte diese F\u00fc\u00dfe, \/ um noch weiter zu fliegen als das animalische Arom deines Katzenk\u00f6rpers [\u2026], so lauten die ersten Zeilen von <i>Die Fleischeslust<\/i>. Drei Begriffe erweisen sich beim Vergleich mit dem spanischen Original als interpretierbar: pesta\u00f1as \u2013 eher Wimpern, nicht Brauen; de individua blanca \u2013 nur Wei\u00dfen und fragancia \u2013 Duft, nicht Arom!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt in den rhythmisch aufgeladenen und sinnlich dynamisierten Wortkaskaden so viel zu entdecken. Wie auch in jenen Gedichten, in denen <i>Der Hubschrauber<\/i> zur Metapher des unn\u00fctzen, manchmal auch mitleidenden Lebens wird. Im <i>Monolog des Fanatikers<\/i>, 1974 geschrieben, zu einem Zeitpunkt, als Gonzalo Rojas von dem DDR-Regime politisches Asyl erhielt und an der Universit\u00e4t in Rostock keine Lehrveranstaltungen durchf\u00fchren durfte, klagt er emp\u00f6rt: \u201eDurch meine Adern rast das Blut des unn\u00fctzen Tieres, \/ das viermal t\u00e4glich frisst wie ein Schwein, \/ das mich duzt und deprimiert \/ mit aufgeblasener Rede, [\u2026].\u201c Und 1986, als er in den USA von der Selbstverbrennung <i>Sebasti\u00e1n Acevedos<\/i>\u2018 vor der Kathedrale in Santiago h\u00f6rte \u2013 Acevedo protestierte gegen die Verschleppung seiner beiden Kinder durch den chilenischen Geheimdienst &#8211; ruft er aus: \u201eImmer sehe ich den Geopferten von Concepci\u00f3n, der sein Fleisch \/ zu Rauch machte und f\u00fcr ganz Chile brannte \u2026\u201c. Im selben Jahr ver\u00f6ffentlichte Rojas das Gedicht <i>Ningunos,<\/i> in der \u00dcbersetzung K<i>einste<\/i>, ein Titel, der bewusst die grammatikalische Fehlleistung (es gibt im Spanischen keine Pluralform von ninguno) in Kaufnimmt, um seines Freundes zu gedenken, der 1974 vom chilenischen Geheimdienst entf\u00fchrt und ermordet wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die aufmerksame und laute Lesart der Gedichte von Gonzalo Rojas wird etwas zu tage bringen, was wir Ahnungslosen immer schon wussten: \u00b4\u201cWir haben kein Talent [\u2026] bestenfalls \/ h\u00f6ren wir Stimmen [\u2026].\u201c Und die Ahnungslosen werden sich nicht wundern, wenn Gonzalo im vorletzten Gedicht der <i>Atem\u00fcbung<\/i>, mit dem Titel <i>Carmen Carminis<\/i>, das Gespr\u00e4ch mit dem r\u00f6mischen Dichter Catull am Gardasee im Jahre 1995 aufnimmt. Und der best\u00e4tigt ihm, dass ein M\u00e4dchen aus einer etruskischen Tischlerei vor dreitausend Jahren, quicklebendig und aus Marmor, herauskam, ein M\u00e4dchen, \u201edas nicht gestorben ist.\u201c Er ist und bleibt ein nimmerm\u00fcder Schelm, ein Geisterseher, ein K\u00e4mpfer und ein Anarcho, also ein echter Dichter, dem die Herausgeber und \u00dcbersetzer mit diesem Band ein brandneues Andenken gewidmet haben, noch dazu versehen mit klugen Anmerkungen, den Lebensdaten des Meisters und einem ausf\u00fchrlichen Werkverzeichnis. Ein Poesieband also, der allen Anspr\u00fcchen gerecht wird, dank einer werkgetreuen \u00dcbersetzung und einem kompetenten Vorwort.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Atem\u00fcbung <\/b>von\u00a0Gonzalo Rojas. Gedichte aus sieben Jahrzehnten. Herausgegeben von Rodrigo Rojas Mackenzie und Reiner Kornberger. Aus dem Spanischen \u00fcbersetzt von Reiner Kornberger. Mit Illustrationen von Roberto Matta. Gransee (Edition Schwarzdruck) 2017.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/rojas_atemuebung-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"266\" height=\"266\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><b>\u00a0<\/b><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Dichter, der sich dem Wetter aussetzt und im besten Sinne unangepasst ist, war ich immer in Bewegung, irrte sogar umher, und nur die Freiheit mit allen Risiken liebte ich. 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