{"id":41146,"date":"2018-05-11T00:01:28","date_gmt":"2018-05-10T22:01:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41146"},"modified":"2022-03-01T18:05:53","modified_gmt":"2022-03-01T17:05:53","slug":"revolutionsheikus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/05\/11\/revolutionsheikus\/","title":{"rendered":"Revolutionsheikus"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-weight: normal;\">Die aus dem Zeitraum von 2009 bis 2016 stammenden Gedichte des ukrainischen Lyrikers und Publizisten zeichnen sich durch Gedankeng\u00e4nge aus, die ungeachtet ihrer vielschichtigen Visionen keine L\u00f6sungen anbieten. Vielmehr verlieren die Figuren bei der Suche nach irgendwelchen sinntr\u00e4chtigen Zielen ihre Orientierung, \u00fcberlassen sie oft der Natur in der Gestalt von vertrauten Haustieren oder sanften, einst wilden Tieren. Fast in jedem lyrischen Text aus den Jahren 2012 bis 2016 tauchen Pferde, Hunde, M\u00f6wen, W\u00f6lfe, M\u00e4use, Amseln, Wespen, F\u00fcchse, Nachtv\u00f6gel auf. Es sind \u201eviele Tiere, die uns besch\u00fctzen\u201c, wie das lyrische Ich, gleichsam Schutz vor unsichtbaren und realen Gefahren suchend, es bekennt. Auch die geschichtlichen Dimensionen verlieren sich beim Versuch, die Erinnerung an Kindheit zu beleben. \u201eIch bin ein bisschen verroht auf diesem endlosen Weg\u201c, so beklagt sich das konturenlose Ich. Selbst die alttestamentlichen Visionen verblassen angesichts der trostlosen Gegenwart. Auch die Liebe \u201everspricht nichts, rechtfertigt nichts, \/ erzwingt nichts, bezeugt nichts.\u201c<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Je l\u00e4nger der Leser auf der Suche nach den verschwundenen, gl\u00fccksverhei\u00dfenden Visionen auf das verblassende Gem\u00e4lde der Welt schaut, auf dem sich Vergangenheit und Zukunft aufl\u00f6sen, desto vager zeichnen sich die Konturen einer Gegenwart ab, die von der Aufl\u00f6sung gesellschaftlicher Strukturen und von Krieg gepr\u00e4gt sind. Darauf verweist auch die \u00dcbersetzerin Claudia Dathe in ihren abschlie\u00dfenden Notizen \u201eLichtritzen\u201c zu Leben und Werk von Ostap Slyvynsky. Die komplizierte gesellschaftliche Situation in der Ukraine zwischen der Maidan-Revolution 2014 und dem folgenden Krieg in der Ostukraine, das aufopferungsreiche Ringen um Demokratisierung, die wachsende Resignation der Bev\u00f6lkerung \u2013 alle diese Faktoren lasteten auf diesem nach 1991 entstandenen Staat, der zwischen der EU und dem Expansionswillen des russischen Nachbarn um seine Existenz k\u00e4mpft. Und in dem Lyriker und B\u00fcrgerrechtler Ostap Slyvynsky einen engagierten Unterst\u00fctzer findet. In seinem letzten Gedicht, das den Titel \u201eLauffeuer\u201c tr\u00e4gt, bringt er es in einer mit Metaphern aufgeladenen Situationsbeschreibung unmissverst\u00e4ndlich zum Ausdruck: \u201eDas Feuer in dem verkohlten K\u00e4fig ist erloschen. Sein letzter Atemzug war gegen vier Uhr morgens, wenn die \/ Lebenden kaum an jene denken.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch markanter und verk\u00fcrzter geben die \u201eRevolutionsheikus\u201c (man beachte die ukrainisch-deutsche Schreibweise, obwohl die korrekte \u00dcbertragung aus dem Japanischen immer noch Haikus lautet), entstanden zwischen Dezember 2013 und Anfang Januar 2014, die revolution\u00e4re Stimmung auf dem Kiewer Maidan im Winter 2014 wieder. \u201cWenn uns blo\u00df keiner \/ aus unserem Leib aussiedelt \/wir bleiben standhaft.\u201c Das ist auf den Punkt gebrachte Revolutionslyrik, die m\u00f6glicherweise in Westeuropa in den n\u00e4chsten Jahren wieder entstehen wird. Der ironische Titel des Gedichtbandes allerdings verweist auf den Wunsch, erst in 5000 Jahren wieder zu erwachen. Wenn eine demokratische Praxis wieder zum Leben erweckt worden ist? Ostap Slyvynsky warnt in seinen manchmal sehr verklausulierten Verszeilen vor einer solchen d\u00fcsteren Entwicklung, die nur gesamteurop\u00e4isch zu stoppen ist. H\u00f6chste Zeit also, der d\u00fcsteren Stimmung in der \u00e4ltesten literarischen Gattung wieder einen k\u00e4mpferisch-revolution\u00e4ren Pathos zu verleihen!<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<div><\/div>\n<div style=\"text-align: center;\">***<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p><strong>Im f\u00fcnften Jahrtausend erwachen<\/strong>. Gedichte aus den Jahren 2008 bis 2016 von Ostap Slyvynsky. Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe. Berlin (foto TAPETA) 2017<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Jahrtausend.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89328 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Jahrtausend-213x300.jpg\" alt=\"\" width=\"213\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Jahrtausend-213x300.jpg 213w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Jahrtausend-260x366.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Jahrtausend-160x226.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Jahrtausend.jpg 298w\" sizes=\"auto, (max-width: 213px) 100vw, 213px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die aus dem Zeitraum von 2009 bis 2016 stammenden Gedichte des ukrainischen Lyrikers und Publizisten zeichnen sich durch Gedankeng\u00e4nge aus, die ungeachtet ihrer vielschichtigen Visionen keine L\u00f6sungen anbieten. 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