{"id":41748,"date":"2006-07-24T00:01:11","date_gmt":"2006-07-23T22:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41748"},"modified":"2021-10-31T13:15:20","modified_gmt":"2021-10-31T12:15:20","slug":"mehr-zeit-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/07\/24\/mehr-zeit-2\/","title":{"rendered":"Mehr Zeit"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend die einen schon ihren Arbeitsauftrag beendet haben, sich zufrieden zur\u00fccklehnen und die H\u00e4nde in entspannter Gebetshaltung \u00fcber den B\u00e4uchen verknotet haben, kommen die Anderen nicht zum Schluss. Nein, sie haben noch nicht einmal richtig angefangen. Die suchen zun\u00e4chst nach einheitlichen Mechanismen. Konsensfindung auf Verfahrensebene. Hier wird heftig diskutiert, immer nah an der Sache. Es geht nicht um pers\u00f6nliche Befindlichkeiten und Schwierigkeiten, im Gegenteil, die meisten von ihnen m\u00f6gen sich gut leiden. Vielleicht auch gerade deswegen nehmen sie sich die Zeit. Ernsthafter Umgang von Menschen, die sich respektieren und vom Anderen Hingabe erwarten. Man bittet um Verlegung der Vorstellung um zwei Wochen, ben\u00f6tige mehr als die angezeigte Zeit. Man wei\u00df warum, gew\u00e4hrt. Jedes Ergebnis und sei es noch so offensichtlich richtig, wird angezweifelt, \u00fcberpr\u00fcft, ein zweites Mal verifiziert, verworfen und eingedampft. Manchmal auch als unwichtig zur\u00fcck gelegt. Dabei entsteht ein kurzer, knackiger Bericht des Zustands, der Aussicht auf die Zukunft, mit erreichbaren L\u00f6sungsvorschl\u00e4gen und Kontexterl\u00e4uterungen. Darstellung des Sachverhalts in h\u00f6chster sprachlicher Verknappung, stringente Argumentationslinie. Zwei Wochen sp\u00e4ter die Vorstellung der Ergebnisse, zwei Tage sind avisiert, ein Kongress f\u00fcr zwei Arbeitsgruppen, \u00fcber 500 Experten sind angereist, wollen h\u00f6ren, was sein wird. Es geht letztlich um die Zukunft einer ganzen Gesellschaft.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die erste Gruppe der Selbstzufriedenen beginnt mit gro\u00dfer Geste, langwierigen Erl\u00e4uterungen und enervierend langweiligen statistischen Erhebungen, von denen man nicht ansatzweise erkennen kann, warum diese hier so breit pr\u00e4sentiert werden. Irgendwann beginnen die ersten Zuh\u00f6rer nerv\u00f6s zu werden und hinter vorgehaltener Faust zu h\u00fcsteln. Murmeln wird laut. Sie merken sehr schnell, dass es hier in erster Linie um hei\u00dfe Luft geht, hier wird eine Schau der aufgeblasenen Luftschl\u00f6sser geboten. Jedem wird bewusst, dass es hier nicht um ausgefeilte Ergebnisse geht, sondern um plakative Selbstbeweihr\u00e4ucherung und -darstellung. Mittelpunkt einer peinlichen Show. Nach schon einer Stunde verlassen die ersten G\u00e4ste den Raum. Sie haben das Gef\u00fchl, hier werde ihnen die Zeit gestohlen. Sie haben begriffen, hier wurde schlecht gearbeitet, ohne Sinn und vor allem Verstand f\u00fcr die Materie. Nach drei Stunden schon die ersten Unmuts\u00e4u\u00dferungen. Man will diese Sache gern beendet sehen. Wie kann man so viele Stunden mit NICHTS f\u00fcllen, man wird ans Fernsehen erinnert, unwillk\u00fcrlich, Aneinanderreihungen vieler Bilder ohne Inhalt. Irgendwann sogar einige Pfiffe. Das hatten sie in ihrer Selbstgerechtigkeit nicht erwartet, beeilen sich nun und nach weiteren anderthalb Stunden ist der Spuk vorbei.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Am zweiten Tag stellt die Arbeitsgruppe der Langsamen vor. Nennen wir sie lieber die Bed\u00e4chtigen. Sie haben alles abgew\u00e4gt, sind zu einem Schluss gekommen, ganz ernsthaft und hinterfragt, \u00fcberlegt. Knapp, pr\u00e4zise, jegliches Geschwafel beiseitegelassen. Fakten, L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge, richtungsweisende Gedanken. Nach einer Stunde ist alles vorbei. Die Zuh\u00f6rerschaft hat rote K\u00f6pfe, das war unerwartet, anstrengend und vor allem gut. Die Selbstgerechten vom Vortag haben auch rote K\u00f6pfe, Scham. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass sich der Ausspruch eines gro\u00dfen Dichters bewahrheiten w\u00fcrde: \u201eH\u00e4tte ich mehr Zeit gehabt, w\u00e4re der Brief k\u00fcrzer geworden.\u201c<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich die\u00a0Totholzausgabe von Herrn Nipps <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> entwickelt.\u00a0Au\u00dferdem belegt sein Taschenbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a>, da\u00df man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=899\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> ein. Und au\u00dferdem pr\u00e4sentiert Haimo Hieronymus die bibliophile Kostbarkeit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41385\"><em>\u00dcber Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher<\/em><\/a> aus den Notizb\u00fcchern des Herrn Nipp. <span data-offset-key=\"bv319-0-0\">Begleitendes zur Ver\u00f6ffentlichung des Buches <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/04\/fatale-wirkungen\/\"><em>Fatale Wirkungen<\/em><\/a>, von Herrn Nipp (Mit Fotos von Stephanie Neuhaus). \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70620\">historische Aufgabe<\/a> von Herrn Nipp aus M\u00f6ppelheim.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese bibliophile Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; W\u00e4hrend die einen schon ihren Arbeitsauftrag beendet haben, sich zufrieden zur\u00fccklehnen und die H\u00e4nde in entspannter Gebetshaltung \u00fcber den B\u00e4uchen verknotet haben, kommen die Anderen nicht zum Schluss. Nein, sie haben noch nicht einmal richtig angefangen. 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