{"id":41231,"date":"2022-11-09T00:01:51","date_gmt":"2022-11-08T23:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41231"},"modified":"2022-02-24T18:02:59","modified_gmt":"2022-02-24T17:02:59","slug":"baumaterial-fuer-die-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/11\/09\/baumaterial-fuer-die-zukunft\/","title":{"rendered":"Vergangenheit als Baumaterial f\u00fcr die Zukunft"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Welche M\u00e4chte haben heute die Deutungshoheit \u00fcber die Geschichte \u2013 und welche Geschichten bleiben unerz\u00e4hlt?<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinem Erinnerungskursroman stellte A. J. Weigoni die Welt auf die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35771\"><em>Verg\u00e4nglichkeitsprobe<\/em><\/a>. Zwischen November 1989 und M\u00e4rz 1990 komprimiert sich deutsche Geschichte unter dem Druck der Ereignisse. Dieser Romancier verdichtete Realit\u00e4tsfragmente zu Poesie. Er artikulierte in diesem Roman ein nicht\u00adpropagandistisches Sprechen, eine Erinnerungs- und Beschreibungssprache, die sich abhebt von dem, was man \u00fcber die sogenannte <em>Wiedervereinigung<\/em> lesen mu\u00dfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Weigoni ist Architektur eine Metapher f\u00fcr die Literatur: Auch Prosa ist ein Geb\u00e4ude, und man mu\u00df teilen k\u00f6nnen, um sie so konstruieren zu k\u00f6nnen, da\u00df sie zug\u00e4nglich sind. \u201cDer retrospektive Charakter der Erinnerung setzt erst ein, wenn die Erfahrung, auf die sie sich bezieht, abgeschlossen im R\u00fccken liegt\u201d, wie die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann in einer Studie zu den Formen und Wandlungen des kulturellen Ged\u00e4chtnisses festgestellt hat. Geschichtsbewusstsein ist ein Wort, das nach Schule riecht. Aber die Tatsache, da\u00df man sich der eigenen Geschichte, des Landes und der Zusammenh\u00e4nge, in denen man steckt, bewusst ist, ist ein zentrales Moment f\u00fcr die Ausbildung eines Bewu\u00dftseins. Weigonis kultur-arch\u00e4ologische Spurensuche macht dem Leser Einzelteile der deutsch-deutschen Geschichte zug\u00e4nglich, die unbemerkt unter den Teppich der Bew\u00e4ltigung gekehrt wurden. Jene, die erz\u00e4hlen k\u00f6nnen, die das erlebt haben, sind in der Pflicht, das zu \u00fcberliefern. Dieser Prozess ist aber durch die Schnelllebigkeit unserer Zeit und dadurch, da\u00df man sich dem Alter gegen\u00fcber herablassend verh\u00e4lt, ins Stocken geraten. Weigonis <em>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/em> ist auch ein entschlo\u00dfener Versuch, sich dagegen zu wehren. Der ideologische Firnis l\u00f6st sich ab. Wir sehen Hoffnung, Entt\u00e4uschung, D\u00fcnkel, Verstrickung, Scheitern \u2013 und sind ern\u00fcchtert. Uaufgeregt und sprachlich pointiert vermittelt er im besten Sinne \u00e4sthetische und moralische Bildung; diesem Romancier gelingt eine Verm\u00e4hlung aus Romanstoff, Historie und Lebenswelt, die in Deutschland bisher undenkbar ist. Der optimistische Dialektiker w\u00fcrde sagen: Zum Gl\u00fcck.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=506\"><em>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/em><\/a> z\u00e4hlt neben dem von Alexander Kluge oder Uwe Johnson, zu den gro\u00dfen poetischen Gestaltungen deutscher Zeitgeschichte, in lyrischer und epischer Form.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Leser wird von Weigoni als Homme de Lettres geachtet und nicht zum blo\u00dfen Buchabnehmer degradiert, dem marktschreierisch die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen aus den Bestsellerlisten aufgeschw\u00e4tzt werden. Das Wort \u201eVerbraucher\u201c, das von den renditefixierten Buchhandelskonzernen gerne benutzt wird, verr\u00e4t mehr, als diesen Event-Vermarktern lieb sein kann: Gute Literatur verbraucht sich nicht \u201ezu verkaufen\u201c, der gebildete Leser schert sich um kein Verfallsdatum, daher darf man ihm auch eine Anstrengung zumuten. Es ist nicht einzusehen, da\u00df der Roman <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24412\">Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/a><\/em>, an dem Weigoni 25 Jahre lang gearbeitet hat, schon nach einer Buchsaison auf den Grabbeltischen des modernen Antiquariats landet. Der herabgesetzte Preis eines Werkes geht schlie\u00dflich immer auch mit der Herabw\u00fcrdigung seines Verfassers einher: nur die verkaufte Auflagenzahl, nicht aber die Qualit\u00e4t seiner Arbeit wird hier bewertet. Einen Schriftsteller wie Weigoni als ein Glied in der Wertsch\u00f6pfungskette zu erachten, verfehlt das Wesen von Literatur. Wenn das intellektuelle Niveau steigt, sinkt bekanntlich der Marktwert, weil sich das Leserpotenzial verringert. Wer also gehobenen Anspr\u00fcchen gerecht werden will, muss Literatur als etwas H\u00f6heres begreifen und nicht blo\u00df als Handelsware. Autoren, die keine Massenauflage erreichen k\u00f6nnen, m\u00fcssen eben finanziell gest\u00fctzt, Kleinverlage wie die Edition Das Labor, die den Mut haben, solche schwierigen B\u00fccher zu drucken, gef\u00f6rdert werden. Denn sie schaffen ein ideelles Kulturgut, das sich f\u00fcr die Gesellschaft in vielerlei Hinsicht auszahlt, wenn auch nicht zwingend in barer M\u00fcnze.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Erinnerungsdiskursroman <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24412\"><em>Abgeschlossenes Sammelgebiet <\/em><\/a>ist ein zeitloses Buch \u00fcber ein paar Tage, die au\u00dferhalb der Zeit liegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/strong>, Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2014 \u2013 Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover<\/p>\n<div id=\"attachment_98410\" style=\"width: 204px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98410\" class=\"wp-image-98410 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/RomanCoverMotiv-e1645710376253.jpg\" alt=\"\" width=\"194\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-98410\" class=\"wp-caption-text\">Postwertzeichen erschienen zum 20. Jahrestag der DDR. Entwertet am 9. November 1989<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Zur historischen Abfolge, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25344\">Einf\u00fchrung<\/a>.\u00a0Eine Rezension von Jo Wei\u00df findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24394\">hier<\/a>. Einen Essay von Regine M\u00fcller lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24412\">hier<\/a>. Beim <em>vordenker<\/em> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/10\/09\/lebensabschnittsgefaehrten\/\">entdeckt<\/a> Constanze Schmidt in diesem Roman einen Dreiklang. Auf <span data-offset-key=\"cphj4-0-0\">der vom Netz gegangenen<\/span> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/26\/parallelfuehrung-der-liebesverhaeltnisse\/\">Fixpoetry<\/a> arbeitet Margretha Schnarhelt einen Vergleich zwischen A.J. Weigoni und Haruki Murakami heraus. Eine weitere Parallele zu <em>Jahrestage<\/em> von Uwe Johnson wird <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24922\">hier<\/a> gezogen. Die Dualit\u00e4t des Erscheinens mit Lutz Seilers \u201cKruso\u201d wird <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26315\">hier<\/a> thematisiert. In der Neuen Rheinischen Zeitung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/13\/liebe-sinnlich-ideologisch\/\">w\u00fcrdigt<\/a> Karl Feldkamp wie A.J. Weigoni in seinem ersten Roman den Leser zu Hochgenuss verf\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welche M\u00e4chte haben heute die Deutungshoheit \u00fcber die Geschichte \u2013 und welche Geschichten bleiben unerz\u00e4hlt? In seinem Erinnerungskursroman stellte A. J. Weigoni die Welt auf die Verg\u00e4nglichkeitsprobe. Zwischen November 1989 und M\u00e4rz 1990 komprimiert sich deutsche Geschichte unter dem Druck&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/11\/09\/baumaterial-fuer-die-zukunft\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":98410,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628],"class_list":["post-41231","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41231","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=41231"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41231\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100321,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41231\/revisions\/100321"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98410"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=41231"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=41231"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=41231"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}