{"id":42109,"date":"2023-08-08T00:01:32","date_gmt":"2023-08-07T22:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42109"},"modified":"2023-08-07T14:24:12","modified_gmt":"2023-08-07T12:24:12","slug":"auf-und-unter-dach-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/08\/08\/auf-und-unter-dach-teil-2\/","title":{"rendered":"Auf und unter Dach (Teil 2)"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als durchaus frugal konnte dieses unerwartete Fr\u00fchst\u00fcck beschrieben werden. Herrlich diese frischen Br\u00f6tchen und der einzeln aufgebr\u00fchte Kaffee. Die modernen Maschinen haben es f\u00fcr sich, das italienische Espressounget\u00fcm nachzuahmen. Zwar sind sie nicht mehr so riesig und machen l\u00e4ngst nicht diesen infernalischen L\u00e4rm, der zu den typischen Eckcaf\u00e9s offensichtlich immer schon dazu geh\u00f6rt hat, trotzdem verspr\u00fchen sie wegen des durch die Aerosole in die Luft verteilten Duftes eine \u00e4hnlich Aura des kurzen Zeitluxus\u00b4. Manchmal kann man sich nur dar\u00fcber freuen, wenn die Tassen nicht aus einer Kanne gef\u00fcllt werden, die dann vielleicht schon eine Stunde dort herumsteht, st\u00e4ndig erhitzt wird und mit der Zeit diesen typischen Geruch und Geschmack erhielt, den Herr Nipp schon immer gehasst hatte. Schon seine Mutter hatte f\u00fcr das zweite Fr\u00fchst\u00fcck um zehn immer frisches Br\u00fchgetr\u00e4nk zubereitet. (Vor nicht allzu langer Zeit kam ihm jedes Mal, wenn er seinen Lieblingsarbeitsplatz aufsuchte, noch dieser Hauch des Abgestandenen entgegen, gepaart mit dem fragw\u00fcrdigen Gestank billigen Tabaks. Dort war es stets unbel\u00fcftet, so dass sich mit der Zeit ein Raumgeruch entwickelte, der fast unertr\u00e4glich war. Selbst Wohnungen, in denen ohne Abzugshaube Zwiebeln und Knoblauch ged\u00fcnstet wurden, erschienen gegen diesen Zustand wie das Paradies. Das braucht kein Mensch. Aber immerhin hier war die Situation inzwischen gekl\u00e4rt. Nur noch selten kam ihm diese seltsame Mixtur aus schrecklich abgestandener Luft entgegen. Der damalige Verursacher hatte gl\u00fccklicherweise das Weite gesucht, ihm war das Weite gesucht worden, mit all seinen Marotten und dem Hang zur intelligenten, aber v\u00f6llig bl\u00f6dsinnigen L\u00fcge. Es gibt tats\u00e4chlich Menschen, die sich eine eigene Welt zusammen bauen. Sie erfinden Freunde und Bekannte, deren Namen wohl vorhanden sind oder aber schl\u00fcssig erscheinen. Zusammengesetzt aus gel\u00e4ufigen Fragmenten. Auch ihre Vergangenheit ist ein schillerndes Sammelsurium aus denkbaren und m\u00f6glichen Ereignissen. Zusammengesucht aus den diversen Internetseiten, die mehr Geheimnisse \u00fcber Menschen preisgeben, als man denkt. Doch irgendwann war auch der recht langsam denkende und wahrscheinlich viel zu gutm\u00fctige Herr Nipp auf den Trichter gekommen, dass da irgendwas nicht gestimmt hatte. Die Mails, die er bekommen hatte, die Kommentare auf seiner Seite und vieles mehr, was mit vielen Namen unterschrieben war, stammten nicht von vielen, sondern von einem. Zuf\u00e4lligerweise reproduzierte sich hier st\u00e4ndig derselbe sprachliche Stil. Was er f\u00fcr drei Jahre als Realit\u00e4t ausgemacht hatte, stellte sich als gut gemachte F\u00e4lschung der Welt heraus. Herr Nipp war einem Wahnsinnigen auf den Leim gegangen, der sich besser einer umfassenden Therapie unterzogen h\u00e4tte. Jedes Mal, wenn er nun diesen Geruch auch nur entfernt vernahm, wurde ihm nun schlecht. Sobald er den Arbeitsplatz aufsuchte, wurde gel\u00fcftet, um vielleicht noch vorhandene Restatome oder Molek\u00fcle jener gewesenen Anwesenheit zu tilgen. Damals waren nicht nur die Wahrheit und das Vertrauen abhanden gekommen, sondern auch diverse Gegenst\u00e4nde, was allerdings nichts miteinander zu tun haben musste. Auff\u00e4llig war es trotzdem. Als erstes hatten sie nach dem Abgang die Tastatur desinfiziert, trotzdem waren Viren auf den von ihm bearbeiteten Internetseiten zur\u00fcck geblieben. Festgestellt hatte man weiterhin, dass Mails umgeleitet wurden, nur damit dieser Herr ein Gef\u00fchl der Macht haben konnte. Irgendwann w\u00fcrde wohl irgendwer anders reagieren und es nicht bei einem Rauswurf belassen. Armer Irrer!)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die beiden alten Bekannten hatten \u00fcber eine Stunde s\u00e4mtliche Nichtigkeiten ausgetauscht. Was war in den letzten Monaten nicht alles passiert, vom Bilderfund auf dem Tr\u00f6delmarkt bis zur Nachtwanderung mit tollen Menschen, die er nie vergessen w\u00fcrde.* Unser Protagonist war seelisch wie k\u00f6rperlich ges\u00e4ttigt und die Verabschiedung geriet sehr herzlich. Er nahm den Bekannten sogar in die Arme, dabei fragte er sich, ob dies geschah, weil er der S\u00e4ttigung wegen gl\u00fccklich war oder weil er nun endlich wieder allein sein w\u00fcrde. Als er auf die inzwischen sehr belebte Stra\u00dfe trat, hatte sich der Himmel massiv zugezogen und zeigte mit ersten dick platschenden Tropfen an, dass die Regendrohung nicht leer bleiben w\u00fcrde. Und tats\u00e4chlich ben\u00f6tigte der nachfolgende Regenguss nur etwa zwanzig Sekunden, um ihn v\u00f6llig zu durchn\u00e4ssen. Sofort suchte er in heller Aufruhr ein derzeit angesagtes Billigbekleidungsgesch\u00e4ft auf, nahm sich einige Kleidungsst\u00fccke und zog sich unter den kritischen Blicken einer gutlackierten Verk\u00e4uferin in die Umkleide zur\u00fcck. Nein, so konnte es nicht gehen. Immerhin war er schon ein wenig trockener und die neuen Sachen klamm, aber das k\u00fcmmerte ihn nicht besonders. Er zog seine Klamotten wieder an, legte die neuen fast fein geordnet zu den anderen zur\u00fcck. Zielsicher bewegte er sich z\u00fcgig zum Ausgang, aus den Augenwinkeln sah er gerade noch, dass eben jene Angestellte, die morgens wahrscheinlich in ein Puderfass gefallen war, dorthin hechtete und h\u00f6rte einen angewiderten Ausruf des ungl\u00e4ubigen Missfallens. Schnell verd\u00fcnnisierte sich Herr Nipp und hielt Ausschau nach dem n\u00e4chsten Gesch\u00e4ft. Das war eine neue Erfahrung. Normalerweise besuchte er Bekleidungsgesch\u00e4fte, wenn er Kleidung ben\u00f6tigte, dann kramte er z\u00fcgig zwei Hosen heraus, drei T-Shirts und vielleicht ein oder zwei Pullover, alles m\u00f6glichst grau oder gestreift, niemals auff\u00e4llige Farben. Die Sachen passten meistens und wurden komplett erstanden. Ruhe f\u00fcr ein halbes Jahr. Jetzt allerdings erkannte er die Vorteile des Shoppens. Man probiert ohne Kaufabsicht alles M\u00f6gliche an und wird ganz nebenbei dabei trocken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/2012-Herr-Nipp-aktuelle-Bilder-018-665x1024-e1549272345570.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-44215 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/2012-Herr-Nipp-aktuelle-Bilder-018-665x1024-195x300.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"300\" \/><\/a>Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich die\u00a0Totholzausgabe von Herrn Nipps <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> entwickelt.\u00a0Au\u00dferdem belegt sein Taschenbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a>, da\u00df man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=899\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> ein. Und au\u00dferdem pr\u00e4sentiert Haimo Hieronymus die bibliophile Kostbarkeit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41385\"><em>\u00dcber Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher<\/em><\/a> aus den Notizb\u00fcchern des Herrn Nipp.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese bibliophile Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">*Diese Geschichte wird frei nach Michael Ende vielleicht sp\u00e4ter einmal erz\u00e4hlt werden. Nur so viel: Herr Nipp war den beiden ernsthaft dankbar, dass sie ihn fast als Ihresgleichen mit zum Lattenberg genommen hatten, von der pilzdurchsuchten D\u00e4mmerung in die Tiefe der n\u00e4chtlichen Dunkelheit. In der Hoffnung noch etwas von der legend\u00e4ren Brunft der Rothirsche miterleben zu d\u00fcrfen, hatten die drei lehmverklebte Wege beschritten. Leider kein Wild gesehen, aber viele spannende Ger\u00e4usche vernommen und sehr angenehme Gespr\u00e4che gef\u00fchrt. So etwas kann man nicht kaufen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Als durchaus frugal konnte dieses unerwartete Fr\u00fchst\u00fcck beschrieben werden. Herrlich diese frischen Br\u00f6tchen und der einzeln aufgebr\u00fchte Kaffee. Die modernen Maschinen haben es f\u00fcr sich, das italienische Espressounget\u00fcm nachzuahmen. Zwar sind sie nicht mehr so riesig und machen l\u00e4ngst&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/08\/08\/auf-und-unter-dach-teil-2\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":161,"featured_media":99437,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1334],"class_list":["post-42109","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-herr-nipp"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42109","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/161"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=42109"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42109\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100681,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42109\/revisions\/100681"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99437"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=42109"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=42109"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=42109"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}