{"id":40889,"date":"2006-05-13T11:18:02","date_gmt":"2006-05-13T09:18:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40889"},"modified":"2021-10-18T15:52:34","modified_gmt":"2021-10-18T13:52:34","slug":"garten-der-geschwister-i","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/05\/13\/garten-der-geschwister-i\/","title":{"rendered":"Garten der Geschwister I"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor zwei Stunden hatten sie die Stadt verlassen. Richard lenkte den grauen Toyota durch die Nacht. Er fuhr ruhig und ohne Hast. Sie waren in diesem Augenblick in Sicherheit, in Sicherheit vor der Vergangenheit und vor der Zukunft. Seine H\u00e4nde umfassten locker das Lenkrad, seine Haltung war entspannt. Er genoss diese Nachtfahrt \u00fcberland, genoss das Wissen, etwas hinter sich gelassen zu haben und etwas Neues zu beginnen. Eine magische Zeitspanne, eine geistige Freiheit, in der alles offen, alles m\u00f6glich war. Gloria sa\u00df in den Beifahrersitz gekauert und blickte unverwandt aus dem Fenster. Der Lichtkegel der Autoscheinwerfer erhellte einen Ausschnitt der Stra\u00dfe und skizzierte die Idee einer gespenstischen Landschaft. Die D\u00f6rfer, durch die sie fuhren, schliefen tief und fest. Richard hatte mit Absicht kleine Landstra\u00dfen abseits der gro\u00dfen Schnellstra\u00dfen und Autobahnen gew\u00e4hlt. Er h\u00f6rte Musik aus dem Autoradio und rauchte. Sie sprachen nicht miteinander. Es gab in diesem Augenblick nichts zu sagen, nichts was neu gewesen w\u00e4re. Gloria lehnte den Kopf zur\u00fcck, schloss f\u00fcr ein paar Sekunden ersch\u00f6pft die Augen. Sie f\u00fchlte sich elend, jeder Muskel ihres K\u00f6rpers war verspannt. Ihr Bein schmerzte, ein gl\u00fchender, peinigender Schmerz, der sich von den Lendenwirbeln bis zur Kniekehle zog. Das alte, schlummernde Leiden, das immer dann erwachte, wenn sie sich \u00fcberanstrengte oder aufregte. Sie unterdr\u00fcckte ein Seufzen. Aber Richard wusste es ohnehin. Er wusste es immer. Richard warf den Stummel seiner Zigarette aus dem Fenster und legte seine Hand auf ihren Schenkel. Er sah sie nicht an, schob nur den Saum ihres Rockes ein wenig hoch. Sie sp\u00fcrte wie die W\u00e4rme seiner Handfl\u00e4chen durch den d\u00fcnnen Kunstfaserstoff ihres Rockes und ihrer seidigen Str\u00fcmpfe sickerte, und sie fr\u00f6stelte. Sie trug immer noch die Uniform der Versicherungsgesellschaft f\u00fcr die sie, bis vor wenigen Stunden, gearbeitet hatte. Taubenblaues Kost\u00fcm mit pfirsichfarbener Bluse. Es waren die Farben der Gesellschaft, die sie nun schon fast zwei Jahre lang auf jedem Briefpapier, jedem Prospekt, jeder Versicherungskarte in den H\u00e4nden gehalten hatte. Sie h\u00e4tte weinen m\u00f6gen. Am liebsten h\u00e4tte sie Richards Hand fortgeschoben, fort von ihrem K\u00f6rper, ihren Gedanken. Aber sie lie\u00df es bleiben. Es war nicht gut Richard jetzt zu ver\u00e4rgern. Sie mochte es nicht, wie er ihr Bein, ihren Schmerz in Besitz nahm, und doch war in dieser Geste auch etwas Tr\u00f6stliches. Ein Trost, der den Widerwillen nicht aufhob, sondern sich mit ihm verb\u00fcndete und sie in jene Pattstellung zwang, in der Richard immer seinen Willen und seine Absichten durchsetzte.\u2028-Versuch zu schlafen.\u2028Sie nickte, ohne ihn anzusehen. Er l\u00f6ste die Hand von ihrem Schenkel, langte \u00fcber die Lehne seines Sitzes auf die R\u00fcckbank und holte seine Jacke hervor. F\u00fcrsorglich stopfte er sie ihr auf die Schulter, so dass sie wie ein Kissen zwischen ihrem Kopf und dem Seitenfenster steckte. Gloria klappte die Sch\u00f6\u00dfe ihres Mantels \u00fcber die Knie und zog die Revers mit gekreuzten Armen vor ihrer Brust zusammen. Richard schaltete die Heizung eine Stufe h\u00f6her und drehte die Lautst\u00e4rke der Musik zur\u00fcck. Es war nicht das erste Mal, dass sie einen Ort, einen Abschnitt ihres Lebens, eine ausgedachte Identit\u00e4t hinter sich gelassen hatten. Und es w\u00fcrde nicht das letzte Mal sein. Die Abst\u00e4nde wurden k\u00fcrzer. Aber welche Rolle spielte schon das Ma\u00df der Zeit? Es setzte einen mathematischen Anfangs- und Endpunkt, aber es war kein Ort, um darin heimisch zu werden. Nicht f\u00fcr Richard, nicht f\u00fcr sie. Das dumpfe, monotone Dr\u00f6hnen des Gebl\u00e4ses und der Gesang einer klaren, sehs\u00fcchtigen Frauenstimme aus dem Autoradio hoben Gloria auf und trugen sie fort.\u2028\u2028Als\u00a0 Gloria erwachte war der Morgen angebrochen. Hell und strahlend erstreckte sich die Landschaft vor ihren Augen, braune Felder in Winterruhe, lose gestreute Waldgruppen, kleine D\u00f6rfer im Glanz einer kr\u00e4ftigen Morgensonne. Es war Februar und ein blitzendes Versprechen von Fr\u00fchling lag \u00fcber diesem Morgen. Dennoch versp\u00fcrte sie keinerlei Freude daran. Ihre Gedanken und Gef\u00fchle waren taub und benommen. Sie streckte den R\u00fccken, strich sich \u00fcber das Bein.\u2028Richard beobachtete sie von der Seite und l\u00e4chelte.\u2028- Geht es dir besser?\u2028Sein L\u00e4cheln war warm und voll Anteilnahme. Aber seine Augen waren so kalt und frisch wie das Blau des Himmels. \u2028Gloria zuckte mit den Schultern.\u2028- Irgendwann muss damit Schluss sein. Ich halte das nicht aus, es macht mich krank.\u2028- Du hast immer noch Schmerzen, nicht wahr?\u2028- Ja. Aber es sind nicht die Schmerzen, die mich krank machen. \u2028- In ein paar Tagen sind wir weit von all dem fort. Dann ist auch alles vergessen. Wir suchen uns einen sch\u00f6nen Ort und fangen neu an. Wir k\u00f6nnen tun und lassen, was wir wollen. \u2028- F\u00fcr wie lange? Und wozu? Es hat \u00fcberhaupt keinen Grund gegeben, dass wir fort mussten.\u2028- Es ist dir nicht gut gegangen.\u2028- Mir ist es gut gegangen! Bis gestern am Abend ist es mir sehr gut gegangen! \u2028- Gloria, du sollst dich nicht aufregen.\u2028- Ich rege mich aber auf.\u2028Sie hob die H\u00e4nde und lie\u00df die Handfl\u00e4chen auf ihre Schenkel klatschen.\u2028- Wieso sollte ich mich nicht aufregen?\u2028- Nimm eine Tablette, sagte Richard, das hilft.\u2028Sie hasste dieses ruhige, besorgte, geduldige Gesicht, das er ihr entgegenhielt. Wie immer wenn er \u00fcber Tabletten sprach.\u2028- Gegen was? Gegen die Schmerzen? Gegen die Angst? Gegen den Rest der Welt?\u2028Er z\u00fcndete sich eine Zigarette an und schwieg. An der Art wie er den Rauch tief in seine Lungen sog und ungeduldig in einem Schwall wieder ausstie\u00df, erkannte sie, dass er verstimmt war. Sie waren schon so lange zusammen, dass sie voreinander nichts verbergen und nichts geheim halten konnten. Dennoch gab es Dinge, die sie nicht verstand, nicht bei Richard und nicht bei sich selbst. Es waren die unsichtbaren Dinge, die hinter ihren Worten und Gesten lauerten. Das machte sie w\u00fctend auf ihn, noch w\u00fctender, als sie sowieso schon war. Es war seine Schuld, dass sie jetzt im Auto sa\u00dfen und wieder einmal Hals \u00fcber Kopf alles aufgeben hatten m\u00fcssen. Und doch waren sie auf einander angewiesen. Immer und jetzt besonders. Sie war zornig, aber es war ein schlechter Zeitpunkt um zu streiten.\u2028- Tut mir Leid, sagte sie einlenkend, ich bin einfach nerv\u00f6s.\u2028- Du bist ersch\u00f6pft, du hast nicht genug geschlafen.\u2028Vers\u00f6hnlich griff Richard den Faden auf, den sie ihm hinhielt.\u2028- Wir brauchen Benzin. An der n\u00e4chsten Tankstelle werden wir halten, und dann k\u00f6nnten wir dort fr\u00fchst\u00fccken.\u2028Gloria hatte keinen Hunger, versp\u00fcrte keinen Wunsch nach Essen, aber da er &#8222;fr\u00fchst\u00fccken&#8220; sagte, dachte sie an Kaffee und sehnte sich danach. Sie war durstig, ihre Zunge klebte dick am Gaumen.\u2028- Haben wir Wasser mit?\u2028- Ich wei\u00df nicht. Sieh nach.\u2028Sie beugte sich vor und tastete mit der Hand \u00fcber den kurzen Flor des Bodenbelags, fischte eine Plastikflasche mit Mineralwasser unter ihrem Sitz hervor. Sie trank in gro\u00dfen, hastigen Schlucken. Das Wasser schmeckte schal und alt, aber es l\u00f6ste den bitteren, klebrigen Belag in ihrem Mund, sp\u00fclte ihn fort. Sie hielt Richard die Flasche hin.\u2028- M\u00f6chtest du auch?\u2028Er sch\u00fcttelte den Kopf. Also kippte sie den Rest in ihren Mund, schraubte die Flasche zu und warf sie auf den R\u00fccksitz. F\u00fcr einen Augenblick f\u00fchlte sie sich besser. F\u00fcr einen Augenblick \u00fcberkam sie die Erinnerung innerer Ruhe, die aus k\u00f6rperlicher Zufriedenheit entstand. Als Richard die Zigarette im Aschenbecher neben ihrem Knie ausdr\u00fcckte, entdeckte sie einen feuerroten Striemen, der von der Wurzel des Daumens quer \u00fcber seine Handr\u00fccken lief. \u2028- Du hast deine Hand verletzt, sagte sie.\u2028- Ach, ist nicht der Rede wert.\u2028- Eine Brandwunde, stellte sie fest.\u2028- Nein. Ich habe mir die Hand eingeklemmt, als ich unsere Sachen in den Wagen gepackt habe.\u2028Gloria glaubte kein Wort davon.\u2028\u2028Sie hielten Ausschau nach einer Tankstelle. Die Landschaft war d\u00fcnn besiedelt, ab und zu durchquerten sie D\u00f6rfer, deren Bewohner f\u00fcr sie unsichtbar blieben. Die Gegend war menschenscheu. Der einzige Gasthof, den sie sahen, hatte geschlossen. Die Stra\u00dfe zog sich in leichten Kurven \u00fcber Wald und Wiesenh\u00fcgel. Sie geh\u00f6rte ihnen alleine. Aber nirgends entdeckten sie eine Tankstelle, nur ab und zu einen alleinstehenden Hof, eingebettet in der Eint\u00f6nigkeit der Landschaft. Abweisend und verschlossen. Diese H\u00f6fe sahen unbewohnt aus. Der Zeiger der Benzinanzeige sank in den roten Bereich, das Warnl\u00e4mpchen leuchtete auf. Gloria sp\u00fcrte Panik hochsteigen. Ein d\u00fcnner Film von Schwei\u00df \u00fcberzog ihre Haut. Der Stoff der Bluse klebte nass in ihren Achselh\u00f6hlen. Es blieben ihnen also noch f\u00fcnfzehn, zwanzig Kilometer zu fahren. Und dann? \u2028- Da! sagte Richard unvermittelt. \u2028Sie folgte mit ihrem Blick seinem Finger. Rechts von der Stra\u00dfe f\u00fchrte ein Weg durch das d\u00fcrre Gestr\u00fcpp von \u00c4sten zu einem Haus.\u2028- Wir werden es hier versuchen. Es ist unsere letzte Chance. Sonst m\u00fcssen wir zu Fu\u00df weiter.\u2028Richard bog von der Stra\u00dfe in den Weg ein, der nahtlos von dem St\u00fcck Wald, das sie durchquerten, in einen verwilderten Garten \u00fcberlief. Eine gr\u00fcnbraune, winterliche Wiese mit kahlen B\u00e4umen und struppigem Buschwerk erstreckte sich bis zu einem alten Haus. Auf einer Teppichklopfstange hing an halbverrotteten Seilen eine alte Kinderschaukel. Unmittelbar vor dem Haus war ein rechteckiges Schwimmbecken mit wasserblau gestrichenen W\u00e4nden in die Erde eingelassen, darum herum lief, wie der Rahmen eines Bildes, ein zwei bis drei Meter breiter, makelloser Betonweg. Das einzig Makellose an diesem Anwesen. Das alte Landhaus trug Anzeichen von Verfall. Der hellgraue Verputz der Fassade war rissig und an manchen Stellen abgebl\u00e4ttert, die Fensterrahmen wirkten verzogen und der Lack war gesprungen. Aber das Haus war bewohnt. Zwei der Fenster im ersten Stock standen, wie ein Augenpaar, sperrangelweit ge\u00f6ffnet. Der Kies knirschte unter den R\u00e4dern des Toyota. Richard stellte den Wagen ein paar Schritte vor dem Haus ab. Sie stiegen aus. Gloria streckte sich. Es war ungew\u00f6hnlich warm f\u00fcr einen Februartag. Die milde, fr\u00fchlingshafte Luft legte sich wie Seide auf ihr Gesicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auszug aus dem Roman\u00a0<b>Garten der Geschwister.<\/b> Roman<b> <\/b>von Patricia Brooks, Molden 2006<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/bild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" title=\"bild\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/bild-192x300.jpg\" alt=\"\" width=\"192\" height=\"300\" \/><\/a><b><\/b><\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40451\">Portr\u00e4t<\/a> der Autorin. Ein Kollegengespr\u00e4ch mit Patricia Brooks finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36771\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Vor zwei Stunden hatten sie die Stadt verlassen. Richard lenkte den grauen Toyota durch die Nacht. Er fuhr ruhig und ohne Hast. Sie waren in diesem Augenblick in Sicherheit, in Sicherheit vor der Vergangenheit und vor der Zukunft. 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