{"id":40898,"date":"2006-10-09T00:01:01","date_gmt":"2006-10-08T22:01:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40898"},"modified":"2022-11-28T15:00:16","modified_gmt":"2022-11-28T14:00:16","slug":"der-garten-der-geschwister-iii","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/10\/09\/der-garten-der-geschwister-iii\/","title":{"rendered":"Der Garten der Geschwister"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es lag eine tr\u00fcgerische Stimmung \u00fcber diesem Nachmittag, unscharf und \u00fcberdeutlich zugleich. Die Szenerie kam Gloria unwirklich vor, der verwilderte Garten\u00a0 mit dem alten Landhaus, dem f\u00fcr die Jahreszeit viel zu mildem Wetter und dem M\u00e4dchen, das wie eine verwunschene Prinzessin unerm\u00fcdlich seine Abfolge von Figuren lief. Gloria hatte keine Lust ihr dabei zusehen, es deprimierte sie. Und doch konnte sie nicht anders, konnte ihre Augen nicht lassen von dem K\u00f6rper des M\u00e4dchens, der tr\u00e4umerisch mit der Choreographie ihres Laufes verschmolz. Sie wusste wie sich das anf\u00fchlte. Sie selbst hatte wettkampfm\u00e4\u00dfig Sport betrieben, nicht das Laufen auf Rollschuhen, das Laufen auf roten Sandbahnen, das Weitspringen in Sandk\u00e4sten, das Hochspringen \u00fcber quergesteckte Stangen. Sie hatte einige gute Platzierungen und sogar einige Pokale bei verschiedenen Leichtathletik-Jugendmeisterschaften errungen. K\u00f6rperliche Bewegung, egal wie anstrengend sie auch gewesen war, hatte sie immer als Befreiung empfunden. Es war ihr immer so vorgekommen, als w\u00fcrde sie eine dunkle, verborgene Kraft aus sich herausarbeiten und in etwas Lichtes, Fassbares hineinarbeiten, Tempo, Weite, H\u00f6he. Selbst die M\u00fchen und Anstrengungen des Trainings hatte sie kaum als Belastung empfunden. Kein Vergleich zu den verbissenen, freudlosen Anstrengungen, die sie sp\u00e4ter aufgewendet hatte, um ihrem K\u00f6rper die allersimpelsten F\u00e4higkeiten wieder abzuringen. Gloria seufzte. Das Sitzen und Warten erm\u00fcdete sie und gleichzeitig machte es sie nerv\u00f6s. Die d\u00fcnne Schale guten Willens, hinter der sich ihre Ungeduld verbarg, bekam allm\u00e4hlich Spr\u00fcnge. Nur die W\u00e4rme und das helle Licht der Sonne hielt sie noch zusammen. Sie r\u00fcckte mit dem Liegestuhl den Lichtinseln nach, die durch den flachen Winkel der Nachmittagswintersonne davonzuschwimmen begannen. \u2028- M\u00f6chtest du Kaffee? \u2028Das M\u00e4dchen stand mit durchgestreckten Beinen in ihren Skaters vor ihr und blickte auf sie hinab. Ihr Gesicht war rosig erhitzt, ihr K\u00f6rper dampfte Feuchtigkeit und Hitze aus, wie ein feuchter, hei\u00dfer Stein. Sie hob die Arme und zupfte das Band aus ihrem Haar. Ihre Achseln waren rasiert, nasse Schwei\u00dfflecken bildeten darunter dunkle Seen auf ihrem T-Shirt. Sie verstr\u00f6mte einen Duft nach reifen, ged\u00fcnsteten Himbeeren. Wahrscheinlich benutzte sie wie die meisten M\u00e4dchen ihres Alters ein nach Fr\u00fcchten riechendes Deodorant. Das M\u00e4dchen brauchte eine Dusche, dachte Gloria, aber sie selbst brauchte noch viel dringender Wasser und Seife. Ihr Geruch erinnerte an Himbeeren, die in Essig eingelegt waren. \u2028- Ja gerne, antwortete Gloria, kann ich dir dabei helfen.\u2028- Wenn du willst.\u2028Gloria erhob sich. Das M\u00e4dchen ging voran, an der T\u00fcr st\u00fctzte sie sich gegen den Pfosten, klappte schnalzend die Schnallen ihrer Schuhe auf und zog sie aus. Glorias Glieder waren steif und schwer, das rechte Bein f\u00fchlte sich taub an und gab unter der Belastung ihres Gewichtes nach, so dass sie es beim Gehen ein wenig nachzog. Das M\u00e4dchen bemerkte ihr Hinken.\u2028\u00a0&#8211; Was ist mit deinem Bein?\u2028- Oh, nichts Schlimmes. Eine alte Verletzung.\u2028Das M\u00e4dchen nickte verst\u00e4ndnisvoll, aber stellte keine weiteren Fragen. Sie ging mit leichten, wippenden Schritten ein St\u00fcck durch den dunklen Flur und bog an der ersten T\u00fcr rechts in die K\u00fcche ab. Gloria folgte ihr. Die K\u00fcche war ger\u00e4umig und d\u00fcster, trotz der zwei gro\u00dfen Doppelfl\u00fcgelfenster, die in den Garten blickten. Jahrzehntelang hatten K\u00fcchend\u00fcnste auf dem Mobiliar eine glanzlose Patina hinterlassen. Selbst die zwei Sp\u00fclbecken aus wei\u00dfem Email wiesen dicke gelbbraune Verf\u00e4rbungen auf. Sp\u00fcle und Herd waren eingebaut in einer Zeile aus Unterschr\u00e4nken aus dunklem, abgegriffenem Holz. In der Mitte des Raumes stand ein langer, nussbrauner Tisch. Die Tischplatte war fleckig und klebrig. Unter dem Sammelsurium an benutzten Tellern, Tassen und Essensresten waren schwarze Spuren von M\u00e4usekot verstreut. Gloria fand den Anblick unappetitlich. Es ekelte sie bei dem Gedanken hier Kaffee zu trinken. Sie hoffte nur, dass es wenigstens ein paar saubere Tassen gab. Das M\u00e4dchen stand mit dem R\u00fccken zu Gloria, goss Wasser in die Kaffeemaschine und holte einen Papierfilter und eine Packung gemahlenen Kaffee aus dem Schrank. \u2028- Wenn dich die Unordnung st\u00f6rt, kannst du den Tisch sauber machen, sagte sie ohne sich umzuwenden.\u2028- Nein, sie st\u00f6rt mich nicht, log Gloria. \u00a0\u00a0\u00a0 \u2028Sie dachte nicht im Traum daran, hier aufzur\u00e4umen, sie hatte mit diesem Haus nichts zu schaffen.\u2028- Du siehst aber nicht so aus, als ob es dir egal w\u00e4re, sagte das M\u00e4dchen anz\u00fcglich.\u2028- Stimmt, bei mir zu Hause w\u00e4re es mir auch nicht egal. Aber hier&#8230;\u2028- Hier bist zu Gast und du bist ein h\u00f6flicher Gast. \u2028Das M\u00e4dchen l\u00e4chelte breit und machte sich daran zwei Tassen abzusp\u00fclen. \u2028- Aber du brauchst in diesem Haus nicht so f\u00f6rmlich sein. Du kannst ruhig sagen, was du dir denkst.\u2028- W\u00fcrde das etwas \u00e4ndern?\u2028- Nein, wahrscheinlich nicht. \u00a0\u00a0\u00a0 \u2028Sie lachte, wischte sich mit dem Handr\u00fccken eine feine Haarstr\u00e4hne aus dem Gesicht und stellte die tropfnassen Tassen auf den Tisch.\u2028- Aber es ist weniger anstrengend, wenn man sich nicht zu verstellen braucht. Nimmst du Milch oder Zucker zum Kaffee?\u2028- Beides bitte.\u2028Gloria ging zum Fenster. Der Garten lag nun in Schatten getaucht, wie unter Wasser. Sie konnte Richard nirgendwo entdecken.\u2028- Ich hei\u00dfe Clarissa, h\u00f6rte sie das M\u00e4dchen sagen.\u2028- Und du?\u2028Die Stimme des M\u00e4dchens erschien ihr mit einem Mal weich und vertraulich. Gloria drehte sich um.\u2028- Gloria.\u2028Sie sahen einander an, \u00fcberrascht und beinahe ein wenig verlegen, als w\u00e4re durch die Preisgabe ihres Namens jene Distanz, die ohne Wohlwollen und ohne Abneigung auskam, verr\u00fcckt. Das M\u00e4dchen sch\u00fcttelte als erste die Befangenheit dieses Momentes ab.\u2028- Da ist dein Kaffee, sagte sie.\u2028Auf dem Tisch standen die Tassen, in die sie den Kaffee eingeschenkt hatte und eine angebrochene Milchpackung. Die Schale mit Zucker stellte sie dazu. Auch Clarissa hatte darauf verzichtet, den Tisch sauber zu machen, hatte lediglich die Unordnung ein wenig zur Seite geschoben. Gloria setzte sich zu ihr. Der Kaffee schmeckte gut. Er war stark und aromatisch. Sie mochte Kaffee.\u2028- Du bist eine sehr gute Rollschuhl\u00e4uferin, sagte Gloria anerkennend.\u2028Sie hatte das Bed\u00fcrfnis etwas Nettes zu sagen, als Gegenleistung f\u00fcr den Kaffee. Schlie\u00dflich konnte Clarissa nichts daf\u00fcr, dass Gloria hier festsa\u00df und dass ein Aufruhr in ihrem Kopf tobte. Das war Richards Schuld, einzig und allein seine Schuld. Clarissa war ein h\u00fcbsches M\u00e4dchen mit einem trainierten K\u00f6rper und einer, f\u00fcr ihr Alter, sehr weiblichen Figur, schmale Taille, gro\u00dfe, feste Br\u00fcste, muskul\u00f6se Beine. Ihr Gesicht war kindlich rund und ihre Augen, die ein wenig hervortraten, hatten eine Farbe, die Gloria nicht genau einordnen konnte, so ein irisierendes Flirren von Gr\u00fcn zwischen T\u00f6nen von hellem Braun und klarem Grau. Vielleicht war sie sogar ein nettes M\u00e4dchen. Gloria hatte nicht vor, es herauszufinden. Aber da es ohnehin nicht von Bedeutung war, war sie gewillt, f\u00fcrs erste so zu tun als ob. \u2028- Ich trainiere f\u00fcr die n\u00e4chste Landesmeisterschaft.\u2028- So etwas \u00e4hnliches habe ich mir gedacht. \u2028Erstaunt hob Clarissa den Blick.\u2028- Kennst du dich da aus?\u2028- Oh nein. Nicht im Rollschuhlaufen. Ich wusste nicht einmal, dass es ein zugelassener Bewerb ist.\u2028- Skaten, verbesserte Clarissa, das hei\u00dft Skaten.\u2028- Meinetwegen Skaten, egal wie man es auch nennt,\u00a0 ich sehe, wenn jemand etwas gut macht.\u2028- Na ja. Da kann man sich auch t\u00e4uschen.\u2028Clarissa l\u00e4chelte ein wenig herablassend und unbeeindruckt von dem Lob. \u2028- Ich wei\u00df wovon ich spreche. Ich habe selbst einmal Sport betrieben, entgegnete Gloria.\u2028\u00a0&#8211; Wirklich! \u2028Der Zweifel stand Clarissa ins Gesicht geschrieben. \u2028- F\u00fcr richtiges Training fehlen hier die Voraussetzungen. Was du gesehen hast ist nichts als eine kleine \u00dcbung f\u00fcr die Beweglichkeit, die Konzentration, um die Form und das Gef\u00fchl nicht zu verlieren. F\u00fcr mehr taugt es nicht.\u2028- Bedeutet dir der Sport sehr viel?\u2028Clarissa zuckte mit den Schulter, nippte an der Tasse.\u2028- Nein, nicht so sehr. Es ist eine Art von Unterhaltung, eine Besch\u00e4ftigung. Hier gibt es sonst ja nicht viel anderes zu tun. \u2028Sie trank ihren Kaffee aus und erhob sich, stellte die Tasse in die Sp\u00fcle.\u2028- Mir ist kalt. Ich zieh mir etwas anderes an.\u2028Gloria sah auf ihre Armbanduhr. Es war vier Uhr.\u2028- Wann glaubst du wird dein Bruder kommen? \u2028- War er noch nicht da? \u2028- Nein.\u2028- Ich dachte, er w\u00e4re in der Zwischenzeit mit deinem Mann losgegangen, das Benzin zu besorgen.\u2028- Er war noch nicht da. Wir warten immer noch.\u2028- Und wo ist dann dein Mann?\u2028- Ich wei\u00df es nicht. Irgendwo im Garten, nehme ich an.\u2028Clarissa runzelte argw\u00f6hnisch die Stirn. Gloria konnte nicht deuten, ob es sie st\u00f6rte, dass Richard sich auf eigene Faust, ohne zu fragen auf fremdem Besitz herumtrieb, oder ob sie sich fragte wo der Junge blieb. \u2028- Ich werde einmal nach oben gehen und nach meinem Bruder sehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auszug aus dem Roman\u00a0<b>Garten der Geschwister.<\/b> Roman<b> <\/b>von Patricia Brooks, Molden 2006<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/bild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" title=\"bild\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/bild-192x300.jpg\" alt=\"\" width=\"192\" height=\"300\" \/><\/a><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40451\">Portr\u00e4t<\/a> der Autorin. Ein Kollegengespr\u00e4ch mit Patricia Brooks finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36771\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es lag eine tr\u00fcgerische Stimmung \u00fcber diesem Nachmittag, unscharf und \u00fcberdeutlich zugleich. 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