{"id":42003,"date":"1994-11-04T00:01:33","date_gmt":"1994-11-03T23:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42003"},"modified":"2020-11-25T10:15:43","modified_gmt":"2020-11-25T09:15:43","slug":"zufriedenheit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/11\/04\/zufriedenheit\/","title":{"rendered":"Zufriedenheit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Egal wo er auch Leute trifft, trifft ihn die Erkenntnis, dass wohl eine Zeit des Umbruchs sei. Traumpaare der letzten Dekaden trennen sich oder proben ein neues Leben in trauter Trennung und unerwarteter Unordnung. Die Bistros und Clubs f\u00fcllen sich wieder mit Menschen seines Alters. Bei einem gem\u00fctlichen Bier, Cocktail oder wahlweise Wein versucht man neue Freundschaften aufzubauen, wenn die alten versagt haben oder abgenutzt scheinen. Man ist den alten Zeitl\u00e4ufen \u00fcberdr\u00fcssig und erkennt seine zweite Jugend. Frauen lernen pl\u00f6tzlich Fremdsprachen, die sie wahrscheinlich st\u00e4ndig gebrauchen werden und nur sehr selten f\u00fcr den hiesigen Kulturkreis fast \u00fcberfl\u00fcssig sind. Schlie\u00dflich reist man in diesem Alter regelm\u00e4\u00dfig nach Island oder Zentralafrika, dort kann man dann auch die verschiedenen Suaheli-Sprachen endlich in freier Wildbahn testen oder an einem italienischen Restaurant bei einem Geysir auf Isl\u00e4ndisch eine Pizza ordern. Ein neues Selbstempfinden zeigt sich allerorten. M\u00e4nner machen mit Mitte vierzig endlich ihren Motorradf\u00fchrer-, Flug- oder Segelschein. Kaufen sich entsprechende Werkzeuge, sprich Boote, Anteile an einmotorigen Flugger\u00e4ten und schwere zweir\u00e4drige Kisten gerne amerikanischen Fabrikats. Dann rauschen sie als virtuelle Freiheitsk\u00e4mpfer in schwerer Lederkluft durch die Landschaft und treffen sich an markanten Punkten, gerne an Stauseen, bei einschl\u00e4gigen Lokalen zum gemeinsamen Pommes- und Currywurstessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Andere aber entdecken ihre bisher verborgene wahre M\u00e4nnlichkeit, ihre Urinstinkte werden wach, so generieren sie sich zu staatlich gepr\u00fcften J\u00e4gern und fallen mit neu erwachter Leidenschaft und der frisch erworbenen Lizenz zum T\u00f6ten in gemeinschaftlich gepachtete Reviere ein. Eine Wildsau ist da das Mindeste, ein kapitaler Hirsch noch besser. Hauptsache endlich mal Herr \u00fcber Leben und Tod sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ganz spezielle Herrschaften belegen allerdings auch Kochkurse, werfen die alte K\u00fcche aus dem Haus und gestalten sich ein Erlebnisparadies mit allen Finessen. Da wird dann pochiert und gebrutzelt, gebacken und p\u00fcriert, feinste Kreationen verw\u00f6hnen den Gaumen der geladenen Freunde. Nat\u00fcrlich haben diese Herren auch einen Sommelierkurs mit Auszeichnung bestanden. Der Abend wird zu einer Entdeckungsreise ins Land der kulinarischen Gen\u00fcsse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Gesellschaft passt ihre Hobbys und Leidenschaften dem Portmonee an. Ebenso die zu fahrenden Autos und die Kleidung, die Kommunikationsger\u00e4te und schlie\u00dflich auch die neuen Partner. Alle f\u00fchlen sich mit Sicherheit zehn Jahre j\u00fcnger, M\u00e4nner wie Frauen. Und wenn alles nicht hilft bricht ein neuer sportiver Ehrgeiz aus, der sich zun\u00e4chst in kleinen Runden \u00e4u\u00dfert, recht schnell aber zu stundenlangem Joggen ausartet und irgendwann will sich der Neusportler beweisen, sucht den fairen Wettkampf mit den Anderen. Dann melden sie sich zu Marathons und Halbmarathons an. Sie werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit n\u00e4chstes oder \u00fcbern\u00e4chstes Jahr auch mal einen Triathlon bestreiten und \u00fcben jetzt schon in Kursen das Kraulen, damit man sich im Wasser schneller bewegen kann. Und wer wei\u00df, vielleicht reicht es irgendwann sogar zum Ironman. Andere suchen nun regelm\u00e4\u00dfig das Fitnessstudio auf und dr\u00fccken, was Zeug h\u00e4lt. Was sind da schon 60 Kilo? Sp\u00e4testens alle zwei Tage steht der Kraftsportler nun auf der Matte und wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit (siehe oben) sp\u00e4ter dann ganz entspannt in der angeschlossenen Sauna liegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nur bei den Anderen ist das Alter zu sehen, und wer in den Spiegel guckt, wei\u00df, dass er unwiderstehlich wirkt. Zur Not legt die eine wie andere Seite mehr oder weniger geschickt etwas Farbe auf. Und wenn wirklich jemand wesentlich j\u00fcnger aussieht, dann wei\u00df jeder sofort, dass da nachgeholfen wurde. Ein Schnitt hier, eine Spritze dort und ja, das Blond ist nat\u00fcrlich Natur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aber wenn Herr Nipp abends seine Spazierg\u00e4nge durch die Stadt macht und feststellen muss, dass letztlich doch die meisten Neujungmenschen, weil dieses jung Leben einfach anstrengend ist, wieder die meisten Abende nur vor der Glotze oder dem Rechner in Dating-Foren h\u00e4ngen, dann wei\u00df er ganz zufrieden, dass er sich genauso alt f\u00fchlt wie er ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Egal wo er auch Leute trifft, trifft ihn die Erkenntnis, dass wohl eine Zeit des Umbruchs sei. Traumpaare der letzten Dekaden trennen sich oder proben ein neues Leben in trauter Trennung und unerwarteter Unordnung. 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