{"id":42695,"date":"2018-06-13T00:01:08","date_gmt":"2018-06-12T22:01:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42695"},"modified":"2022-03-01T17:45:32","modified_gmt":"2022-03-01T16:45:32","slug":"verklammerung-von-grossmachtpolitik-und-imperialen-wirtschaftsbeziehungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/06\/13\/verklammerung-von-grossmachtpolitik-und-imperialen-wirtschaftsbeziehungen\/","title":{"rendered":"Verklammerung von Gro\u00dfmachtpolitik und imperialen Wirtschaftsbeziehungen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIm Land der M\u00e4nner\u201c (2006) und \u201eGeschichte eines Verschwindens\u201c (2011) \u2013 mit diesen Erz\u00e4hlwerken hat der libysche Schriftsteller Matar, 1970 in New York als Sohn eines Dichters und Diplomaten geboren, auf das Schicksal seines Vaters aufmerksam gemacht. Er wurde in seiner Eigenschaft als Widerstandsk\u00e4mpfer gegen das Gaddafi-Regime 1990 vom libyschen Geheimdienst aus seinem Kairoer Exil entf\u00fchrt. Nach einem sechsj\u00e4hrigen Aufenthalt im Gef\u00e4ngnis Abu Salim in Tripolis lie\u00df ihn der Diktator Gaddafi ermorden. Das hier vorliegende dritte Erz\u00e4hlwerk ist der Suche nach seinem verlorenen Vater gewidmet. Es ist in 22 Abschnitte unterteilt, in denen der Leser in einer Kombination aus R\u00fcckblenden, Tagebuchaufzeichnungen, Erlebnisberichten, Darlegungen von politischen Abl\u00e4ufen, Analysen von Gro\u00dfmacht-Strategien mit einem Vorgang vertraut gemacht wird, dessen Mechanismen einen umfassenden Einblick in die verbrecherischen Praktiken einer Diktatur erlauben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hisham Matar berichtet vorwiegend aus der Perspektive eines Ich-Erz\u00e4hlers, der immer wieder seine vorl\u00e4ufigen Einsichten in den Ablauf der Ereignisse \u00fcberpr\u00fcft, der die Wahrhaftigkeit von Aussagen \u00fcberpr\u00fcft, die er nicht nur im Gespr\u00e4ch mit Freunden und Verwandten, sondern auch mit den Nachfolgern des Gaddafi-Clan gewinnt, die Hisham und seinen Bruder Ziad weiterhin verfolgen. Sie sind erstaunt \u00fcber die Hartn\u00e4ckigkeit, mit der dieser \u201ekleine Schreiberling so einen \u201aL\u00e4rm\u2018 veranstalten konnte \u2026 und ranghohe Mitglieder des Oberhauses f\u00fcr sich einspannt, das Au\u00dfenministerium, Nobelpreistr\u00e4ger, internationale Rechtsexperten, Menschenrechtsgruppen und NGOs\u201c (S. 209f.) Der Leser begreift, dass Hisham einer skrupellosen Machtclique gegen\u00fcbersteht, deren R\u00e4delsf\u00fchrer und Handlanger auch nach dem Fall des Gaddafi-Regimes weiterhin die Herrschaft \u00fcber Libyen aus\u00fcben. Es handelt sich dabei auch um mafia\u00e4hnliche Abmachungen zwischen dem libyschen und dem \u00e4gyptischen Geheimdienst bei der Entf\u00fchrung von Regimegegnern. Diese Abmachungen galten bis Mitte 2011. In diesem Zeitraum versuchte das Gaddafi-Regime die emanzipatorischen Bestrebungen in Tunesien und \u00c4gypten zu verhindern. Diesen Zeitraum bis zur Ermordung Gaddafis am 20. Oktober 2011 beschreibt Matar sehr ausf\u00fchrlich, weil das libysche Regime viele politische Gefangene, darunter auch zahlreiche seiner Verwandten frei lie\u00df. In diesem Kontext entwickelt Matar auch vergleichende \u00dcberlegungen \u00fcber die Entstehung von Revolutionen am Beispiel des zaristischen Russlands, wobei er auch auf die jungen von einer m\u00f6glichen Revolution entflammten Protagonisten in Turgenjews Romanen rekurriert. Solche \u00dcberlegungen wie auch die genaue Beschreibung von Personen und Handlungsabl\u00e4ufen zeichnen eine Prosa aus, die ihre Protagonisten auf verschiedenen Handlungsebenen erfasst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Autor stattet seinen Erz\u00e4hler mit einem hohen Ma\u00df an Informationen aus, gesteht seinem Leser zugleich, dass sein finanzieller Aufwand zur Aufdeckung der Verbrechen im Gaddafi-Regime unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig hoch ist. Dennoch ist er bereit, \u00fcber mehr als zwei Jahrzehnte seine Nachforschungen nach den T\u00e4tern zu betreiben, selbst auf die Gefahr hin, Opfer der ehemaligen Machtcliquen zu werden. Er scheut sich auch nicht, die Geschichte der italienischen Fremdherrschaft in Libyen zwischen 1911 und 1943 in seinen tiefsch\u00fcrfenden Erz\u00e4hlstrom einzubauen, um den Ursachen f\u00fcr die zerr\u00fcttete Geschichte seines Landes im 20. Jahrhundert nachzugehen. Mehr noch: er verweist auf die Abh\u00e4ngigkeit Libyens von den europ\u00e4ischen Gro\u00dfm\u00e4chten Gro\u00dfbritannien und Frankreich, die an der Ausbeutung der reichen Erd\u00f6lquellen nach dem II. Weltkrieg interessiert waren und Libyen mit technischer Ausr\u00fcstung ausstatteten \u2013 als \u201eAusgleich\u201c f\u00fcr die intensive Ausbeutung und Nutzung der \u00d6lreserven. Die beschriebene Verklammerung von Gro\u00dfmachtpolitik und imperialen Wirtschaftsbeziehungen verbindet der Autor mit einer minuti\u00f6sen Darlegung der gesellschaftlichen Strukturen in Libyen, in denen seine Verwandten bis Mitte der 1990er Jahre engagiert waren. Damit gelingt ihm eine durch Quellen abgesicherte T\u00e4ter-Opfer-Geschichte, an deren Ablauf zahlreiche Personen, wie die Danksagung im Abspann der Publikation aufzeigt, beteiligt waren. Ist damit \u201eein Triumph der Literatur \u00fcber die Tyrannei\u201c (Peter Carey) m\u00f6glich geworden, wie der australische Schriftsteller und zweimalige Booker-Preistr\u00e4ger behauptet? Ohne einen solchen Triumph schm\u00e4lern zu wollen: am Ende der Tyrannei warten die \u00fcberlebenden R\u00e4cher auf die Nacht der Vergeltung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=42695&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Cover-1.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 167px) 100vw, 167px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Cover-1.jpg 313w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Cover-1-188x300.jpg 188w\" alt=\"\" width=\"167\" height=\"266\" \/><\/a><strong>Die R\u00fcckkehr<\/strong>. Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater, von Hisham Matar. Aus dem Englischen von Werner L\u00f6cher-Lawrence. M\u00fcnchen (Luchterhand Verlag) 2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201eIm Land der M\u00e4nner\u201c (2006) und \u201eGeschichte eines Verschwindens\u201c (2011) \u2013 mit diesen Erz\u00e4hlwerken hat der libysche Schriftsteller Matar, 1970 in New York als Sohn eines Dichters und Diplomaten geboren, auf das Schicksal seines Vaters aufmerksam gemacht. 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