{"id":41774,"date":"2006-05-21T00:01:33","date_gmt":"2006-05-20T22:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41774"},"modified":"2021-11-01T07:02:15","modified_gmt":"2021-11-01T06:02:15","slug":"unwetter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/05\/21\/unwetter\/","title":{"rendered":"Unwetter"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hatte eine Zeit lang auf einer ehemaligen Alm pausiert, die Augen geschlossen, wie er es eben gerne macht. Seine Gedanken waren in Tagtr\u00e4umereien \u00fcbergegangen. Worte und Ger\u00e4usche aus der Nachbarschaft gingen eine innig symbiotische Verbindung mit den eigenen Gedanken ein. Ohne Barrieren.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor Jahrzehnten hatte es mal ein sogenanntes \u201eLustiges Taschenbuch\u201c \u00fcber Donald Duck gegeben. Der hatte, wie man es von ihm kennt, faul auf dem Sofa gelegen oder im Sessel gesessen, so genau wusste Herr Nipp dies nun nicht mehr. Die Zeit l\u00e4sst die Erinnerungen verblassen oder verschiebt ihre Realit\u00e4t. Erinnerung ist ein aktiver Prozess, der die Vergangenheit immer wieder in neue Zusammenh\u00e4nge bringt und diese damit ver\u00e4ndert. Irgendwelche Wortfetzen aus der Nachbarschaft oder von seinen Neffen wurden im Halbschlaf immer wieder zur Grundlage wilder Traumgeschichten. Ausgangspunkte in solchen Situationen k\u00f6nnen sich von einzelnen T\u00f6nen herleiten, aber auch aus dem Zusammenhang gerissenen W\u00f6rtern oder Halbs\u00e4tzen. So auch hier, wenn auch Herr Nipp etwas st\u00e4rker in der Realit\u00e4t verankert war. Schlie\u00dflich konnte er mit Fug und Recht von sich behaupten, keine Comicfigur zu sein, sondern ein echter Mensch, mit Macken und Kanten. Ein Mann, der zwar nicht immer wusste, wo es lang geht, aber schlie\u00dflich den Weg doch irgendwie zum Ziel ging \u2013 und sei es auf Irrwegen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwann sp\u00fcrte er erste leichte Regentropfen auf der von der Anstrengung des Aufstiegs gl\u00e4nzenden Gesichtshaut. Er packte die wenigen Sachen in den Rucksack und schloss die Augen nur kurz abermals. Wartete etwas. Im Wissen, dass das Wetter in den Dolomiten sehr schnell umschlagen kann, vertraute er auf das Beste. Die anderen Wanderer verfielen, wie zu erwarten war, in Hektik. In panische Hektik. Sie packten ihre standesgem\u00e4\u00df roten und quietschig blauen Regen\u00fcberw\u00fcrfe aus den gro\u00dfdimensionierten R\u00fcckentaschen. Warfen sich in Schale. Dann st\u00fcrmten sie in fast panischer Manie talabw\u00e4rts. Die Bef\u00fcrchtung, es w\u00fcrde hierbei zu \u00fcblen Rempeleien kommen, best\u00e4tigte sich allerdings nicht. Trotz aller Eile gilt in den Bergen das Gesetz der R\u00fccksicht auf andere noch immer.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Wanderscharen, wetterumtoste V\u00f6lker, die sommers die Alpen \u00fcberfluten und mit ihren Blechlawinen in den T\u00e4lern zeitweilig alle Bewegung zum Ersticken bringen, sind doch umsichtiger als mancher Strandtourist, der, sich als \u00d6lsardine f\u00fchlend, schon mal die Kinder der Nachbarfamilie versehentlich beim Drehen von der R\u00fcckenlage auf den Bauch unter sich zerquetscht. Wenn er das Missgeschick bemerkt, wird er sich wahrscheinlich aufraffen, sich in die lauen, br\u00e4unlichen Fluten st\u00fcrzen und dort einige Minuten abk\u00fchlen. Wenn er dann wiederkommt, die inzwischen angesammelte Menschenmenge sieht, wird er ganz verwundert fragen, was denn passiert ist. Herr Nipp hatte einmal eine Statistik gelesen, in welcher zweifelsfrei nachgewiesen wurde, dass mehr Menschen beim Badeurlaub sterben (und hier wurden lediglich die Ertrunkenen, nicht aber die Zerquetschten aufgef\u00fchrt), als in den Bergen. Selbst die gef\u00e4hrlichste alpine Route ist in diesem Sinne gegen das Liegen am Strand der reinste Spaziergang. Nach wenigen Minuten hatte sich die Szenerie geleert, Herr Nipp war alleine auf der Ex-Alm zur\u00fcck geblieben. Er packte ganz ruhig ein Vinschgauer Br\u00f6tchen, eine Kaminwurz und die Flasche mit dem Quellwasser aus und begann sein einfaches, einfach leckeres Mittagsmahl. Eine halbe Stunde sp\u00e4ter nahm er den Rucksack auf und trottete gem\u00e4chlichen Schrittes bergab. Tats\u00e4chlich hatte das Wetter wieder auf Sonne gedreht, die Wolken sich innerhalb weniger Minuten verzogen. Die anderen Wanderer vergruben ihre Umh\u00e4nge versch\u00e4mt wieder in den Tiefen ihrer Hochgebirgsrucks\u00e4cke. In den Nachrichten w\u00fcrden sie erfahren, dass es dort oben \u00fcber 2600 Meter auch tats\u00e4chlich ernsthafte Gewitter gegeben habe, aber davon waren sie \u00fcber 600 H\u00f6henmeter entfernt. Sie w\u00fcrden in ein oder zwei Jahren noch von diesem ungeheuerlichen Unwetter berichten, dem sie so knapp entkommen waren.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich die\u00a0Totholzausgabe von Herrn Nipps <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> entwickelt.\u00a0Au\u00dferdem belegt sein Taschenbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a>, da\u00df man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=899\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> ein. Und au\u00dferdem pr\u00e4sentiert Haimo Hieronymus die bibliophile Kostbarkeit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41385\"><em>\u00dcber Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher<\/em><\/a> aus den Notizb\u00fcchern des Herrn Nipp. <span data-offset-key=\"bv319-0-0\">Begleitendes zur Ver\u00f6ffentlichung des Buches <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/04\/fatale-wirkungen\/\"><em>Fatale Wirkungen<\/em><\/a>, von Herrn Nipp (Mit Fotos von Stephanie Neuhaus). \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70620\">historische Aufgabe<\/a> von Herrn Nipp aus M\u00f6ppelheim.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese bibliophile Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Er hatte eine Zeit lang auf einer ehemaligen Alm pausiert, die Augen geschlossen, wie er es eben gerne macht. Seine Gedanken waren in Tagtr\u00e4umereien \u00fcbergegangen. Worte und Ger\u00e4usche aus der Nachbarschaft gingen eine innig symbiotische Verbindung mit den eigenen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/05\/21\/unwetter\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":161,"featured_media":71748,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1334],"class_list":["post-41774","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-herr-nipp"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41774","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/161"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=41774"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41774\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=41774"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=41774"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=41774"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}