{"id":42498,"date":"2003-09-15T00:01:00","date_gmt":"2003-09-14T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42498"},"modified":"2022-08-14T12:11:37","modified_gmt":"2022-08-14T10:11:37","slug":"vernaderer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/09\/15\/vernaderer\/","title":{"rendered":"Der Vernaderer"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fast an jedem Abend, nach Einbruch der Dunkelheit, manchmal auch mitten in der Nacht, ging er, vor allem im Hochsommer, wenn der Tag sehr hei\u00df gewesen war, und man nachts zur K\u00fchlung beim Schlafen die Fenster ge\u00f6ffnet hatte, auf der Sonnenseite des Marktes spazieren. Er tat jedenfalls so, als w\u00fcrde er nur spazieren gehen, weil er nicht schlafen konnte. In Wirklichkeit aber ging er wie gesagt auf der \u201eSunnseitn\u201c des Ortes auf dem gepflasterten Gehsteig auf und ab und blieb immer wieder unter einem ge\u00f6ffneten Fenster stehen; und horchte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er horchte, ob er aus einem Radiolautsprecher vielleicht eine Stimme oder Musik von einem sogenannten \u201eFeindsender\u201c h\u00f6ren k\u00f6nnte, was strengstens und bei hoher Strafe verboten war. Er kannte schon seine \u201eSch\u00e4fchen\u201c, wie er sie insgeheim titulierte. Und diese waren ihm verha\u00dft; und er verfolgte sie: mit seinem Ha\u00df, mit seiner Spitzelei, mit seinem Eifer, mit seinem Hang zur Denunziation, in seiner Ergebenheit, dem Naziregime zu dienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viel Erfolg konnte er in dem kleinen Ort zwar sowieso nicht haben, aber umso eifriger betrieb er sein Spitzeltum, ging er dieser Beobachtung mit anschlie\u00dfender Vernaderung nach; denn dies entsprach nicht nur seiner Begeisterung f\u00fcr das Nazitum, sondern auch seinem Wesen, seinem Charakter, seiner Falschheit, seiner Feigheit, seiner Hinterfotzigkeit, wie manche das nachher nannten; vielleicht weil er in die Ortsgemeinschaft nicht wirklich integriert, weil m\u00f6glicherweise von irgendwoher zugewandert war; er sprach ja auch nicht in unserem Dialekt, sondern er versuchte sich in einem etwas gek\u00fcnstelt und somit l\u00e4cherlich wirkenden Hochdeutsch; aber das taten ja auch andere, die im Deutschen Reich deutsch sein wollten, ihr Deutschtum zeigen wollten, nach dem Motto: je deutscher desto besser. Man hatte ja da ein Vorbild als \u00d6sterreicher, pardon: als Ostm\u00e4rker, n\u00e4mlich den F\u00fchrer Adolf Hitler.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Vernaderer ging also zu sp\u00e4ten Stunden und manchmal mitten in der Nacht, meist nach 22 Uhr (denn da wurden die Feindsender ja aktiv), auf der Sonnenseite auf und ab und versuchte, Delinquenten ausfindig zu machen, die Feindsender h\u00f6rten oder die er verd\u00e4chtigen konnte, da\u00df sie Feindsender h\u00f6rten; denn eine Verd\u00e4chtigung und somit ein &#8211; in der Regel \u00fcberhaupt nicht begr\u00fcndeter &#8211; Verdacht reichten ja auch schon zur Meldung. Und dieser Pflicht kam er gehorsam, mit Ergebenheit, ja mit Begeisterung nach. Er wollte ja auch \u201ewer sein\u201c, wie man bei uns sagt; denn ansonsten war er ja vorher und nachher nichts, nur ein Niemand, ein erfolgloser Cafetier mit einem kleinen Caf\u00e9 in einem kleinen Ort, sozusagen am Rande der Zivilisation.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber eine \u201eKundschaft\u201c hatte er im Ort, eine sichere Anlaufstelle, wo oft, ja regelm\u00e4\u00dfig Feindsender geh\u00f6rt wurden, noch dazu in der Sprache des Feindes, n\u00e4mlich in Englisch; von dem er zwar kein Wort verstand, aber das war auch nicht n\u00f6tig. Diese Anlaufstelle war das Doktorhaus, die Villa des ihm sowieso verha\u00dften Gemeindearztes Dr. Kaufmann, der alles andere als ein Nazi war. Dessen Frau, eine f\u00fcr diesen Ort viel zu mond\u00e4ne Dame, die ihre Extravaganz, d.h. ihr v\u00f6lliges Anderssein in der \u00d6ffentlichkeit stolz zur Schau trug. Dieses Anderssein entsprach nicht nur ihrem Wesen, ihrem Wollen, sondern war auch ein Akt des Protestes gegen die \u00fcberall verbreitete Normierung und Gleichmacherei im NS-Staat. \u201eDie Frau Dr. Kaufmann\u201c, wie sie respektvoll genannt wurde, war nicht nur eine mond\u00e4ne Dame, sondern eine emanzipierte Frau; und das schon damals, als es den Begriff Emanzipation noch gar nicht gab, in der Soziologie, in den Medien, in der Gesellschaft. Die Frau Dr. Kaufmann war auch sehr gebildet; sie kam ja aus der Stadt. Sie besa\u00df &#8211; zusammen mit ihrem Mann, der aber einfacher, schlichter, leutseliger, weil ein Einheimischer war &#8211; viele B\u00fccher, die sie auch gelesen hatte, denn manchmal sprach sie von einem Buch und was in dem oder jenem drinnen st\u00fcnde und wer dies oder jenes gesagt, d.h. niedergeschrieben h\u00e4tte, was f\u00fcr sie G\u00fcltigkeit hatte, wodurch sie sich in ihren Ansichten und Meinungen best\u00e4tigt f\u00fchlte. Und diese Frau, die wie so nebenbei sieben oder noch mehr Kinder hatte, die sie alle\u00a0 &#8211; wie das heutzutage hei\u00dft &#8211; antiautorit\u00e4r erzog, diese Frau Dr. Kaufmann h\u00f6rte regelm\u00e4\u00dfig Feindsender, meist ab zehn Uhr am Abend oder mitten in der Nacht; und das bei ge\u00f6ffneten Fenstern. Und dies anscheinend v\u00f6llig unbek\u00fcmmert, um nicht zu sagen provokativ. Denn ihre Devise war: \u201eWas ich wann wo und wie h\u00f6re, geht niemanden etwas an.\u201c Sie lie\u00df sich ja sowieso von niemandem und \u00fcberhaupt keine Vorschriften machen, denn sie ha\u00dfte Vorschriften; auch als Eingriff in die pers\u00f6nliche Freiheit, da sie \u00fcberzeugt war, da\u00df jeder Mensch ein Recht darauf habe, da\u00df dies ein menschliches Grundrecht sei, vor allem aber nat\u00fcrlich f\u00fcr sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSiebenmal habe ich jetzt die mir bereits seit langem vorliegenden Anzeigen wegen H\u00f6rens eines Feindsenders, n\u00e4mlich BBC London, unterdr\u00fcckt und nicht weitergegeben; ich kann das aber nicht l\u00e4nger tun, es ist schon h\u00f6heren Orts aufgefallen, da\u00df es zwar Anzeigen wegen dieses Deliktes durch einen Ortsbewohner gibt, aber keine Weiterleitungen der Anzeigen durch mich und meine Dienststelle\u201c sagte der Fabrikant mit der Textilfabrik und einer sch\u00f6nen Villa, ein paar H\u00e4user vom Doktorhaus entfernt, der kein fanatischer Nazi, sondern halt nur ein Nazifunktion\u00e4r war, weil sich daraus wirtschaftliche Vorteile f\u00fcr ihn ergaben und vielleicht auch, weil er mit den Deutschen sympathisierte; denn er war ebenso wie der Vernaderer kein aus dem Ort Geb\u00fcrtiger, ja vielleicht nicht einmal ein waschechter \u00d6sterreicher. Also ermahnte er den Herr Doktor Kaufmann und sagte: \u201eIch wei\u00df, da\u00df Ihre werte Frau Gemahlin, die ich ja \u00fcberaus sch\u00e4tze, sogenannte Feindsender h\u00f6rt und weiterhin h\u00f6ren wird, da kann man sowieso nichts machen; aber sagen Sie bitte ihrer Frau, sie m\u00f6ge doch ab jetzt, wenn sie BBC-London h\u00f6rt, wenigstens die Fenster zumachen und die Vorh\u00e4nge zuziehen und das Radio nicht so laut aufdrehen; denn weiterhin kann ich sie nicht besch\u00fctzen, ohne mich selbst zu gef\u00e4hrden. Sie wissen ja, der Herr XY-Sowieso ist ein ganz Eifriger und der wird mit Sicherheit keine Ruhe geben.\u201c Der Herr Dr. Kaufmann nickte verst\u00e4ndnisvoll und im gegenseitigen Einverst\u00e4ndnis. Und hink\u00fcnftig schlo\u00df also die Frau Dr. Kaufmann die Fenster und der Vorhang dahinter war zugezogen. Nur das Licht brannte bis sp\u00e4t in die Nacht hinein, oft bis nach Mitternacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Vernaderer aber hatte \u201eeine Kundschaft\u201c verloren. Und so ging er halt weiterhin seiner Besch\u00e4ftigung andernorts mit Eifer nach.\u00a0 Ob mit oder ohne Erfolg, das wei\u00df man nicht, das schien ihm ja vielleicht auch gar nicht so wichtig. Denn wichtig war es ja nur, da\u00df er beobachtete und vielleicht dadurch auch abschreckte; eben als wachsamer Beobachter und Aufpasser, der im wahrsten Sinne des Wortes und in seiner Doppeldeutigkeit der Parole gerecht wurde, die jetzt in den sp\u00e4ten Kriegsjahren \u00fcberall plakatiert war: \u201eFeind h\u00f6rt mit!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Krieg und der Nazizeit, nach dem \u201eZusammenbruch\u201c wie dies genannt wurde (nie \u201eBefreiung\u201c!) waren \u00fcbrigens am Sonntag gegen vier Uhr am Nachmittag stets gewisse \u201eEhemalige\u201c (ehemalige Nazis) seine Stammg\u00e4ste. Und sie lie\u00dfen sich Kaffee und Kuchen bei guter Laune gut schmecken. Man konnte im Sommer durch die ge\u00f6ffneten Fenster ihr lautes fr\u00f6hliches Lachen oft bis heraus auf den Gehsteig davor h\u00f6ren; bis dorthin, wo fr\u00fcher und vorher der Herr Cafetier als Vernaderer nachts spazierengegangen war, so als ob er nicht schlafen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeder wu\u00dfte das, h\u00e4tte es jedenfalls wissen m\u00fcssen, weil wissen k\u00f6nnen. Aber niemand sprach dar\u00fcber, auch nicht \u201enachher\u201c; weil man sowieso \u00fcber nichts von dem was vorher war, sprach; weil man \u201edie alten Sachen ruhen lassen\u201c sollte, wie es hie\u00df, wie etwas, das als Gebot ausgegeben worden war. Und eigentlich waren auch alle dieser Meinung. So blieb in diesem Ort viel ungesagt. Es gab kein Sicherinnern daran, die Erinnerung an \u201edamals\u201c erlosch immer mehr und mehr; bis sie im Vergessen verschwunden war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-97941\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Wiplinger-Peter-Pauljpg-e1645466064828.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber den dezidiert politisch arbeitenden Peter Paul Wiplinger lesen Sie hier eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14676\">W\u00fcrdigung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Fast an jedem Abend, nach Einbruch der Dunkelheit, manchmal auch mitten in der Nacht, ging er, vor allem im Hochsommer, wenn der Tag sehr hei\u00df gewesen war, und man nachts zur K\u00fchlung beim Schlafen die Fenster ge\u00f6ffnet hatte, auf&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/09\/15\/vernaderer\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":98,"featured_media":97941,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1142],"class_list":["post-42498","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-peter-paul-wiplinger"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42498","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/98"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=42498"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42498\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100252,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42498\/revisions\/100252"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97941"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=42498"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=42498"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=42498"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}