{"id":41704,"date":"2018-06-21T00:01:04","date_gmt":"2018-06-20T22:01:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41704"},"modified":"2018-07-12T10:43:01","modified_gmt":"2018-07-12T08:43:01","slug":"wehwehchen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/06\/21\/wehwehchen\/","title":{"rendered":"Wehwehchen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Als Herr Nipp morgens aufstand, machte ihm sein Hals zu schaffen. Nicht nur, dass er sich am ersten Tag einen fiesen Sonnenbrand eingefangen hatte, der t\u00e4glich trotz Lichtschutzfaktor 50+ neu gereizt wurde, sondern auch, dass eine noch viel gemeinere Stechm\u00fccke in der Abendd\u00e4mmerung unbemerkt ihr blutiges Handwerk, genauer gesagt Stechwerk getan hatte. Aller H\u00e4me, lieber Leser, beim Lesen zum Trotz, aller Schadenfreude derjenigen, die schon \u00e4hnliches erlebt haben, die allerdings gerade in diesem Moment hiervon verschont sind. All jenen zum Trotz, die nach dem Motto in den Tag leben, dass man am besten \u00fcber die Missgeschicke laut lacht, damit eben jene nicht sehen, wie es im eigenen Inneren steht oder liegt oder gefallen ist. All jenen zum Trotz, die immer noch \u00fcber die schwarzwei\u00dfen, inzwischen leider meist nachtr\u00e4glich eingef\u00e4rbten Filme aus der Klamottenkiste lachen k\u00f6nnen, \u00fcber jene Streifen aus der Fr\u00fchzeit des Films mit Laurel und Hardy, Pat und Patachon und wie sie alle hei\u00dfen. All jenen zum Trotz, die mit ihren wehleidigen Blicken alles nur noch schlimmer machen, weil in manchen Situation geteiltes Leid eben kein halbes ist, sondern ein Bewusstsein schafft, welches man nur zu gern abgelenkt haben m\u00f6chte. Da ist geteiltes Leid potenziertes. Vor allem aber jenen Mitreisenden zum Trotz, die ihn schon in den ersten Minuten der Sonneneinstrahlung dringlich gewarnt hatten. Die sich jetzt ganz offen derbe Scherze auf seine Kosten machten. Wer nicht h\u00f6ren will\u2026Mit b\u00f6sen Spr\u00fcchen feixten. Herr Nipp sa\u00df nach wirklichem moralischen Tiefpunkt, einer Fahrt in den Mariannengraben der Gef\u00fchle wieder auf seinem Campingstuhl, hatte beschlossen, selbstbewusst die Sache mit sich und den gespielt und \u00fcbertrieben mitleidigen Blicken auszufechten und zu \u00fcberstehen. Irgendwann w\u00fcrde sich die Schwellung wieder zur\u00fcckziehen, das Halskratzen sich von allein erledigen und die Haut w\u00fcrde sich in wei\u00dfen Fetzen l\u00f6sen. Wie eine Schlange w\u00fcrde er sich von der Vergangenheit l\u00f6sen. Er genoss die fr\u00fche Ruhe, die lediglich vom unmotivierten Greinen eines gerade erwachten und nach Milch bettelnden Kleinstkindes gest\u00f6rt, nein, nicht einmal das, vielleicht eher anger\u00fchrt wurde. Dieses Kind hatte sein wahres Mitgef\u00fchl, wollte es doch nur Zuwendung und die Brust der Mutter, um dann wieder friedlich einzuschlafen. Genau dann, wenn seine Mama selig l\u00e4chelnd den Erdbeergeruch im Nacken des Kindes wahrnimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch langsam kam Bewegung auf. Die Mitbewohnergemeinschaft auf Zeit erledigte erste gr\u00f6\u00dfere und kleinere Gesch\u00e4fte. Mit hektisch verhaltenen Schritten schlichen oder liefen erste Wanderer zum behaglichen Toilettentrakt, es sollte eine schier endlose Karawane werden. Wasser wurde geholt, um einen fr\u00fchen Kaffee oder Tee zu kochen, von einer Ecke kam ihm sogar die Ahnung einer H\u00fchnerbouillon in die Nase. Das Gefr\u00fchst\u00fccke ging los, vor jedem Zelt irgendwann, mal ganz ruhig und gelassen, mal ganz hektisch, weil Vorhaben vor der Nase standen. Wanderungen oder Pass\u00fcberquerungen auf dem Rad. Sogar das P\u00e4rchen aus San Marino, das am vorigen Tag sehr sp\u00e4t eingetroffen war, regte sich fast bedenklich. Bald w\u00fcrde die Sonne aufgehen und auf den Platz brennen, was am fr\u00fchen Tonschlag, dem Gezwitscher der Vogelwelt zu sp\u00fcren war. Ein Konzert, um den Menschen aufzuwecken: \u201eHey, steht auf, genie\u00dft den Tag, ihr Faulpelze!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herr Nipp aber hatte sein Tagebuch vor sich liegen, eine graue Klemmkladde, Ablenkungstaktik gegen die real erlebten Leiden, er notierte, was ihm in den letzten Tagen widerfahren wart. Aus jedem Wort sprach, fast schon v\u00f6llig ungew\u00f6hnlich f\u00fcr ihn, eine fast monstr\u00f6se Zufriedenheit. So seltsam es klingt, der Anblick und die Anwesenheit der Berge hatten eine beruhigende, fast therapeutische Wirkung auf ihn, wie das R\u00fcckkehren in eine seltsam romantische Sehnsuchtsheimat. Da mussten sich auch die \u00e4u\u00dferlichen Wehwehchen heilen lassen. Die Unnahbarkeit der Felsen, auch wenn man mitten in einer Wand klebt und den Stein in der Hand hat, hatte ihn seit seiner fr\u00fchesten Kindheit tief bewegt. Das war es vielleicht, was bei den Menschen jenes stehende Wort, eine wahre Wendung erzeugt hatte: Der Berg ruft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann konnte er auch Sonnenbrand und M\u00fcckenstich vergessen, Halsschmerzen, alles wirkte ihm so unwesentlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich die\u00a0Totholzausgabe von Herrn Nipps <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> entwickelt. Zudem belegt sein Taschenbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a>, da\u00df man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=899\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> ein. Haimo Hieronymus\u00a0pr\u00e4sentiert zudem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41385\"><em>\u00dcber Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher<\/em><\/a> aus den Notizb\u00fcchern des Herrn Nipp.<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=41697&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Zyklop-e1518878819380.jpg\" alt=\"\" width=\"177\" height=\"266\" \/><\/a>In 2018 kommt etwas Gewichtiges auf Sie zu. <i>Zyklop I<\/i> ist mit einer partikularen Sichtweise eine ebenso wunderbare, wie irritierende Erfahrung. Das eine ist nicht vom anderen zu trennen, denn Haimo Hieronymus will unbestreitbar Sch\u00f6nheit schaffen und er will hier nicht weniger als von allem erz\u00e4hlen: Vom Gro\u00dfen, Ganzen, vom Kosmos, von der Sch\u00f6pfung. Gar vom Leben selbst, indem er in die Vollen greift, ohne Angst, etwas falsch zu machen. Kunst erkennt man daran, da\u00df sie das Ewige sichtbar macht, Bilder werden zu einem idealen Erkenntnismedium. <i>Zyklop I<\/i> ist ein sakrales Kunstprojekt ohne religi\u00f6se Dogmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur <i>Subscription<\/i> freigegeben: <b>Zyklop I,<\/b> Katalog von Haimo Hieronymus, Edition Das Labor. Erscheint im September 2018 in einer limitierten Auflage von 100 Exemplaren. Freunde und F\u00f6rderer werden im Katalog mit einer W\u00fcrdigung dokumentiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anfragen zu <i>Zyklop I<\/i> und den bibliophilen Kostbarkeiten \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Herr Nipp morgens aufstand, machte ihm sein Hals zu schaffen. 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