{"id":42678,"date":"2018-01-10T00:01:04","date_gmt":"2018-01-09T23:01:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42678"},"modified":"2022-03-01T19:30:28","modified_gmt":"2022-03-01T18:30:28","slug":"ideale-der-revolution","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/01\/10\/ideale-der-revolution\/","title":{"rendered":"Ideale der Revolution"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inmitten des blau-wei\u00dfen Paperback-Umschlags blickt uns die fotografische Abbildung eines jungen Mannes an: Moyshe Kulbak, Autor des 1926 im Warschauer Verlag Kultur-Lige in jiddischer Sprache erschienenen Erz\u00e4hlbandes <i>Montog. Eyn kleyner roman. <\/i>Aufgeteilt in zwanzig Textpassagen erz\u00e4hlt uns ein vielstimmiger Autor die Geschichte von Mordkhe Markus, einem Philosophen, der in seiner bescheidenen Dachkammer \u00fcber den Untermenschen nachdenkt, und zugleich in seinen Tr\u00e4umen und Visionen von der revolution\u00e4ren Stimmung in der Au\u00dfenwelt erfasst wird. Und diese Revolution ist real und himmlisch zugleich: \u201eMordhke Karkus wurde im Gedr\u00e4nge von seiner Partei fortgezogen\u2026. Und dicht \u00fcber seinem Kopf schimmerten riesige, polierte Sterne.\u201c (S. 10)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch Mordhke l\u00e4sst sich vom schimmernden Glanz der Sterne, dem Gro\u00dfen B\u00e4ren am Himmel, nicht verf\u00fchren. Er steigt vom Berg hinab in die brodelnde Stadt, in den Hof der Synagoge, wo der <i>Hekdesh<\/i>, das Asyl f\u00fcr die Armenleute ist. In diesem kontrastreichen Gegensatz zwischen der Utopie der \u201eproletarischen\u201c Revolution und deren Opfern bewegt sich der Handlungsstrom des \u201ekleinen Romans\u201c. Gestalten wie das Fr\u00e4ulein Gnesye, das sich nicht nur um den Philosophen Mordhke k\u00fcmmert, sondern auch f\u00fcr die kommunistische Idee k\u00e4mpft, der Jude Reb, der den Zwiespalt zwischen Judentum und jiddischer Sprache verk\u00f6rpert, und \u201edie Masse des Proletariats, das den G\u00fcrtel um den Bauch geschnallt (hatte) \u2026 und um acht Uhr ins Stadttheater (ging),\u201c (S. 38) tauchen gleichsam schlaglichtartig auf und werden in den Strom der Revolution geschleudert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4testens in solchen Passagen, die vom bizarren Geist der proletarischen Revolution im Russland der Jahre 1917\/18 erf\u00fcllt sind, wird der Leser selbst zwischen zwei Handlungsebenen hin und hergetrieben: der Ebene der Reflexion, auf der die Protagonisten \u00fcber den revolution\u00e4ren \u201eGeist\u201c nachdenken, und der Handlungsebene, auf der sie in den Strom des ausgebrochenen B\u00fcrgerkriegs hineingezogen werden. Der Philosoph und K\u00fcnstler Mordhke Markus aber ist bereits in der Erz\u00e4hlpassage Nr. 8 auf beiden Ebenen angelangt. Er sitzt schuldlos im Gef\u00e4ngnis, weil er die Armenleute aufkl\u00e4ren wollte, was zu seiner Verhaftung f\u00fchrte. Und dort w\u00e4hrend seiner Begegnung mit dem <i>Reb Skharye <\/i>erf\u00e4hrt, dass sich dort oben bei Gott nichts befinde und es den Lebenden besser gehe als den Toten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein, es ist keine \u201eaus der Stille\u201c kommende Fiktion, die uns Moyshe Kulbak pr\u00e4sentiert. Es ist vielmehr die grausame Erkenntnis, dass die in die M\u00fchle der gefr\u00e4\u00dfigen Revolution geratene Menschenmasse keine Chance auf eine Aufkl\u00e4rung ihrer Verh\u00e4ltnisse erh\u00e4lt, mehr noch, dass sie keine Rettung von allem \u00dcbel erleben wird, wie auch der Autor, der mit seinem Protagonisten Mordhke viele gemeinsame Z\u00fcge tr\u00e4gt, sogar die Vision von seinem Tod im Gef\u00e4ngnis. Im milden Gegensatz allerdings zu Mordhke, den Kulbak im Spital sterben l\u00e4sst, wo er das <i>Vidui spricht<\/i>, Gebete angesichts des Todes \u00fcber die Abw\u00e4gung der eigenen S\u00fcnden, im Beisein der Armenleute. Und Moyshe Kulbak? Er wird rund zehn Jahre nach der Publikation seines \u201ekleinen\u201c Romans in Minsk im Herbst 1937 von einem stalinistischen Gericht zum Tod durch Erschie\u00dfen verurteilt, wegen Verbreitung antisozialistischer Ideen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geh\u00f6rt zu den besonderen Verdiensten der \u00dcbersetzerin Sophie Lichtenstein, dass sie nicht nur den stilistisch vielschichtigen Text \u00fcberzeugend ins Deutsche \u00fcbertragen hat, wobei sie charakteristische Merkmale des Jiddischen, wie die Verdoppelungen von Adverbien oder die Nachstellung von Verben im Satzgef\u00fcge zum Nutzen des Originals bewahrt hat. Sie hat auch einen \u00fcberaus lesenswerten Essay (\u201eNichts an diesem Roman ist klein\u201c) geschrieben. Sie w\u00fcrdigt den 1896 im litauischen Smorgon, damals noch im Russischen Reich, geborenen Autor \u201eals Popstar seiner Zeit\u201c (S. 105), der bereits in den fr\u00fchen 1920er Jahren zu jenem Kreis der letzten drei bedeutenden Vertretern der klassischen jiddischen Literatur (Mendele Moicher Sforim, Jizchak Leib Perez, Scholem Alejchem) geh\u00f6rte. Umso tragischer war es, dass er bereits 1928 in das sowjetische Minsk \u00fcbersiedelte, weil er, abgesehen von famili\u00e4ren Gr\u00fcnden, sich bessere existentielle Bedingungen erhoffte und im Stillen davon \u00fcberzeugt war, dass sich unter der \u201eaufgekl\u00e4rten\u201c Sowjetmacht keine antisemitischen Pogrome ereignen w\u00fcrden. \u201e<i>Montag<\/i> ist ein Roman voller Fundst\u00fccke, Geheimnisse und Verweise\u201c \u2013 mehr noch, dieses Urteil der \u00dcbersetzerin, die dem beflissenen Leser auch eine Liste der im Text auftauchenden jiddischsprachigen Begriffe anbietet, darf noch erweitert werden. Dieser Roman ist ein Juwel, eine Fundgrube, in der die kostbarsten Geheimnisse der ostmitteleurop\u00e4ischen jiddischen Lebenswelt zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufbewahrt sind. Umso erfreulicher ist es, dass nach der Ver\u00f6ffentlichung von Moischer Kulbaks \u201eDer Messias vom Stamme Efraim\u201c im Volk &amp; Welt Verlag 1996 nun im Berliner Verlag FOTOtapeta ein weiterer Edelstein poliert worden ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Moyshe-Kulbak.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89406 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Moyshe-Kulbak-177x300.jpg\" alt=\"\" width=\"177\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Moyshe-Kulbak-177x300.jpg 177w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Moyshe-Kulbak-160x271.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Moyshe-Kulbak.jpg 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 177px) 100vw, 177px\" \/><\/a><strong>MONTAG<\/strong>. Ein kleiner Roman von Moyshe Kulbak. Aus dem Jiddischen von Sophie Lichtenstein. Berlin (fotoTAPETA) 2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Inmitten des blau-wei\u00dfen Paperback-Umschlags blickt uns die fotografische Abbildung eines jungen Mannes an: Moyshe Kulbak, Autor des 1926 im Warschauer Verlag Kultur-Lige in jiddischer Sprache erschienenen Erz\u00e4hlbandes Montog. Eyn kleyner roman. 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