{"id":427,"date":"1993-03-15T17:18:26","date_gmt":"1993-03-15T16:18:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=427"},"modified":"2019-09-28T17:23:04","modified_gmt":"2019-09-28T15:23:04","slug":"mondsuchtig","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/03\/15\/mondsuchtig\/","title":{"rendered":"Monds\u00fcchtig"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/Selene.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-428 alignleft\" title=\"Selene\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/Selene.jpeg\" width=\"91\" height=\"68\"\/><\/a>Es gibt K\u00fcnstler, die verk\u00f6rpern in ihrem Werk die Verg\u00e4nglichkeit allen menschlichen Strebens. Der in D\u00fcsseldorf lebende Dirk Wei\u00dfhuhn geh\u00f6rt zu ihnen. Als Zeichner versteht er sich darauf, den menschlichen K\u00f6rper in eine symbolische Ordnung zu \u00fcberf\u00fchren, ohne die obsz\u00f6nen Lust am Fleischlichen kalter Zeichenhaftigkeit zu unterwerfen. Sein Oeuvre hat nicht nur in seiner thematischen Geschlossenheit etwas Organisches; im besten Sinne fungiert es selbst wie ein parasit\u00e4rer Organismus, der nach Belieben an formal\u00e4sthetische Konstruktionen anschlie\u00dfen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn man nicht aufpasst, kann man sich rasch zwischen den Fronten verlaufen und versehentlich im falschen Sch\u00fctzengraben landen.&nbsp; Wei\u00dfhuhn h\u00e4lt nichts vom Fraktionszwang. Er will sich seinen eigenen Kosmos zusammenbasteln. Vorbilder sind klar zu benennen. In den Werken von Breughel und Bosch findet Wei\u00dfhuhn die wirkungsm\u00e4chtige Mixtur aus V\u00f6llerei, Debilit\u00e4t und satanischer Versuchung, weshalb er seinerseits mit Verve und Witz eine radierte Version der sieben Tods\u00fcnden pr\u00e4sentiert. Bei Callot entdeckt er zudem die Elemente einer handfesten Grausamkeit mit phantastischen Einschl\u00e4gen. Schlie\u00dflich zeigt ihm Goya, wie sich Gewalt mit Ironie zu paaren vermag, wenn die K\u00f6rper in seltsame Schieflagen fallen. Hier redet das Dunkle; der Trieb der Seelen, die im Diesseits gefangen bleiben; die menschliche Kom\u00f6die der Vergeblichkeit, die der hintersinnig satirische Blick auch als eine Endlosschleife der commedia dell&#8217;arte in Szene setzt. Das Andere aber ist das Licht. Ohne Vorgaben. So hat er den Kubismus, Orphismus und Futurismus organisch seiner Kunst einzuspeisen gewusst &#8211; und beginnt auf der Leinwand ein ausgekl\u00fcgeltes Rhythmu\u00dfpiel, in dem sich die K\u00f6rperlichkeit zunehmend in Lichtstrahlen und Farblinien aufl\u00f6st. Zudem hatte er aus der \u00fcberbordenden Sehnsucht nach dem Urspr\u00fcnglichen allerlei Exotismen in seinen synkretistischen Werken verschmolzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer Szene, die auf hybride Formen und forcierte Schaueffekte setzt, erscheint eine Kunst nach Ma\u00df und Zahl, ein Streben nach Klarheit und Reduktion wenig zeitgem\u00e4\u00df. Konzentriert kann man diese bei&nbsp; Wei\u00dfhuhns DVD \u00bbSelene\u00ab betrachten: Am Anfang ist der Punkt &#8211; das Selbst. Das Zentrum um das sich alles dreht. Umgeben von einer Fl\u00e4che auf deren \u00e4u\u00dferen Begrenzung das Ich kreist. Im \u00e4u\u00dfersten Bezirk befindet sich das strahlende, patriarchale Bewusstsein noch in der kollektiven Ganzheit eingebunden, eher blendend als sehend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die schiefe Ebene leitet die dritte Dimension ein, die durch das Zentrum den Wendepunkt erm\u00f6glicht. Dieses wissende Zentrum in seiner Unendlichkeit und Losgel\u00f6stheit dem G\u00f6ttlichen verwandt, gebiert den Helden durch die Vertreibung aus dem Paradies. Durch Intuition befl\u00fcgelt, klammert er sich an das gerade Naheliegendste, an einen der achtgliedrigen Sonnenstrahlen, welche die schiefe Ebene strukturiert. Kaum zu sich gekommen, flieht er auf die gerade den Weg kreuzende Mondsichel und schaut aus sicherer Entfernung der sich zu einem Kreuz verj\u00fcngenden Sonnenscheibe zu. Selbstlos damit besch\u00e4ftigt, den beh\u00fctenden Scho\u00df der Mondsichel zu erreichen, erschaut er nicht die sich mit einer Wolke in die Handlung einf\u00fchrende Mondg\u00f6ttin Selene, welche, geradewegs und von meinem Helden unbeachtet, sein weiteres Schicksal voraussagt. Wie ein Ariadnefaden wird die sich ewig wandelnde Wolke seinen Helden begleiten. Sich gerade auf seine neue Umgebung besinnend, formiert sich aus der ewigen Wolke ein gewaltiger, zorniger und mit dem strafenden Wurfgeschoss bewaffneter Gottvater Zeus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Blitzartig Feuer speiend vertreibt er zum zweiten Male, durch die Vollmondphase der Selene beschleunigt, den paradiesischen Zustand des Helden. Durch Psyche benamt, dringt er in das Reich des Lichtes und des Schattens ein. Grell und laut wirkt das kollektive Bewusstsein, das nun das Ich des K\u00e4mpfers erweckt. Sich narzistisch sonnend, dann eher gekr\u00e4nkt, gebiert er sein eigenes Tier. Die Sonne \u00fcberstrahlt die Erkenntnis und nach der Geburt folgt die Verwundung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der vermeintliche Feind ist ein sich wandelnder L\u00fcgner. Ein Zauberer des Lichts. Ein K\u00fcnstler der Gestaltung und Umgestaltung, der den Angriff, den Schmerz in Lust und Tanz vereint, den Tod dem Leben n\u00e4her bringt. Durch die Einsicht gest\u00e4rkt, verl\u00e4sst er \u201cSelene\u201d wieder, verletzt und wird verletzt, ruht in sich, sein Selbst durchkreuzend, und stirbt den M\u00e4rtyrertod. Sein inneres Tier wiederum durchkreuzt dieses Vorhaben und st\u00fcrzt ihn vom Opferaltar und macht sich ihn zueigen: \u201cDas Monster sollst du inwendig sp\u00fcren, Zeus gewandt im Zeus\u2013Gewandt. Durch die Sicht der H\u00e4nde versteinert das Urtier. Durch das Kreuz wirkt er beschattet und bewaffnet, verleibt sich das Schwert ein und wird Selbstm\u00f6der. Augenblicklich f\u00fchlt er nur noch und verw\u00fcnscht das Licht und wird zum Schatten seiner Selbst. Der K\u00e4mpfer kann sich nicht mehr ertragen und entflieht. Nichts ist mehr, Alles ist endlich. Endlich!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dirk Wei\u00dfhuhn versteht die Seh\u2013 und Zeigemaschine als Gesellschaftsmaschine, und er konstruiert selbst eine. Es ist die zur\u00fcckhaltende Formensprache, die h\u00f6fliche, aber bestimmte Art, dem Betrachter nahe zulegen, sich von der Gier nach erkennbaren Gegenst\u00e4nden und tosender Action schleunigst zu distanzieren. Medien sind H\u00fcllen, die Inhalte transportieren. Dann kam das Zeitalter der so genannten \u2018Neuen Medien\u2019 und man verbreitete die Ansicht, da\u00df die H\u00fcllen die Inhalte sind. Als sich die Euphorie dar\u00fcber abgek\u00fchlt hatte, blieb als Resterkenntnis, da\u00df die H\u00fcllen sich Inhalte zumindest schaffen: Jedes Medium er\u00f6ffnet seine eigene Phantasie. Die Freiheit von existenziellem Determinismus erlaubt es demgegen\u00fcber Wei\u00dfhuhn, sich der Existenz zuzuwenden, Menschen und die Gegenst\u00e4nde, mit denen sie sich umgeben, aufmerksam wahrzunehmen, ein feines Spiel von Licht und Schatten \u00fcber seine Welt zu werfen, das sie weder verkl\u00e4rt noch verd\u00fcstert. Der Artist ironisiert sein eigenes Handwerk, indem er die Ebene der Wirklichkeit aufs Heftigste mit jener des Phantastischen kreuzt \u2013 Surrealismus avant la lettre; ein mutwilliger Kommentar zur Produktivit\u00e4t, so diese erst ihren Namen verdient, wenn sie die Wege der schlichten Nachahmung verlassen hat, ein Ergebnis von Farbe und Licht. Aber sie verwirklicht sich zugleich teils gegenst\u00e4ndlich, teils imaginativ in den Motiven. Ein Hauptmotiv ist der Blick in den Spiegel \u2013 doch schon Rimbaud lehrte: je est un autre.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt K\u00fcnstler, die verk\u00f6rpern in ihrem Werk die Verg\u00e4nglichkeit allen menschlichen Strebens. Der in D\u00fcsseldorf lebende Dirk Wei\u00dfhuhn geh\u00f6rt zu ihnen. 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