{"id":43084,"date":"2000-12-31T00:00:32","date_gmt":"2000-12-30T23:00:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=43084"},"modified":"2022-03-12T08:13:43","modified_gmt":"2022-03-12T07:13:43","slug":"jahrtausendsassa","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/12\/31\/jahrtausendsassa\/","title":{"rendered":"Jahrtausendsassa"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Ich bin nicht echt. Ich bin wie ihr. Ihr existiert nicht in dieser Gesellschaft. [&#8230;] Ich und ihr \u2013 wir sind Mythen. Ich komme nicht zu euch als Realit\u00e4t, ich komme zu euch als Mythos. [&#8230;] Ich komme aus einem Traum, den die Schwarzen vor langer Zeit tr\u00e4umten. Ich bin eine Erscheinung, die euch eure Vorfahren gesandt haben.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Sun Ra<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sun Ra galt schon zu Lebzeiten als Mythos und gilt bis heute als einer der umstrittensten Jazzmusiker. Durch seinen ganz eigenen Stil und seine innovativen Ideen polarisierte er Kritiker und Publikum. Sahen die einen in ihm einen genialen Innovator, so galt er anderen als Scharlatan. Sun Ras Leistung als einer der Wegbereiter des Free Jazz ist jedoch unbestritten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ber\u00fchmtheit erlangte er durch seine musikalischen Kompositionen und Darbietungen wie durch seine bizarren astrologischen Predigten und Philosophien. 1952 legte er seinen Geburtsnamen ab, nahm den Namen Sun Ra an (Ra ist der Name des antiken \u00e4gyptischen Sonnengotts) und leitete eine Band mit st\u00e4ndig wechselnder Besetzung, die als <i>Arkestra<\/i> bekannt wurde. Die bekanntesten Mitglieder des Arkestra waren die Saxophonisten John Gilmore, dessen Werk das von John Coltrane beeinflusste, und Marshall Allen, der das Arkestra bis heute leitet. Das Wort <i>Arkestra<\/i> begriff Sun Ra als Verbindung von Arch\u00e9 und Orchester.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die musikalische Entwicklung Sun Ras kann grob in drei Perioden eingeteilt werden. In den 1950er Jahren entwickelte sich seine Musik aus dem Bigband-Swing, mit dem er in den 1940er-Jahren seine Karriere begann. Zu dieser Zeit spielte er mit Wynonie Harris. F\u00fcr den Lebensunterhalt lebte er auch von Auftr\u00e4gen, die Red Saunders f\u00fcr ihn in die Wege leitete, zum Beispiel als Arrangeur im Chicagoer Club DeLisa, dessen Resident-Band von Saunders geleitet wurde. In einer Art Neu-Erfindung seiner selbst bildete sich thematisch der typische, von Weltraumthemen bestimmte, <i>Cosmic Jazz<\/i> heraus, mit dem er ber\u00fchmt wurde. Musikkritikern und Jazzhistorikern zufolge wurden einige seiner besten Werke in dieser Periode geschaffen. Erw\u00e4hnenswerte Sun-Ra-Alben der 1950er-Jahre sind neben vielen anderen Super-Sonic Jazz, <i>Sun Ra Visits Planet Earth<\/i>, <i>Interstellar Low Ways<\/i>, <i>Angels And Demons At Play<\/i>, <i>We Travel The Spaceways<\/i> und Jazz in Silhouette.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zudem begann der Exzentriker, ebenfalls in den 1950er-Jahren, sonderbare Kost\u00fcme und Kopfschmuck in \u00e4gyptischem Stil zu tragen. Er behauptete, er stamme nicht von der Erde, sondern vom Planeten Saturn, und entwickelte seine Selbstdarstellungen als Kunstfigur aus \u201ekosmischen\u201c Philosophien und einer lyrischen Dichtung, die vor allem Bewusstsein und Frieden predigte. Er distanzierte sich vom Rassismus, unter dem er selbst zu leiden hatte, wenn es um Tourneen und Konzerte des Arkestra ging, ohne sich jedoch \u00f6fter dazu zu \u00e4u\u00dfern. \u00dcberhaupt sprach er, anders als viele schwarze Musiker seiner Generation, selten \u00fcber umstrittene Themen. Stattdessen konzentrierte er sich auf die Musik. Das Ensemble der Musiker, die mit ihm zusammenarbeiteten und auf Tour gingen, \u00e4nderte sich fast t\u00e4glich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend der 1960er-Jahre durchlief Sun Ras Musik eine chaotische, experimentelle Periode. Als er von der Beat Generation und in der Psychedelic-Rock-Szene wahrgenommen wurde, erreichte seine Popularit\u00e4t ihren H\u00f6hepunkt. Sun Ras Alben aus dieser Zeit sind f\u00fcr H\u00f6rer, die sich zum ersten Mal mit seiner Musik besch\u00e4ftigen, oft nur schwer zug\u00e4nglich. Bekannte Titel sind <i>The Magic City<\/i>, <i>When Sun Comes Out<\/i> und <i>Other Planes Of There<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit 1969 besch\u00e4ftigte sich Sun Ra intensiv mit den M\u00f6glichkeiten der elektronischen Klangerzeugung, die die Synthesizer boten. Er lieh sich von Robert Moog einen Minimoog, der erstmals auf den Alben <i>My Brother the Wind<\/i> und <i>Space Probe<\/i> eingesetzt wurde. W\u00e4hrend der 1970er-Jahre und sp\u00e4ter bewegte sich die Musik von Sun Ra und dem Arkestra in konventionelleren Bahnen, blieb dabei aber weiter in hohem Ma\u00dfe eklektisch und energiegeladen. Durch die Zusammenarbeit mit der S\u00e4ngerin June Tyson gelang es ihm, das Publikum zu fesseln, etwa mit dem Album <i>Sleeping Beauty<\/i>. In den Konzerten wurden nun auch Jazzstandards interpretiert. Sun Ra fand zudem Geschmack an den Filmen von Walt Disney. Er begann Schnipsel aus Disneys Musikst\u00fccken in viele seiner musikalischen Darbietungen einzubeziehen. In den sp\u00e4ten 1980er-Jahren gab das Arkestra sogar ein Konzert in der Walt Disney World. Die Version von <i>Pink Elephants On Parade<\/i> des Arkestra ist auf dem Album <i>Stay Awake<\/i> vertreten, einer Zusammenstellung von Disneymelodien, die von unterschiedlichen K\u00fcnstlern interpretiert wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einige von Sun Ras Konzerten aus den 1970er-Jahren sind auf CDs erh\u00e4ltlich, haben aber verglichen mit seinen fr\u00fcheren Werken keine weite Verbreitung gefunden. Das Album <i>Atlantis<\/i> kann als Markstein angesehen werden, der den Beginn seiner 1970er-Periode kennzeichnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sun Ra war einer der produktivsten Musiker des Jazz. Im Laufe seiner Karriere nahm er hunderte Alben auf, von denen viele von winzigen Plattenfirmen ver\u00f6ffentlicht und daher nur in kleinen Auflagen vertrieben wurden. Er ver\u00f6ffentlichte seine Musik zeitweilig (f\u00fcr die damalige Zeit au\u00dfergew\u00f6hnlich) auf seinem eigenen Label <i>Saturn<\/i> und vertrieb sie \u00fcber den Versandhandel. So blieb Sun Ras Musik dem gro\u00dfen Publikum, das ihn nicht auf Konzerten erleben konnte, unbekannt. In den 1990er-Jahren wurden viele seiner Aufnahmen zum ersten Mal postum auf CDs beim Plattenlabel <i>Evidence<\/i> ver\u00f6ffentlicht. Das fr\u00fche Album <i>Strange Strings<\/i> (1966) wurde 1998 in die Liste \u201c100 Records That Set the World on Fire (While No One Was Listening)\u201d der Zeitschrift The Wire aufgenommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<div id=\"attachment_98026\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98026\" class=\"wp-image-98026 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Twitteratur_Cover-e1645592190612.jpg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-98026\" class=\"wp-caption-text\">Das Hungertuch von Haimo Hieronymus in der Martinskirche, Linz am Rhein<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong>\u00a0\u2192 ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Twitteratur<\/strong>, eine Anthologie. Erweiterte Taschenbuchausgabe mit der Dokumentation des Hungertuchpreises. Herausgegeben von Matthias Hagedorn, Edition Das Labor 2016.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin nicht echt. Ich bin wie ihr. Ihr existiert nicht in dieser Gesellschaft. [&#8230;] Ich und ihr \u2013 wir sind Mythen. Ich komme nicht zu euch als Realit\u00e4t, ich komme zu euch als Mythos. [&#8230;] Ich komme aus einem&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/12\/31\/jahrtausendsassa\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":98026,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2069],"class_list":["post-43084","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-sun-ra"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43084","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=43084"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43084\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":102197,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43084\/revisions\/102197"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98026"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=43084"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=43084"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=43084"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}