{"id":41744,"date":"2005-10-24T00:01:16","date_gmt":"2005-10-23T22:01:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41744"},"modified":"2021-01-24T10:11:08","modified_gmt":"2021-01-24T09:11:08","slug":"goldener-oktober","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/10\/24\/goldener-oktober\/","title":{"rendered":"Goldener Oktober"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz langer Feiernacht war er recht fr\u00fch aufgewacht. Gegen 8 Uhr, anderthalb Stunden sp\u00e4ter als sonst. Er hatte seine vier Stunden Schlaf bekommen, war hochgeschreckt, im Wissen um die Verpflichtungen schnell aufgestanden, hatte seine Arbeit am Schreibtisch erledigt. Bevor er den Pflichten nachzukommen hatte, musste er allerdings erst einmal das Auto abholen, war es doch am gestrigen Abend vor einer Werkstatt stehen geblieben. Man konnte schlie\u00dflich nicht vorsichtig genug sein, wenn man allerorten h\u00f6rte, wer da so den F\u00fchrerschein f\u00fcr gewisse Zeit entzogen bekam. Ob nun M\u00fcnchen oder Berlin, das Fahren mit einer gewissen Menge Alkohol im Blut mochte vielleicht selbst nicht so auffallen, dem Gesetzgeber allerdings war es ein Dorn im Auge. Als vern\u00fcnftiger B\u00fcrger, devot und untert\u00e4nig bis ins letzte Glied, hatte er also seinen Wagen stehen lassen, war zu der nachfolgenden Feier mit einem Freund zu Fu\u00df gegangen und hatte mit ihm dar\u00fcber nachgedacht, nein gesponnen, wie sch\u00f6n es doch w\u00e4re gemeinsam mit einem Schmied, einem Schlosser, einem Gie\u00dfer und einem Goldschmied einen eigenen F\u00fcllfederhalter zu konzipieren und auch zu realisieren. Nicht als Vermarktungsartikel, sondern einfach f\u00fcr einen selber. Man hatte den Entwurf fast schon vor Augen gehabt, hatte \u00fcberlegt, wer daran alles beteiligt sein k\u00f6nne und so war der Weg kurz geworden, angenehm. Jetzt ging er fast die gleiche Strecke, aber alleine. Ohne Begleitung hat man zwar nicht solch anregende Gespr\u00e4che, wird wahrscheinlich nicht derart herumflachsen und Spinnereien bauen, doch kann man viel genauer sehen. Die Ablenkung ist nicht so gro\u00df. Entweder f\u00fcllen die Gedanken die Zeit und die Wahrnehmung v\u00f6llig aus oder es geschieht ein intensives Einlassen auf die Umwelt. Die erste H\u00e4lfte des Weges hatte Herr Nipp gar nicht bewusst erlebt, \u00fcber den gestrigen Abend, die vielen mehr und minder guten Gespr\u00e4che reflektiert. Alte Bekannte hatte er getroffen und neue kennen gelernt. Nie aber konnte er sich daran erinnern, wie solche Gespr\u00e4che zustande kamen, wie er mit den Leuten in Kontakt gekommen war. Irgendwie hatte es sich immer ergeben. Letztlich sind die Inhalte auch wesentlich wichtiger. Dann bemerkte er endlich, dass schon seit einiger Zeit das Laub auf den B\u00fcrgersteigen konkrete Ausma\u00dfe angenommen hatte. Der Herbst war nicht mehr zu verleugnen, voll kindlicher Freude schlurfte er durch die Bl\u00e4tterberge und trat manchmal in die Anh\u00e4ufungen herein, die gelbbraunen Kastanienbl\u00e4tter bewegten sich dann flatternd in alle Himmelsrichtungen. Kindheitserinnerungen ausl\u00f6send. Gl\u00fcckzustand, Verstecken spielen in von den V\u00e4tern zusammengekehrten Laubhaufen und sich wundern, wenn manchmal seltsam herbe Ger\u00fcche aufstiegen. Der mit der Laubharke Bl\u00e4tter vom Baum sch\u00fcttelnde Nachbar, der die Feinheiten des Rasens im Liegen schnitt, ernsthaft mit einer K\u00fcchenschere. Jener Nachbar, der tats\u00e4chlich ein mathematisches System entwickelt hatte, wie man mit einem Elektrorasenm\u00e4her m\u00f6glichst so hantierte, dass niemals die Schnur nachzuziehen war. Und das in einem Garten mit damals \u00fcber zehn Obstb\u00e4umen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hatte seine wahre Freude, nur solange, wie nicht gefegt worden war. Welches Idyll, leider nur f\u00fcr wenige Tage, dann w\u00fcrde alles in nassbraunen Matsch zusammensinken. Die letzten zweihundert Meter waren v\u00f6llig baumfrei, die grob geteerte Stra\u00dfe ins Industriegebiet hustete trockenhellen Staub. Nur ein leises Kratzen lenkte Herrn Nipp von seiner Beobachtungslust ab. Merkw\u00fcrdiger Ton, schleifend, ein wenig quietschig und v\u00f6llig rhythmisch, nicht erkl\u00e4rbar. Er machte sich schon Sorgen, denn mit dem Geruch, der in der Luft lag, konnte man annehmen, dass es irgendwo in der N\u00e4he brennen w\u00fcrde. Die Schmiede etwa? Nein, nichts zu sehen. Als Herr Nipp in den Wagen stieg, bemerkte er, dass sich ein Stiel eines Kastanienblattes in das einzige Loch seines linken Schuhs gebohrt hatte und mit jedem Schritt \u00fcber die Stra\u00dfe geschleift worden war.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} -->\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich die\u00a0Totholzausgabe von Herrn Nipps <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> entwickelt.\u00a0Au\u00dferdem belegt sein Taschenbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a>, da\u00df man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=899\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> ein. Und au\u00dferdem pr\u00e4sentiert Haimo Hieronymus die bibliophile Kostbarkeit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41385\"><em>\u00dcber Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher<\/em><\/a> aus den Notizb\u00fcchern des Herrn Nipp. <span data-offset-key=\"bv319-0-0\">Begleitendes zur Ver\u00f6ffentlichung des Buches <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/04\/fatale-wirkungen\/\"><em>Fatale Wirkungen<\/em><\/a>, von Herrn Nipp (Mit Fotos von Stephanie Neuhaus). \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70620\">historische Aufgabe<\/a> von Herrn Nipp aus M\u00f6ppelheim.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese bibliophile Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Trotz langer Feiernacht war er recht fr\u00fch aufgewacht. Gegen 8 Uhr, anderthalb Stunden sp\u00e4ter als sonst. Er hatte seine vier Stunden Schlaf bekommen, war hochgeschreckt, im Wissen um die Verpflichtungen schnell aufgestanden, hatte seine Arbeit am Schreibtisch erledigt. Bevor&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/10\/24\/goldener-oktober\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":161,"featured_media":71748,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1334],"class_list":["post-41744","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-herr-nipp"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41744","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/161"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=41744"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41744\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=41744"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=41744"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=41744"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}