{"id":41781,"date":"2004-08-24T00:01:56","date_gmt":"2004-08-23T22:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41781"},"modified":"2021-01-24T10:59:40","modified_gmt":"2021-01-24T09:59:40","slug":"schwein-gehabt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2004\/08\/24\/schwein-gehabt\/","title":{"rendered":"Schwein gehabt"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">An manchen Tagen geht Herr Nipp noch mal sp\u00e4t abends seine kleinst\u00e4dtischen Wege. Er mag das entseelte Brennen der alten Stra\u00dfenlampen, jener, die noch Langfeldleuchten \u00fcber den gesamten B\u00fcrgersteig strecken. Jeder Riss der quadratischen Gehwegplatten aus Beton wird ausgeleuchtet. Ganz sachlich und n\u00fcchtern. Er mag diese Bruchspuren, die sich mit unregelm\u00e4\u00dfiger Sicherheit durch die ganze Stadt ziehen. Schon als Kind hatte er sich dar\u00fcber gewundert, dass diese Spr\u00fcnge im Wegebild immer wieder gleich waren. Er sch\u00e4tzt in solchen N\u00e4chten die k\u00fchle Luft, die ihm stets neue Ger\u00fcche in die Nasenl\u00f6cher treibt. Das Blinken der Lichter in den Pf\u00fctzen des letzten Regenschauers, die aufsteigenden D\u00e4mpfe, die fast nur zu erahnen sind. Die ersten Bl\u00e4tter rieseln best\u00e4ndig herab und der Herbst ist in vollem Gange. Aber in der Nacht kann man die Farben nicht sehen und so der Vorstellung erliegen, alles sei noch immer unver\u00e4nderlich und sommerlich gr\u00fcn. Es sind diese Abende, an denen die W\u00f6rter in Rotationen geraten, der Wirbel nicht aufgehalten werden kann, weil in jeder Runde winzige Nuancen Glauben machen, man w\u00fcrde weiter kommen. Wenn dann die frische Luft um die Nase weht, wenn er Witterung mit dem Leben der anderen aufnimmt. Die kleinen Gassen ziehen ihn an, dort wo das Wetter in jahrelanger Arbeit den Putz hat abplatzen lassen, wo der Wind kleine Papierfetzen in Wirbeln bewegt, wenn sie nicht gerade am feuchten Pflaster kleben. Er mag einfach die dort entstehende Atmosph\u00e4re, die fast schon etwas Heimatliches hat.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als er aus einer dieser Gassen heraustritt, sieht er die Front einer Werkstatt leuchten. Lichtdurchflutet wird dort wohl noch gearbeitet. Tats\u00e4chlich lassen sich Schl\u00e4ge vernehmen. Der Schmied, den er kennt, haut im sicheren und konzentrierten Rhythmus auf ein St\u00fcck Stahl. Schwerer Hammer, kurzer Stiel. Bei jeder Bewegung ver\u00e4ndern sich die fein ausgeformten Muskeln und Sehnenstr\u00e4nge. Dieser Mann ist Arbeit gewohnt, es l\u00e4sst sich nicht verbergen, dass eine solche Struktur nicht im Fitnessstudio zu erzielen ist. Das ist kein K\u00f6rper auf Pump und mit Hilfe von Anabolika. Das ist echt. Als die Temperatur zu niedrig wird, legt er das Metall in die Kohleglut zur\u00fcck. Drei andere Leute stehen dabei, offensichtlich in gute Plauderei verstrickt. Ein Mann und zwei Frauen. Die Frauen sind auffallend sch\u00f6n, das erwartet man nicht gerade in einer Werkstatt. Sie haben ein entspanntes L\u00e4cheln im Gesicht, rauchen beide ihre Zigarette, die eine selbst gedreht, die andere aus der Schachtel. Der Mann ist ein echter H\u00fcne, zumindest das, was man sich unter einem H\u00fcnen vorstellen w\u00fcrde. Nicht unbedingt besonders gro\u00df, aber so gut mit Muskulatur versehen, dass man keinen Streit mit ihm haben m\u00f6chte, es sei denn\u2026 Nein, dar\u00fcber will sich Herr Nipp erst gar keine Gedanken machen. Vor allem aber hat dieser wahrscheinlich oft als Schrank Bezeichnete einen Blick, der gleichzeitig eine innere Sanftheit und doch starke Pers\u00f6nlichkeit ausstrahlt. In sich ruhend, in jedem Moment zur Explosion f\u00e4hig, wenn es sein muss. (der Leser wundere sich bitte nicht, dass der Erz\u00e4hler sich solcher Gemeinpl\u00e4tze bedient, aber manchmal lassen sich die Tatsachen nicht anders vorstellen)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das zu erleben? Der Schmied in sich. Seine Blicke ruhen auf dem Stahl, er scheint nachzudenken. Dann legt er seinen Hammer beiseite, schaut ganz zufrieden, greift eine Flasche und prostet dem Glatzentr\u00e4ger zu. Ein L\u00e4cheln unter echten Freunden, das dieses seltsame Einverst\u00e4ndnis tr\u00e4gt. Sie haben offensichtlich genug gemeinsam erlebt, brauchen sich gegenseitig nichts zu beweisen. Abseits jeder Mackerall\u00fcren. Dieses L\u00e4cheln sieht man nur ganz selten. Blicke, die sich treffen. Offen und ehrlich.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Herr Nipp klopft ans Fenster, wird erst gar nicht bemerkt, dann aber doch herein gelassen. Hatte er zuerst bef\u00fcrchtet, zu st\u00f6ren, ist er doch sehr schnell ins Gespr\u00e4ch integriert. Die Begr\u00fc\u00dfung ist dazu quasi der Einstieg. Geschickt vernetzen die beiden Anderen, verstricken mit ihrem charmanten, dabei direktem Gespr\u00e4ch. Auf Floskeln wird verzichtet, klare Fragen und Antworten, teilweise auch fast schauspielerische Darbietungen des Schmiedes, wenn es um die Erinnerung an gemeinsame Erlebnisse geht. Um die Erinnerung an die letzte erfolgreiche Jagd. Dann immer wieder dieses herzhafte Lachen, ungek\u00fcnstelt. Herr Nipp muss von Widerwillen getragen an die vielen Bekannten von fr\u00fcher, von einst denken, denen alles Schauspiel war, denen alles um das \u00c4u\u00dferliche ging. Ganz nach dem Motto, seht her, ich stelle etwas dar, ich bin wer in der Gesellschaft.Das ist hier weder notwendig, noch w\u00fcrde es irgendeinen Sinn machen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der Stahl die richtige Temperatur erreicht hat, wird weiter geschmiedet. Fast hat Herr Nipp das Gef\u00fchl, als w\u00e4re jeder Schlag mit einer besonderen Bedeutung versehen. Hier hat alles seine Notwendigkeit. Der gro\u00dfe Hammer wird angeworfen, das Metall in gezielter Geschwindigkeit platt gehauen. Kaum vorzustellen, wenn irgendein K\u00f6rperteil auch nur einmal getroffen w\u00fcrde. Alles w\u00e4re zerquetscht, weder ein sch\u00f6ner Anblick, noch ein solches Gef\u00fchl. So wird nachgeschlagen, um die gew\u00fcnschte Genauigkeit zu erzielen. Das St\u00fcck muss gerade sein, darf keine Kr\u00fcmmung enthalten. Dann, nach wenigen Minuten schon, wird die entstandene Stange nach drau\u00dfen gestellt, zum Abk\u00fchlen, nicht abgeschreckt im Wasser, es soll weiter geschmiedet werden. Das Gespr\u00e4ch nimmt seinen Lauf, ganz gelassen zum Teil \u00fcber Kreuz. Gl\u00fccklicherweise hat das menschliche Geh\u00f6r die F\u00e4higkeit zur selektiven Wahrnehmung. Die Pl\u00e4tze m\u00fcssen nicht gewechselt werden. Teilweise wechseln die Partner dabei. Einige Zigaretten sp\u00e4ter wird das Werkst\u00fcck hereingeholt, gepr\u00fcft und als gut beurteilt. Gleiche Teile werden abgemessen und ges\u00e4gt, aufeinander geschwei\u00dft und wieder in die frisch angefeuerte Holzkohle gelegt. Zwischenzeitlich muss Borax beigebracht werden, damit das Ergebnis auch gelingt. Wie Herr Nipp inzwischen erfahren hat, soll ein guter Damaststahl entstehen, hundertsechsundrei\u00dfiglagig. Kein sehr guter, der h\u00e4tte einige hundert Lagen, aber f\u00fcr den Zweck reicht es. F\u00fcr ein Jagdmesser. Dankgeschenk. Wer einmal diese Muster gesehen hat, erliegt ihnen und m\u00f6chte selber ein solches Messer besitzen. Faszination pur. Herr Nipp hatte einmal von einem Mann geh\u00f6rt, der sich im Studium in ein solches Schneidwerkzeug verliebt hatte. Vom ersten Lohn hatte er sich dann eines gekauft, fast das ganze Geld ausgegeben. Noch heute soll man diesen Messerbesitzer ganz zufrieden bei der fast meditativen Betrachtung finden k\u00f6nnen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Rhythmus der Schl\u00e4ge, der Wechsel von Arbeit und Pause, die Farben von Feuer, das Leuchten in den Raum, die strahlende W\u00e4rme. All dies macht diesen Moment, diesen Ort zu einer Heimstatt. Der Oxidstaub \u00fcberall ist nicht wichtig.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwischendurch kommt der gewaltige Hund zum Schnuppern, vor allem aber, um sich streicheln zu lassen, am meisten mag er es wohl, wenn er massiert wird. Dann kann er einen mit treuen Augen anschauen, in seiner ganzen Dicksch\u00e4deligkeit.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als das St\u00fcck fertig ist und in die Gasglut kommt, zum Weichmachen, als Herr Nipp gerade schon wieder seiner einsamer Wege gehen will, wirft der Schmied noch ein paar W\u00fcrstchen auf ein Rost. Wildschweinwurst gegrillt. Lecker.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} -->\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich die\u00a0Totholzausgabe von Herrn Nipps <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> entwickelt.\u00a0Au\u00dferdem belegt sein Taschenbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a>, da\u00df man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=899\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> ein. Und au\u00dferdem pr\u00e4sentiert Haimo Hieronymus die bibliophile Kostbarkeit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41385\"><em>\u00dcber Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher<\/em><\/a> aus den Notizb\u00fcchern des Herrn Nipp. <span data-offset-key=\"bv319-0-0\">Begleitendes zur Ver\u00f6ffentlichung des Buches <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/04\/fatale-wirkungen\/\"><em>Fatale Wirkungen<\/em><\/a>, von Herrn Nipp (Mit Fotos von Stephanie Neuhaus). \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70620\">historische Aufgabe<\/a> von Herrn Nipp aus M\u00f6ppelheim.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese bibliophile Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; An manchen Tagen geht Herr Nipp noch mal sp\u00e4t abends seine kleinst\u00e4dtischen Wege. Er mag das entseelte Brennen der alten Stra\u00dfenlampen, jener, die noch Langfeldleuchten \u00fcber den gesamten B\u00fcrgersteig strecken. 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