{"id":41433,"date":"2017-03-21T12:00:11","date_gmt":"2017-03-21T11:00:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41433"},"modified":"2022-10-10T09:31:08","modified_gmt":"2022-10-10T07:31:08","slug":"die-bedeutung-muendlicher-traditionen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/21\/die-bedeutung-muendlicher-traditionen\/","title":{"rendered":"Die Bedeutung m\u00fcndlicher Traditionen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\">Vorbemerkung der Redaktion:<\/span> Seit 2000 wird jedes Jahr der <em>Welttag der Poesie<\/em> gefeiert. Er soll an \u201edie Vielfalt des Kulturguts Sprache und an die Bedeutung m\u00fcndlicher Traditionen erinnern\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Was also w\u00e4re \u201eDie ideale Lesung\u201c ?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWirklich herausragende Performerinnen und Performer, die der Lesung \u2013 wohlgemerkt unter Verzicht auf ein kompensatorisch kunstreligi\u00f6ses Autorit\u00e4tskonstrukt &#8211; neue Konturen geben und neue Facetten abgewinnen wollen, l\u00e4sst die vorliegende Auswahl schmerzlich vermissen. Es fehlen reflektierte Stimmen der Vortragskunst wie Tom Bresemann, Ann Cotten, Crauss, Christian Filips, Mara Genschel, J\u00fcrg Halter, Thomas Havlik, Martina Hefter (und das <a href=\"http:\/\/www.poetenladen.de\/jan-kuhlbrodt-pik7.htm\">Kollektiv \u00abPIK7\u00bb<\/a>), Maren Kames, Simone Kornappel, Norbert Lange, Michael Lentz, Z\u00e9 do Rock, Valeri Scherstjanoi, Ulrike Almut Sandig, Walter Fabian Schmid, Julia Trompeter, Anja Utler, Andrascz Jaromir Weigoni, um nur die erzpoetischen unter den gewieft ideenreichen Impulsgeberinnen und Impulsgebern zu nennen, die die Dichterlesung intermedial wie interdisziplin\u00e4r mit anderen K\u00fcnsten in Verbindung bringen, ohne dabei Stimme oder Schrift jeweils als ein Primat zu konstruieren\u201c, schrieb Konstantin Ames zum Buch &#8222;Die ideale Lesung&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Sprechen ist immer zitieren.<\/em><\/span><\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Sophokles<\/span><\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sprechen ist immer auch Rezitieren. Man h\u00f6rt auf <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=63\">Gedichte<\/a> die Entschlossenheit zur Deklamationskunst. Deser Rezitator ist ein Lautsch\u00f6pfer und Sprachbastler, er bringt die Buchstaben in eine neue Un-Ordnung und die Bedeutungen zum Schwirren. Es kobolzen Vokale ins Mikrophon, stets aufs Neue jongliert er mit Lettern, Silben, W\u00f6rtern und S\u00e4tzen. Seine Stimmbildung hat Weigoni als reine Physik verstanden, da wurden Muskeln trainiert &#8211; seine Stimmb\u00e4nder &#8211; und es ging ihm um Physiologie und Raumakustik; er vergleicht die solcherart geschulte Stimme mit dem Resonanzk\u00f6rper eines Instruments. Diese stilisierte Alltagssprache macht den Unterschied zum privaten Sprechen, in den Gedankenimpulsen, die sich den Zuh\u00f6rer \u00fcber die Prosodie vermitteln, also \u00fcber Rhythmus, Melodie oder Sprechgeschwindigkeit, es ist ein Gedanken verdichtendes, zielgerichtetes Sprechen in normaler Sprache. Weigoni benutzt Wortspiele und ungew\u00f6hnliche Wortkombinationen, er verfremdet das Sprachmaterial, indem er phonetisch notiert oder einzelne Silben lautmalerisch wiederholt. Er stellt die Lyrik nicht lautlich aus, um <em>sch\u00f6nes<\/em> Sprechen geht es ihm dabei nicht. Um Verst\u00e4ndlichkeit schon.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Als <em>geformte Performance<\/em> bezeichnete Thomas Kling das H\u00f6rbuch, hier trenne sich <em>kurz und schmerzlos<\/em> die Spreu vom Weizen. Deshalb solle den Mund halten, <em>wer nicht \u2018vorlesen\u2019 kann, oder zu faul zum \u00dcben ist<\/em>.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Michael Opitz<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der <i>Sprechsteller<\/i> Weigoni hat beim Schreiben das H\u00f6ren im Blick und beim Sprechen das Auge im Ohr. Der Modus des Sprechens wird zu einer Operation, die die Sprache als Werkzeug nutzt, seine Gedichte verlangen nach wachen Rezipienten und goutieren sie folgerichtig. Wir h\u00f6ren die Essenz, nicht den Effekt. Dieser VerDichter ist ein Meister der Wortsch\u00f6pfung, der es versteht, die Phraseologie des Alltags subversiv aufzuladen, auf eine Art, die sprachwitzig ist, ohne sich auf die Pointen draufzusetzen, und umso bet\u00f6render, je tiefer er sich in die irrwitzigsten Gedankenspiele hineinschraubt. Er l\u00e4\u00dft die Distanz zwischen Sprache und Gedanken schrumpfen, dass die sich daraus ergebende Transparenz des Verfahrens es erlaubt, dass sich die Unterschiede zwischen Gattungen aufheben<em>. <\/em>Seine ruhige Stimme verleiht dem Text eine bitter n\u00f6tige, beil\u00e4ufige Eleganz. Man kann ein Kompositum wie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25468\"><i>Dichterloh<\/i><\/a> als Polyphonie h\u00f6ren, eine Art Wortkonzert, ein auf- und abschwellender Klagegesang \u00fcber den Verlust des Individuums. Es geht um Stimmen, ein Spachspiel, das in einen Sprechspiel \u00fcbergeht, ein Aus-Atmen, das zu einem Aus-Sprechen wird, das die Kulturgeschichte von Klang und Ton gleichsam mitatmet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die ideale Lesung<\/strong>. Hrsg. von Klaus Siblewski und Hans-Josef Ortheil. Mainz (Dieterich\u2019sche Verlagsbuchhandlung) 2017.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_102347\" style=\"width: 307px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-102347\" class=\"wp-image-102347 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/WeigoniPerform-297x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"297\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-102347\" class=\"wp-caption-text\">A.J. Weigoni, Photo: Thomas Suder<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong> Eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/02\/03\/bartleby\/\">Polemik<\/a> von A.J. Weigoni \u00fcber den Sinn einer Lesung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Lesung als Transportmittel, ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> von Angelika Janz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>H\u00f6rproben <\/strong><strong>\u2192<\/strong> Probeh\u00f6ren kann man die <em>Pr\u00e6gnarien<\/em> auf <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/clips\/prae_last7.mp3\">MetaPhon<\/a>. Ein Video von Frank Michaelis und A.J. Weigoni <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=_xE7BPCey68\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong> Lesen Sie auch die W\u00fcrdigung von Jens Pacholsky: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16348\" data-cke-saved-href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16348\">H\u00f6rb\u00fccher sind die herausgestreckte Zunge des Medienzeitalters<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion: Seit 2000 wird jedes Jahr der Welttag der Poesie gefeiert. Er soll an \u201edie Vielfalt des Kulturguts Sprache und an die Bedeutung m\u00fcndlicher Traditionen erinnern\u201c. Was also w\u00e4re \u201eDie ideale Lesung\u201c ? \u201eWirklich herausragende Performerinnen und Performer,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/21\/die-bedeutung-muendlicher-traditionen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":102347,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628,1007,3767,36,2453,38,2429,3766,144,35],"class_list":["post-41433","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni","tag-bibiana-heimes","tag-hans-josef-ortheil","tag-ioona-rauschan","tag-klaus-siblewski","tag-marina-rother","tag-michael-opitz","tag-sophokles","tag-thomas-kling","tag-tom-tager"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41433","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=41433"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41433\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104088,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41433\/revisions\/104088"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/102347"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=41433"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=41433"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=41433"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}