{"id":40894,"date":"2017-05-23T00:01:12","date_gmt":"2017-05-22T22:01:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40894"},"modified":"2017-05-22T22:25:41","modified_gmt":"2017-05-22T20:25:41","slug":"der-garten-der-geschwister-ii","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/05\/23\/der-garten-der-geschwister-ii\/","title":{"rendered":"Der Garten der Geschwister II."},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Richard klopfte an das Tor. Oben am linken Fenster erschien der Kopf eines halbw\u00fcchsigen M\u00e4dchens, ihr Haar war blond und fiel ihr ins Gesicht, als sie sich aus dem Fenster beugte und zu ihnen herabsah.\u2028- Was gibt es? fragte sie unwirsch.\u2028- Wir haben kein Benzin, sagte Richard.\u2028Das M\u00e4dchen verzog das Gesicht.\u2028- Ja und? Was soll ich da machen?\u2028Richard hatte den Kopf nach hinten geneigt und beschirmte mit der Hand seine Augen. \u2028- Vielleicht kannst du uns sagen, wo wir Benzin bekommen k\u00f6nnen.\u2028Er l\u00e4chelte liebensw\u00fcrdig und unversch\u00e4mt. \u2028- Nein kann ich nicht.\u2028- Kannst du vielleicht einen Augenblick zu uns herunterkommen? \u2028Das M\u00e4dchen seufzte gequ\u00e4lt.\u2028- Wenn es unbedingt sein muss.\u2028Ihr Kopf verschwand aus dem Fensterausschnitt, kurz darauf stand sie in der T\u00fcr. Sie war dreizehn oder vierzehn, das Haar reichte ihr bis zur Schulter, sie trug Shorts und einen kurzen beigen Baumwollpullover, der zweifingerbreit ihren nackten Bauch freigab. Oberhalb ihres Nabels steckte eine kleine silberne Kugel in ihrer Haut. Sie musterte Gloria und Richard unverhohlen und ohne Sympathie. \u2028- Was wollt ihr?\u2028- Sind deine Eltern zu Hause? fragte Richard.\u2028- Nein, nur der Kleine und ich.\u2028- Wir brauchen Benzin. Gibt es hier in der N\u00e4he eine Tankstelle?\u2028- Glaube ich nicht. Es ist mir jedenfalls noch nicht aufgefallen.\u2028- Habt ihr vielleicht Benzin im Haus?\u2028- Benzin? Wozu sollten wir Benzin im Haus haben?\u2028Sie schien die Frage f\u00fcr v\u00f6llig idiotisch zu halten.\u2028- Oder wei\u00dft du wo wir welches bekommen k\u00f6nnten?\u2028- Keine Ahnung.\u2028Sie lehnte mit verschr\u00e4nkten Armen in der T\u00fcr und zuckte ungeduldig mit den Schultern. \u2028- Wie weit ist es zum n\u00e4chsten Nachbarn? fragte Richard.\u2028- Wir haben keine Nachbarn.\u2028- H\u00f6r zu, das Problem ist, dass unser Tank so gut wie leer ist. Und ohne Benzin k\u00f6nnen wir nicht weiterfahren. Wir brauchen eure Hilfe. Wir sitzen hier sozusagen fest. \u2028Dieser Gedanke gefiel ihr ganz und gar nicht. Sie verdrehte die Augen, die Aussicht, Richard und Gloria hier im Haus zu haben, war das letzte, was ihr noch gefehlt hatte.\u2028- Na ja. Vielleicht kann euch mein Bruder weiterhelfen, der wei\u00df in solchen Sachen eher Bescheid als ich. Aber er schl\u00e4ft noch. Wenn ihr wollt, k\u00f6nnt ihr ja auf ihn warten. Da hinten im Schuppen sind Gartenst\u00fchle.\u2028Sie trat einen Schritt aus der T\u00fcr und deutete mit spitzem Zeigefinger nach rechts.\u2028- Nehmt euch zwei St\u00fchle und setzt euch hier vor dem Haus in die Sonne. Da ist es warm, und ich kann euch im Auge behalten.\u2028Sie machte auf dem Absatz kehrt, ohne ihre Zustimmung oder Ablehnung abzuwarten, und warf die Haust\u00fcr hinter sich zu. \u2028- Komm wir fahren. Wir versuchen es woanders, sagte Gloria.\u2028Sie wandte sich zum Gehen, aber Richard hielt sie auf.\u2028- Das hat keinen Sinn. Mit dem Rest Benzin, den wir noch haben, kommen wir nirgendwo mehr hin. Wir werden wohl oder \u00fcbel hier bleiben und auf ihren Bruder warten m\u00fcssen.\u2028Er ging zum Schuppen, holte zwei Liegest\u00fchle, klappte sie auf und stellte sie nebeneinander, mit dem R\u00fccken zur Hauswand. Es waren alte Liegest\u00fchle aus Holz mit einer bunten, l\u00e4ngsgestreiften Segeltuchbespannung, deren Farben von der Sonne ausgeblichen waren. Richard zog die Jacke aus und warf sie \u00fcber die Lehne.\u2028- Ich werde einmal fragen, ob wir etwas zu essen bekommen k\u00f6nnen. \u2028- Sie hat nicht gerade so ausgesehen, als ob sie erpicht darauf w\u00e4re, uns hier zu bewirten, entgegnete Gloria.\u2028- Aber sie wird es mir nicht abschlagen.\u2028Nein, nat\u00fcrlich w\u00fcrde das M\u00e4dchen Richards Bitte nicht abschlagen. Niemand schlug Richard etwas ab, wenn er es darauf anlegte, etwas zu wollen. Keiner wusste das besser als sie. In all den Jahren war es ihr nie gelungen, Richard etwas zu verwehren. Nicht, dass sie es nicht versucht h\u00e4tte. Aber Richard hatte ihren Widerstand nie zugelassen. Sie hatte in all den Jahren eine kleine verkr\u00fcppelte Armee an geschlagenen Widerst\u00e4nden in ihrer Brust versammelt, eine hoffnungslose Armee, die sich in hoffnungslosen Momenten hoffnungslos zusammenrottete. Feindselig und unf\u00e4hig, voll ersticktem Groll. So wie jetzt. Aber sie w\u00fcrde niemals eine Schlacht gewinnen. Auch das M\u00e4dchen w\u00fcrde sich nicht gegen Richards W\u00fcnsche wehren. Niemand tat es.\u2028\u2028Die Luft war dick und s\u00fc\u00df wie Honig. Es roch nach warmem moosigen Erdboden und vermoderndem Laub. Gloria hatte sich in den Liegestuhl gesetzt. Bequem war es nicht, und die Sonne brannte auf ihrem Gesicht. Ihr Herz klopfte schnell, es schlug um sich, wie ein Ertrinkender, der aus der Tiefe eines Gew\u00e4ssers an die Oberfl\u00e4che aufzutauchen versucht. Ein leichtes Gef\u00fchl von Schwindel erfasste sie und verschmolz mit dem Licht und der W\u00e4rme der Sonne, die hoch und beinahe sommerlich am Februarhimmel stand. Es musste schon l\u00e4ngst Mittag sein. Richard trat aus dem Haus, er hatte zwei Flaschen Cola, Hals an Hals zwischen die Finger der einen Hand geklemmt, und in der anderen Hand balancierte er drei in Plastikfolie verpackte Fertigsandwichs. Er stellte die Flaschen zwischen ihren Liegest\u00fchlen am Boden ab und legte ein Sandwich in Glorias Scho\u00df. Sie l\u00e4chelte schwach. Richard setzte sich neben sie, riss die Verpackung auf und biss in die \u00fcbereinandergelegten, rindenlosen Wei\u00dfbrotdreiecke, zwischen denen das gr\u00fcnes S\u00e4umchen eines Salatblattes hervorlugte. Er a\u00df mit dem gesunden Appetit der Unschuldigen und Gerechten. Wo um alles in der Welt er diese Unverfrorenheit hernahm! Gloria beneidete ihn darum in diesem Moment. \u2028- Iss, forderte er sie auf, es wird dir gut tun.\u2028Gehorsam schlitzte sie mit dem Fingernagel die Verpackung auf. Es hatte keinen Sinn dar\u00fcber zu diskutieren. Sie f\u00fchlte sich zu schwach f\u00fcr eine Auseinandersetzung. Es war einfacher zu essen, als dar\u00fcber zu streiten. Kalt und leblos f\u00fchlte sich das Brot an, an dessen Schnittstellen eine Krem aus Majon\u00e4se und Thunfisch herauszuquellen drohte. Gloria verzog unwillk\u00fcrlich das Gesicht. Richard \u00fcbersah es. Oder er tat zumindest so. Es kostete sie \u00dcberwindung in das Brot zu bei\u00dfen, aber danach stellte sie fest, dass das Essen ihr weniger M\u00fche bereitete, als sie bef\u00fcrchtet hatte. Im Gegenteil, das bet\u00e4ubte Bed\u00fcrfnis nach Nahrung war mit dem ersten Bissen wieder erwacht. Immerhin hatte sie seit ungef\u00e4hr vierundzwanzig Stunden nichts gegessen. Ein gemischter Salat und ein Ei zum Mittagessen am Vortag in der Kantine der Versicherungsgesellschaft, war ihre letzte Mahlzeit gewesen. Sie hatte auf das gewohnte Men\u00fc mit Suppe und Hauptspeise verzichtet, obwohl sie es gerne mochte. Sie hatte ihren Hunger aufsparen wollen, weil sie abends zum Essen verabredet gewesen war. Mit Sten. Mit Sten, der nicht wusste, weshalb sie nicht gekommen war, und es nie erfahren w\u00fcrde. Sie durfte nicht an Sten denken, nicht jetzt. Richard zerkn\u00fcllte die leere Verpackung und lie\u00df sie auf den Boden fallen. Er fischte die Jacke hinter seinem R\u00fccken hervor, suchte nach Zigaretten. In der Sonne gl\u00e4nzte sein braunes, gelocktes Haar wie Gold. Viel zu sch\u00f6n f\u00fcr einen Mann, und er wusste es nicht einmal zu sch\u00e4tzen. Er hatte immer noch das gleiche dichte, leuchtende Haar wie fr\u00fcher. Er war vierunddrei\u00dfig, nicht alt, aber in einem Alter, in dem der Glanz der Jugend verblasste. Bei M\u00e4nnern begann das Haar meist auszud\u00fcnnen und die Stirn an den Ecken tief in den Haaransatz hineinzuwandern. Das Haar altert zuerst. Glorias Haar war schon vor der Zeit gealtert. Sie war siebzehn gewesen, als sie das erste graue Haar entdeckt hatte. Mit Staunen hatte sie es herausgepickt aus dem sanften Rieseln eines schattigen Meeres aschblonden Haares. Zu dieser Zeit war das warme Kinderblond bereits nachgedunkelt, wie von Gr\u00fcnspan \u00fcberzogen. Ein irrt\u00fcmliches Missgeschick, hatte sie \u00fcber dieses erste graue Haar zuerst gedacht. Aber das Missgeschick hatte sich fortgesetzt, war nicht aufzuhalten gewesen, und die grauen Haare hatten sich immer weiter in ihr Blond eingeschlichen. Der Unfall, hatte Richard gesagt, es war der Unfall, so etwas kommt vor. Sie hatte sich nicht vorstellen k\u00f6nnen, dass Richard wirklich daran glaubte, dass ein Schock die Haare beinahe \u00fcber Nacht grau werden lie\u00df. Das war so eine Geschichte, die er ihr erz\u00e4hlte, damit sie nicht weiter dar\u00fcber nachgr\u00fcbelte. Mach dir keine Gedanken, du bist sch\u00f6n hatte er ihr immer wieder versichert. Und doch war er es gewesen, der ihr angeraten hatte, ihr Haar zu f\u00e4rben. Seit sie zwanzig war, seit sechzehn Jahren, f\u00e4rbte sie ihr Haar, versuchte chemisch jenes Blond wiederherzustellen, das ihr abhanden gekommen war. Sie hatte keine Ahnung wie ihr Haar jetzt in seinem naturbelassenem Zustand aussehen mochte, und sie wollte das auch gar nicht wissen. Es deprimierte sie auch so schon, wie es war, d\u00fcnn und kraftlos, in seiner gelogenen Honigfarbe. Der Anblick von Richards Haar machte sie immer neidisch. Er hatte seinen Pullover ausgezogen, die \u00c4rmel von seinem Hemd bis zu den Ellbogen aufgekrempelt und rauchte. Die Haut auf seinen Unterarmen war sandfarben, mit wenigen, dunklen H\u00e4rchen versehen. Er roch nach Salz und Nikotin und dem Tweedstoff seiner Jacke. Glorias eigener Geruch, der ihr aus dem Ausschnitt ihrer Bluse in die Nase stieg, erinnerte sie an Muscheln und Brackwasser, der abgestandene Geruch von Angst. Die Sonne brannte auf ihren K\u00f6rper herab. Wenn man die Augen schloss, konnte man meinen es w\u00e4re Mai oder Juni, einer jener fr\u00fchen Sommertage. Die W\u00e4rme nahm sich unnat\u00fcrlich aus in der winterlich abgestorbenen, nackten Landschaft dieses Gartens. Apokalyptisch, dachte Gloria, sie schwitzte und doch konnte sie sich nicht richtig erw\u00e4rmen. Ein schattiger, k\u00fchler Unterton sa\u00df ihr in den Knochen und lie\u00df sie fr\u00f6steln. Sie hatte nicht genug geschlafen, sie war \u00fcbern\u00e4chtig. Das bekam ihr nicht, und alles andere bekam ihr schon gar nicht.\u2028\u2028Das M\u00e4dchen trat aus der T\u00fcr und setzte sich auf die Schwelle. Sie schl\u00fcpfte ihre F\u00fc\u00dfe in ein dunkel gl\u00e4nzendes Paar Skaters. Mit einem skeptischen, seitlichen Blick nahm sie Richards und Glorias Anwesenheit zur Kenntnis. Diesem Blick war nicht zu entnehmen, ob sie zufrieden war, dass sie hier geduldig sa\u00dfen und warteten, ohne sie weiter zu bel\u00e4stigen, oder ob sie gew\u00fcnscht h\u00e4tte, sie w\u00e4ren ohne Aufhebens, einfach wieder verschwunden. Sie beachtete sie auch nicht weiter. W\u00e4hrend sie mit steifen, klackenden\u00a0 Schritten zu dem Schwimmbecken stakste, steckte sie die Ohrenst\u00f6psel eines Discman in die Ohren. Sobald sie den Betonstreifen, der das Schwimmbecken s\u00e4umte, erreicht hatte, wurden ihre Bewegungen weich und flie\u00dfend. Sie war eine ge\u00fcbte L\u00e4uferin. Ihre Beine waren kraftvoll und durchtrainiert, ihr Lauf geschmeidig und leicht. Scheinbar m\u00fchelos glitt sie dahin, wie eine T\u00e4nzerin auf Eis. Sie trug immer noch Shorts und ein wei\u00dfes T-Shirt, um die H\u00fcften hatte sie lose die \u00c4rmel eines dunkelblauen Sweaters geknotet. Das schulterlange Haar war mit einem roten Haargummi straff am Hinterkopf zu einem wippenden, pinselartigem Schwanz zusammengebunden. Ihr Gesicht sah jetzt \u00e4lter aus als zuvor, aber verletzlicher. Gloria fragte sich, ob das an der Frisur lag, oder an der Hingabe, mit der sie in ihrem Lauf versunken war. Das einzig lebendige in diesem Garten unter dieser ungew\u00f6hnlichen Februarsonne und dem Gezwitscher unsichtbarer V\u00f6gel, war das M\u00e4dchen. Richard und sie selbst z\u00e4hlten nicht, sie waren nicht lebendig, nicht in diesem Sinn. Sie waren Zaung\u00e4ste am Rande eines fremden Lebensgartens. Ihre eigene Geschichte spielte ganz wo anders, unter anderen Bedingungen und anderen Gesetzen. Gloria sah auf ihre Armbanduhr, es war zwei Uhr Nachmittag. Allm\u00e4hlich wurde sie unruhig.\u2028- Wo bleibt blo\u00df ihr Bruder, es wird sch\u00f6n langsam Zeit, dass wir etwas unternehmen, sonst wird es\u00a0 Abend, bevor wir von hier losfahren k\u00f6nnen.\u2028- Er wird schon kommen.\u2028Richard sa\u00df da, wohlig wie eine Katze in der Sonne, mit halbgeschlossenen Lidern und beobachtete am\u00fcsiert, wie das M\u00e4dchen ihre hypnotisierenden Kreise zog. Als h\u00e4tten sie alle Zeit der Welt.\u2028- Ich werde jetzt zu dem M\u00e4dchen gehen und ihr sagen, sie soll ihn wecken, falls er immer noch schl\u00e4ft.\u2028- Du siehst doch, sie ist besch\u00e4ftigt.\u2028- Das ist mir egal. Wir k\u00f6nnen nicht ewig warten.\u2028- Warum nicht?\u2028Richards Gelassenheit war fehl am Platz und brachte sie auf. \u2028- Man wird bereits nach uns suchen!\u2028- Keiner wird uns suchen, geschweige denn hier finden.\u2028Gloria schnalzte ungehalten mit der Zunge, ein hoffnungsloser Laut des \u00c4rgers.\u2028- Vertrau mir, Gloria.\u2028Richards Stimme war so sanft wie seine Hand, die er auf ihren Arm legte. Eine Beschw\u00f6rungsformel. Die Verletzung auf seinem Handr\u00fccken leuchtete roh und wund im Licht der Sonne. Es war eine Brandwunde, dessen war Gloria sich nun ganz sicher, aber sie sagte es nicht noch einmal. Sie entwand ihm ihren Arm. Das M\u00e4dchen hatte den gleichf\u00f6rmigen Rhythmus ihres Laufes unterbrochen. Die Beine parallel gestellt, rollte sie aus, streckte ihren Oberk\u00f6rper, ihre Arme, ihr Kinn in die H\u00f6he, and\u00e4chtig, als sch\u00fcttete der Himmel seinen Segen \u00fcber sie aus. Fromm und selbstvergessen war der Ausdruck ihrer K\u00f6rperhaltung und ihres blanken Gesichtes. Ein Ausdruck, dachte Gloria, der t\u00e4uschte, dahinter lag die beinharte Kalkulation, dass man sich seinen Anteil am Segen mit dem Himmel durchaus aushandeln konnte, solange man sich im Zustand der Gnade von ungebrochener Kraft und Selbstvertrauen befand. Es war kein vors\u00e4tzlicher Schwindel, blo\u00df eine Selbstt\u00e4uschung mit unabsehbarem Risiko. Denn war dieser Zustand einmal gebrochen, war es auch mit dem Segen vorbei. Auch das wusste Gloria, hatte es selbst erfahren, fr\u00fcher, endg\u00fcltiger und unmissverst\u00e4ndlicher als andere. Der Himmel machte kein Gesch\u00e4ft mit den Schwachen. Das M\u00e4dchen wusste das noch nicht. Sie beugte ihren Oberk\u00f6rper sanft nach vor, bis der Kopf vor ihren Knien baumelte, eine Reverenz, die sie einem geheimnisvollen Gott erwies. Langsam richtete sie sich wieder auf, streckte sich, sch\u00fcttelte ihre Beine aus, lockerte die Muskeln. Ein\u00a0 Augenblick unsichtbarer Stille umgab sie, aus dem sie einem scheinbar pl\u00f6tzlichen Impuls folgend, heraustauchte und mit energischen Schlittschuhschritten erneut zum Laufen ansetzte. Aber im Gegensatz zu der mechanischen Gleichf\u00f6rmigkeit ihres vorherigen Laufes war nun eine Zielgerichtetheit hinzugekommen. Als sie gen\u00fcgend Schwung gewonnen hatte, breitete sie die Arme wie Fl\u00fcgel aus, faltete sie mit leicht gespreizten Ellbogen konisch \u00fcber ihrem Kopf und drehte sich um ihre eigene Achse, einmal, zweimal.\u2028- Die K\u00fcr, und nicht die Pflicht, kommentierte Richard.\u2028Er hatte die Zigarette zwischen den Lippen geklemmt, und die Gestalt des M\u00e4dchens verschwamm im Rauch, der zwischen seinen Worten von seinen Lippen aufstieg. Richards Sicht lag immer im Focus auf sich selbst. Was die Dinge selbst darstellten, sah er nicht.\u2028- Was verstehst du schon davon? \u2028Glorias Stimme klang gereizt. Das M\u00e4dchen senkte die Arme, lie\u00df die Drehungen ausklingen und begann r\u00fcckw\u00e4rts laufend Achterschleifen zu ziehen.\u2028- Frauen in ihrem Alter lassen keine Gelegenheit aus, ihr K\u00f6rper in Szene zu setzen.\u2028- Sie ist keine Frau, sie ist ein Kind! schnappte Gloria zur\u00fcck.\u2028Richards L\u00e4cheln wurde breit und anz\u00fcglich.\u2028- Na gut. Weibliche Kinder in ihrem Alter lassen keine Gelegenheit aus, ihren K\u00f6rper in Szene zu setzen.\u2028- Was meist du damit?\u2028- Das was ich sage.\u2028- Es ist eine Anspielung auf mich, nicht wahr?\u2028- Wie kommst du drauf, was hast du mit ihr zu tun?\u2028- Sie ist wie ich.\u2028- Zum Teufel Gloria, h\u00f6r auf immer alles auf dich zu beziehen.\u2028- Ich war auch einmal jung. Und ich habe meinen K\u00f6rper sportlich in Szene gesetzt, wie du das nennst. Hast du das vergessen?\u2028- Nein das habe ich nicht.\u2028\u00c4rgerlich schnippte Richard den Stummel seiner zu Ende gerauchten Zigarette auf den Boden und zermalmte die Glut mit dem Absatz seines Stielfels.\u2028- Aber ich habe auch nicht daran gedacht. Ich habe nicht st\u00e4ndig jedes beliebige Detail deiner Vergangenheit im Kopf parat, um es dir in b\u00f6ser Absicht vorzusetzen.\u2028- Es ist nicht ein beliebiges Detail meiner Vergangenheit. Es ist die einzig gl\u00fcckliche Erinnerung, die ich an meine Jugend habe.\u2028Glorias H\u00e4nde lagen in ihrem Scho\u00df zerbrechlich und schlaff, wie V\u00f6gelchen mit gebrochenem Genick. Sie sp\u00fcrte wie das Ungl\u00fccklichsein ihren \u00c4rger unterwanderte und sie l\u00e4hmte, in jenem langgezogenen Atem, in dem es keine Zeit und keine Erl\u00f6sung gab. \u2028- Das wei\u00df ich.\u2028Richard beugte sich zu ihr her\u00fcber, packte sie an der Schulter, zwang sie ihn anzusehen.\u2028- Und gerade deshalb solltest du es auch in guter und unversehrter Erinnerung behalten!\u2028Seine H\u00e4nde hielten sie fest, sein Blick bohrte sich in ihre Augen, als wollte er durch ihre Pupillen in ihr Gehirn eindringen, um alle schlechten Gedanken darin auszul\u00f6schen und seine eigene Sichtweise dar\u00fcber zu legen. Wie oft hatte er das schon versucht. Sie kannte das zur Gen\u00fcge, aber es w\u00fcrde ihm nicht gelingen. Sie schloss die Augen. Abrupt lie\u00df er sie los und erhob sich. Ihr Ungl\u00fccklichsein machte Richard meistens b\u00f6se. Es war die einzige Waffe, die sie gegen ihn besa\u00df. Eine Waffe, die gegen sie selbst losging. Aber die Erinnerung an ihre Kindheit war auch eine Wunde. Vor allem eine Wunde. Das war kein Ort, den man im Schatzk\u00e4stchen seines Herzens bewahrte, um ihn gelegentlich aufzusuchen, wie Richard sich das vielleicht vorstellte. Richard w\u00fcrde es f\u00fcr sich selbst so halten. Er kannte keinen Schmerz, und selbst wenn er ihn kennen w\u00fcrde, w\u00fcrde er ihn fortwischen, ausradieren. Es war leicht das Bedauern \u00fcber einen verlorenen Zustand zu verachten, wenn man selbst nie etwas verloren hat, das man bedauerte. In gewissem Ma\u00df konnte sie Richard sogar verstehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auszug aus dem Roman\u00a0<b>Garten der Geschwister.<\/b> Roman<b> <\/b>von Patricia Brooks, Molden 2006<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/bild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" title=\"bild\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/bild-192x300.jpg\" width=\"192\" height=\"300\" \/><\/a><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir verleihen\u00a0Patricia Brooks f\u00fcr ihr erz\u00e4hlerisches Werk in 2017 den KUNO-Prosa-Preis, lesen Sie hier die\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40451\">Begr\u00fcndung<\/a>. Ein Kollegengespr\u00e4ch mit Patricia Brooks finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36771\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Richard klopfte an das Tor. 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