{"id":4181,"date":"2012-05-19T10:55:39","date_gmt":"2012-05-19T08:55:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=4181"},"modified":"2012-06-26T19:38:32","modified_gmt":"2012-06-26T17:38:32","slug":"poesie-ohne-schonbezuge-%e2%88%99-zu-kerstin-beckers-gedichtband-fasernackte-verse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/05\/19\/poesie-ohne-schonbezuge-%e2%88%99-zu-kerstin-beckers-gedichtband-fasernackte-verse\/","title":{"rendered":"Poesie ohne Schonbez\u00fcge \u2219 Zu Kerstin Beckers Gedichtband Fasernackte Verse"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"http:\/\/ecx.images-amazon.com\/images\/I\/41AmKx5OR7L._SL500_AA300_.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"210\" \/>Zu den Merkw\u00fcrdigkeiten der deutschen Sprache geh\u00f6rt es, dass das sch\u00f6ne Adjektiv \u203anackt\u2039 zwar grammatikalisch korrekt in konventioneller Weise gesteigert werden kann, aber die entsprechenden komparativischen und superlativischen Steigerungen \u203anackter\u2039 und \u203aam nacktesten\u2039 eher ungebr\u00e4uchlich sind und der bekannteste Superlativ von \u203anackt\u2039 denn auch \u203asplitterfasernackt\u2039 lautet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der neue, beim <span style=\"color: #000080;\"><a href=\"http:\/\/www.fixpoetry.com\/verlag\/buecher.html\"><span style=\"color: #000080;\">FIXPOETRY.Verlag<\/span><\/a><\/span> erschienene Gedichtband der Dresdner Lyrikerin Kerstin Becker hingegen hei\u00dft <em>Fasernackte Verse<\/em>. Man kann trefflich mutma\u00dfen, ob das W\u00f6rtchen \u203aSplitter\u2039 diesem Titel eine Scharfkantigkeit hinzugef\u00fcgt h\u00e4tte, die die Autorin nicht wollte. Wahrscheinlicher ist die Annahme, dass die melodi\u00f6se Alliteration von \u203aFaser\u2039 und \u203aVerse\u2039 den Ausschlag gab, dieser suggerierte Gleichklang, der fasertiefe Genauigkeit ebenso mitschwingen l\u00e4sst wie Ungesch\u00fctztheit. Die Achillesferse klingt an, ohne benannt zu werden. Von daher musste Kerstin Becker auch gar nicht erst die Splitter bem\u00fchen, um Verletzlichkeit als Konnotation mitlauten zu lassen. Programmatisch ist der Titel allemal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was beim Lesen auf Anhieb besticht, ist die schon genannte Ungesch\u00fctztheit, eine sinnliche Unmittelbarkeit, die mitrei\u00dfend wirkt. Die Titel der einzelnen Gedichte bestehen zumeist aus der ersten Zeile, man taucht sofort ein in diese auch rhythmisch stets \u00fcberzeugende Erfrischungspoesie:<strong><em><\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><strong><em>Standen wir unter den Pappeln<\/em><\/strong><br \/>\n<em><\/em><em><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\"><em>hingebeugt und so verschorft wie sie<\/em><em><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\"><em>der Fluss unsere blassen Zehen<em><\/em><em><\/em><br \/>\n<em> <\/em><\/em><em>mit dunkelgr\u00fcnem Schlick bedeckt<\/em><em><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\"><em>hast du nicht <\/em>wir sind am Meer<em> geschrien<\/em><br \/>\n<em> und M\u00f6wenaugen \u00fcberall<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\"><em>stehn junge fasernackte Verse<\/em><br \/>\n<em> an jedem Halm, der unsere Beine traf<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das titelgebende Gedicht zeigt exemplarisch, dass Natur mit der gleichen K\u00f6rperlichkeit wahrgenommen wird wie die Liebesgedichte, die den Band motivisch pr\u00e4gen. Aber im Grunde sind es ja alles Liebesgedichte, die nicht abstrakt philosophisch, sondern ohne Umschweife und erotisch direkt zur Sache kommen. Das geht\u2019s auch mal Hals\u00fcberkopf \u00fcber Tische und B\u00e4nke \u2013 selbst \u00fcber Kirchenb\u00e4nke, wenn es sein muss. In dem Gedicht <em>Aus der Kirche steigen akustische Rauchzeichen<\/em> verschr\u00e4nken sich kirchliche Liturgie und erotische Offensive in wahrhaft atemberaubender Weise:<em><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>die Menge murmelt <\/em>bitte f\u00fcr uns<em> \/ was ist das<\/em><br \/>\n<em> f\u00fcr eine Pinzette in der wir h\u00e4ngen und zappeln<\/em><br \/>\n<em> wie Insekten \/ du kn\u00f6pfst deine Jeans auf<\/em><br \/>\n<em> und schmiegst dein pochendes Fleisch an meines<\/em><br \/>\n<em> man n\u00e4hert sich schon dem Amen \/ meine H\u00e4nde<\/em><br \/>\n<em> fassen nach deinen Lenden \/ das ist so das ist wie<\/em><br \/>\n<em> wenn einem beim Trinken vor Durst<\/em><br \/>\n<em> das Wasser in B\u00e4chen am Kinn herab l\u00e4uft<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die erotische Ekstase als existentielles Bed\u00fcrfnis wie Hunger und Durst \u2013 eine solche Wahrnehmung gibt den Gedichten die richtige Geschwindigkeit, es geht hitzig zu, kompromisslos, uners\u00e4ttlich. Das Kapitel <em>Schwenk der Sanduhr<\/em> enth\u00e4lt zehn Gedichte, jedem Gedicht ist ein Zitat von Anne Sexton vorangestellt, schlie\u00dflich verk\u00f6rperte sie poetische Direktheit und erotisches Freibeutertum als Person in sich. Und von diesem Spirit, diesem Tempo lebt auch die Poesie Kerstin Beckers mit ihren kleinen Aufforderungsimperativen: <em>Liebe das Flackern der Leiber ich sehs \/ meine Augen sind W\u00e4rmekameras dummer \/ verstockter Kerl was gibt es da noch \/ zu bewachen \/ komm \/ lass mich rein<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Enjambements dieser Verse sind ein Stilmittel, das zu dieser atemlosen Verschr\u00e4nkung, dieser unverstellten Direktheit wesentlich beitr\u00e4gt. Wer aber glaubt, Leidenschaft und forcierte Liebeslust tr\u00fcbten den Blick der Erkenntnis \u2013\u00a0sowohl bei den Lesern dieser Gedichte als auch bei der Poetin selbst \u2013 wird angenehm \u00fcberrascht sein. Immer wieder trifft man auf Bilder von tiefer Eindr\u00fccklichkeit:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><em>Menschen stehen aufgereiht und sehn<\/em><br \/>\n<em> die Sonne an ich geh ans Meer<\/em><br \/>\n<em> das M\u00f6wenschreien ritzt die Luft<\/em><br \/>\n<em> wie M\u00e4dchen ihre Arme<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das sind Bilder, die bleiben, die so stark sind, dass sie auch die eigentlich schw\u00e4chende Wirkung des Wie-Vergleichs souver\u00e4n \u00fcberstrahlen. Die fehlende Zeichensetzung verst\u00e4rkt die Unmittelbarkeit, die Synchronit\u00e4t der Eindr\u00fccke. Kerstin Becker setzt hier gleichsam Zeichen, ohne Zeichen zu setzen. Wenn es stimmt, wie es Gerhard Falkner einmal gesagt hat, dass ein gelungenes Gedicht einen Augenblick, einen Moment <em>f\u00fcr das Schillern des Lebens bewohnbar<\/em> mache, dann haben wir hier einen Gedichtband vor uns, der im wahrsten Sinne des Wortes einleuchtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"center\">*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #808080;\">Kerstin Becker, <strong>Fasernackte Verse<\/strong>, Gedichte, Vorwort von J\u00fcrgen Br\u00f4can, Bilder von Wienke Treblin, 62 Seiten, Broschur, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><span style=\"color: #000080;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=3157\"><span style=\"color: #000080;\">Lesen Sie hier das FIXPOETRY.Verlagsportr\u00e4t bei Kulturnotizen<\/span><\/a><\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu den Merkw\u00fcrdigkeiten der deutschen Sprache geh\u00f6rt es, dass das sch\u00f6ne Adjektiv \u203anackt\u2039 zwar grammatikalisch korrekt in konventioneller Weise gesteigert werden kann, aber die entsprechenden komparativischen und superlativischen Steigerungen \u203anackter\u2039 und \u203aam nacktesten\u2039 eher ungebr\u00e4uchlich sind und der bekannteste Superlativ&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/05\/19\/poesie-ohne-schonbezuge-%e2%88%99-zu-kerstin-beckers-gedichtband-fasernackte-verse\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":27,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[326,444,330],"class_list":["post-4181","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-literatur","tag-gerhard-falkner","tag-hellmuth-opitz","tag-kerstin-becker"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4181","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/27"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4181"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4181\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4181"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4181"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4181"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}