{"id":41533,"date":"2018-03-21T00:01:16","date_gmt":"2018-03-20T23:01:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41533"},"modified":"2022-03-06T05:38:40","modified_gmt":"2022-03-06T04:38:40","slug":"de-kulturgeschichte-von-klang-und-ton","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/03\/21\/de-kulturgeschichte-von-klang-und-ton\/","title":{"rendered":"Die Kulturgeschichte von Klang und Ton"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\">Vorbemerkung der Redaktion:\u00a0<\/span>Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den wichtigsten identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, weiteres in unserer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>. Seit 2000 wird jedes Jahr der <em>Welttag der Poesie<\/em> gefeiert. Er soll an \u201edie Vielfalt des Kulturguts Sprache und an die Bedeutung m\u00fcndlicher Traditionen erinnern\u201c. Die Redaktion empfiehlt daher das auf vier CDs erweiterte H\u00f6rbuch <em>Gedichte,<\/em> nun exklusiv im <em>Schuber<\/em> erh\u00e4ltlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Tom T\u00e4ger und A.J. Weigoni kommt das Verdienst zu, die Lyrik nach 400 Jahren babylonischer Gefangenschaft aus dem Buch befreit zu haben.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">lyrikwelt.de<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das H\u00f6rbuch <em>Gedichte<\/em> fa\u00dft die langj\u00e4hrige Studioarbeit von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6174\">Tom T\u00e4ger<\/a> und A.J. Weigoni einerseits zusammen, gibt aber auch einen Ausblick auf das n\u00e4chste Buch. Die am 18. Januar 2015 erscheinenden <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27376\"><i>Schmauchspuren<\/i><\/a> sind ein erneuter Beweis der sich immer noch steigernden Gedankensch\u00e4rfe und Ausdruckskraft dieses Poeten. Buchstaben formen sich zu W\u00f6rtern, mehrere davon ergeben Strophen, Strophen lassen zwischen den Zeilen Platz. Genau dort setzt Weigonis Stimme an. Die schriftliche Lyrik und ihre Klanggestalt sind f\u00fcr diesen Lyriker gleichrangige Gr\u00f6\u00dfen. Wenn man seine Gedichte h\u00f6rt, wie er sie spricht, merkt man Wortverbindungen, Wiederaufnahmen, Anspielungen, die in erster Linie dem Rhythmusgef\u00fchl geschuldet sind. Weigonis Gedichte sind konzentrierte Miniaturen, seine verdichtete Sprache bildet ein System, das sich aus dem Leben bezieht und in dieses zur\u00fcckwirkt. Der Wortklang ist ein starker Katalysator f\u00fcr dieses H\u00f6rbuch, da bereits ein Wort beim H\u00f6rer eine Klangassoziationskette ausl\u00f6sen kann. Mit seiner Stimme werden die Nuancen h\u00f6rbar, zwischen Rezitation und Partitur liegen keine Abgr\u00fcnde. Dieser\u00a0Poeta ludens ist ein Entdecker der Poesie unbesetzter R\u00e4ume und der lyrischen Langsamkeit, er lauscht dem Atmen der Worte nach.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Sprechen ist immer zitieren.<\/em><\/span><\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Sophokles<\/span><\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sprechen ist immer auch Rezitieren. Man h\u00f6rt auf <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=63\">Gedichte<\/a> die Entschlossenheit zur Deklamationskunst. Deser Rezitator ist ein Lautsch\u00f6pfer und Sprachbastler, er bringt die Buchstaben in eine neue Un-Ordnung und die Bedeutungen zum Schwirren. Es kobolzen Vokale ins Mikrophon, stets aufs Neue jongliert er mit Lettern, Silben, W\u00f6rtern und S\u00e4tzen. Seine Stimmbildung hat Weigoni als reine Physik verstanden, da wurden Muskeln trainiert \u2013 seine Stimmb\u00e4nder \u2013 und es ging ihm um Physiologie und Raumakustik; er vergleicht die solcherart geschulte Stimme mit dem Resonanzk\u00f6rper eines Instruments. Diese stilisierte Alltagssprache macht den Unterschied zum privaten Sprechen, in den Gedankenimpulsen, die sich den Zuh\u00f6rer \u00fcber die Prosodie vermitteln, also \u00fcber Rhythmus, Melodie oder Sprechgeschwindigkeit, es ist ein Gedanken verdichtendes, zielgerichtetes Sprechen in normaler Sprache. Weigoni benutzt Wortspiele und ungew\u00f6hnliche Wortkombinationen, er verfremdet das Sprachmaterial, indem er phonetisch notiert oder einzelne Silben lautmalerisch wiederholt. Er stellt die Lyrik nicht lautlich aus, um <em>sch\u00f6nes<\/em> Sprechen geht es ihm dabei nicht. Um Verst\u00e4ndlichkeit schon.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Ganz im Gegensatz zu den anderen \u201cexperimentellen\u201d CDs meiner Sammlung sind die von A.J. Weigoni immer stimmig, ja richtig, philosophische Aufs\u00e4tze auf den Punkt gebracht. Man merkt auch die feine Feile, das Entstehen und die M\u00fche \u00fcber einen langen Zeitraum hinweg.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Dr. Dieter Scherr, Literaturhaus Wien<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem\u00a0H\u00f6rbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=63\">Gedichte<\/a> mischt sich die K\u00f6rperrede mit der Klangrede, die orale mit der gutembergeschen Tradition, geschriebenes Sprechen verwandelt sich in gesprochenes Papier und so fort. Es sind kunstvoll komponierte Kostbarkeiten, ein unendlich abwechslungsreiches Nebeneinander verschiedenartigster Sinneseindr\u00fccke. Bei seinen Rede\u2013 und Suchgedichten konzentriert sich Weigoni seit der <a href=\"http:\/\/www.lyrikwelt.de\/rezensionen\/letternmusik-r.htm\"><i>Letternmusik<\/i><\/a> beim Rezitieren auf die nackte Stimme. Die stimmliche, sprechtechnische sowie akrobatische Virtuosit\u00e4t, mit der er zu Werke geht, erzeugt gleichsam ein\u00a0 Textkonzert, die Partitur ist Sprache. Tom T\u00e4ger stellt sie bei den Aufnahmen zum\u00a0H\u00f6rbuch <em>Gedichte<\/em> im Tonstudio an der Ruhr in den Vordergrund. Gleichzeitig l\u00f6st sich die Sprache in den Gedichten in ihre Einzelheiten auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Als <em>geformte Performance<\/em> bezeichnete Thomas Kling das H\u00f6rbuch, hier trenne sich <em>kurz und schmerzlos<\/em> die Spreu vom Weizen. Deshalb solle den Mund halten, <em>wer nicht \u2018vorlesen\u2019 kann, oder zu faul zum \u00dcben ist<\/em>.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Michael Opitz<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der <i>Sprechsteller<\/i> Weigoni hat beim Schreiben das H\u00f6ren im Blick und beim Sprechen das Auge im Ohr. Der Modus des Sprechens wird zu einer Operation, die die Sprache als Werkzeug nutzt, seine Gedichte verlangen nach wachen Rezipienten und goutieren sie folgerichtig. Wir h\u00f6ren die Essenz, nicht den Effekt. Dieser VerDichter ist ein Meister der Wortsch\u00f6pfung, der es versteht, die Phraseologie des Alltags subversiv aufzuladen, auf eine Art, die sprachwitzig ist, ohne sich auf die Pointen draufzusetzen, und umso bet\u00f6render, je tiefer er sich in die irrwitzigsten Gedankenspiele hineinschraubt. Er l\u00e4\u00dft die Distanz zwischen Sprache und Gedanken schrumpfen, dass die sich daraus ergebende Transparenz des Verfahrens es erlaubt, dass sich die Unterschiede zwischen Gattungen aufheben<em>. <\/em>Seine ruhige Stimme verleiht dem Text eine bitter n\u00f6tige, beil\u00e4ufige Eleganz. Man kann ein Kompositum wie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25468\"><i>Dichterloh<\/i><\/a> als Polyphonie h\u00f6ren, eine Art Wortkonzert, ein auf\u2013 und abschwellender Klagegesang \u00fcber den Verlust des Individuums. Es geht um Stimmen, ein Spachspiel, das in einen Sprechspiel \u00fcbergeht, ein Aus-Atmen, das zu einem\u00a0Aus\u2013Sprechen wird, das die Kulturgeschichte von Klang und Ton gleichsam mitatmet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"center\"><strong>Pr\u00e6gnarien<\/strong>, H\u00f6rbuch von Philipp Bracht, Frank Michaelis und A.J. Weigoni. Eine limitierte Auflage von 50 Exemplaren ist versehen mit einem Original von Haimo Hieronymus. Edition Das Labor, M\u00fchleim an der Ruhr 2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"center\"><strong>Gedichte<\/strong>, H\u00f6rbuch von A.J. Weigoni mit den lyrischen Gesamtaufnahmen, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2015<\/p>\n<div id=\"attachment_98422\" style=\"width: 197px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98422\" class=\"wp-image-98422 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Gedichte_Cover-187x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"187\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-98422\" class=\"wp-caption-text\">Coverphoto: Leonard Billeke<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>H\u00f6rproben \u2192 <\/strong>Probeh\u00f6ren kann man die <em>Pr\u00e6gnarien<\/em> auf <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/clips\/prae_last7.mp3\">MetaPhon<\/a>. Ein Video von Frank Michaelis und A.J. Weigoni <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=_xE7BPCey68\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0\u2192 <\/strong>Lesen Sie auch die W\u00fcrdigung von Jens Pacholsky: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16348\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" data-cke-saved-href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16348\">H\u00f6rb\u00fccher sind die herausgestreckte Zunge des Medienzeitalters<\/a>.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192\u00a0<\/strong>Jeder Band aus dem <em>Schuber<\/em> von A.J. Weigoni ist ein Sammlerobjekt. Und jedes Titelbild ein Kunstwerk. KUNO fa\u00dft die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42570\">Stimmen<\/a> zu dieser verlegerischen Gro\u00dftat zusammen. Last but not least: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25524\"><em>VerDichtung \u2013 \u00dcber das Verfertigen von Poesie<\/em><\/a>, ein Essay von A.J. Weigoni in dem er dichtungstheoretisch die poetologischen Grunds\u00e4tze seines Schaffens beschreibt.<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion:\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den wichtigsten identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, weiteres in unserer poetologischen Positionsbestimmung. Seit 2000 wird jedes Jahr der Welttag der Poesie gefeiert. 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