{"id":40901,"date":"2007-11-15T00:01:00","date_gmt":"2007-11-14T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40901"},"modified":"2021-11-01T05:55:42","modified_gmt":"2021-11-01T04:55:42","slug":"der-garten-der-geschwister-iv","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/11\/15\/der-garten-der-geschwister-iv\/","title":{"rendered":"Der Garten der Geschwister IV"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gloria zog ihren Mantel an und machte sich daran, Richard im Garten zu suchen. Sie fand ihn vor dem Schuppen, ein Bein angewinkelt, mit dem R\u00fccken gegen die Wand gelehnt. Er rauchte. Irgendwann w\u00fcrde ihn das Rauchen umbringen. Aber das war jetzt nicht ihre Sorge. \u2028- Wo warst du? fragte sie.\u2028- Spazieren.\u2028- Das ist nicht dein Ernst!\u2028- Doch. Es ist sch\u00f6n hier.\u2028Richard wandte ihr das Gesicht zu und l\u00e4chelte.\u2028- Mir gef\u00e4llt diese Gegend hier, nichts als W\u00e4lder und Wiesen. \u2028H\u00e4tte sie ihn nicht so gut gekannt, h\u00e4tte sie gedacht, er sagte das blo\u00df, um sie zu provozieren. Aber er liebte das Land, die Natur, vor allem wenn es einsam war, und es war ihm egal, in welcher prek\u00e4ren Situation sie sich befanden, er konnte das schlicht und einfach vergessen. Das machte sie w\u00fctend. Bevor sie sich entscheiden konnte, ob sie sich mit ihm dar\u00fcber streiten oder es besser bleiben lassen sollte, vernahm sie die Stimme des Jungen. \u2028- Hallo, tut mir leid, dass ihr warten musstet.\u2028Gloria drehte sich um. \u2028- Ich bin Phillip. \u2028Der Junge kam aus dem Haus auf sie zu, zwei Schritte vor ihnen blieb er stehen, die Schultern leicht hochgezogen, die H\u00e4nde so tief in die Hosentaschen gesteckt, als hielte er sich darin fest. \u2028- Clarissa hat mir gesagt, dass ihr eine Autopanne habt, was kann ich f\u00fcr euch tun?\u2028Sein Blick schwamm zwischen Richard und Gloria hin und her wie ein zappeliger Fisch. Das Haar des Jungen war schulterlang und von einem dunkleren Blond, als das seiner Schwester. Er war fast gleich gro\u00df wie Clarissa, aber d\u00fcnner und zarter in seinem K\u00f6rperbau. Sie sahen einander nicht direkt \u00e4hnlich, und doch erkannte man in der Form ihres Gesichtes, im Schnitt ihrer Augen, dass sie aus einer Familie stammten. Er war eindeutig j\u00fcnger als Clarissa, nicht viel, zwei Jahre vielleicht. Und doch im Vergleich zu Clarissa, die von ihrem Aussehen und der Art, wie sie sich gab, fast erwachsen wirkte, erschien er noch wie ein Kind.\u2028- Unser Tank ist leer. Wir brauchen Benzin, sagte Richard.\u2028- Benzin? \u2028Der Junge hob die Stimme ein wenig an. Vielleicht war es ein Ausdruck von Belustigung, vielleicht auch nur Ausdruck der Verwunderung \u00fcber ihre Nachl\u00e4ssigkeit. Er sch\u00fcttelte entschieden den Kopf.\u2028- Daf\u00fcr ist es heute zu sp\u00e4t. Ich muss mich jetzt um die Tauben k\u00fcmmern. Morgen dann. \u2028- Morgen? fragte Gloria fassungslos.\u2028- Ja. \u2028- Aber das ist unm\u00f6glich, das geht nicht! sagte sie.\u2028Der Junge zuckte mit den Schultern.\u2028- Ihr k\u00f6nnt hier \u00fcbernachten, wenn ihr wollt.\u2028Richard schnippte den Rest seiner Zigarette zu Boden. \u2028- Ja. Warum eigentlich nicht! \u2028Der Vorschlag schien ihm zu gefallen. \u2028- Wird es euren Eltern recht sein? fragte er den Jungen.\u2028- Ja sicher. Das geht schon in Ordnung.\u2028- Aber das k\u00f6nnen wir nicht tun, wir m\u00fcssen heute noch weiter, widersprach Gloria. Sie sp\u00fcrte wie ein halber Tag des Wartens sich in Nichts aufl\u00f6ste.\u2028Richard legte seine H\u00e4nde auf ihre Schultern.\u2028- Ich habe letzte Nacht kein Auge zugemacht. Ich muss ein bisschen schlafen.\u2028Der Druck seiner Finger ging ihr unter die Haut. \u2028- Bitte Gloria!\u2028Seine Stimme war so sanft wie das Streicheln seiner H\u00e4nde, die an ihren Armen herabglitten. Sie sah, dass er m\u00fcde war, sah die Ersch\u00f6pfung auf seinem Gesicht. Seine Augen waren schmal und leicht ger\u00f6tet, dar\u00fcber konnte selbst das wirbelnde Blau seiner Iris nicht hinwegt\u00e4uschen. Sie schwieg. Richard erwartete ohnehin nicht, dass sie zustimmte, er setzte es voraus.\u2028-\u00a0 Ich hole noch unsere Sachen aus dem Auto, sagte er.\u2028Gloria blickte ihm nach, wie er den Weg zum Auto einschlug. Sie erinnerte sich nicht daran, wann sie aufgeh\u00f6rt hatte, ihm zu trauen. Der Garten begann im Schatten des sp\u00e4ten Nachmittags zu erstarren. Es war schlagartig k\u00fchl geworden. Die Fr\u00fchlingsw\u00e4rme des Tages war zu d\u00fcnn und fl\u00fcchtig gewesen, als dass sie es vermocht h\u00e4tte, sich nachhaltig gegen die Jahreszeit durchzusetzen. Die K\u00e4lte durchdrang ihre Haut, ihr Fleisch. Sie war zu leicht angezogen. Die Uniformbluse der Versicherungsgesellschaft war gut f\u00fcr \u00fcberheizte B\u00fcror\u00e4ume. Sie wickelte sich in ihren Mantel. Aber auch der pflaumenblaue Wollstoff w\u00e4rmte nicht ausreichend gegen die K\u00e4lte, die von au\u00dfen wie von innen kam. Richard hatte ihr diesen Mantel gekauft. Er liebte die Farbe Blau, weil sie gut zu seinen Augen passte, und er mochte die toten Farben nicht, die Gloria gerne trug. Er fand, sie standen ihr nicht, machten sie blass und unscheinbar. Er hatte recht, Gloria konnte es selbst sehen, wenn sie sich im Spiegel betrachtete. Und trotzdem liebte sie diese Farben, das sandige Beige, das steinerne Grau, das erdige Braun, das stumpfe Rostrot, das ged\u00e4mpfte Ziegelorange, sie geh\u00f6rten zu ihr. Sie hatte sie immer getragen. Fr\u00fcher hatte ihre helle Haut, ihre haselnussbraunen Augen, ihr blondes Haar perfekt damit \u00fcbereingestimmt und waren leuchtend zur Geltung gekommen. Heute verschwand sie in diesen Farben, ohne Konturen, ohne Kontraste. Trotzdem griff sie beim Kleiderkauf stets zu einer lehmfarbenen Bluse, einem kamelbraunen Rock, einem eierschalfarbenen Schal. Das strahlende Blau, das leuchtende Rot, das schillernde Gr\u00fcn geh\u00f6rten anderen. Sie waren ihr zu laut, zu fordernd, auch wenn sie die stumpfe Bl\u00e4sse ihrer Haut und ihres Haares zu einem verzweifelten Leben erweckten, das reizvoll erscheinen mochte. Sie konnte den Mantel nicht sonderlich leiden. Sie trug ihn Richard zuliebe. \u2028- Willst du meine Tauben sehen? fragte der Junge. \u2028- Ich mache mir nichts aus Tauben.\u2028- Aber ich m\u00f6chte sie dir gerne zeigen.\u2028- Warum?\u2028- Nur so.\u2028Er l\u00e4chelte auf berechnende Weise scheu und liebensw\u00fcrdig.\u2028- Komm mit! Sie werden dir gefallen.\u2028Gloria wollte die Tauben nicht sehen. Die Tauben am allerwenigsten. Aber sie wollte auch nicht hier im Garten herumstehen, oder in der K\u00fcche sitzen. Das einzige, was sie sich w\u00fcnschte, war von hier fort zu kommen. Und daran war f\u00fcrs Erste ohnehin nicht zu denken. Der Junge stand da und wartete. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, ihr die Tauben zu zeigen. Sie verstand nicht viel von Kindern, aber sie verstand, wenn jemand etwas von ihr wollte. Und sie wusste nicht recht, wie sie sich dagegen verwehren sollte.\u2028- Gut, sagte sie also, gehen wir. \u2028Sie folgte ihm ins Haus, die Treppe hinauf in das erste Stockwerk. Das dunkel gebeizte alte Holz knirschte unter ihren Schritten. Es roch nach Moder und altem Mauerwerk. Ein Geruch, der wie ein feiner Schleier \u00fcber dem ganzen Haus lag. Oben angelangt f\u00fchrte Phillip sie \u00fcber den Flur.\u2028- Das ist mein Zimmer, sagte er im Vorbeigehen auf eine geschlossene T\u00fcr weisend.\u2028- Und das daneben geh\u00f6rt Clarissa.\u2028Zwischen den beiden nebeneinander liegenden Zimmern hing an der Wand ein schwerer, rostbrauner Vorhang aus einem steifen, festen Stoff. Phillip schob ihn zur Seite. Dahinter lag eine mit Tapeten verkleidete Feuert\u00fcr aus Eisen. Er \u00f6ffnete die T\u00fcr, und \u00fcber eine schwindelerregend steile und schmale Wendeltreppe kletterten sie auf den Dachboden. Beim Ger\u00e4usch ihrer Schritte flatterte Unruhe in den Taubenschl\u00e4gen auf. Es war dunkel, das sp\u00e4rliche Licht der einsetzenden Abendd\u00e4mmerung, das durch die Dachluke fiel, versickerte in der D\u00fcsterkeit des Raumes. Gloria konnte die V\u00f6gel nicht sehen, h\u00f6rte nur das aufgeregte Gurren. Es stank nach Tieren und Pisse, sie hielt den Atem an. Phillip tastete nach dem Lichtschalter. Ein d\u00fcnnes, rosiges Licht glomm auf. \u2028- Das sind sie, sagte er stolz. \u2028Gloria war \u00fcberrascht. Sie hatte erwartet, dass der Junge eine besondere Art von Zuchttauben oder Brieftauben hielt. Das was sie hier jedoch sah, war nichts anderes als ein Dutzend ganz gew\u00f6hnlicher Tauben. \u2028- Es sind Wildtauben, erkl\u00e4rte er, als h\u00e4tte er ihre Gedanken erraten, ich habe sie selbst gefangen.\u2028- Wie kann man Tauben fangen?. \u2028- Es gibt da verschiene Methoden. Aber meistens fange ich sie mit dem Netz. Ich spanne das Netz \u00fcber eine Vorrichtung, die ich extra daf\u00fcr gebaut habe, und lege darunter Futter als K\u00f6der aus. Wenn sie kommen und fressen, peng, f\u00e4llt das Netz auf sie herunter, und ich habe sie.\u2028- Und das klappt? Sie entwischen dir nicht?\u2028- Doch. Oft. Sehr oft sogar. \u2028Wenn er lachte ging eine kleine Sonne auf in seinem Gesicht. Gloria f\u00fchlte sich in seiner Gegenwart weniger befangen, als in Clarissas Gegenwart. \u2028- Man muss Geduld haben. Dann hat man auch hin und wieder Gl\u00fcck, sagte er.\u2028Er entriegelte die Versperrung\u00a0 des ersten Verschlages, \u00f6ffnete die Gittert\u00fcr einen Spalt breit und schob seine Hand hinein. Die V\u00f6gel gerieten in Bewegung, sie h\u00fcpften und flatterten durcheinander. Ein paar Tauben dr\u00e4ngten sich im hinteren Teil des K\u00e4figs zusammen, die anderen, Neugierigen und Mutigen wagten sich weiter nach vorne. Eine gro\u00dfe, braune Taube hackte mit dem Schnabel nach Phillips Hand. Kein Laut des Schmerzes oder der \u00dcberraschung kam \u00fcber seine Lippen. Er zog auch die Hand nicht fort, sprach nur beruhigend auf das Tier ein. Die Taube jedoch pickte weiter wie besessen auf ihn hin. Blut tropfte von seinen Fingern und seinem Handr\u00fccken, als er die Futtersch\u00fcssel und die Wassersch\u00fcssel aus dem Verschlag herausnahm.\u2028- Sie ist ziemlich aggressiv, bemerkte Gloria. \u2028Er riss einen langen Streifen von eine Rolle Toilettepapier ab und wickelte ihn um seine Hand.\u2028- Sie ist ein Er. Und er verteidigt nur sein Revier, erkl\u00e4rte er ihr.\u2028Er riss noch ein St\u00fcck Toilettepapier von der Rolle ab und wischte die Sch\u00fcsseln sauber. Auch aus dem zweiten K\u00e4fig holte er die Sch\u00fcsseln heraus. Nachdem er sie ges\u00e4ubert hatte, f\u00fcllte er aus zwei Jutes\u00e4cken verschiedene Arten von K\u00f6rner ein und schenkte Wasser aus einer Plastikflasche in die Tr\u00e4nken. \u2028- Und was machst du mit all diesen Tauben? fragte Gloria.\u2028- Das siehst du ja. Ich k\u00fcmmere mich um\u00a0 sie. Ich f\u00fcttere sie und halte sie sauber.\u2028- Das k\u00f6nnten sie in Freiheit auch selbst besorgen, entgegnete Gloria.\u2028Sie bedauerte sie nicht, weil sie eingesperrt waren, aber sie sah auch keinen Sinn darin, sich V\u00f6gel in K\u00e4figen zu halten.\u2028- Sicher. Aber ich kann sie hier beobachten und kennen lernen. Ich untersuche ihr Verhalten, ihre Angewohnheiten. Sie haben alle etwas gemeinsam, sie sind Tauben und verhalten sich wie Tauben, aber dar\u00fcber hinaus sind sie sehr verschieden. Jede von ihnen ist anders, jede hat ihren eigenen Charakter.\u2028- Aber warum gerade Tauben?\u2028- Weil sie leicht zu z\u00e4hmen sind. Sie haben weniger Scheu als andere wilde V\u00f6gel. Ich liebe die Tauben, und sie lieben mich.\u2028Glorias Blick wanderte unwillk\u00fcrlich zu der braunen Taube.\u2028- Ich hatte nicht den Eindruck, dass der da dich besonders liebt.\u2028Der Vogel trippelte in vorderster Reihe vor dem Gitter des K\u00e4figs auf und ab und behielt sie aus wechselnder Profilperspektive unabl\u00e4ssig wachsam im Auge.\u2028Phillip lachte.\u2028- Ich habe dir schon gesagt, er ist nicht b\u00f6se. Er ist blo\u00df der Chef da in seinem K\u00e4fig, und er will, dass das keiner vergisst. Er ist sch\u00f6n und stark und das wei\u00df er, das zeigt den anderen Tauben und mir. Er will einfach Eindruck schinden.\u2028- Trotzdem ist er mir nicht gerade sympathisch, sagte Gloria.\u2028In diesem Augenblick flog der Vogel auf, schlug mit den Fl\u00fcgeln krachend gegen das Gitter. Gloria wich erschrocken zur\u00fcck, stie\u00df mit den H\u00fcften an den Tisch, auf dem der Junge die Futtersch\u00fcsseln und Wassertr\u00e4nken abgestellt hatte. Das Wasser schwappte auf den Tisch und eine Futtersch\u00fcssel fiel klirrend zu Boden. Sie b\u00fcckte sich nach der Sch\u00fcssel, aber Phillip\u00a0 kam ihr zuvor.\u2028- Es tut mir Leid. Entschuldige.\u2028Sie hasste V\u00f6gel. Sie waren ihr unheimlich. Dem Jungen war ihre Furcht nicht entgangen.\u2028- Keine Angst, beruhigte er sie, er tut dir nichts. Er f\u00fcrchtet sich vor dir mehr als du vor ihm.\u2028- Ja, ich wei\u00df, erwiderte Gloria, er mag es blo\u00df nicht, wenn man schlecht von ihm spricht. Nicht wahr?\u2028Phillip grinste.\u2028- Siehst du, du hast schon dazu gelernt. \u2028- Darauf kann ich verzichten. Danke.\u2028Der Junge breitete die Arme aus.\u2028- Aber deshalb bist du doch hier.\u2028- Was meinst du damit?\u2028- Du bist hierher gekommen, um etwas zu lernen. Aber was es ist, wei\u00df ich nicht.\u2028- Du machst dich \u00fcber mich lustig!\u2028- Nein. Wirklich nicht. Ich schw\u00f6re es. Clarissa sagt, dass nichts zuf\u00e4llig geschieht, dass es immer einen Grund gibt, weshalb man an einen bestimmten Ort ist, oder einen bestimmten anderen Menschen trifft. Verstehst du?\u2028- Ja, sagte sie, zum Beispiel weil man Benzin braucht. Oder hast du das vergessen?\u2028- Nein, ich habe es nicht vergessen, antwortete er.\u2028Phillip f\u00fcllte das versch\u00fcttete Futter und Wasser nach und stellte Futtersch\u00fcsseln und Wassertr\u00e4nken in die K\u00e4fige zur\u00fcck. Z\u00e4rtlich sprach er auf die Tauben ein, lockte sie mit Futterst\u00fcckchen, streichelte ihre K\u00f6pfchen, ihr Gefieder. Auch der wilde T\u00e4uberich schien bes\u00e4nftigt. Mit kleinen, spitzen Schnabelhieben hatte er seine Nachbarn von der Futtersch\u00fcssel weggescheucht, und kostete nun seine \u00dcberlegenheit aus. Gloria traute ihm immer noch nicht, sie hoffte er w\u00fcrde blo\u00df nicht entkommen. \u2028- Sieh mal!\u2028Phillip schl\u00fcpfte behutsam seine Hand in den K\u00e4fig und zog eine zarte, wei\u00dfgraue Taube heraus.\u2028- Das ist Loretta, sagte er. \u2028Still und unbeweglich kauerte die Taube in seiner Hand. Nur der kleine, gew\u00f6lbte Brustkorb bebte im Takt ihres schnellen Herzschlages. Mit zwei Fingern liebkoste er ihren Hals. Das T\u00e4ubchen lie\u00df es sich gefallen, teilnahmslos, ohne Anzeichen von Wohlgefallen zu zeigen.\u2028- Sie ist meine Lieblingstaube. Ist sie nicht wundersch\u00f6n?\u2028Er hielt Gloria die Taube hin, wie eine Kostbarkeit. \u2028- Sie wirkt zumindest friedlich, sagte sie ausweichend.\u2028- Sie ist ein sanftes und kluges Gesch\u00f6pf. Ich habe sie vor zwei Jahren als Junges aus einem Nest geholt und aufgezogen. Deshalb ist sie so anh\u00e4nglich.\u2028Gloria fand, dass die Taube weniger anh\u00e4nglich als apathisch aussah. Aber sie verkniff sich die Bemerkung. Die Zuneigung der Tauben zu dem Jungen erschien ihr \u00e4u\u00dferst fragw\u00fcrdig, aber seine Liebe zu ihnen war echt, auch wenn sie grausam war. Er kramte ein St\u00fcck Wei\u00dfbrot aus seiner Hosentasche und hielt es der Taube hin.\u2028- Komm mein Kleines friss! Sieh mal, ich habe dir einen besonderen Leckerbissen mitgebracht. Nur f\u00fcr dich allein.\u2028Er murmelte leise, kosende Worte \u00fcber das K\u00f6pfchen der Taube, die so weich und flaumig in seiner Hand sa\u00df. Sie r\u00fchrte sich nicht, machte keinerlei Anstalten das Brot zu beachten, geschweige denn auch nur ein Kr\u00fcmelchen davon mit dem Schnabel herauszupicken.\u2028- Sie frisst seit einer Woche nicht, sagte Phillip bek\u00fcmmert, und ich habe noch nicht herausgefunden, was ihr fehlt.\u2028Vielleicht hatte sie ihr Leben einfach satt, dachte Gloria. Der Junge k\u00fcsste die Taube und setzte sie vorsichtig in den K\u00e4fig zur\u00fcck. Sie glitt von seiner Hand und humpelte ungelenk in eine Ecke des K\u00e4figs, in der sie sich niederlie\u00df. Sie lahmte auf einem Bein. Die anderen Tauben, die sich immer noch K\u00f6rner aufpickend um das Futter scharrten, beachteten sie nicht.\u2028- Ist sie verletzt? fragte Gloria.\u2028Obwohl sie V\u00f6gel nicht mochte, empfand sie einen Anflug von Mitleid mit diesem Tier. Die Taube tat ihr nicht unbedingt Leid, weil sie aus dem Nest geraubt worden war und in diesem d\u00fcsteren Dachbodenverschlag ihr Leben verbrachte, auch wenn Gloria sich nicht vorstellen konnte, dass ihr das gefiel. Sie tat ihr blo\u00df Leid, weil sie so ausgeschlossen war, in sich selbst abgeschlossen inmitten des gesch\u00e4ftigen Umtriebes ihrer Artgenossen.\u2028Phillip sch\u00fcttelte den Kopf.\u2028- Ich habe keine Wunde entdeckt, ich glaube auch nicht, dass ihr Bein gebrochen ist. Und auch wenn ihr Bein gebrochen w\u00e4re, w\u00fcrde sie fressen. Tauben sind z\u00e4h, die geben nicht so leicht auf.\u2028- Und wenn sie es doch tun? \u2028Er zuckte mit den Schultern.\u2028- Dann sind sie sehr krank, in dem Fall ist ihnen ohnehin nicht mehr zu helfen. \u2028Gloria sah, dass ihm die Vorstellung Kummer bereitete. Sie h\u00e4tte ihm gerne etwas Tr\u00f6stendes gesagt, aber es fiel ihr nichts ein, was sie ihm zu der kr\u00e4nkelnden Taube h\u00e4tte sagen k\u00f6nnen, weil es ihr gleichg\u00fcltig war, ob sie starb. Von ihr aus h\u00e4tten alle diese Tauben hier sofort tot umfallen k\u00f6nnen.\u2028- Sie wird schon wieder in Ordnung kommen, sagte sie lahm.\u2028Sie wusste nicht, ob er es ihr abnahm, oder ihre geheuchelte Anteilnahme durchschaute. Vielleicht entschied er sich auch nur, es f\u00fcr das zu nehmen, was es war, ein Bem\u00fchen nett zu sein.\u2028- Ja, sagte er, das hoffe ich. Bis jetzt ist mir erst eine Taube hier gestorben. Sie war schon krank als ich sie gefangen und hergebracht habe. Es ist mir nur nicht gleich aufgefallen. Aber die anderen Tauben haben es sofort bemerkt. Sie sp\u00fcren das Kranke und Schwache und sondern es aus. Sie haben ihr das Leben schwer gemacht. Eines Morgens lag sie tot im K\u00e4fig. Sie war nicht von selbst verendet, die andere haben sie umgebracht.\u2028- Wie scheu\u00dflich!\u2028- F\u00fcr uns ist es vielleicht scheu\u00dflich, aber nicht f\u00fcr sie. Es ist ihr Instinkt.\u2028Er streckte das Brotst\u00fcckchen, das er immer noch in der Hand hielt durch das Maschengitter des K\u00e4figs. Loretta beobachtete ihn still aus ihrem Winkel heraus, aber sie r\u00fchrte sich nicht von der Stelle. Eine andere Taube machte sich an dem Leckerbissen zu schaffen, zog ihn mit dem Schnabel durch die Maschen des Gitters hindurch, legte ihn sich zu F\u00fc\u00dfen und zerpfl\u00fcckte ihn. \u2028- Bist du jetzt entt\u00e4uscht? fragte Phillip.\u2028- Nein.\u2028- Doch du bist entt\u00e4uscht.\u2028- Nein, ich habe mir nichts Besseres erwartet.\u2028Sie dachte, dass es seltsam war, mit welchen Dingen sich Kinder in diesem Alter besch\u00e4ftigten. Auch ihr Bruder hatte, als sie Kinder waren, ein eigenartiges Interesse an Tieren gehabt. Er hatte alles m\u00f6gliche an Tieren gesammelt, Spinnen und K\u00e4fer, Fr\u00f6sche und M\u00e4use. Gloria hatte nie herausgefunden, was er mit ihnen angestellt hatte. Er hatte sie angeschleppt und in Gl\u00e4ser, Schachteln oder K\u00e4fige gesteckt. Nach einiger Zeit waren sie auch wieder verschwunden, eben so pl\u00f6tzlich wie sie aufgetaucht waren. Gloria hatte nie nachgeforscht was aus ihnen geworden ist. Und da war noch der Wellensittich gewesen, den ihr Bruder eines Tages nach Hause gebracht hatte. Jener Vogel, der sie bis heute in die Tiefe ihrer schlimmsten Tr\u00e4ume verfolgte. Sie empfand auf einmal das Gurren der Tauben, das Scharren ihrer Krallen, das Schlagen ihrer Fl\u00fcgel als unertr\u00e4glich. Sie musste es auf der Stelle loswerden, aus den Augen, den Ohren bekommen. \u2028- Ich brauche frische Luft, sagte Gloria.\u2028Sie wollte kein Wort mehr h\u00f6ren \u00fcber Tauben, deren Aufzucht und Verhaltensweisen. Es brachte sie auf schlechte Gedanken. Phillip sah zu ihr her\u00fcber als suchte er nach einer Erkl\u00e4rung f\u00fcr ihre pl\u00f6tzlich umgeschlagene Stimmung, aber sie hatte keine Lust irgendetwas zu erkl\u00e4ren.\u2028- Gut, sagte er, dann gehen wir. Ich bin hier fertig f\u00fcr heute.\u2028Er versicherte sich, dass die T\u00fcren der K\u00e4fige ordentlich geschlossen waren.\u2028- Die K\u00e4fige s\u00e4ubere ich morgen. Eigentlich hatte ich es mir f\u00fcr heute vorgenommen, ich mache das alle drei Tage, ich bin da normalerweise sehr genau. Sauberkeit ist wichtig, um Krankheiten und Ungeziefer zu vermeiden. Aber wenn schon einmal Besuch kommt, dann kann man eine Ausnahme machen. \u2028Er wartete bis Gloria die Wendeltreppe hinuntergestiegen war, dann l\u00f6schte er das Licht und folgte ihr.\u2028- Wir haben in diesem Haus nicht oft Besuch, und jedem zeige ich auch nicht meine Tauben.\u2028Sie drehte sich um.\u2028- Und warum ausgerechnet mir?\u2028- Wei\u00df nicht.\u2028Er wich ihrem Blick aus, starrte auf den Boden.\u2028- Ist nur so ein Gef\u00fchl.\u2028Aus Neugierde h\u00e4tte Gloria zwar schon gerne gewusst, was f\u00fcr ein Gef\u00fchl das war, aber sie verzichtete darauf es herauszufinden, weil sie aus einem unbestimmten Grund, den Eindruck hatte, dieses Gef\u00fchl w\u00fcrde sich wie eine langgehegte Bedrohung vor ihr aufrichten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auszug aus dem Roman\u00a0<b>Garten der Geschwister.<\/b> Roman<b> <\/b>von Patricia Brooks, Molden 2006<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/bild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" title=\"bild\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/bild-192x300.jpg\" alt=\"\" width=\"192\" height=\"300\" \/><\/a><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40451\">Portr\u00e4t<\/a> der Autorin. Ein Kollegengespr\u00e4ch mit Patricia Brooks finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36771\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Gloria zog ihren Mantel an und machte sich daran, Richard im Garten zu suchen. Sie fand ihn vor dem Schuppen, ein Bein angewinkelt, mit dem R\u00fccken gegen die Wand gelehnt. Er rauchte. Irgendwann w\u00fcrde ihn das Rauchen umbringen. Aber&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/11\/15\/der-garten-der-geschwister-iv\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":162,"featured_media":63934,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[107],"class_list":["post-40901","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-patricia-brooks"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/40901","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/162"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=40901"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/40901\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=40901"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=40901"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=40901"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}