{"id":42817,"date":"2017-06-15T09:04:21","date_gmt":"2017-06-15T07:04:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42817"},"modified":"2022-03-02T13:20:00","modified_gmt":"2022-03-02T12:20:00","slug":"hungertuch-2017-sparte-literatur-fuer-stan-lafleur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/06\/15\/hungertuch-2017-sparte-literatur-fuer-stan-lafleur\/","title":{"rendered":"Hungertuch 2017, Sparte Literatur f\u00fcr Stan Lafleur"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stan Lafleur ist durch seine Arbeit als Lyriker, Spoken-Word-Performer, Herausgeber des Little Mag.\u2018s \u201eElektropansen\u201c und Initiator der K\u00f6lner Sprechecke und vieler anderer Projekte in K\u00f6ln seit den 1990er Jahren weithin bekannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit 2009 widmet er sich verst\u00e4rkt seinem Blog <a href=\"http:\/\/rheinsein.de\/\">rheinsein.de<\/a>, einem gigantischen Netzprojekt, das eine wahre Fundgrube kulturhistorischer, \u00e4sthetischer, poetischer und lexikographischer Eintr\u00e4ge rund um den Fluss, der einstmals Deutschlands Grenze war und heute doch unbestritten \u201eDeutschlands Strom\u201c ist, um Ernst Moritz Arndts markig-nationalistische Phrase, einen regelrechten Refrain der Rheindebatte im 19. Jahrhundert, hier unter freundlicheren Vorzeichen wieder aufzuw\u00e4rmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lafleur dagegen fasziniert am Rhein\u00a0 die Vielfalt der Landschaften, die Vielt\u00f6nigkeit der Zungen und die Vielfarbigkeit alter Fabeln und Mythen sowie die Geschichte selbst, die doch so eng mit dem Schicksal des gesamten Landes verquickt ist \u2013 ja, Rheinromantik, mittelalterliche Burgen, und zugleich politische Symbollandschaft mit protzigen Denkm\u00e4lern und Festungsbauten, die ganz bewusst in der Konfrontation mit dem damaligen \u201eErzfeind\u201c zu einem Signal nationaler Einheit und Wehrhaftigkeit aufgepimpt wurde, und von daher zumeist nicht frei ist von martialischem Geist und nationalistischem Kitsch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=1889\">rheinsein<\/a> dagegen zeigt den Fluss und die daran liegenden Landstriche in ihrer Eigenheit, identifiziert sie nicht anhand irgendwelcher nationalistischer Leitlinien, sondern in ihrer Originalit\u00e4t an und f\u00fcr sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist er hier Geograph, Historiograph, literarischer Anthro- und Ethnologe, ist Lafleur in seiner Eigenschaft als Lyriker ein poetischer Prosaiker, ein Dichter des Allt\u00e4glichen, des Basalen und Faktischen. Die Lyrik wird hier ganz vom hohen Kothurn befreit, der Lorbeer zerfleddert, hermetische Verr\u00e4tselung ist Lafleurs Ding nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Gedichte sprechen \u00fcber die Unmittelbarkeit der Erfahrung, man nehme zum Beispiel das in den 1990er Jahren fast zum Gassenhauer mutierte Gedicht <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42825\">Bei Murat<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Per Reim und Versma\u00df wird hier ein regelrechtes Liebeslied entworfen, dessen klassisches Thema, die \u201ehohe\u201c, die unerf\u00fcllte Liebe, durch den \u00e4u\u00dferst trivialen Anlass, das D\u00f6ner-Essen beim T\u00fcrken, in die Niederungen unmittelbaren Alltagserlebens herabgerissen wird.\u00a0 Eine urbane Selbstverst\u00e4ndlichkeit, die Zwischen- oder Hauptmahlzeit in einer D\u00f6ner-Bude (\u201eBei Murat\u201c gab es \u00fcbrigens wirklich in der K\u00f6lner H\u00e4ndelstra\u00dfe), wird hier zur magischen Initiation, ein Liebeszauber aus der plumpesten Banalit\u00e4t heraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun ist es nicht immer so, dass Lafleur den schn\u00f6den Alltag poetisch \u00fcberh\u00f6ht, besonders in den fr\u00fchen Gedichten wurde dieser Alltag in seiner ganzen Prosaik beschrieben, ungesch\u00f6nt und hart wie in seinen \u201eKampfhundgedichten\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade der Tristesse, der Hypernormalit\u00e4t, dem provinziellen Einerlei gewinnt Lafleur eine ebenso ironisch-kritische wie sympathetische Note ab, die f\u00fcr seine poetische Wahrnehmung typisch ist, wie z.B. in seinem Fu\u00dfballgedicht: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42827\">Die Ballade von der Kreisliga B<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So lustig das ist, es ist auch klar, dass solche Texte am Literaturbetrieb vorbeigeschrieben sind. Man mag sich fragen: Warum macht der Dichter Stan Lafleur das so? Warum w\u00e4hlt er solche Themen, mit denen er kaum die notorisch-feinnervigen Mitglieder von Literaturpreis-und Stipendien-Jurys wird \u00fcberzeugen k\u00f6nnen? Warum schreibt er in dieser zupackenden, aber oft kolloquialen Sprache, die ihn so deutlich absetzen von den trendsetzenden Berliner Lyrikern etwa des kookbooks-Verlags, die zwar auch keine Reicht\u00fcmer horten, dennoch ein immenses symbolisches Kapital anh\u00e4ufen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Antwort ist einfach: Er kann nicht anders. Ich glaube nicht, dass Stan Lafleur die Segnungen des literarischen Betriebs, wenn er ihrer teilhaftig w\u00fcrde, verschm\u00e4hte. Um genau zu sein, muss man sagen, dass er bisweilen durchaus einige lukrative Stipendien und Preise erhalten hat, wenn sich einmal nicht ganz so ewiggestrige Entscheider in die Jurys verirrten \u2026 Aber dauerhaft ern\u00e4hrt das niemanden, vor allen Dingen keinen, der sich nicht anpasst, der sich nicht nach dem typischen Geschmack des Betriebs richtet: irgendwie seri\u00f6s, irgendwie langweilig und vor allem vollst\u00e4ndig lebensfern. Peter Weiss sagte einst: \u201e\u201eEs ist das Prinzip der Kunst, etwas zu tun, obgleich die Umst\u00e4nde dagegen sind.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genau das kann man Lafleur nachsagen, und wer so integer zu sich, seiner Haltung und seinem Werk steht, dem winkt, gerade in Deutschland, am Ende nur, aber immerhin \u2013 ein Hungertuch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1148 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/hungertuch-230x300.jpg\" alt=\"\" width=\"230\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/hungertuch-230x300.jpg 230w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/hungertuch.jpg 384w\" sizes=\"auto, (max-width: 230px) 100vw, 230px\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Jahr 2001 wurde mit dem <em>Hungertuch<\/em> vom rheinischen Kunstf\u00f6rderer Ulrich Peters ein K\u00fcnstlerpreis gestiftet, der in den Jahren seines Bestehens von K\u00fcnstlern an K\u00fcnstler verliehen wird. Es gibt im Leben unterschiedliche Formen von Erfolg. Zum einen gibt es die Auszeichnung durch Preise und Stipendien, zum anderen die Anerkennung durch die Kolleginnen und Kollegen. Letzteres manifestiert sich in diesem K\u00fcnstlerpreis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"right\">Die Dokumentation des Hungertuchpreises ist in der erweiterten Taschenbuchausgabe erschienen:\u00a0 <strong>Twitteratur<\/strong>, Genese einer Literaturgattung. Herausgegeben von Matthias Hagedorn, Edition Das Labor 2019.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>. Und ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/06\/recap-hungertuchpreis\/\">Recap<\/a> des Hungertuchpreises. Eine Liste der bisherigen Preistr\u00e4ger finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?page_id=368\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Stan Lafleur ist durch seine Arbeit als Lyriker, Spoken-Word-Performer, Herausgeber des Little Mag.\u2018s \u201eElektropansen\u201c und Initiator der K\u00f6lner Sprechecke und vieler anderer Projekte in K\u00f6ln seit den 1990er Jahren weithin bekannt. 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