{"id":42102,"date":"2007-07-24T00:01:23","date_gmt":"2007-07-23T22:01:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42102"},"modified":"2021-10-31T14:31:40","modified_gmt":"2021-10-31T13:31:40","slug":"bookdating","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/07\/24\/bookdating\/","title":{"rendered":"Bookdating"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend ihm eine v\u00f6llig fremde Person gegen\u00fcber sitzt, juckt Herrn Nipp das linke Knie. Kein angenehmes Jucken, eher das Gef\u00fchl eines \u00fcberfl\u00fcssigen Dauerreizes, welcher jeden Menschen auf kurz oder lang, wohl oder \u00fcbel, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter, auf jeden Fall aber mit absoluter Sicherheit in den fassungslosen Wahnsinn treiben kann. Vergleichbar vielleicht mit der Gewissheit, w\u00e4hrend man unbedingt und ganz n\u00f6tig zum stillen \u00d6rtchen muss, dass der Vorgesetzte sein einberaumtes Dienstgespr\u00e4ch noch lange nicht als beendet betrachtet. Ein Jucken also, welches mit jedem Moment noch schlimmer wird. Man stelle sich einen Gefesselten vor, dessen vorher mit Salzlake bestrichene F\u00fc\u00dfe nun von einer Ziege abgeleckt werden. Der Leidende kann nichts tun und ergibt sich seinem geradezu pathetisch schicksalhaften Leiden, wird im wahrsten Sinne des Wortes passiv, eben leidend. Herr Nipp ertr\u00e4gt die vom Schicksal auferlegte B\u00fcrde heldenhaften Mutes, wird weder die Beine gegeneinander reiben, noch das vielf\u00e4ltigste Werkzeug auf diesem Erdenrund zum Kratzen benutzen, die Hand. In dieser Situation sich zu kratzen, sich kratzen zu m\u00fcssen, w\u00e4re nicht nur unh\u00f6flich, sondern geradezu ein Vergehen, ja, vielleicht lie\u00dfe sich ein solches Handeln gar zu einem gewissenlosen Verbrechen am Intellekt des Anderen stilisieren. Lieber diese innere Unruhe ertragen, als ein solches Fehlverhalten riskieren. Daran musste er in diesem Moment des wahrhaftigen Martyriums denken und sah sich schon als heldenhaften \u00dcberwinder s\u00e4mtlicher F\u00e4hrnisse, die dem Menschen entgegen kommen. Mit grauen und flatternden Haaren wie zerzaustem Bart steht er auf der Br\u00fccke des alten dreimastigen Segelschiffes und k\u00e4mpft gegen die Unbilden der Natur. In Anbetracht einer Buchhandlung mit den Ausma\u00dfen eines Supermarktes.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Gegen\u00fcber erz\u00e4hlt von seinem Lieblingsbuch, hat genau zwei Minuten Zeit, ihn zu \u00fcberzeugen. Bookdating. Sogar der Erfinder ist erschienen, um den Erfolg dieser allerersten der geplanten und noch zu planenden Veranstaltungen selbst zu sehen. Sich im Licht des Erfolges zu sonnen und die Seele zu br\u00e4unen, als l\u00e4ge er an einem Strand in der Karibik oder im Sonnenstudio. Er will sehen, ob sich ein einfacher Gedanke tr\u00e4gt, ob er demn\u00e4chst in seinem in Dortmund zu gr\u00fcndenden Laden \u00c4hnliches anbieten kann. Immerhin sind nach einem leisen Aufruf rund 14 Leser erschienen. (Der Leser wird sich fragen, warum rund 14 Leser, denn Menschen kann man eindeutig z\u00e4hlen, sie stellen keine abzusch\u00e4tzende Masse dar. Zumal, wenn es sich um solche geringe Zahlendimensionen handelt. Nun, das wird sich noch im Laufe dieser kleinen Geschichte erkl\u00e4ren, denn nicht jede anwesende Figur ist das, was sie auf den ersten Blick scheint.) Ein kleines, selbst ausgedrucktes Plakat hatte auf diesen Termin verwiesen und daneben wurde von irgendjemandem in irgendeinem sozialen Netzwerk irgendeine Werbung gemacht. Die Anwesenden hatten das Gef\u00fchl, endlich mal ein oder zwei Leuten ganz pers\u00f6nlich ihre liebste und ans Herz gewachsene Lekt\u00fcre vorstellen zu k\u00f6nnen. Es ist einfach ein Unterschied, ob man in irgendeinem Forum recht anonym \u00fcber irgendetwas schreibt, oder beim Vortrag einem Menschen aus Fleisch und Haut in die beweglichen, bewegten und bewegenden Augen schaut. Das ist kein Zwischennetzmarktplatz, auf dem nur mehr oder weniger, aber sicher doch irgendwie gelangweilte Nerds auf Input warten. Hier wird niemand f\u00fcr ein missbr\u00e4uchlich gebrauchtes oder missverstandenes Wort mit \u00fcblen Kommentaren \u00fcberh\u00e4uft, hier wird sich kein Shitstorm entwickeln, nur weil ein sogenannter Troll mal wieder Lust hat, Stunk zu machen. Hier kann der Vortragende direkte Reaktionen sehen und die gehen von ehrlicher Abneigung gegen das vorgestellte Buch bis hin zur v\u00f6lligen Faszination, und sei es nur, weil das Gegen\u00fcber an den stechenden Augen des Gegen\u00fcbers h\u00e4ngen bleibt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend Herr Nipp also dieses oben f\u00fcr die Verh\u00e4ltnisse des Schreibers breit beschriebene, vor allem aber immer noch unangenehme Jucken am Bein hat, w\u00e4hrend er sich qu\u00e4len l\u00e4sst von einem St\u00f6ren (N\u00e4her l\u00e4sst sich der Ausl\u00f6ser nicht beschreiben, weil weder der Betroffene noch der Leser, wahrscheinlich auch nicht der Erz\u00e4hler wei\u00df, worum es sich handelt, nur wer selber schon solcher Situation unterlag, wei\u00df wor\u00fcber hier geschrieben wird), stellt ihm ein Gegen\u00fcber sein Buch vor.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein, um an dieser Stelle nicht missverstanden zu werden oder gar k\u00fcnstlich irgendwelche Missverst\u00e4ndnisse aufzubauen, der hat es nat\u00fcrlich nicht selbst verfasst, aber ist in der Verfassung, es als seines zu begreifen, da er mitten drin steckt oder steckte, seine Seele vielleicht sogar anger\u00fchrt war, so es eine Seele gibt oder zumindest dieser hier eine solche sein eigen zu nennen behauptet. (Der geneigte Leser wird sicherlich versp\u00fcren, dass der Texter immer wieder versucht, egal an welcher Stelle, jeglichen Hauch einer Missverstehensm\u00f6glichkeit auch schon im Keim zu ersticken. Niemand soll auch nur ein Bruchst\u00fcck einer Zeile in seinen Mund legen k\u00f6nnen. Kein Wort ist hier von irgendeiner Form der leichten oder angreifenden Ironie gepr\u00e4gt. Jeglicher vielleicht vom Leser erwartete Sarkasmus soll von diesem Moment an verbannt sein. Kein Angriff, auch noch so leiser Natur, soll hier in Zukunft gefahren werden. Niemals noch wird der Nebelstreifen einer angedeuteten Kritik in Zukunft sp\u00fcrbar oder sichtbar sein. Das k\u00f6nnen andere viel besser, sie kaschieren dies dann allerdings als Unruhe. Engel sind immer gerecht, im Recht, echt und ehrlich, aber manchmal etwas unruhig, das k\u00f6nnen Sie mir glauben. Wir k\u00f6nnen es einfach an keiner Stelle hinnehmen, wenn unser klarer Verstand, unsere sicher strukturierte Welt durch abseitigen oder schr\u00e4gen Humor verw\u00e4ssert wird. Gerade heute ist dies nicht zu dulden.)*<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit absoluter Begeisterung, einem tiefen Leuchten in den Augen, schildert das Gegen\u00fcber intelligent und umfassend pr\u00e4zise, warum er sich die Gespr\u00e4che von Truffaut und Hitchcock ausgesucht hat. Und tats\u00e4chlich l\u00e4sst sich Herr Nipp f\u00fcr diese zwei Minuten v\u00f6llig in den Bann schlagen und vergisst die Malaisen. Dieses Buch wird er sich besorgen. Wo auch immer, das ist klar. Nach dieser Vorstellung, die ihn v\u00f6llig mitgenommen hat, muss er selber etwas vortragen. Er hat sich Jasper FFordes Buch \u201eGrau\u201c ausgesucht. Sein Fazit: Brillantes St\u00fcck Literatur mit dem Entwurf einer abstrusen Gegenwelt als Spiegel unserer gesellschaftlichen Erwartungen und Realit\u00e4ten. Die anwesende Buchh\u00e4ndlerin hat ihm \u00fcbrigens mit Schalk im Blick offenbart, dass das Werk im Original \u201eShades of Grey\u201c hei\u00dft, aber gar nichts mit diesem SM-Softporno f\u00fcr frustrierte Frauen, die sich auch gerne einem jungen, dominanten, reichen und nat\u00fcrlich wahnsinnig gut aussehenden Mann sicher so selbstlos unterwerfen w\u00fcrden, zu tun hat. **<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach diesen weiteren Minuten ist der erste Teil des Spuks vorbei. Z\u00fcgig zieht sich Herr Nipp auf die im anderen Stockwerk befindliche Feuchtr\u00e4umlichkeit mit Sp\u00fclkasten und Sitzm\u00f6glichkeit zur\u00fcck, l\u00e4sst dieses Mal nicht intellektuell die Hosen herunter und muss entdecken, dass sich am rechten Knie tats\u00e4chlich ein kleiner Splitter festgesetzt hat, es mag auch ein kleiner Dorn sein. Das Jucken l\u00e4sst mit dem Entfernen durch die langen Fingern\u00e4gel fast abrupt nach.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Unten bei den anderen 13 angekommen, f\u00fcllt er sich ein Glas mit Rotwein, rein biologischer Anbau, er wartet darauf, dass eine n\u00e4chste Runde beginnt, ein anderer f\u00fcr den Vortrag frei wird. Jetzt erf\u00e4hrt er etwas \u00fcber die ganz pers\u00f6nliche Perspektive einer jungen Leserin auf den eher schon klassischen Roman \u201eDas Bildnis des Dorian Grey\u201c. *** Mag auch sein, dass der Protagonist, der sich selbst zum Antagonisten wird, Dorian Gray hei\u00dft, das tut aber hier nichts zur Sache. Schon hat er wieder diese eigent\u00fcmliche Geschichte eines Portraits vor Augen, welches sich mit jeder Untat des Portraitierten ver\u00e4ndert und diesem so erm\u00f6glicht, egal was er macht, ewig jung zu bleiben. Das Thema der ewigen Jugend scheint so gesehen nicht nur eines der heutigen Zeit zu sein. Ja, auch dieses Buch muss er unbedingt lesen, zum dritten Mal, jetzt nach Jahren wieder. Diese beiden B\u00fccher und nat\u00fcrlich die Reise des Elefanten von Jos\u00e9 Saramago. ****<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Mal sitzt er mit zwei anderen auf dem Sofa, einer h\u00f6rt nur zu, ist gar kein Leser, sondern will sich aus dem Gespr\u00e4ch einfach nur Anregungen holen. Auch das geht also. Wenn folglich von den 14 Beteiligten nur 11 vortragen und 3 zuh\u00f6ren, so muss man tats\u00e4chlich von ungef\u00e4hr oder rund 14 Lesern sprechen, denn die 3 zuletzt Genannten sind noch nicht, vielleicht aber bald Leser. Und dieses \u201evielleicht\u201c macht ein genaues Z\u00e4hlen fast unm\u00f6glich, genau deshalb musste der Schreibende auf dieser Seite des Bildschirms oder der gedruckten Seite rein spekulativ vorgehen.*****<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Insgesamt 16 B\u00fccher werden vorgestellt, denn einige Leute haben mehr als ein Lieblingsbuch und wer wei\u00df, ob es eine solche Veranstaltung noch einmal geben wird. Und jetzt wei\u00df er schon, dass es enden wird, wie er von einem Speeddating h\u00f6rte. Mit der H\u00e4lfte der Pr\u00e4sentierten wird er im Bett landen, und wieder juckt es ihn.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach anderthalb Stunden geht es nach Hause oder in ein nahe gelegenes Atelier, um dort noch weiter zu reden. Herr Nipp l\u00e4sst die anderen sich selbst und die Idee feiern, er selbst wird mit einem Elefanten zu Bett gehen.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} -->\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich die\u00a0Totholzausgabe von Herrn Nipps <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> entwickelt.\u00a0Au\u00dferdem belegt sein Taschenbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a>, da\u00df man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=899\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> ein. Und au\u00dferdem pr\u00e4sentiert Haimo Hieronymus die bibliophile Kostbarkeit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41385\"><em>\u00dcber Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher<\/em><\/a> aus den Notizb\u00fcchern des Herrn Nipp. <span data-offset-key=\"bv319-0-0\">Begleitendes zur Ver\u00f6ffentlichung des Buches <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/04\/fatale-wirkungen\/\"><em>Fatale Wirkungen<\/em><\/a>, von Herrn Nipp (Mit Fotos von Stephanie Neuhaus). \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70620\">historische Aufgabe<\/a> von Herrn Nipp aus M\u00f6ppelheim.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese bibliophile Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; W\u00e4hrend ihm eine v\u00f6llig fremde Person gegen\u00fcber sitzt, juckt Herrn Nipp das linke Knie. 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