{"id":41591,"date":"2022-07-03T00:01:00","date_gmt":"2022-07-02T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41591"},"modified":"2022-02-24T13:45:37","modified_gmt":"2022-02-24T12:45:37","slug":"beschreibung-eines-kampfes","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/07\/03\/beschreibung-eines-kampfes\/","title":{"rendered":"Der Heizer"},"content":{"rendered":"<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Als der sechzehnj\u00e4hrige Karl Ro\u00dfmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstm\u00e4dchen verf\u00fchrt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York einfuhr, erblickte er die schon l\u00e4ngst beobachtete Statue der Freiheitsg\u00f6ttin wie in einem pl\u00f6tzlich st\u00e4rker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien L\u00fcfte.<\/p>\n<p>\u00bbSo hoch!\u00ab\u00a0sagte er sich und wurde, wie er so gar nicht an das Weggehen dachte, von der immer mehr anschwellenden Menge der Gep\u00e4cktr\u00e4ger, die an ihm vor\u00fcberzogen, allm\u00e4hlich bis an das Bordgel\u00e4nder geschoben.<\/p>\n<p>Ein junger Mann, mit dem er w\u00e4hrend der Fahrt fl\u00fcchtig bekannt geworden war, sagte im Vor\u00fcbergehen: \u00bbJa, haben Sie denn noch keine Lust, auszusteigen?\u00ab\u00a0\u00bbIch bin doch fertig,\u00ab\u00a0sagte Karl, ihn anlachend, und hob aus \u00dcbermut, und weil er ein starker Junge war, seinen Koffer auf die Achsel. Aber wie er \u00fcber seinen Bekannten hinsah, der ein wenig seinen Stock schwenkend sich schon mit den andern entfernte, merkte er best\u00fcrzt, da\u00df er seinen eigenen Regenschirm unten im Schiff vergessen hatte. Er bat schnell den Bekannten, der nicht sehr begl\u00fcckt schien, um die Freundlichkeit, bei seinem Koffer\u00a0einen Augenblick zu warten, \u00fcberblickte noch die Situation, um sich bei der R\u00fcckkehr zurechtzufinden und eilte davon. Unten fand er zu seinem Bedauern einen Gang, der seinen Weg sehr verk\u00fcrzt h\u00e4tte, zum erstenmal versperrt, was wahrscheinlich mit der Ausschiffung s\u00e4mtlicher Passagiere zusammenhing, und mu\u00dfte sich seinen Weg durch eine Unzahl kleiner R\u00e4ume, \u00fcber kurze Treppen, die einander immer wieder folgten, durch fortw\u00e4hrend abbiegende Korridore, durch ein leeres Zimmer mit einem verlassenen Schreibtisch m\u00fchselig suchen, bis er sich tats\u00e4chlich, da er diesen Weg nur ein- oder zweimal und immer in gr\u00f6\u00dferer Gesellschaft gegangen war, ganz und gar verirrt hatte. In seiner Ratlosigkeit und da er keinen Menschen traf und nur immerfort \u00fcber sich das Scharren der tausend Menschenf\u00fc\u00dfe h\u00f6rte und von der Ferne, wie einen Hauch, das letzte Arbeiten der schon eingestellten Maschinen merkte, fing er, ohne zu \u00fcberlegen, an eine beliebige kleine T\u00fcr zu schlagen an, bei der er in seinem Herumirren stockte.<\/p>\n<p>\u00bbEs ist ja offen,\u00ab\u00a0rief es von innen, und Karl \u00f6ffnete mit ehrlichem Aufatmen die T\u00fcr. \u00bbWarum schlagen Sie so verr\u00fcckt auf die T\u00fcr?\u00ab\u00a0fragte ein riesiger Mann, kaum da\u00df er nach Karl hinsah. Durch irgendeine Oberlichtluke fiel ein tr\u00fcbes, oben im Schiff l\u00e4ngst abgebrauchtes Licht in die kl\u00e4gliche Kabine, in welcher ein Bett, ein Schrank, ein Sessel und der Mann knapp nebeneinander, wie eingelagert, standen. \u00bbIch habe mich verirrt,\u00ab\u00a0sagte Karl, \u00bbich habe es w\u00e4hrend der Fahrt gar nicht so bemerkt, aber es ist ein schrecklich gro\u00dfes Schiff.\u00ab\u00a0\u00bbJa,\u00a0da haben Sie recht,\u00ab\u00a0sagte der Mann mit einigem Stolz und h\u00f6rte nicht auf, an dem Schlo\u00df eines kleinen Koffers zu hantieren, den er mit beiden H\u00e4nden immer wieder zudr\u00fcckte, um das Einschnappen des Riegels zu behorchen. \u00bbAber kommen Sie doch herein!\u00ab\u00a0sagte der Mann weiter, \u00bbSie werden doch nicht drau\u00dfen stehn!\u00ab\u00a0\u00bbSt\u00f6re ich nicht?\u00ab\u00a0fragte Karl. \u00bbAch, wie werden Sie denn st\u00f6ren!\u00ab\u00a0\u00bbSind Sie ein Deutscher?\u00ab\u00a0suchte sich Karl noch zu versichern, da er viel von den Gefahren geh\u00f6rt hatte, welche besonders von Irl\u00e4ndern den Neuank\u00f6mmlingen in Amerika drohen. \u00bbBin ich, bin ich,\u00ab\u00a0sagte der Mann. Karl z\u00f6gerte noch. Da fa\u00dfte unversehens der Mann die T\u00fcrklinke und schob mit der T\u00fcre, die er rasch schlo\u00df, Karl zu sich herein. \u00bbIch kann es nicht leiden, wenn man mir vom Gang hereinschaut,\u00ab\u00a0sagte der Mann, der wieder an seinem Koffer arbeitete, \u00bbda l\u00e4uft jeder vorbei und schaut herein, das soll der Zehnte aushalten!\u00ab\u00a0\u00bbAber der Gang ist doch ganz leer,\u00ab\u00a0sagte Karl, der unbehaglich an den Bettpfosten gequetscht dastand. \u00bbJa jetzt,\u00ab\u00a0sagte der Mann. \u00bbEs handelt sich doch um jetzt,\u00ab\u00a0dachte Karl, \u00bbmit dem Mann ist schwer zu reden.\u00ab\u00a0\u00bbLegen Sie sich doch aufs Bett, da haben Sie mehr Platz,\u00ab\u00a0sagte der Mann. Karl kroch, so gut es ging, hinein und lachte dabei laut \u00fcber den ersten vergeblichen Versuch, sich hin\u00fcberzuschwingen. Kaum war er aber im Bett, rief er: \u00bbGotteswillen, ich habe ja ganz meinen Koffer vergessen!\u00ab\u00a0\u00bbWo ist er denn?\u00ab\u00a0\u00bbOben auf dem Deck, ein Bekannter gibt acht auf ihn. Wie hei\u00dft er nur?\u00ab\u00a0Und er zog aus einer Geheimtasche, die ihm seine Mutter f\u00fcr\u00a0die Reise im Rockfutter angelegt hatte, eine Visitkarte. \u00bbButterbaum, Franz Butterbaum.\u00ab\u00a0\u00bbHaben Sie den Koffer sehr n\u00f6tig?\u00ab\u00a0\u00bbNat\u00fcrlich.\u00ab\u00a0\u00bbJa, warum haben Sie ihn dann einem fremden Menschen gegeben?\u00ab\u00a0\u00bbIch hatte meinen Regenschirm unten vergessen und bin gelaufen, ihn zu holen, wollte aber den Koffer nicht mitschleppen. Dann habe ich mich auch noch verirrt.\u00ab\u00a0\u00bbSie sind allein? Ohne Begleitung?\u00ab\u00a0\u00bbJa, allein.\u00ab\u00a0\u00bbIch sollte mich vielleicht an diesen Mann halten,\u00ab\u00a0ging es Karl durch den Kopf, \u00bbwo finde ich gleich einen besseren Freund.\u00ab\u00a0\u00bbUnd jetzt haben Sie auch noch den Koffer verloren. Vom Regenschirm rede ich gar nicht.\u00ab\u00a0Und der Mann setzte sich auf den Sessel, als habe Karls Sache jetzt einiges Interesse f\u00fcr ihn gewonnen. \u00bbIch glaube aber, der Koffer ist noch nicht verloren.\u00ab\u00a0\u00bbGlauben macht selig,\u00ab\u00a0sagte der Mann und kratzte sich kr\u00e4ftig in seinem dunklen, kurzen, dichten Haar, \u00bbauf dem Schiff wechseln mit den Hafenpl\u00e4tzen auch die Sitten. In Hamburg h\u00e4tte Ihr Butterbaum den Koffer vielleicht bewacht, hier ist h\u00f6chstwahrscheinlich von beiden keine Spur mehr.\u00ab\u00a0\u00bbDa mu\u00df ich aber doch gleich hinaufschaun,\u00ab\u00a0sagte Karl und sah sich um, wie er hinauskommen k\u00f6nnte. \u00bbBleiben Sie nur,\u00ab\u00a0sagte der Mann und stie\u00df ihn mit einer Hand gegen die Brust, geradezu rauh, ins Bett zur\u00fcck. \u00bbWarum denn?\u00ab\u00a0fragte Karl \u00e4rgerlich. \u00bbWeil es keinen Sinn hat,\u00ab\u00a0sagte der Mann, \u00bbin einem kleinen Weilchen gehe ich auch, dann gehen wir zusammen. Entweder ist der Koffer gestohlen, dann ist keine Hilfe, oder der Mann\u00a0hat ihn stehen gelassen, dann werden wir ihn, bis das Schiff ganz entleert ist, desto besser finden. Ebenso auch Ihren Regenschirm.\u00ab\u00a0\u00bbKennen Sie sich auf dem Schiff aus?\u00ab\u00a0fragte Karl mi\u00dftrauisch und es schien ihm, als h\u00e4tte der sonst \u00fcberzeugende Gedanke, da\u00df auf dem leeren Schiff seine Sachen am besten zu finden sein w\u00fcrden, einen verborgenen Haken. \u00bbIch bin doch Schiffsheizer,\u00ab\u00a0sagte der Mann. \u00bbSie sind Schiffsheizer!\u00ab\u00a0rief Karl freudig, als \u00fcberstiege das alle Erwartungen, und sah, den Ellbogen aufgest\u00fctzt, den Mann n\u00e4her an. \u00bbGerade vor der Kammer, wo ich mit dem Slowaken geschlafen habe, war eine Luke angebracht, durch die man in den Maschinenraum sehen konnte.\u00ab\u00a0\u00bbJa, dort habe ich gearbeitet,\u00ab\u00a0sagte der Heizer. \u00bbIch habe mich immer so f\u00fcr Technik interessiert,\u00ab\u00a0sagte Karl, der in einem bestimmten Gedankengang blieb, \u00bbund ich w\u00e4re sicher sp\u00e4ter Ingenieur geworden, wenn ich nicht nach Amerika h\u00e4tte fahren m\u00fcssen.\u00ab\u00a0\u00bbWarum haben Sie denn fahren m\u00fcssen?\u00ab\u00a0\u00bbAch was!\u00ab\u00a0sagte Karl, und warf die ganze Geschichte mit der Hand weg. Dabei sah er l\u00e4chelnd den Heizer an, als bitte er ihn selbst f\u00fcr das Nichteingestandene um seine Nachsicht. \u00bbEs wird schon einen Grund gehabt haben,\u00ab\u00a0sagte der Heizer, und man wu\u00dfte nicht recht, ob er damit die Erz\u00e4hlung dieses Grundes fordern oder abwehren wollte. \u00bbJetzt k\u00f6nnte ich auch Heizer werden,\u00ab\u00a0sagte Karl, \u00bbmeinen Eltern ist es jetzt ganz gleichg\u00fcltig, was ich werde.\u00ab\u00a0\u00bbMeine Stelle wird frei,\u00ab\u00a0sagte der Heizer, gab im Vollbewu\u00dftsein dessen die H\u00e4nde in die Hosentaschen und warf die Beine, die\u00a0in faltigen, lederartigen, eisengrauen Hosen staken, aufs Bett hin, um sie zu strecken. Karl mu\u00dfte mehr an die Wand r\u00fccken. \u00bbSie verlassen das Schiff?\u00ab\u00a0\u00bbJawohl, wir marschieren heute ab.\u00ab\u00a0\u00bbWarum denn? Gef\u00e4llt es Ihnen nicht?\u00ab\u00a0\u00bbJa, das sind die Verh\u00e4ltnisse, es entscheidet nicht immer, ob es einem gef\u00e4llt oder nicht. \u00dcbrigens haben Sie recht, es gef\u00e4llt mir auch nicht. Sie denken wahrscheinlich nicht ernstlich daran, Heizer zu werden, aber gerade dann kann man es am leichtesten werden. Ich also rate Ihnen entschieden ab. Wenn Sie in Europa studieren wollten, warum wollen Sie es denn hier nicht? Die amerikanischen Universit\u00e4ten sind ja unvergleichlich besser als die europ\u00e4ischen.\u00ab\u00a0\u00bbEs ist ja m\u00f6glich,\u00ab\u00a0sagte Karl, \u00bbaber ich habe ja fast kein Geld zum Studieren. Ich habe zwar von irgend jemandem gelesen, der bei Tag in einem Gesch\u00e4ft gearbeitet und in der Nacht studiert hat, bis er Doktor und ich glaube B\u00fcrgermeister wurde, aber dazu geh\u00f6rt doch eine gro\u00dfe Ausdauer, nicht? Ich f\u00fcrchte, die fehlt mir. Au\u00dferdem war ich gar kein besonders guter Sch\u00fcler, der Abschied von der Schule ist mir wirklich nicht schwer geworden. Und die Schulen hier sind vielleicht noch strenger. Englisch kann ich fast gar nicht. \u00dcberhaupt ist man hier gegen Fremde so eingenommen, glaube ich.\u00ab\u00a0\u00bbHaben Sie das auch schon erfahren? Na, dann ist\u2019s gut. Dann sind Sie mein Mann. Sehen Sie, wir sind doch auf einem deutschen Schiff, es geh\u00f6rt der Hamburg-Amerika-Linie, warum sind wir nicht lauter Deutsche hier? Warum ist der Obermaschinist ein Rum\u00e4ne? Er hei\u00dft Schubal. Das ist\u00a0doch nicht zu glauben. Und dieser Lumpenhund schindet uns Deutsche auf einem deutschen Schiff! Glauben Sie nicht,\u00ab\u00a0\u2014 ihm ging die Luft aus, er fackelte mit der Hand \u2014 \u00bbda\u00df ich klage, um zu klagen. Ich wei\u00df, da\u00df Sie keinen Einflu\u00df haben und selbst ein armes B\u00fcrschchen sind. Aber es ist zu arg!\u00ab\u00a0Und er schlug auf den Tisch mehrmals mit der Faust und lie\u00df kein Auge von ihr, w\u00e4hrend er schlug. \u00bbIch habe doch schon auf so vielen Schiffen gedient\u00ab\u00a0\u2014 und er nannte zwanzig Namen hintereinander als sei es ein Wort, Karl wurde ganz wirr \u2014 \u00bbund habe mich ausgezeichnet, bin belobt worden, war ein Arbeiter nach dem Geschmack meiner Kapit\u00e4ne, sogar auf dem gleichen Handelssegler war ich einige Jahre\u00ab\u00a0\u2014 er erhob sich, als sei das der H\u00f6hepunkt seines Lebens \u2014 \u00bbund hier auf diesem Kasten, wo alles nach der Schnur eingerichtet ist, wo kein Witz gefordert wird, hier taug\u2019 ich nichts, hier stehe ich dem Schubal immer im Wege, bin ein Faulpelz, verdiene hinausgeworfen zu werden und bekomme meinen Lohn aus Gnade. Verstehen Sie das? Ich nicht.\u00ab\u00a0\u00bbDas d\u00fcrfen Sie sich nicht gefallen lassen,\u00ab\u00a0sagte Karl aufgeregt. Er hatte fast das Gef\u00fchl davon verloren, da\u00df er auf dem unsicheren Boden eines Schiffes, an der K\u00fcste eines unbekannten Erdteils war, so heimisch war ihm hier auf dem Bett des Heizers zumute. \u00bbWaren Sie schon beim Kapit\u00e4n? Haben Sie schon bei ihm Ihr Recht gesucht?\u00ab\u00a0\u00bbAch gehen Sie, gehen Sie lieber weg. Ich will Sie nicht hier haben. Sie h\u00f6ren nicht zu was ich sage und geben mir Ratschl\u00e4ge. Wie soll ich denn zum Kapit\u00e4n\u00a0gehen!\u00ab\u00a0Und m\u00fcde setzte sich der Heizer wieder und legte das Gesicht in beide H\u00e4nde.<\/p>\n<p>\u00bbEinen besseren Rat kann ich ihm nicht geben,\u00ab\u00a0sagte sich Karl. Und er fand \u00fcberhaupt, da\u00df er lieber seinen Koffer h\u00e4tte holen sollen, statt hier Ratschl\u00e4ge zu geben, die doch nur f\u00fcr dumm gehalten wurden. Als ihm der Vater den Koffer f\u00fcr immer \u00fcbergeben hatte, hatte er im Scherz gefragt: \u00bbWie lange wirst Du ihn haben?\u00ab, und jetzt war dieser teure Koffer vielleicht schon im Ernst verloren. Der einzige Trost war noch, da\u00df der Vater von seiner jetzigen Lage kaum erfahren konnte, selbst wenn er nachforschen sollte. Nur da\u00df er bis New York mitgekommen war, konnte die Schiffsgesellschaft gerade noch sagen. Leid tat es aber Karl, da\u00df er die Sachen im Koffer noch kaum verwendet hatte, trotzdem er es beispielsweise l\u00e4ngst n\u00f6tig gehabt h\u00e4tte, das Hemd zu wechseln. Da hatte er also am unrichtigen Ort gespart, jetzt wo er es gerade am Beginn seiner Laufbahn n\u00f6tig haben w\u00fcrde, rein gekleidet aufzutreten, w\u00fcrde er im schmutzigen Hemd erscheinen m\u00fcssen. Sonst w\u00e4re der Verlust des Koffers nicht gar so arg gewesen, denn der Anzug, den er anhatte, war sogar besser, als jener im Koffer, der eigentlich nur ein Notanzug war, den die Mutter noch knapp vor der Abreise hatte flicken m\u00fcssen. Jetzt erinnerte er sich auch, da\u00df im Koffer noch ein St\u00fcck Veroneser Salami war, die ihm die Mutter als Extragabe eingepackt hatte, von der er jedoch nur den kleinsten Teil hatte aufessen k\u00f6nnen, da er w\u00e4hrend der Fahrt ganz ohne Appetit gewesen war und die Suppe\u00a0die im Zwischendeck zur Verteilung kam, ihm reichlich gen\u00fcgt hatte. Jetzt h\u00e4tte er aber die Wurst gern bei der Hand gehabt, um sie dem Heizer zu verehren. Denn solche Leute sind leicht gewonnen, wenn man ihnen irgendeine Kleinigkeit zusteckt, das wu\u00dfte Karl noch von seinem Vater her, welcher durch Zigarrenverteilung alle die niedrigeren Angestellten gewann, mit denen er gesch\u00e4ftlich zu tun hatte. Jetzt besa\u00df Karl an Verschenkbarem nur noch sein Geld, und das wollte er, wenn er schon vielleicht den Koffer verloren haben sollte, vorl\u00e4ufig nicht anr\u00fchren. Wieder kehrten seine Gedanken zum Koffer zur\u00fcck, und er konnte jetzt wirklich nicht einsehen, warum er den Koffer w\u00e4hrend der Fahrt so aufmerksam bewacht hatte, da\u00df ihm die Wache fast den Schlaf gekostet hatte, wenn er jetzt diesen gleichen Koffer so leicht sich hatte wegnehmen lassen. Er erinnerte sich an die f\u00fcnf N\u00e4chte, w\u00e4hrend derer er einen kleinen Slowaken, der zwei Schlafstellen links von ihm gelegen war, unausgesetzt im Verdacht gehabt hatte, da\u00df er es auf seinen Koffer abgesehen habe. Dieser Slowake hatte nur darauf gelauert, da\u00df Karl endlich, von Schw\u00e4che befallen, f\u00fcr einen Augenblick einnicke, damit er den Koffer mit einer langen Stange, mit der er immer w\u00e4hrend des Tages spielte oder \u00fcbte, zu sich hin\u00fcberziehen k\u00f6nne. Bei Tage sah dieser Slowake genug unschuldig aus, aber kaum war die Nacht gekommen, erhob er sich von Zeit zu Zeit von seinem Lager und sah traurig zu Karls Koffer hin\u00fcber. Karl konnte dies ganz deutlich erkennen, denn immer hatte hie und da jemand\u00a0mit der Unruhe des Auswanderers ein Lichtchen angez\u00fcndet, trotzdem dies nach der Schiffsordnung verboten war, und versuchte, unverst\u00e4ndliche Prospekte der Auswanderungsagenturen zu entziffern. War ein solches Licht in der N\u00e4he, dann konnte Karl ein wenig eind\u00e4mmern, war es aber in der Ferne oder war dunkel, dann mu\u00dfte er die Augen offenhalten. Diese Anstrengung hatte ihn recht ersch\u00f6pft, und nun war sie vielleicht ganz nutzlos gewesen. Dieser Butterbaum, wenn er ihn einmal irgendwo treffen sollte!<\/p>\n<p>In diesem Augenblick ert\u00f6nten drau\u00dfen in weiter Ferne in die bisherige vollkommene Ruhe hinein kleine kurze Schl\u00e4ge, wie von Kinderf\u00fc\u00dfen, sie kamen n\u00e4her mit verst\u00e4rktem Klang und nun war es ein ruhiger Marsch von M\u00e4nnern. Sie gingen offenbar, wie es in dem schmalen Gang nat\u00fcrlich war, in einer Reihe, man h\u00f6rte Klirren wie von Waffen. Karl, der schon nahe daran gewesen war, sich im Bett zu einem von allen Sorgen um Koffer und Slowaken befreiten Schlafe auszustrecken, schreckte auf und stie\u00df den Heizer an, um ihn endlich aufmerksam zu machen, denn der Zug schien mit seiner Spitze die T\u00fcr gerade erreicht zu haben. \u00bbDas ist die Schiffskapelle,\u00ab\u00a0sagte der Heizer, \u00bbdie haben oben gespielt und gehen jetzt einpacken. Jetzt ist alles fertig und wir k\u00f6nnen gehen. Kommen Sie!\u00ab\u00a0Er fa\u00dfte Karl bei der Hand, nahm noch im letzten Augenblick ein eingerahmtes Muttergottesbild von der Wand \u00fcber dem Bett, stopfte es in seine Brusttasche, ergriff seinen Koffer und verlie\u00df mit Karl eilig die Kabine.<\/p>\n<p>\u00bbJetzt gehe ich ins Bureau und werde den Herren meine Meinung sagen. Es ist kein Passagier mehr da, man mu\u00df keine R\u00fccksicht nehmen.\u00ab\u00a0Dieses wiederholte der Heizer verschiedenartig und wollte im Gehen mit Seitw\u00e4rtssto\u00dfen des Fu\u00dfes eine den Weg kreuzende Ratte niedertreten, stie\u00df sie aber blo\u00df schneller in das Loch hinein, das sie noch rechtzeitig erreicht hatte. Er war \u00fcberhaupt langsam in seinen Bewegungen, denn wenn er auch lange Beine hatte, so waren sie doch zu schwer.<\/p>\n<p>Sie kamen durch eine Abteilung der K\u00fcche, wo einige M\u00e4dchen in schmutzigen Sch\u00fcrzen \u2014 sie begossen sie absichtlich \u2014 Geschirr in gro\u00dfen Bottichen reinigten. Der Heizer rief eine gewisse Line zu sich, legte den Arm um ihre H\u00fcfte und f\u00fchrte sie, die sich immerzu kokett gegen seinen Arm dr\u00fcckte, ein St\u00fcckchen mit. \u00bbEs gibt jetzt Auszahlung, willst du mitkommen?\u00ab\u00a0fragte er. \u00bbWarum soll ich mich bem\u00fchn, bring mir das Geld lieber her,\u00ab\u00a0antwortete sie, schl\u00fcpfte unter seinem Arm durch und lief davon. \u00bbWo hast du denn den sch\u00f6nen Knaben aufgegabelt?\u00ab\u00a0rief sie noch, wollte aber keine Antwort mehr. Man h\u00f6rte das Lachen aller M\u00e4dchen, die ihre Arbeit unterbrochen hatten.<\/p>\n<p>Sie aber gingen weiter und kamen an eine T\u00fcr, die oben einen kleinen Vorgiebel hatte, der von kleinen, vergoldeten Karyatiden getragen war. F\u00fcr eine Schiffseinrichtung sah das recht verschwenderisch aus. Karl war, wie er merkte, niemals in diese Gegend gekommen, die wahrscheinlich w\u00e4hrend der Fahrt den Passagieren der\u00a0ersten und zweiten Klasse vorbehalten gewesen war, w\u00e4hrend man jetzt vor der gro\u00dfen Schiffsreinigung die Trennungst\u00fcren ausgehoben hatte. Sie waren auch tats\u00e4chlich schon einigen M\u00e4nnern begegnet, die Besen an der Schulter trugen und den Heizer gegr\u00fc\u00dft hatten. Karl staunte \u00fcber den gro\u00dfen Betrieb; in seinem Zwischendeck hatte er davon freilich wenig erfahren. Entlang der G\u00e4nge zogen sich auch Dr\u00e4hte elektrischer Leitungen, und eine kleine Glocke h\u00f6rte man immerfort.<\/p>\n<p>Der Heizer klopfte respektvoll an der T\u00fcre an und forderte, als man \u00bbherein\u00ab\u00a0rief, Karl mit einer Handbewegung auf, ohne Furcht einzutreten. Dieser trat auch ein, aber blieb an der T\u00fcr stehen. Vor den drei Fenstern des Zimmers sah er die Wellen des Meeres, und bei Betrachtung ihrer fr\u00f6hlichen Bewegung schlug ihm das Herz, als h\u00e4tte er nicht f\u00fcnf lange Tage das Meer ununterbrochen gesehen. Gro\u00dfe Schiffe kreuzten gegenseitig ihre Wege und gaben dem Wellenschlag nur soweit nach, als es ihre Schwere erlaubte. Wenn man die Augen kleinmachte, schienen diese Schiffe vor lauter Schwere zu schwanken. Auf ihren Masten trugen sie schmale, aber lange Flaggen, die zwar durch die Fahrt gestrafft wurden, trotzdem aber noch hin und her zappelten. Wahrscheinlich von Kriegsschiffen her erklangen Salutsch\u00fcsse, die Kanonenrohre eines solchen nicht allzuweit vor\u00fcberfahrenden Schiffes, strahlend mit dem Reflex ihres Stahlmantels, waren wie geh\u00e4tschelt von der sicheren, glatten und doch nicht wagrechten Fahrt. Die kleinen Schiffchen und Boote konnte man, wenigstens von der\u00a0T\u00fcr aus, nur in der Ferne beobachten, wie sie in Mengen in die \u00d6ffnungen zwischen den gro\u00dfen Schiffen einliefen. Hinter alledem aber stand New York und sah Karl mit den hunderttausend Fenstern seiner Wolkenkratzer an. Ja, in diesem Zimmer wu\u00dfte man, wo man war.<\/p>\n<p>An einem runden Tisch sa\u00dfen drei Herren, der eine ein Schiffsoffizier in blauer Schiffsuniform, die zwei anderen, Beamte der Hafenbeh\u00f6rde, in schwarzen, amerikanischen Uniformen. Auf dem Tisch lagen, hochaufgeschichtet, verschiedene Dokumente, welche der Offizier zuerst mit der Feder in der Hand \u00fcberflog, um sie dann den beiden anderen zu reichen, die bald lasen, bald exzerpierten, bald in ihre Aktentaschen einlegten, wenn nicht gerade der eine, der fast ununterbrochen ein kleines Ger\u00e4usch mit den Z\u00e4hnen vollf\u00fchrte, seinem Kollegen etwas in ein Protokoll diktierte.<\/p>\n<p>Am Fenster sa\u00df an einem Schreibtisch, den R\u00fccken der T\u00fcre zugewendet, ein kleinerer Herr, der mit gro\u00dfen Folianten hantierte, die auf einem starken B\u00fccherbrett in Kopfh\u00f6he vor ihm aneinander gereiht waren. Neben ihm stand eine offene, wenigstens auf den ersten Blick leere Kassa.<\/p>\n<p>Das zweite Fenster war leer und gab den besten Ausblick. In der N\u00e4he des dritten aber standen zwei Herren in halblautem Gespr\u00e4ch. Der eine lehnte neben dem Fenster, trug auch die Schiffsuniform und spielte mit dem Griff des Degens. Derjenige, mit dem er sprach, war dem Fenster zugewendet und enth\u00fcllte hie und da durch eine Bewegung einen Teil der Ordensreihe auf\u00a0der Brust des andern. Er war in Zivil und hatte ein d\u00fcnnes Bambusst\u00f6ckchen, das, da er beide H\u00e4nde an den H\u00fcften festhielt, auch wie ein Degen abstand.<\/p>\n<p>Karl hatte nicht viel Zeit, alles anzusehen, denn bald trat ein Diener auf sie zu und fragte den Heizer mit einem Blick, als geh\u00f6re er nicht hierher, was er denn wolle. Der Heizer antwortete, so leise als er gefragt wurde, er wolle mit dem Herrn Oberkassier reden. Der Diener lehnte f\u00fcr seinen Teil mit einer Handbewegung diese Bitte ab, ging aber dennoch auf den Fu\u00dfspitzen, dem runden Tisch in gro\u00dfem Bogen ausweichend, zu dem Herrn mit den Folianten. Dieser Herr \u2014 das sah man deutlich \u2014 erstarrte geradezu unter den Worten des Dieners, kehrte sich aber endlich nach dem Manne um, der ihn zu sprechen w\u00fcnschte, und fuchtelte dann, streng abwehrend, gegen den Heizer und der Sicherheit halber auch gegen den Diener hin. Der Diener kehrte darauf zum Heizer zur\u00fcck und sagte in einem Tone, als vertraue er ihm etwas an: \u00bbScheren Sie sich sofort aus dem Zimmer!\u00ab<\/p>\n<p>Der Heizer sah nach dieser Antwort zu Karl hinunter, als sei dieser sein Herz, dem er stumm seinen Jammer klage. Ohne weitere Besinnung machte sich Karl los, lief quer durchs Zimmer, da\u00df er sogar leicht an den Sessel des Offiziers streifte; der Diener lief gebeugt mit zum Umfangen bereiten Armen, als jage er ein Ungeziefer, aber Karl war der erste beim Tisch des Oberkassiers, wo er sich festhielt, f\u00fcr den Fall, da\u00df der Diener versuchen sollte, ihn fortzuziehen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wurde gleich das ganze Zimmer lebendig. Der Schiffsoffizier am Tisch war aufgesprungen, die Herren von der Hafenbeh\u00f6rde sahen ruhig, aber aufmerksam zu, die beiden Herren am Fenster waren nebeneinander getreten, der Diener, welcher glaubte, er sei dort, wo schon die hohen Herren Interesse zeigten, nicht mehr am Platze, trat zur\u00fcck. Der Heizer an der T\u00fcr wartete angespannt auf den Augenblick, bis seine Hilfe n\u00f6tig w\u00fcrde. Der Oberkassier endlich machte in seinem Lehnsessel eine gro\u00dfe Rechtswendung.<\/p>\n<p>Karl kramte aus seiner Geheimtasche, die er den Blicken dieser Leute zu zeigen keine Bedenken hatte, seinen Reisepa\u00df hervor, den er statt weiterer Vorstellung ge\u00f6ffnet auf den Tisch legte. Der Oberkassier schien diesen Pa\u00df f\u00fcr nebens\u00e4chlich zu halten, denn er schnippte ihn mit zwei Fingern beiseite, worauf Karl, als sei diese Formalit\u00e4t zur Zufriedenheit erledigt, den Pa\u00df wieder einsteckte.<\/p>\n<p>\u00bbIch erlaube mir zu sagen,\u00ab\u00a0begann er dann, \u00bbda\u00df meiner Meinung nach dem Herrn Heizer Unrecht geschehen ist. Es ist hier ein gewisser Schubal, der ihm aufsitzt. Er selbst hat schon auf vielen Schiffen, die er Ihnen alle nennen kann, zur vollst\u00e4ndigen Zufriedenheit gedient, ist flei\u00dfig, meint es mit seiner Arbeit gut, und es ist wirklich nicht einzusehen, warum er gerade auf diesem Schiff, wo doch der Dienst nicht so \u00fcberm\u00e4\u00dfig schwer ist, wie zum Beispiel auf Handelsseglern, schlecht entsprechen sollte. Es kann daher nur Verleumdung sein, die ihn in seinem Vorw\u00e4rtskommen hindert und ihn um die Anerkennung\u00a0bringt, die ihm sonst ganz bestimmt nicht fehlen w\u00fcrde. Ich habe nur das Allgemeine \u00fcber diese Sache gesagt, seine besonderen Beschwerden wird er Ihnen selbst vorbringen.\u00ab\u00a0Karl hatte sich mit dieser Rede an alle Herren gewendet, weil ja tats\u00e4chlich auch alle zuh\u00f6rten und es viel wahrscheinlicher schien, da\u00df sich unter allen zusammen ein Gerechter vorfand, als da\u00df dieser Gerechte gerade der Oberkassier sein sollte. Aus Schlauheit hatte au\u00dferdem Karl verschwiegen, da\u00df er den Heizer erst so kurze Zeit kannte. Im \u00fcbrigen h\u00e4tte er noch viel besser gesprochen, wenn er nicht durch das rote Gesicht des Herrn mit dem Bambusst\u00f6ckchen beirrt worden w\u00e4re, das er von seinem jetzigen Standort zum erstenmal sah.<\/p>\n<p>\u00bbEs ist alles Wort f\u00fcr Wort richtig,\u00ab\u00a0sagte der Heizer, ehe ihn noch jemand gefragt, ja ehe man noch \u00fcberhaupt auf ihn hingesehen hatte. Diese \u00dcbereiltheit des Heizers w\u00e4re ein gro\u00dfer Fehler gewesen, wenn nicht der Herr mit den Orden, der, wie es jetzt Karl aufleuchtete, jedenfalls der Kapit\u00e4n war, offenbar mit sich bereits \u00fcbereingekommen w\u00e4re, den Heizer anzuh\u00f6ren. Er streckte n\u00e4mlich die Hand aus und rief dem Heizer zu: \u00bbKommen Sie her!\u00ab\u00a0mit einer Stimme, fest, um mit einem Hammer darauf zu schlagen. Jetzt hing alles vom Benehmen des Heizers ab, denn was die Gerechtigkeit seiner Sache anlangte, an der zweifelte Karl nicht.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise zeigte sich bei dieser Gelegenheit, da\u00df der Heizer schon viel in der Welt herumgekommen war. Musterhaft ruhig nahm er aus seinem K\u00f6fferchen mit dem ersten Griff ein B\u00fcndelchen Papiere, sowie ein Notizbuch,\u00a0ging damit, als verst\u00fcnde sich das von selbst, unter vollst\u00e4ndiger Vernachl\u00e4ssigung des Oberkassiers, zum Kapit\u00e4n und breitete auf dem Fensterbrett seine Beweismittel aus. Dem Oberkassier blieb nichts \u00fcbrig, als sich selbst hinzubem\u00fchn. \u00bbDer Mann ist ein bekannter Querulant,\u00ab\u00a0sagte er zur Erkl\u00e4rung, \u00bber ist mehr in der Kassa als im Maschinenraum. Er hat Schubal, diesen ruhigen Menschen, ganz zur Verzweiflung gebracht. H\u00f6ren Sie einmal!\u00ab\u00a0wandte er sich an den Heizer, \u00bbSie treiben Ihre Zudringlichkeit doch schon wirklich zu weit. Wie oft hat man Sie schon aus den Auszahlungsr\u00e4umen hinausgeworfen, wie Sie es mit Ihren ganz, vollst\u00e4ndig und ausnahmslos unberechtigten Forderungen verdienen! Wie oft sind Sie von dort in die Hauptkassa gelaufen gekommen! Wie oft hat man Ihnen im Guten gesagt, da\u00df Schubal Ihr unmittelbarer Vorgesetzter ist, mit dem allein Sie sich als sein Untergebener abzufinden haben! Und jetzt kommen Sie gar noch her, wenn der Herr Kapit\u00e4n da ist, sch\u00e4men sich nicht, sogar ihn zu bel\u00e4stigen, sondern entbl\u00f6den sich nicht einmal, als eingelernten Stimmf\u00fchrer Ihrer abgeschmackten Beschuldigungen diesen Kleinen mitzubringen, den ich \u00fcberhaupt zum erstenmal auf dem Schiffe sehe!\u00ab<\/p>\n<p>Karl hielt sich mit Gewalt zur\u00fcck, vorzuspringen. Aber schon war auch der Kapit\u00e4n da, welcher sagte: \u00bbH\u00f6ren wir den Mann doch einmal an. Der Schubal wird mir sowieso mit der Zeit viel zu selbst\u00e4ndig, womit ich aber nichts zu Ihren Gunsten gesagt haben will.\u00ab\u00a0Das letztere galt dem Heizer, es war nur nat\u00fcrlich, da\u00df er sich nicht\u00a0sofort f\u00fcr ihn einsetzen konnte, aber alles schien auf dem richtigen Wege. Der Heizer begann seine Erkl\u00e4rungen und \u00fcberwand sich gleich am Anfang, indem er den Schubal mit \u00bbHerr\u00ab\u00a0titulierte. Wie freute sich Karl am verlassenen Schreibtisch des Oberkassiers, wo er eine Briefwage immer wieder niederdr\u00fcckte vor lauter Vergn\u00fcgen. \u2014 Herr Schubal ist ungerecht! Herr Schubal bevorzugt die Ausl\u00e4nder! Herr Schubal verwies den Heizer aus dem Maschinenraum und lie\u00df ihn Klosette reinigen, was doch gewi\u00df nicht des Heizers Sache war! \u2014 Einmal wurde sogar die T\u00fcchtigkeit des Herrn Schubal angezweifelt, die eher scheinbar als wirklich vorhanden sein sollte. Bei dieser Stelle starrte Karl mit aller Kraft den Kapit\u00e4n an, zutunlich, als sei er sein Kollege, nur damit er sich durch die etwas ungeschickte Ausdrucksweise des Heizers nicht zu dessen Ungunsten beeinflussen lasse. Immerhin erfuhr man aus den vielen Reden nichs Eigentliches, und wenn auch der Kapit\u00e4n noch immer vor sich hinsah, in den Augen die Entschlossenheit, den Heizer diesmal bis zu Ende anzuh\u00f6ren, so wurden doch die anderen Herren ungeduldig, und die Stimme des Heizers regierte bald nicht mehr unumschr\u00e4nkt in dem R\u00e4ume, was manches bef\u00fcrchten lie\u00df. Als erster setzte der Herr in Zivil sein Bambusst\u00f6ckchen in T\u00e4tigkeit und klopfte, wenn auch nur leise, auf das Parkett. Die anderen Herren sahen nat\u00fcrlich hie und da hin, die Herren von der Hafenbeh\u00f6rde, die offenbar pressiert waren, griffen wieder zu den Akten und begannen, wenn auch noch etwas geistesabwesend, sie durchzusehen, der Schiffsoffizier\u00a0r\u00fcckte seinem Tisch wieder n\u00e4her, und der Oberkassier, der gewonnenes Spiel zu haben glaubte, seufzte aus Ironie tief auf. Von der allgemein eintretenden Zerstreuung schien nur der Diener bewahrt, der von den Leiden des unter die Gro\u00dfen gestellten armen Mannes einen Teil mitf\u00fchlte und Karl ernst zunickte, als wolle er damit etwas erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Inzwischen ging vor den Fenstern das Hafenleben weiter, ein flaches Lastschiff mit einem Berg von F\u00e4ssern, die wunderbar verstaut sein mu\u00dften, da\u00df sie nicht ins Rollen kamen, zog vor\u00fcber und erzeugte in dem Zimmer fast Dunkelheit, kleine Motorboote, die Karl jetzt, wenn er Zeit gehabt h\u00e4tte, genau h\u00e4tte ansehen k\u00f6nnen, rauschten nach den Zuckungen der H\u00e4nde eines am Steuer aufrecht stehenden Mannes schnurgerade dahin, eigent\u00fcmliche Schwimmk\u00f6rper tauchten hie und da selbst\u00e4ndig aus dem ruhelosen Wasser, wurden gleich wieder \u00fcberschwemmt und versanken vor dem erstaunten Blick, Boote der Ozeandampfer wurden von hei\u00df arbeitenden Matrosen vorw\u00e4rtsgerudert und waren voll von Passagieren, die darin, so wie man sie hineingezw\u00e4ngt hatte, still und erwartungsvoll sa\u00dfen, wenn es auch manche nicht unterlassen konnten, die K\u00f6pfe nach den wechselnden Szenieren zu drehen. Eine Bewegung ohne Ende, eine Unruhe, \u00fcbertragen von dem unruhigen Element auf die hilflosen Menschen und ihre Werke!<\/p>\n<p>Aber alles mahnte zur Eile, zur Deutlichkeit, zu ganz genauer Darstellung, aber was tat der Heizer? Er redete sich allerdings in Schwei\u00df, die Papiere auf dem Fenster\u00a0konnte er l\u00e4ngst mit seinen zitternden H\u00e4nden nicht mehr halten, aus allen Himmelsrichtungen str\u00f6mten ihm Klagen \u00fcber Schubal zu, von denen seiner Meinung nach jede einzelne gen\u00fcgt h\u00e4tte, diesen Schubal vollst\u00e4ndig zu begraben, aber was er dem Kapit\u00e4n vorzeigen konnte, war nur ein trauriges Durcheinanderstrudeln aller insgesamt. L\u00e4ngst schon pfiff der Herr mit dem Bambusst\u00f6ckchen schwach zur Decke hinauf, die Herren von der Hafenbeh\u00f6rde hielten schon den Offizier an ihrem Tisch und machten keine Miene, ihn je wieder loszulassen, der Oberkassier wurde sichtlich nur durch die Ruhe des Kapit\u00e4ns vor dem Dreinfahren zur\u00fcckgehalten, der Diener erwartete in Habtachtstellung jeden Augenblick einen auf den Heizer bez\u00fcglichen Befehl seines Kapit\u00e4ns.<\/p>\n<p>Da konnte Karl nicht mehr unt\u00e4tig bleiben. Er ging also langsam zu der Gruppe hin und \u00fcberlegte im Gehen nur desto schneller, wie er die Sache m\u00f6glichst geschickt angreifen k\u00f6nnte. Es war wirklich h\u00f6chste Zeit, noch ein kleines Weilchen nur, und sie konnten ganz gut beide aus dem Bureau fliegen. Der Kapit\u00e4n mochte ja ein guter Mann sein und \u00fcberdies gerade jetzt, wie es Karl schien, irgendeinen besonderen Grund haben, sich als gerechter Vorgesetzter zu zeigen, aber schlie\u00dflich war er kein Instrument, das man in Grund und Boden spielen konnte \u2014 und gerade so behandelte ihn der Heizer, allerdings aus seinem grenzenlos emp\u00f6rten Innern heraus.<\/p>\n<p>Karl sagte also zum Heizer: \u00bbSie m\u00fcssen das einfacher erz\u00e4hlen, klarer, der Herr Kapit\u00e4n kann es nicht w\u00fcrdigen, so wie Sie es ihm erz\u00e4hlen. Kennt er denn alle\u00a0Maschinisten und Laufburschen beim Namen oder gar beim Taufnamen, da\u00df er, wenn Sie nur einen solchen Namen aussprechen, gleich wissen kann, um wen es sich handelt? Ordnen Sie doch Ihre Beschwerden, sagen Sie die wichtigste zuerst und absteigend die anderen, vielleicht wird es dann \u00fcberhaupt nicht mehr n\u00f6tig sein, die meisten auch nur zu erw\u00e4hnen. Mir haben Sie es doch immer so klar dargestellt!\u00ab\u00a0Wenn man in Amerika Koffer stehlen kann, kann man auch hie und da l\u00fcgen, dachte er zur Entschuldigung.<\/p>\n<p>Wenn es aber nur geholfen h\u00e4tte! Ob es nicht auch schon zu sp\u00e4t war? Der Heizer unterbrach sich zwar sofort, als er die bekannte Stimme h\u00f6rte, aber mit seinen Augen, die ganz von Tr\u00e4nen der beleidigten Mannesehre, der schrecklichen Erinnerungen, der \u00e4u\u00dfersten gegenw\u00e4rtigen Not verdeckt waren, konnte er Karl schon nicht einmal gut mehr erkennen. Wie sollte er auch jetzt \u2014 Karl sah das schweigend vor dem jetzt Schweigenden wohl ein \u2014 wie sollte er auch jetzt pl\u00f6tzlich seine Redeweise \u00e4ndern, da es ihm doch schien, als h\u00e4tte er alles, was zu sagen war, ohne die geringste Anerkennung schon vorgebracht und als habe er andererseits noch gar nichts gesagt und k\u00f6nne doch den Herren jetzt nicht zumuten, noch alles anzuh\u00f6ren. Und in einem solchen Zeitpunkt kommt noch Karl, sein einziger Anh\u00e4nger, daher, will ihm gute Lehren geben, zeigt ihm aber statt dessen, da\u00df alles, alles verloren ist.<\/p>\n<p>\u00bbW\u00e4re ich fr\u00fcher gekommen, statt aus dem Fenster zu schauen,\u00ab\u00a0sagte sich Karl, senkte vor dem Heizer das Gesicht und schlug die H\u00e4nde, an die Hosennaht, zum Zeichen des Endes jeder Hoffnung.<\/p>\n<p>Aber der Heizer mi\u00dfverstand das, witterte wohl in Karl irgendwelche geheime Vorw\u00fcrfe gegen sich, und in der guten Absicht, sie ihm auszureden, fing er zur Kr\u00f6nung seiner Taten mit Karl jetzt zu streiten an. Jetzt, wo doch die Herren am runden Tisch l\u00e4ngst emp\u00f6rt \u00fcber den nutzlosen L\u00e4rm waren, der ihre wichtigen Arbeiten st\u00f6rte, wo der Hauptkassier allm\u00e4hlich die Geduld des Kapit\u00e4ns unverst\u00e4ndlich fand und zum sofortigen Ausbruch neigte, wo der Diener, ganz wieder in der Sph\u00e4re seiner Herren, den Heizer mit wildem Blicke ma\u00df, und wo endlich der Herr mit dem Bambusst\u00f6ckchen, zu welchem sogar der Kapit\u00e4n hie und da freundschaftlich hin\u00fcbersah, schon g\u00e4nzlich abgestumpft gegen den Heizer, ja von ihm angewidert, ein kleines Notizbuch hervorzog und, offenbar mit ganz anderen Angelegenheiten besch\u00e4ftigt, die Augen zwischen dem Notizbuch und Karl hin und her wandern lie\u00df.<\/p>\n<p>\u00bbIch wei\u00df ja, ich wei\u00df ja,\u00ab\u00a0sagte Karl, der M\u00fche hatte, den jetzt gegen ihn gekehrten Schwall des Heizers abzuwehren, trotzdem aber quer durch allen Streit noch ein Freundesl\u00e4cheln f\u00fcr ihn \u00fcbrighatte, \u00bbSie haben recht, recht, ich habe ja nie daran gezweifelt.\u00ab\u00a0Er h\u00e4tte ihm gern aus Furcht vor Schl\u00e4gen die herumfahrenden H\u00e4nde gehalten, noch lieber allerdings ihn in einen Winkel gedr\u00e4ngt, um ihm ein paar leise, beruhigende Worte zuzufl\u00fcstern, die niemand sonst h\u00e4tte h\u00f6ren m\u00fcssen. Aber der Heizer war au\u00dfer Rand und Band. Karl begann jetzt schon sogar aus dem Gedanken eine Art Trost zu sch\u00f6pfen, da\u00df der Heizer im Notfall mit\u00a0der Kraft seiner Verzweiflung alle anwesenden sieben M\u00e4nner bezwingen k\u00f6nne. Allerdings lag auf dem Schreibtisch, wie ein Blick dorthin lehrte, ein Aufsatz mit viel zu vielen Druckkn\u00f6pfen der elektrischen Leitung, und eine Hand, einfach auf sie niedergedr\u00fcckt, konnte das ganze Schiff mit allen seinen von feindlichen Menschen gef\u00fcllten G\u00e4ngen rebellisch machen.<\/p>\n<p>Da trat der doch so uninteressierte Herr mit dem Bambusst\u00f6ckchen auf Karl zu und fragte, nicht \u00fcberlaut, aber deutlich \u00fcber allem Geschrei des Heizers: \u00bbWie hei\u00dfen Sie denn eigentlich?\u00ab\u00a0In diesem Augenblick, als h\u00e4tte jemand hinter der T\u00fcr auf diese \u00c4u\u00dferung des Herrn gewartet, klopfte es. Der Diener sah zum Kapit\u00e4n hin\u00fcber, dieser nickte. Daher ging der Diener zur T\u00fcr und \u00f6ffnete sie. Drau\u00dfen stand in einem alten Kaiserrock ein Mann von mittleren Proportionen, seinem Aussehen nach nicht eigentlich zur Arbeit an den Maschinen geeignet, und war doch \u2014 Schubal. Wenn es Karl nicht an aller Augen erkannt h\u00e4tte, die eine gewisse Befriedigung ausdr\u00fcckten, von der nicht einmal der Kapit\u00e4n frei war, er h\u00e4tte es zu seinem Schrecken am Heizer sehen m\u00fcssen, der die F\u00e4uste an den gestrafften Armen so ballte, als sei diese Ballung das Wichtigste an ihm, dem er alles, was er an Leben habe, zu opfern bereit sei. Da steckte jetzt alle seine Kraft, auch die, welche ihn \u00fcberhaupt aufrecht erhielt.<\/p>\n<p>Und da war also der Feind, frei und frisch im Festanzug, unter dem Arm ein Gesch\u00e4ftsbuch, wahrscheinlich die Lohnlisten und Arbeitsausweise des Heizers,\u00a0und sah mit dem ungescheuten Zugest\u00e4ndnis, da\u00df er die Stimmung jedes Einzelnen vor allem feststellen wolle, in aller Augen der Reihe nach. Die sieben waren auch schon alle seine Freunde, denn wenn auch der Kapit\u00e4n fr\u00fcher gewisse Einw\u00e4nde gegen ihn gehabt oder vielleicht nur vorgesch\u00fctzt hatte, nach dem Leid, das ihm der Heizer angetan hatte, schien ihm wahrscheinlich an Schubal auch das Geringste nicht mehr auszusetzen. Gegen einen Mann, wie den Heizer, konnte man nicht streng genug verfahren, und wenn dem Schubal etwas vorzuwerfen war, so war es der Umstand, da\u00df er die Widerspenstigkeit des Heizers im Laufe der Zeit nicht so weit hatte brechen k\u00f6nnen, da\u00df es dieser heute noch gewagt hatte, vor dem Kapit\u00e4n zu erscheinen.<\/p>\n<p>Nun konnte man ja vielleicht noch annehmen, die Gegen\u00fcberstellung des Heizers und Schubals werde die ihr vor einem h\u00f6heren Forum zukommende Wirkung auch vor den Menschen nicht verfehlen, denn wenn sich auch Schubal gut verstellen konnte, er mu\u00dfte es doch durchaus nicht bis zum Ende aushalten k\u00f6nnen. Ein kurzes Aufblitzen seiner Schlechtigkeit sollte gen\u00fcgen, um sie den Herren sichtbar zu machen, daf\u00fcr wollte Karl schon sorgen. Er kannte doch schon beil\u00e4ufig den Scharfsinn, die Schw\u00e4chen, die Launen der einzelnen Herren, und unter diesem Gesichtspunkt war die bisher hier verbrachte Zeit nicht verloren. Wenn nur der Heizer besser auf dem Platz gewesen w\u00e4re, aber der schien vollst\u00e4ndig kampfunf\u00e4hig. Wenn man ihm den Schubal hingehalten h\u00e4tte, h\u00e4tte er wohl dessen geha\u00dften Sch\u00e4del\u00a0mit den F\u00e4usten aufklopfen k\u00f6nnen. Aber schon die paar Schritte zu ihm hinzugehen, war er wohl kaum imstande. Warum hatte denn Karl das so leicht Vorauszusehende nicht vorausgesehen, da\u00df Schubal endlich kommen m\u00fcsse, wenn nicht aus eigenem Antrieb, so vom Kapit\u00e4n gerufen. Warum hatte er auf dem Herweg mit dem Heizer nicht einen genauen Kriegsplan besprochen, statt, wie sie es in Wirklichkeit getan hatten, heillos unvorbereitet einfach dort einzutreten, wo eine T\u00fcr war? Konnte der Heizer \u00fcberhaupt noch reden, ja und nein sagen, wie es bei dem Kreuzverh\u00f6r, das allerdings nur im g\u00fcnstigsten Fall bevorstand, n\u00f6tig sein w\u00fcrde? Er stand da, die Beine auseinander gestellt, die Knie unsicher, den Kopf etwas gehoben, und die Luft verkehrte durch den offenen Mund, als g\u00e4be es innen keine Lungen mehr die sie verarbeiteten.<\/p>\n<p>Karl allerdings f\u00fchlte sich so kr\u00e4ftig und bei Verstand, wie er es vielleicht zu Hause niemals gewesen war. Wenn ihn doch seine Eltern sehen k\u00f6nnten, wie er in fremdem Land, vor angesehenen Pers\u00f6nlichkeiten das Gute verfocht und, wenn er es auch noch nicht zum Siege gebracht hatte, so doch zur letzten Eroberung sich vollkommen bereitstellte! W\u00fcrden sie ihre Meinung \u00fcber ihn revidieren? Ihn zwischen sich niedersetzen und loben? Ihm einmal, einmal in die ihnen so ergebenen Augen sehn? Unsichere Fragen und ungeeignetster Augenblick, sie zu stellen!<\/p>\n<p>\u00bbIch komme, weil ich glaube, da\u00df mich der Heizer irgendwelcher Unredlichkeiten beschuldigt. Ein M\u00e4dchen\u00a0aus der K\u00fcche sagte mir, sie h\u00e4tte ihn auf dem Wege hierher gesehen. Herr Kapit\u00e4n und Sie alle meine Herren, ich bin bereit, jede Beschuldigung an der Hand meiner Schriften, n\u00f6tigenfalls durch Aussagen unvoreingenommener und unbeeinflu\u00dfter Zeugen, die vor der T\u00fcre stehen, zu widerlegen.\u00ab\u00a0So sprach Schubal. Das war allerdings die klare Rede eines Mannes, und nach der Ver\u00e4nderung in den Mienen der Zuh\u00f6rer h\u00e4tte man glauben k\u00f6nnen, sie h\u00f6rten zum erstenmal nach langer Zeit wieder menschliche Laute. Sie bemerkten freilich nicht, da\u00df selbst diese sch\u00f6ne Rede L\u00f6cher hatte. Warum war das erste sachliche Wort, das ihm einfiel, \u00bbUnredlichkeiten\u00ab? H\u00e4tte vielleicht die Beschuldigung hier einsetzen m\u00fcssen, statt bei seinen nationalen Voreingenommenheiten? Ein M\u00e4dchen aus der K\u00fcche hatte den Heizer auf dem Weg ins Bureau gesehen und Schubal hatte sofort begriffen? War es nicht das Schuldbewu\u00dftsein, das ihm den Verstand sch\u00e4rfte? Und Zeugen hatte er gleich mitgebracht und nannte sie noch au\u00dferdem unvoreingenommen und unbeeinflu\u00dft? Gaunerei, nichts als Gaunerei! Und die Herren duldeten das und anerkannten es noch als richtiges Benehmen? Warum hatte er zweifellos sehr viel Zeit zwischen der Meldung des K\u00fcchenm\u00e4dchens und seiner Ankunft hier verstreichen lassen? Doch zu keinem anderen Zwecke, als damit der Heizer die Herren so erm\u00fcde, da\u00df sie allm\u00e4hlich ihre klare Urteilskraft verl\u00f6ren, welche Schubal vor allem zu f\u00fcrchten hatte. Hatte er, der sicher schon lange hinter der T\u00fcr gestanden hatte, nicht erst in dem Augenblick\u00a0geklopft, als er infolge der nebens\u00e4chlichen Frage jenes Herrn hoffen durfte, der Heizer sei erledigt?<\/p>\n<p>Alles war klar und wurde ja auch von Schubal wider Willen so dargeboten, aber den Herren mu\u00dfte man es anders, noch handgreiflicher zeigen. Sie brauchten Aufr\u00fcttelung. Also Karl, rasch, n\u00fctze jetzt wenigstens die Zeit aus, ehe die Zeugen auftreten und alles \u00fcberschwemmen!<\/p>\n<p>Eben aber winkte der Kapit\u00e4n dem Schubal ab, der daraufhin sofort \u2014 denn seine Angelegenheit schien f\u00fcr ein Weilchen aufgeschoben zu sein \u2014 beiseite trat und mit dem Diener, der sich ihm gleich angeschlossen hatte, eine leise Unterhaltung begann, bei der es an Seitenblicken nach dem Heizer und Karl sowie an den \u00fcberzeugtesten Handbewegungen nicht fehlte. Schubal schien so seine n\u00e4chste gro\u00dfe Rede einzu\u00fcben.<\/p>\n<p>\u00bbWollten Sie nicht den jungen Menschen etwas fragen, Herr Jakob?\u00ab\u00a0sagte der Kapit\u00e4n unter allgemeiner Stille zu dem Herrn mit dem Bambusst\u00f6ckchen.<\/p>\n<p>\u00bbAllerdings,\u00ab\u00a0sagte dieser, mit einer kleinen Neigung f\u00fcr die Aufmerksamkeit dankend. Und fragte dann Karl nochmals: \u00bbWie hei\u00dfen Sie eigentlich?\u00ab<\/p>\n<p>Karl, welcher glaubte, es sei im Interesse der gro\u00dfen Hauptsache gelegen, wenn dieser Zwischenfall des hartn\u00e4ckigen Fragers bald erledigt w\u00fcrde, antwortete kurz, ohne, wie es seine Gewohnheit war, durch Vorweisung des Passes sich vorzustellen, den er erst h\u00e4tte suchen m\u00fcssen: \u00bbKarl Ro\u00dfmann.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbAber,\u00ab\u00a0sagte der mit Jakob Angesprochene und trat zuerst fast ungl\u00e4ubig l\u00e4chelnd zur\u00fcck. Auch der Kapit\u00e4n,\u00a0der Oberkassier, der Schiffsoffizier, ja sogar der Diener zeigten deutlich ein \u00fcberm\u00e4\u00dfiges Erstaunen wegen Karls Namen. Nur die Herren von der Hafenbeh\u00f6rde und Schubal verhielten sich gleichg\u00fcltig.<\/p>\n<p>\u00bbAber,\u00ab\u00a0wiederholte Herr Jakob und trat mit etwas steifen Schritten auf Karl zu, \u00bbdann bin ich ja dein Onkel Jakob und du bist mein lieber Neffe. Ahnte ich es doch die ganze Zeit \u00fcber!\u00ab\u00a0sagte er zum Kapit\u00e4n hin, ehe er Karl umarmte und k\u00fc\u00dfte, der alles stumm geschehen lie\u00df.<\/p>\n<p>\u00bbWie hei\u00dfen Sie?\u00ab\u00a0fragte Karl, nachdem er sich losgelassen f\u00fchlte, zwar sehr h\u00f6flich, aber g\u00e4nzlich unger\u00fchrt, und strengte sich an, die Folgen abzusehen, welche dieses neue Ereignis f\u00fcr den Heizer haben d\u00fcrfte. Vorl\u00e4ufig deutete nichts darauf hin, da\u00df Schubal aus dieser Sache Nutzen ziehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>\u00bbBegreifen Sie doch, junger Mann, Ihr Gl\u00fcck,\u00ab\u00a0sagte der Kapit\u00e4n, der durch Karls Frage die W\u00fcrde der Person des Herrn Jakob verletzt glaubte, der sich zum Fenster gestellt hatte, offenbar, um sein aufgeregtes Gesicht, das er \u00fcberdies mit einem Taschentuch betupfte, den andern nicht zeigen zu m\u00fcssen. \u00bbEs ist der Senator Edward Jakob, der sich Ihnen als Ihr Onkel zu erkennen gegeben hat. Es erwartet Sie nunmehr, doch wohl ganz gegen Ihre bisherigen Erwartungen, eine gl\u00e4nzende Laufbahn. Versuchen Sie das einzusehen, so gut es im ersten Augenblick geht, und fassen Sie sich!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbIch habe allerdings einen Onkel Jakob in Amerika,\u00ab\u00a0sagte Karl zum Kapit\u00e4n gewendet, \u00bbaber wenn ich recht\u00a0verstanden habe, ist Jakob blo\u00df der Zuname des Herrn Senators.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbSo ist es,\u00ab\u00a0sagte der Kapit\u00e4n erwartungsvoll.<\/p>\n<p>\u00bbNun, mein Onkel Jakob, welcher der Bruder meiner Mutter ist, hei\u00dft aber mit dem Taufnamen Jakob, w\u00e4hrend sein Zuname nat\u00fcrlich gleich jenem meiner Mutter lauten m\u00fc\u00dfte, welche eine geborene Bendelmayer ist.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbMeine Herren!\u00ab\u00a0rief der Senator, der von seinem Erholungsposten beim Fenster munter zur\u00fcckkehrte, mit Bezug auf Karls Erkl\u00e4rung aus. Alle, mit Ausnahme der Hafenbeamten, brachen in Lachen aus, manche wie in R\u00fchrung, manche undurchdringlich.<\/p>\n<p>\u00bbSo l\u00e4cherlich war das, was ich gesagt habe, doch keineswegs,\u00ab\u00a0dachte Karl.<\/p>\n<p>\u00bbMeine Herren,\u00ab\u00a0wiederholte der Senator, \u00bbSie nehmen gegen meinen und gegen Ihren Willen an einer kleinen Familienszene teil, und ich kann deshalb nicht umhin, Ihnen eine Erl\u00e4uterung zu geben, da, wie ich glaube, nur der Herr Kapit\u00e4n\u00ab\u00a0\u2014 diese Erw\u00e4hnung hatte eine gegenseitige Verbeugung zur Folge \u2014 \u00bbvollst\u00e4ndig unterrichtet ist.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbJetzt mu\u00df ich aber wirklich auf jedes Wort achtgeben,\u00ab\u00a0sagte sich Karl und freute sich, als er bei einem Seitw\u00e4rtsschauen bemerkte, da\u00df in die Figur des Heizers das Leben zur\u00fcckzukehren begann.<\/p>\n<p>\u00bbIch lebe seit allen den langen Jahren meines amerikanischen Aufenthaltes \u2014 das Wort Aufenthalt pa\u00dft hier allerdings schlecht f\u00fcr den amerikanischen B\u00fcrger, der ich mit ganzer Seele bin \u2014 seit allen den langen\u00a0Jahren lebe ich also von meinen europ\u00e4ischen Verwandten vollst\u00e4ndig getrennt, aus Gr\u00fcnden, die erstens nicht hierher geh\u00f6ren, und die zweitens zu erz\u00e4hlen mich wirklich zu sehr hernehmen w\u00fcrden. Ich f\u00fcrchte mich sogar vor dem Augenblick, wo ich vielleicht gezwungen sein werde, sie meinem lieben Neffen zu erz\u00e4hlen, wobei sich leider ein offenes Wort \u00fcber seine Eltern und ihren Anhang nicht vermeiden lassen wird.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbEs ist mein Onkel, kein Zweifel,\u00ab\u00a0sagte sich Karl und lauschte, \u00bbwahrscheinlich hat er seinen Namen \u00e4ndern lassen.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbMein lieber Neffe ist nun von seinen Eltern \u2014 sagen wir nur das Wort, das die Sache auch wirklich bezeichnet \u2014 einfach beiseitegeschafft worden, wie man eine Katze vor die T\u00fcr wirft, wenn sie \u00e4rgert. Ich will durchaus nicht besch\u00f6nigen, was mein Neffe gemacht hat, da\u00df er so gestraft wurde, aber sein Verschulden ist ein solches, da\u00df sein einfaches Nennen schon genug Entschuldigung enth\u00e4lt.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDas l\u00e4\u00dft sich h\u00f6ren,\u00ab\u00a0dachte Karl, \u00bbaber ich will nicht, da\u00df er es allen erz\u00e4hlt. \u00dcbrigens kann er es ja auch nicht wissen. Woher denn?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbEr wurde n\u00e4mlich,\u00ab\u00a0fuhr der Onkel fort und st\u00fctzte sich mit kleinen Neigungen auf das vor ihm eingestemmte Bambusst\u00f6ckchen, wodurch es ihm tats\u00e4chlich gelang, der Sache die unn\u00f6tige Feierlichkeit zu nehmen, die sie sonst unbedingt gehabt h\u00e4tte, \u00bber wurde n\u00e4mlich von einem Dienstm\u00e4dchen, Johanna Brummer, einer etwa 35j\u00e4hrigen Person, verf\u00fchrt. Ich will mit dem Worte \u00bbverf\u00fchrt\u00ab\u00a0meinen Neffen durchaus nicht kr\u00e4nken, aber es ist doch schwer, ein anderes, gleich passendes Wort zu finden.\u00ab<\/p>\n<p>Karl, der schon ziemlich nahe zum Onkel getreten war, drehte sich hier um, um den Eindruck der Erz\u00e4hlung von den Gesichtern der Anwesenden abzulesen. Keiner lachte, alle h\u00f6rten geduldig und ernsthaft zu. Schlie\u00dflich lacht man auch nicht \u00fcber den Neffen eines Senators bei der ersten Gelegenheit, die sich darbietet. Eher h\u00e4tte man schon sagen k\u00f6nnen, da\u00df der Heizer, wenn auch nur ganz wenig, Karl anl\u00e4chelte, was aber erstens als neues Lebenszeichen erfreulich und zweitens entschuldbar war, da ja Karl in der Kabine aus dieser Sache, die jetzt so publik wurde, ein besonderes Geheimnis hatte machen wollen.<\/p>\n<p>\u00bbNun hat diese Brummer,\u00ab\u00a0setzte der Onkel fort, \u00bbvon meinem Neffen ein Kind bekommen, einen gesunden Jungen, welcher in der Taufe den Namen Jakob erhielt, zweifellos in Gedanken an meine Wenigkeit, welche, selbst in den sicher nur ganz nebens\u00e4chlichen Erw\u00e4hnungen meines Neffen, auf das M\u00e4dchen einen gro\u00dfen Eindruck gemacht haben mu\u00df. Gl\u00fccklicherweise, sage ich. Denn da die Eltern zur Vermeidung der Alimentenzahlung oder sonstigen bis an sie selbst heranreichenden Skandales \u2014 ich kenne, wie ich betonen mu\u00df, weder die dortigen Gesetze noch die sonstigen Verh\u00e4ltnisse der Eltern \u2014 da sie also zur Vermeidung der Alimentenzahlung und des Skandales ihren Sohn, meinen lieben Neffen, nach Amerika haben transportieren lassen, mit unverantwortlich ungen\u00fcgender Ausr\u00fcstung, wie man\u00a0sieht, so w\u00e4re der Junge, ohne die gerade noch in Amerika lebendigen Zeichen und Wunder, auf sich allein angewiesen, wohl schon gleich in einem G\u00e4\u00dfchen im Hafen von New York verkommen, wenn nicht jenes Dienstm\u00e4dchen in einem an mich gerichteten Brief, der nach langen Irrfahrten vorgestern in meinen Besitz kam, mir die ganze Geschichte samt Personenbeschreibung meines Neffen und vern\u00fcnftigerweise auch Namensnennung des Schiffes mitgeteilt h\u00e4tte. Wenn ich es darauf angelegt h\u00e4tte, Sie, meine Herren, zu unterhalten, k\u00f6nnte ich wohl einige Stellen jenes Briefes\u00ab\u00a0\u2014 er zog zwei riesige, engbeschriebene Briefbogen aus der Tasche und schwenkte sie \u2014 \u00bbhier vorlesen. Er w\u00fcrde sicher Wirkung machen, da er mit einer etwas einfachen, wenn auch immer gutgemeinten Schlauheit und mit viel Liebe zu dem Vater des Kindes geschrieben ist. Aber ich will weder Sie mehr unterhalten, als es zur Aufkl\u00e4rung n\u00f6tig ist, noch vielleicht gar zum Empfang m\u00f6glicherweise noch bestehende Gef\u00fchle meines Neffen verletzen, der den Brief, wenn er mag, in der Stille seines ihn schon erwartenden Zimmers zur Belehrung lesen kann.\u00ab<\/p>\n<p>Karl hatte aber keine Gef\u00fchle f\u00fcr jenes M\u00e4dchen. Im Gedr\u00e4nge einer immer mehr zur\u00fccktretenden Vergangenheit sa\u00df sie in ihrer K\u00fcche neben dem K\u00fcchenschrank, auf dessen Platte sie ihren Ellbogen st\u00fctzte. Sie sah ihn an, wenn er hin und wieder in die K\u00fcche kam, um ein Glas zum Wassertrinken f\u00fcr seinen Vater zu holen oder einen Auftrag seiner Mutter auszurichten. Manchmal schrieb sie in der vertrackten Stellung seitlich\u00a0vom K\u00fcchenschrank einen Brief und holte sich die Eingebungen von Karls Gesicht. Manchmal hielt sie die Augen mit der Hand verdeckt, dann drang keine Anrede zu ihr. Manchmal kniete sie in ihrem engen Zimmerchen neben der K\u00fcche und betete zu einem h\u00f6lzernen Kreuz, Karl beobachtete sie dann nur mit Scheu im Vor\u00fcbergehen durch die Spalte der ein wenig ge\u00f6ffneten T\u00fcr. Manchmal jagte sie in der K\u00fcche herum und fuhr, wie eine Hexe lachend, zur\u00fcck, wenn Karl ihr in den Weg kam. Manchmal schlo\u00df sie die K\u00fcchent\u00fcre, wenn Karl eingetreten war und behielt die Klinke so lange in der Hand, bis er wegzugehn verlangte. Manchmal holte sie Sachen, die er gar nicht haben wollte, und dr\u00fcckte sie ihm schweigend in die H\u00e4nde. Einmal aber sagte sie \u00bbKarl\u00ab\u00a0und f\u00fchrte ihn, der noch \u00fcber die unerwartete Ansprache staunte, unter Grimassen seufzend in ihr Zimmerchen, das sie zusperrte. W\u00fcrgend umarmte sie seinen Hals und w\u00e4hrend sie ihn bat, sie zu entkleiden, entkleidete sie in Wirklichkeit ihn und legte ihn in ihr Bett, als wolle sie ihn von jetzt niemandem mehr lassen und ihn streicheln und pflegen bis zum Ende der Welt. \u00bbKarl, o du mein Karl!\u00ab\u00a0rief sie, als s\u00e4he sie ihn und best\u00e4tige sich seinen Besitz, w\u00e4hrend er nicht das Geringste sah und sich unbehaglich in dem vielen warmen Bettzeug f\u00fchlte, das sie eigens f\u00fcr ihn aufgeh\u00e4uft zu haben schien. Dann legte sie sich auch zu ihm und wollte irgendwelche Geheimnisse von ihm erfahren, aber er konnte ihr keine sagen und sie \u00e4rgerte sich im Scherz oder Ernst, sch\u00fcttelte ihn, horchte sein Herz ab,\u00a0bot ihre Brust zum gleichen Abhorchen hin, wozu sie Karl aber nicht bringen konnte, dr\u00fcckte ihren nackten Bauch an seinen Leib, suchte mit der Hand, so widerlich, da\u00df Karl Kopf und Hals aus den Kissen heraussch\u00fcttelte, zwischen seinen Beinen, stie\u00df dann den Bauch einige Male gegen ihn, \u2014 ihm war, als sei sie ein Teil seiner selbst und vielleicht aus diesem Grunde hatte ihn eine entsetzliche Hilfsbed\u00fcrftigkeit ergriffen. Weinend kam er endlich nach vielen Wiedersehensw\u00fcnschen ihrerseits in sein Bett. Das war alles gewesen und doch verstand es der Onkel, daraus eine gro\u00dfe Geschichte zu machen. Und die K\u00f6chin hatte also auch an ihn gedacht und den Onkel von seiner Ankunft verst\u00e4ndigt. Das war sch\u00f6n von ihr gehandelt und er w\u00fcrde es ihr wohl noch einmal vergelten.<\/p>\n<p>\u00bbUnd jetzt\u00ab, rief der Senator, \u00bbwill ich von dir offen h\u00f6ren, ob ich dein Onkel bin oder nicht.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDu bist mein Onkel,\u00ab\u00a0sagte Karl und k\u00fc\u00dfte ihm die Hand und wurde daf\u00fcr auf die Stirne gek\u00fc\u00dft. \u00bbIch bin sehr froh, da\u00df ich dich getroffen habe, aber du irrst, wenn du glaubst, da\u00df meine Eltern nur Schlechtes von dir reden. Aber auch abgesehen davon sind in deiner Rede einige Fehler enthalten gewesen, da\u00df hei\u00dft, ich meine, es hat sich in Wirklichkeit nicht alles so zugetragen. Du kannst aber auch wirklich von hier aus die Dinge nicht so gut beurteilen, und ich glaube au\u00dferdem, da\u00df es keinen besonderen Schaden bringen wird, wenn die Herren in Einzelheiten einer Sache, an der ihnen doch wirklich nicht viel liegen kann, ein wenig unrichtig informiert worden sind.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbWohl gesprochen,\u00ab\u00a0sagte der Senator, f\u00fchrte Karl vor den sichtlich teilnehmenden Kapit\u00e4n und fragte: \u00bbHabe ich nicht einen pr\u00e4chtigen Neffen?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbIch bin gl\u00fccklich,\u00ab\u00a0sagte der Kapit\u00e4n mit einer Verbeugung, wie sie nur milit\u00e4risch geschulte Leute zustandebringen, \u00bbIhren Neffen, Herr Senator, kennen gelernt zu haben. Es ist eine besondere Ehre f\u00fcr mein Schiff, da\u00df es den Ort eines solchen Zusammentreffens abgeben konnte. Aber die Fahrt im Zwischendeck war wohl sehr arg, ja, wer kann denn wissen, wer da mitgef\u00fchrt wird. Nun, wir tun alles M\u00f6gliche, den Leuten im Zwischendeck die Fahrt m\u00f6glichst zu erleichtern, viel mehr zum Beispiel, als die amerikanischen Linien, aber eine solche Fahrt zu einem Vergn\u00fcgen zu machen, ist uns allerdings noch immer nicht gelungen.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbEs hat mir nicht geschadet,\u00ab\u00a0sagte Karl.<\/p>\n<p>\u00bbEs hat ihm nicht geschadet!\u00ab\u00a0wiederholte laut lachend der Senator.<\/p>\n<p>\u00bbNur meinen Koffer f\u00fcrchte ich verloren zu \u2014\u00ab\u00a0und damit erinnerte er sich an alles, was geschehen war und was noch zu tun \u00fcbrigblieb, sah sich um und erblickte alle Anwesenden stumm vor Achtung und Staunen auf ihren fr\u00fcheren Pl\u00e4tzen, die Augen auf ihn gerichtet. Nur den Hafenbeamten sah man, soweit ihre strengen, selbstzufriedenen Gesichter einen Einblick gestatteten, das Bedauern an, zu so ungelegener Zeit gekommen zu sein, und die Taschenuhr, die sie jetzt vor sich liegen hatten, war ihnen wahrscheinlich wichtiger als alles, was im Zimmer vorging und vielleicht noch geschehen konnte.<\/p>\n<p>Der erste, welcher nach dem Kapit\u00e4n seine Anteilnahme ausdr\u00fcckte, war merkw\u00fcrdigerweise der Heizer. \u00bbIch gratuliere Ihnen herzlich,\u00ab\u00a0sagte er und sch\u00fcttelte Karl die Hand, womit er auch etwas wie Anerkennung ausdr\u00fccken wollte. Als er sich dann mit der gleichen Ansprache auch an den Senator wenden wollte, trat dieser zur\u00fcck, als \u00fcberschreite der Heizer damit seine Rechte, der Heizer lie\u00df auch sofort ab.<\/p>\n<p>Die \u00fcbrigen aber sahen jetzt ein, was zu tun war, und bildeten gleich um Karl und den Senator einen Wirrwarr. So geschah es, da\u00df Karl sogar eine Gratulation Schubals erhielt, annahm und f\u00fcr sie dankte. Als letzte traten in der wieder entstandenen Ruhe die Hafenbeamten hinzu und sagten zwei englische Worte, was einen l\u00e4cherlichen Eindruck machte.<\/p>\n<p>Der Senator war ganz in der Laune, um das Vergn\u00fcgen vollst\u00e4ndig auszukosten, nebens\u00e4chlichere Momente sich und den anderen in Erinnerung zu bringen, was nat\u00fcrlich von allen nicht nur geduldet, sondern mit Interesse hingenommen wurde. So machte er darauf aufmerksam, da\u00df er sich die in dem Brief der K\u00f6chin erw\u00e4hnten hervorstechendsten Erkennungszeichen Karls in sein Notizbuch zu m\u00f6glicherweise notwendigem augenblicklichen Gebrauch eingetragen hatte. Nun hatte er w\u00e4hrend des unertr\u00e4glichen Geschw\u00e4tzes des Heizers zu keinem anderen Zweck, als um sich abzulenken, das Notizbuch herausgezogen und die nat\u00fcrlich nicht gerade detektivisch richtigen Beobachtungen der K\u00f6chin mit Karls Aussehen zum Spiel in Verbindung zu bringen gesucht.\u00a0\u00bbUnd so findet man seinen Neffen!\u00ab\u00a0schlo\u00df er in einem Ton, als wolle er noch einmal Gratulationen bekommen.<\/p>\n<p>\u00bbWas wird jetzt dem Heizer geschehen?\u00ab\u00a0fragte Karl vorbei an der letzten Erz\u00e4hlung des Onkels. Er glaubte in seiner neuen Stellung alles, was er dachte, auch aussprechen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u00bbDem Heizer wird geschehen, was er verdient,\u00ab\u00a0sagte der Senator, \u00bbund was der Herr Kapit\u00e4n f\u00fcr gut erachtet. Ich glaube, wir haben von dem Heizer genug und \u00fcbergenug, wozu mir jeder der anwesenden Herren sicher zustimmen wird.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDarauf kommt es doch nicht an, bei einer Sache der Gerechtigkeit,\u00ab\u00a0sagte Karl. Er stand zwischen dem Onkel und dem Kapit\u00e4n, und glaubte, vielleicht durch diese Stellung beeinflu\u00dft, die Entscheidung in der Hand zu haben.<\/p>\n<p>Und trotzdem schien der Heizer nichts mehr f\u00fcr sich zu hoffen. Die H\u00e4nde hielt er halb in dem Hoseng\u00fcrtel, der durch seine aufgeregten Bewegungen mit dem Streifen eines gemusterten Hemdes zum Vorschein gekommen war. Das k\u00fcmmerte ihn nicht im geringsten, er hatte sein ganzes Leid geklagt, nun sollte man auch noch die paar Fetzen sehen, die er am Leibe hatte, und dann sollte man ihn forttragen. Er dachte sich aus, der Diener und Schubal, als die zwei hier im Range Tiefsten, sollten ihm diese letzte G\u00fcte erweisen. Schubal w\u00fcrde dann Ruhe haben und nicht mehr in Verzweiflung kommen, wie sich der Oberkassier ausgedr\u00fcckt hatte. Der Kapit\u00e4n w\u00fcrde lauter Rum\u00e4nen anstellen k\u00f6nnen, es w\u00fcrde \u00fcberall\u00a0rum\u00e4nisch gesprochen werden, und vielleicht w\u00fcrde dann wirklich alles besser gehen. Kein Heizer w\u00fcrde mehr in der Hauptkassa schw\u00e4tzen, nur sein letztes Geschw\u00e4tz w\u00fcrde man in ziemlich freundlicher Erinnerung behalten, da es, wie der Senator ausdr\u00fccklich erkl\u00e4rt hatte, die mittelbare Veranlassung zur Erkennung des Neffen gegeben hatte. Dieser Neffe hatte ihm \u00fcbrigens vorher \u00f6fters zu n\u00fctzen gesucht und daher f\u00fcr seinen Dienst bei der Wiedererkennung l\u00e4ngst vorher einen mehr als gen\u00fcgenden Dank abgestattet, dem Heizer fiel gar nicht ein, jetzt noch etwas von ihm zu verlangen. Im \u00fcbrigen, mochte er auch der Neffe des Senators sein, ein Kapit\u00e4n war er noch lange nicht, aber aus dem Munde des Kapit\u00e4ns w\u00fcrde schlie\u00dflich das b\u00f6se Wort fallen. \u2014 So wie es seiner Meinung entsprach, versuchte auch der Heizer nicht zu Karl hinzusehen, aber leider blieb in diesem Zimmer der Feinde kein anderer Ruheort f\u00fcr seine Augen.<\/p>\n<p>\u00bbMi\u00dfverstehe die Sachlage nicht,\u00ab\u00a0sagte der Senator zu Karl, \u00bbes handelt sich vielleicht um eine Sache der Gerechtigkeit, aber gleichzeitig um eine Sache der Disziplin. Beides und ganz besonders das letztere unterliegt hier der Beurteilung des Herrn Kapit\u00e4ns.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbSo ist es,\u00ab\u00a0murmelte der Heizer. Wer es merkte und verstand, l\u00e4chelte befremdet.<\/p>\n<p>\u00bbWir aber haben \u00fcberdies den Herrn Kapit\u00e4n in seinen Amtsgesch\u00e4ften, die sich sicher gerade bei der Ankunft in New York unglaublich h\u00e4ufen, so sehr schon behindert, da\u00df es h\u00f6chste Zeit f\u00fcr uns ist, das Schiff\u00a0zu verlassen, um nicht zum \u00dcberflu\u00df auch noch durch irgendwelche h\u00f6chst unn\u00f6tige Einmischung diese geringf\u00fcgige Z\u00e4nkerei zweier Maschinisten zu einem Ereignis zu machen. Ich begreife deine Handlungsweise, lieber Neffe, \u00fcbrigens vollkommen, aber gerade das gibt mir das Recht, dich eilends von hier fortzuf\u00fchren.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbIch werde sofort ein Boot f\u00fcr Sie flottmachen lassen,\u00ab\u00a0sagte der Kapit\u00e4n, ohne zum Erstaunen Karls auch nur den kleinsten Einwand gegen die Worte des Onkels vorzubringen, die doch zweifellos als eine Selbstdem\u00fctigung des Onkels angesehen werden konnten. Der Oberkassier eilte \u00fcberst\u00fcrzt zum Schreibtisch und telephonierte den Befehl des Kapit\u00e4ns an den Bootsmeister.<\/p>\n<p>\u00bbDie Zeit dr\u00e4ngt schon,\u00ab\u00a0sagte sich Karl, \u00bbaber ohne alle zu beleidigen, kann ich nichts tun. Ich kann doch jetzt den Onkel nicht verlassen, nachdem er mich kaum wiedergefunden hat. Der Kapit\u00e4n ist zwar h\u00f6flich, aber das ist auch alles. Bei der Disziplin h\u00f6rt seine H\u00f6flichkeit auf, und der Onkel hat ihm sicher aus der Seele gesprochen. Mit Schubal will ich nicht reden, es tut mir sogar leid, da\u00df ich ihm die Hand gereicht habe. Und alle anderen Leute hier sind Spreu.\u00ab<\/p>\n<p>Und er ging langsam in solchen Gedanken zum Heizer, zog dessen rechte Hand aus dem G\u00fcrtel und hielt sie spielend in der seinen. \u00bbWarum sagst du denn nichts?\u00ab\u00a0fragte er. \u00bbWarum l\u00e4\u00dft du dir alles gefallen?\u00ab<\/p>\n<p>Der Heizer legte nur die Stirn in Falten, als suche er den Ausdruck f\u00fcr das, was er zu sagen habe. Im \u00fcbrigen sah er auf Karls und seine Hand hinab.<\/p>\n<p>\u00bbDir ist ja unrecht geschehen, wie keinem auf dem Schiff, das wei\u00df ich ganz genau.\u00ab\u00a0Und Karl zog seine Finger hin und her zwischen den Fingern des Heizers, der mit gl\u00e4nzenden Augen ringsumher schaute, als widerfahre ihm eine Wonne, die ihm aber niemand ver\u00fcbeln m\u00f6ge.<\/p>\n<p>\u00bbDu mu\u00dft dich aber zur Wehr setzen, ja und nein sagen, sonst haben doch die Leute keine Ahnung von der Wahrheit. Du mu\u00dft mir versprechen, da\u00df du mir folgen wirst, denn ich selbst, das f\u00fcrchte ich mit vielem Grund, werde dir gar nicht mehr helfen k\u00f6nnen.\u00ab\u00a0Und nun weinte Karl, w\u00e4hrend er die Hand des Heizers k\u00fc\u00dfte, und nahm die rissige, fast leblose Hand und dr\u00fcckte sie an seine Wangen, wie einen Schatz, auf den man verzichten mu\u00df. \u2014 Da war aber auch schon der Onkel Senator an seiner Seite und zog ihn, wenn auch nur mit dem leichtesten Zwange, fort.<\/p>\n<p>\u00bbDer Heizer scheint dich bezaubert zu haben,\u00ab\u00a0sagte er und sah verst\u00e4ndnisinnig \u00fcber Karls Kopf zum Kapit\u00e4n hin. \u00bbDu hast dich verlassen gef\u00fchlt, da hast du den Heizer gefunden und bist ihm jetzt dankbar, das ist ja ganz l\u00f6blich. Treibe das aber, schon mir zuliebe, nicht zu weit und lerne deine Stellung begreifen.\u00ab<\/p>\n<p>Vor der T\u00fcr entstand ein L\u00e4rmen, man h\u00f6rte Rufe und es war sogar, als werde jemand brutal gegen die T\u00fcre gesto\u00dfen. Ein Matrose trat ein, etwas verwildert, und hatte eine M\u00e4dchensch\u00fcrze umgebunden. \u00bbEs sind Leute drau\u00dfen,\u00ab\u00a0rief er und stie\u00df einmal mit dem Ellbogen herum, als sei er noch im Gedr\u00e4nge. Endlich fand er\u00a0seine Besinnung und wollte vor dem Kapit\u00e4n salutieren, da bemerkte er die M\u00e4dchensch\u00fcrze, ri\u00df sie herunter, warf sie zu Boden und rief: \u00bbDas ist ja ekelhaft, da haben sie mir eine M\u00e4dchensch\u00fcrze umgebunden.\u00ab\u00a0Dann aber klappte er die Hacken zusammen und salutierte. Jemand versuchte zu lachen, aber der Kapit\u00e4n sagte streng: \u00bbDas nenne ich eine gute Laune. Wer ist denn drau\u00dfen?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbEs sind meine Zeugen,\u00ab\u00a0sagte Schubal vortretend, \u00bbich bitte ergebenst um Entschuldigung f\u00fcr ihr unpassendes Benehmen. Wenn die Leute die Seefahrt hinter sich haben, sind sie manchmal wie toll.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbRufen Sie sie sofort herein!\u00ab\u00a0befahl der Kapit\u00e4n und gleich sich zum Senator umwendend sagte er verbindlich aber rasch: \u00bbHaben Sie jetzt die G\u00fcte, verehrter Herr Senator, mit Ihrem Herrn Neffen diesem Matrosen zu folgen, der Sie ins Boot bringen wird. Ich mu\u00df wohl nicht erst sagen, welches Vergn\u00fcgen und welche Ehre mir das pers\u00f6nliche Bekanntwerden mit Ihnen, Herr Senator, bereitet hat. Ich w\u00fcnsche mir nur, bald Gelegenheit zu haben, mit Ihnen, Herr Senator, unser unterbrochenes Gespr\u00e4ch \u00fcber die amerikanischen Flottenverh\u00e4ltnisse wieder einmal aufnehmen zu k\u00f6nnen und dann vielleicht neuerdings auf so angenehme Weise, wie heute, unterbrochen zu werden.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbVorl\u00e4ufig gen\u00fcgt mir dieser eine Neffe,\u00ab\u00a0sagte der Onkel lachend. \u00bbUnd nun nehmen Sie meinen besten Dank f\u00fcr Ihre Liebensw\u00fcrdigkeit und leben Sie wohl. Es w\u00e4re \u00fcbrigens gar nicht so unm\u00f6glich, da\u00df wir\u00ab\u00a0\u2014 er dr\u00fcckte Karl herzlich an sich \u2014 \u00bbbei unserer n\u00e4chsten\u00a0Europareise vielleicht f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit mit Ihnen zusammenkommen k\u00f6nnten.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbEs w\u00fcrde mich herzlich freuen,\u00ab\u00a0sagte der Kapit\u00e4n. Die beiden Herren sch\u00fcttelten einander die H\u00e4nde, Karl konnte nur noch stumm und fl\u00fcchtig seine Hand dem Kapit\u00e4n reichen, denn dieser war bereits von den vielleicht f\u00fcnfzehn Leuten in Anspruch genommen, welche unter F\u00fchrung Schubals zwar etwas betroffen, aber doch sehr laut einzogen. Der Matrose bat den Senator, vorausgehen zu d\u00fcrfen und teilte dann die Menge f\u00fcr ihn und Karl, die leichtzwischen den sich verbeugenden Leuten durchkamen. Es schien, da\u00df diese im \u00fcbrigen gutm\u00fctigen Leute den Streit Schubals mit dem Heizer als einen Spa\u00df auffa\u00dften, dessen L\u00e4cherlichkeit nicht einmal vor dem Kapit\u00e4n aufh\u00f6re. Karl bemerkte unter ihnen auch das K\u00fcchenm\u00e4dchen Line, welche, ihm lustig zuzwinkernd, die vom Matrosen hingeworfene Sch\u00fcrze umband, denn es war die ihre.<\/p>\n<p>Weiter dem Matrosen folgend verlie\u00dfen sie das Bureau und bogen in einen kleinen Gang ein, der sie nach ein paar Schritten zu einem T\u00fcrchen brachte, von dem aus eine kurze Treppe in das Boot hinabf\u00fchrte, welches f\u00fcr sie vorbereitet war. Die Matrosen im Boot, in das ihr F\u00fchrer gleich mit einem einzigen Satz hinuntersprang, erhoben sich und salutierten. Der Senator gab Karl gerade eine Ermahnung zu vorsichtigem Hinuntersteigen, als Karl noch auf der obersten Stufe in heftiges Weinen ausbrach. Der Senator legte die rechte Hand unter Karls Kinn, hielt ihn fest an sich gepre\u00dft und streichelte\u00a0ihn mit der linken Hand. So gingen sie langsam Stufe f\u00fcr Stufe hinab und traten engverbunden ins Boot, wo der Senator f\u00fcr Karl gerade sich gegen\u00fcber einen guten Platz aussuchte. Auf ein Zeichen des Senators stie\u00dfen die Matrosen vom Schiffe ab und waren gleich in voller Arbeit. Kaum waren sie ein paar Meter vom Schiffe entfernt, machte Karl die unerwartete Entdeckung, da\u00df sie sich gerade auf jener Seite des Schiffes befanden, wohin die Fenster der Hauptkassa gingen. Alle drei Fenster waren mit Zeugen Schubals besetzt, welche freundschaftlichst gr\u00fc\u00dften und winkten, sogar der Onkel dankte, und ein Matrose machte das Kunstst\u00fcck, ohne eigentlich das gleichm\u00e4\u00dfige Rudern zu unterbrechen, eine Ku\u00dfhand hinaufzuschicken. Es war wirklich, als g\u00e4be es keinen Heizer mehr. Karl fa\u00dfte den Onkel, mit dessen Knien sich die seinen fast ber\u00fchrten, genauer ins Auge, und es kamen ihm Zweifel, ob dieser Mann ihm jemals den Heizer werde ersetzen k\u00f6nnen. Auch wich der Onkel seinem Blicke aus und sah auf die Wellen hin, von denen ihr Boot umschwankt wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99615\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Franz_Kafka-e1645556890422.jpg\" alt=\"\" width=\"246\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>In 2022 widmet sich KUNO der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform <\/a>Novelle. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, dass sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. Daher stellen wir in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Lesen Sie auch Franz Kafka Erz\u00e4hlung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16433\">Ein Hungerk\u00fcnstler<\/a>. Die Artisten der Edition das Labor haben in 2001 Jahren den K\u00fcnstlerpreis <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?page_id=572\">Das Hungertuch<\/a> begr\u00fcndet.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><i>\u00a0<\/i><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als der sechzehnj\u00e4hrige Karl Ro\u00dfmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstm\u00e4dchen verf\u00fchrt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York einfuhr,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/07\/03\/beschreibung-eines-kampfes\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":107,"featured_media":99615,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[494],"class_list":["post-41591","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-franz-kafka"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41591","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/107"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=41591"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41591\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100168,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41591\/revisions\/100168"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99615"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=41591"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=41591"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=41591"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}