{"id":41751,"date":"2005-07-24T00:01:44","date_gmt":"2005-07-23T22:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41751"},"modified":"2021-01-24T10:38:20","modified_gmt":"2021-01-24T09:38:20","slug":"studieren-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/07\/24\/studieren-2\/","title":{"rendered":"Studieren"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch will auf jeden Fall studieren!\u201c, hielt ihm das gerade einmal vielleicht fast sechszehnj\u00e4hrige M\u00e4dchen entgegen. Nein, ihre Aussage erschien ihm wie ein in der Luft h\u00e4ngender Vorwurf. Herr Nipp war darauf gar nicht vorbereitet gewesen, er hatte schon einige Stunden im Zugabteil verbracht, um vom Norden gen S\u00fcden zu rollen. Dort in Stuttgart wollte er sich eine derzeit stark frequentierte Ausstellung zeitgen\u00f6ssischer Kunst zu Gem\u00fcte f\u00fchren. In dieser landschaftlich wunderbar gelegenen kleinen Gro\u00dfstadt, die eigentlich nicht gerade bekannt f\u00fcr ihren kulturellen, sondern eher wirtschaftlichen Gehalt war. F\u00fcr sich so gesehen eine Provinz, war nicht Deutschland \u00fcberall auf seine ganz eigent\u00fcmliche Weise eine Provinz? So war er durch die sich langsam ver\u00e4ndernde Parklandschaft gefahren, hatte Flachland und Mittelgebirge hinter sich gelassen und langweilte sich f\u00fcrchterlich, denn das letzte Buch war ausgelesen. Die ordentlich aufgereihten Fichten und F\u00f6hren in den zu sehenden Wirtschaftsw\u00e4ldern, die von wenigen \u00dcberresten der Buchen- und Eichenhaine abgel\u00f6st wurden, konnten ihn auch nicht gerade aus seiner Lethargie rei\u00dfen. Was also machen, wenn man sich so langweilt? Irgendwann hatte er sein Gegen\u00fcber angesprochen, das hier zuf\u00e4llig eben ein M\u00e4dchen war. Schulm\u00e4dchen wohl. Aber am Wochenende konnte man die eine von der anderen Gruppe nur schwerlich unterscheiden. In einer Gesellschaft der oberfl\u00e4chlichen Gleichheit, kann man nur noch an den verwendeten Marken ausmachen, welcher Schicht jemand angeh\u00f6rt. Das Aussehen der Kleidung ist gleich, fast gleich zumindest, die Details machen den Unterschied, die Labels m\u00fcssen au\u00dfen sichtbar sein. Leider hatte Herr Nipp nur wenig Erfahrung damit, denn Hosen kauft er immer erst dann, wenn wieder eine seiner vier langsam aber sicher in Aufl\u00f6sung begriffen ist und sich darin gef\u00e4llt, dies darin zu \u00e4u\u00dfern, dass tats\u00e4chlich L\u00f6cher im Schrittbereich sichtbar werden. Dann suchte er den n\u00e4chst gelegenen Laden auf und besorgte Ersatz. Er zog die passende Gr\u00f6\u00dfe (32\/34) aus dem Stapel, probierte sie an und freute sich, dass sie passte. Ein leichtes Kneifen in der Pogegend musste da schon einmal hingenommen werden. Das weitet sich mit der Zeit. Immerhin hatte er in den letzten zwanzig Jahren die Gr\u00f6\u00dfe gehalten. Damals war es wohl modern gewesen, einen lockeren Bund zu tragen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Weiterhin konnte er wirklich nicht ahnen, dass die junge Dame auf Krawall geb\u00fcrstet war. In diesem Alter m\u00f6chte man sich nicht gerne in der \u00d6ffentlichkeit mit Greisen unterhalten, auch wenn die gerade mal so um die vierzig sind. Das ist verdammt peinlich. Und von so einem angesprochen zu werden, war ja fast schon eine Beleidigung, da wurde man doch schon fast zu einer Prostituierten abgestempelt. Das mag auch erkl\u00e4ren, warum einem klaren Aussagesatz diese aggressive Stimme unterlegt wurde. \u201eWo w\u00fcrden Sie denn gerne studieren?\u201c Ein leichtes L\u00e4cheln zeigte sich nun auf ihrem Gesicht, f\u00fchlte sich das junge Ding doch nun ernst genommen. \u201eIch werde an der Humboldtuniversit\u00e4t in Berlin studieren.\u201c Herr Nipp war verbl\u00fcfft, damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet, dass Menschen in diesem Alter bereits so konkrete Pl\u00e4ne haben und sich auch noch \u00fcber Institutionen informieren. Das lie\u00df sein Bild vom desinteressierten Jugendlichen, der er selber zu jener Zeit gewesen war, doch wanken. Sollte die heutige Jugend wirklich schon so weit verdorben sein, dass die Zukunft in der Pubert\u00e4t geplant wurde? \u201eDas ist ein total tolles Geb\u00e4ude, haben Sie das schon mal gesehen?\u201c \u201eNein, aber was m\u00f6chten sie eigentlich dort studieren?\u201c \u201eKeine Ahnung, was eben so angeboten wird.\u201c<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich die\u00a0Totholzausgabe von Herrn Nipps <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> entwickelt.\u00a0Au\u00dferdem belegt sein Taschenbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a>, da\u00df man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=899\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> ein. Und au\u00dferdem pr\u00e4sentiert Haimo Hieronymus die bibliophile Kostbarkeit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41385\"><em>\u00dcber Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher<\/em><\/a> aus den Notizb\u00fcchern des Herrn Nipp. <span data-offset-key=\"bv319-0-0\">Begleitendes zur Ver\u00f6ffentlichung des Buches <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/04\/fatale-wirkungen\/\"><em>Fatale Wirkungen<\/em><\/a>, von Herrn Nipp (Mit Fotos von Stephanie Neuhaus). \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70620\">historische Aufgabe<\/a> von Herrn Nipp aus M\u00f6ppelheim.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese bibliophile Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201eIch will auf jeden Fall studieren!\u201c, hielt ihm das gerade einmal vielleicht fast sechszehnj\u00e4hrige M\u00e4dchen entgegen. Nein, ihre Aussage erschien ihm wie ein in der Luft h\u00e4ngender Vorwurf. 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