{"id":4074,"date":"2012-05-15T00:01:48","date_gmt":"2012-05-14T22:01:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=4074"},"modified":"2021-12-30T17:58:13","modified_gmt":"2021-12-30T16:58:13","slug":"die-nacht-%e2%88%99-die-atmospharen-%e2%88%99-die-texte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/05\/15\/die-nacht-%e2%88%99-die-atmospharen-%e2%88%99-die-texte\/","title":{"rendered":"Die Nacht \u2219 die Atmosph\u00e4ren \u2219 die Texte"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Von W\u00f6rtern, die gl\u00fccklich oder traurig machen k\u00f6nnen<\/span><\/p>\n<div style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/1\/13\/MoonHaloDonnellyMillsWA_2005_SeanMcClean.jpg\/220px-MoonHaloDonnellyMillsWA_2005_SeanMcClean.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"177\" \/><p class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Sean Mack<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Nacht hat aufgeh\u00f6rt zu kichern. Sie schl\u00e4ft in ihren Stiefeln.<\/em> Und <em>ein verdatterter<\/em> <em>Mond schaut zu.<\/em> Welch ein Bild! Ich finde es 2009 in Dietmar Daths Roman <em>S\u00e4mmtliche Gedichte<\/em>. Auf dem Buchumschlag steht:<em> Dieses Buch handelt von der Jagd auf W\u00f6rter, die Menschen traurig oder gl\u00fccklich machen k\u00f6nnen.<\/em> Das, denke ich, ist es. Mit W\u00f6rtern gegen das Grau des Zeitflusses; warum sie nicht jagen? Ich tue das N\u00e4chstliegende: Ich gehe auf die Jagd nach dem Wort \u203aNacht\u2039. So unsystematisch wie m\u00f6glich. Nur wenige Quellen gestatte ich mir: den <em>deutschen Lyrikkalender 2009<\/em>, den <a href=\"http:\/\/de-de.facebook.com\/note.php?note_id=167724516598546\"><span style=\"color: #333399;\"><span style=\"color: #333399;\"><em>Gro\u00dfen Conrady<\/em><\/span><\/span><\/a>, ein paar Einzeltitel, dazu die gesprochene Alltagssprache. Schlie\u00dflich will ich gl\u00fccklich werden oder traurig \u2013 nicht verr\u00fcckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u203aNacht\u2039 in der Lyrik<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im <span style=\"color: #333399;\"><a href=\"http:\/\/www.alhambrapublishing.com\/htm\/GPC09.html\"><span style=\"color: #333399;\"><em>Deutschen Lyrikkalender<\/em><\/span><\/a><\/span> sp\u00fcre ich reichlich Nachtwild auf: <em>Sterne, die an langen F\u00e4den<\/em> <em>befestigt sind<\/em> (Marion Poschmann), <em>der Abendstern, der Wind, die Ewigkeit, die aus der Einsamkeit kommt, die sagt: \u00bbNenne mich Nacht\u00ab<\/em> (Friederike Mayr\u00f6cker), ein <em>ungeheures Brausen windstiller<\/em> <em>N\u00e4chte, kurz bevor es tagt<\/em> (Carl Zuckmayer), <em>die Nacht, aus der ein paar Sterne fielen<\/em> (Hans Georg Bulla). Wir sp\u00fcren die \u203aAuren\u2039 Walter Benjamins, die die W\u00f6rter Nacht, Wind, Sterne, Ewigkeit und Einsamkeit umwehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u203aNacht\u2039 in der Alltagssprache<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">N\u00fcchterner wird\u2019s, wenn wir in der deutschen Alltagssprache \u203aNacht-W\u00f6rter\u2039 suchen. Zwar ist da die Rede von der \u203aLiebesnacht\u2039, die meistens eine sch\u00f6ne \u203aSommernacht\u2039 ist, von \u203aNachtschw\u00e4rmern\u2039 und sogar von hilfreichen Heinzelm\u00e4nnchen, die immer nachts kommen. Aber h\u00e4ufiger begegnen uns hier \u203alange, schlaflose N\u00e4chte\u2039, \u203aNachtarbeit\u2039 und \u203aNachtschichten\u2039: die \u00c4rzte, die Pflegenden, die Eisenbahner, die Bus- und Taxifahrer, die auch \u203anachts\u2039 arbeiten, die Fischsortierer, deren H\u00e4nde schon kurz nach \u203aMitternacht\u2039 halb erfroren sind, die \u203aDiebe in der Nacht\u2039, \u201a\u203an\u00e4chtliche <span style=\"color: #333399;\"><a href=\"https:\/\/encrypted.google.com\/search?q=kobold&amp;hl=de&amp;prmd=imvns&amp;tbm=isch&amp;tbo=u&amp;source=univ&amp;sa=X&amp;ei=7F-yT4CVOoGYhQfZjp3yCA&amp;sqi=2&amp;ved=0CKIBELAE&amp;biw=1200&amp;bih=548\"><span style=\"color: #333399;\">Kobolde<\/span><\/a><\/span> in den Kaminen\u2039, vor allem aber: \u203aKriegs- und Bombenn\u00e4chte\u2039, \u203aNacht-und-Nebel-Aktionen\u2039, in denen Menschen fl\u00fcchten, abtransportiert werden, um Haus und Hof, Leib und Leben f\u00fcrchten m\u00fcssen, sie alle holen uns ein \u2013 vor allem nachts.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Macht der Poesie: Herstellbarkeit von Atmosph\u00e4ren<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein Zweifel, von W\u00f6rtern k\u00f6nnen Stimmungen ausgehen, Atmosph\u00e4ren oder Auren (was hier f\u00fcr das gleiche Ph\u00e4nomen stehen soll), wie auch die Rede von der \u203aheiteren Landschaft\u2039 zeigt, vom \u203astillen See\u2039, den \u203ab\u00f6sen Worten\u2039, die eine Atmosph\u00e4re vergiften k\u00f6nnen. Aber Poesie kann Atmosph\u00e4ren bewusst und kunstvoll herstellen. (Gernot B\u00f6hme: <em>Atmosph\u00e4re<\/em>, 1995)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pl\u00f6tzlich erinnere ich das Gedicht <em>Alter Garten<\/em> von Arno Holz, in dem es hei\u00dft: <em>Kein Laut \/ <\/em><em>Der alte T\u00fcmpel vor mir schwarz wie Tinte, \/ um mich, \u00fcber mir, von allen Seiten, \/ auf Fledermausfl\u00fcgeln, \/ die Nacht &#8230;<\/em> Und da f\u00e4llt mir auch Herta M\u00fcllers 2009 erschienener H\u00f6rbuchtitel <em>Die Nacht ist aus Tinte gemacht <\/em>ein. Ein Titel, der implizit die Herstellbarkeit von Atmosph\u00e4ren beansprucht. Doch elektrisiert mich in beiden Funden das Wort \u203aTinte\u2039; im Zusammenhang mit Nacht gerinnt es zu einem weiteren, beeindruckenden Bild, das ich allerdings bereits 2006 bei Rudolph Bauer fand:<em> &#8230; zum schlafen sind die v\u00f6gel weggeflogen \/ der duft des oleanders ruht \/ die berge sind in graue tinte \/ eingetaucht die gipfel. <\/em>Naturerleben und kulturelle Formung flie\u00dfen hier zusammen in das Bild von Nacht und Tinte. Man muss gewillt sein, in diese Wirklichkeit einzutreten, denn, so sagt B\u00f6hme 1995: <em>Die Atmosph\u00e4re ist die gemeinsame Wirklichkeit des Wahrnehmenden und des<\/em> <em>Wahrgenommenen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Walter Benjamins Begriff der \u203aAura\u2039, die ein Kunstwerk im Gegensatz zu seiner Reproduktion umgibt, zielte bereits viel fr\u00fcher auf sehr \u00e4hnliche Zusammenh\u00e4nge. So stellt sich mir auch die Frage, ob es so etwas wie kulturelle Kontinuit\u00e4ten unserer \u203aNacht\u2039-Wahrnehmungen gibt: Stehen die <em>stillen Gew\u00e4sser<\/em>, die <em>tintenschwarzen T\u00fcmpel<\/em>, das <em>Gemacht-Sein aus Tinte<\/em>, die <em>in graue Tinte getauchten Gipfel<\/em> in einer Kontinuit\u00e4t artifizieller Nachtbilder, die etwa im 18. Jahrhundert, vielleicht schon fr\u00fcher, beginnt? Ist \u203aTinte\u2039 einer unserer kulturhistorischen Kodes f\u00fcr die Nacht? Eine Kontinuit\u00e4t, in der auch Peter R\u00fchmkorfs Parodie auf Matthias Claudius\u2019 <em>Abendlied<\/em> (<span style=\"color: #333399;\"><a href=\"http:\/\/www.gesangbuch.org\/lyrics\/d0038.html\"><span style=\"color: #333399;\"><em>Der Mond ist aufgegangen<\/em><\/span><\/a><\/span>) stehen k\u00f6nnte, denn hier zieht sich nachts das lyrische Ich <em>die Tintentoga<\/em> vors Gesicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Romantische Gef\u00e4hrten der Nacht: Wind \u2219 Duft\u00a0 \u2219 Hauch<\/span><\/p>\n<div style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/3\/30\/Erl_king_sterner.jpg\/220px-Erl_king_sterner.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"169\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Albert Sterner \u00b7 Erlk\u00f6nig<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wortverbindungen erzeugen \u2013 st\u00e4rker als einzelne W\u00f6rter \u2013 die jeweiligen Auren. So erinnern wir uns z.B., wenn wir an Goethes Ballade <span style=\"color: #333399;\"><a href=\"http:\/\/users.telenet.be\/gaston.d.haese\/goethe_erlkonig.html\"><span style=\"color: #333399;\"><em>Erlk\u00f6nig<\/em><\/span><\/a><\/span> denken, dass <em>Nacht<\/em> und <em>Wind<\/em> Gef\u00e4hrten sind. Die Atmosph\u00e4re oder Aura, die das Gedicht gleich anfangs erzeugt, ist schaurig-sch\u00f6n. \u00c4hnlich <em>Der Schatzgr\u00e4ber<\/em>, wo es hei\u00dft: <em>Schwarz und st\u00fcrmisch war die<\/em> <em>Nacht<\/em>. Ganz anderes f\u00fchlen wir, wenn nicht Wind oder Sturm zitiert werden, sondern ein zarter Hauch, wie bei Ricarda Huch, wo es hei\u00dft: <em>Schwerer Duft der Nacht \/ zog mit m\u00fcdem<\/em> <em>Hauch vor\u00fcber<\/em>. Die Atmosph\u00e4re, die diesen Zeilen gleichsam zu entsteigen scheint, wirkt zart und schwer und m\u00fcde zugleich. Eine \u00e4hnliche Wirkung erzeugt Georg Heym, wenn er dichtet: <em>Der dunkle Abend wird in Nacht bet\u00e4ubt ..<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Liebste Gef\u00e4hrten: Liebe und Licht<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu den Gef\u00e4hrten der Nacht z\u00e4hlt auch die Liebe<strong>.<\/strong> <em>Ich raube in den N\u00e4chten \/ Die Rosen<\/em> <em>deines Mundes, \/ &#8230;,<\/em> sagt das lyrische Ich in Else Lasker-Sch\u00fclers Gedicht <em>H\u00f6re<\/em>, w\u00e4hrend Gertrud Kolmar Leda klagend sagen l\u00e4sst: <em>&#8230; mein Wesen stand und rief die Nacht und dich<\/em>. <em>Die Nacht, die Lichter<\/em> nennt Clemens Meyer 2008 seinen Band mit 15 <em>Stories<\/em>, in denen seinen <em>ruhelosen Nachtgestalten<\/em> in der n\u00e4chtlichen Stadt so einiges widerf\u00e4hrt. Und selbst in ihren Negationen tritt die Verbindung Nacht und Licht noch auf: <em>Die Nacht ist nicht die<\/em> <em>Nacht <\/em><em>\u2219 Das Licht ist nicht das Licht<\/em>, so der Titel von Joseph Buhls Gedichtband.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Gef\u00e4hrtin Einsamkeit klopft an die T\u00fcr<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Autobiografien, Tageb\u00fcchern und Krankenberichten kommt die Einsamkeit als Begleiterin der Nacht besonders h\u00e4ufig vor. Die \u00d6sterreicherin Maxie Wander, die viele Briefe und Tagebuchaufzeichnungen \u00fcber ihr Leben mit der Krebserkrankung, an der sie 1977 im Alter von 44 Jahren starb, hinterlassen hat, schrieb: <em>Wie grauenhaft, &#8230; letzte Nacht hab ich im Traum geschrien. Es hat offenbar niemand geh\u00f6rt oder nicht beachtet, niemand kam, niemand klopfte an meine T\u00fcr. Ich hab den Kopf in die Kissen gepre\u00dft und geheult wie schon lange nicht. Wie schon sehr lange nicht &#8230;<\/em> Das \u203aAn-die-T\u00fcr-Klopfen\u2039 ist ein einpr\u00e4gsames Begleitbild der Einsamkeit in der Nacht, das auch Rilke schon gebraucht hat: <em>Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manchesmal \/ in langer Nacht mit hartem Klopfen st\u00f6re, \u2013 \/ so ist\u2019s, weil ich dich selten atmen h\u00f6re \/ und wei\u00df: Du bist allein im Saal. \/ Und wenn du<\/em> <em>etwas brauchst, ist keiner da, \/\/ &#8230; Und meine Sinne, welche schnell erlahmen, \/ sind ohne Heimat und von dir getrennt<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Nacht als Zeit gef\u00fcrchteter Widerfahrnisse<\/span><\/p>\n<div style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/9\/9e\/Parasitismus.jpg\/220px-Parasitismus.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"245\" \/><p class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Soebe<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Alltagssprache ist die Vorstellung \u203aNacht\u2039 mit vielerlei Gef\u00e4hrdungen des Menschen verbunden. Die Nacht ist die Zeit, in der die Diebe, die Einbrecher kommen, die Zeit, f\u00fcr die man Sicherheitsglas und Alarmanlagen ben\u00f6tigt, in der man den Haust\u00fcrschl\u00fcssel nicht stecken lassen, die T\u00fcr nicht unverschlossen bleiben darf. Doch alles noch so sorgf\u00e4ltige Verriegeln von T\u00fcren hilft nicht gegen unsere \u203aUntermieter\u2039. Nachts kriechen und krabbeln sie aus Ritzen und Matratzen, aus W\u00e4sche, Kleidung, Haar. Eine gro\u00dfe Tageszeitung widmete ihnen in einer ihrer Wochenend-Ausgaben 2009 eine ganze Seite. Da ging es um Milben, L\u00e4use, Wanzen, Fl\u00f6he und Fadenw\u00fcrmer. Sie alle, vor allem aber die L\u00e4use, scheinen sich um Grenzen zwischen Textsorten nicht zu k\u00fcmmern: <em>Zu sp\u00e4t ins Lager zu kommen, war schlimm. Dann war die Suppe alle. Dann hatte man nichts au\u00dfer dieser gro\u00dfen leeren Nacht mit den L\u00e4usen,<\/em> schreibt Herta M\u00fcller in ihrem Roman <span style=\"color: #333399;\"><a href=\"https:\/\/encrypted.google.com\/search?q=kobold&amp;hl=de&amp;prmd=imvns&amp;tbm=isch&amp;tbo=u&amp;source=univ&amp;sa=X&amp;ei=7F-yT4CVOoGYhQfZjp3yCA&amp;sqi=2&amp;ved=0CKIBELAE&amp;biw=1200&amp;bih=548#hl=de&amp;tbm=isch&amp;sa=1&amp;q=atemschaukel&amp;oq=atemschaukel&amp;aq=0&amp;aqi=g1g-S9&amp;aql=&amp;gs_l=img.1.0.0j0i24l9.78753.81490.0.85082.12.8.0.3.3.0.471.2002.0j4j1j2j1.8.0...0.0.exby9digXyo&amp;pbx=1&amp;bav=on.2,or.r_gc.r_pw.r_qf.,cf.osb&amp;fp=99d3004b6ad8899f&amp;biw=1200&amp;bih=548\"><span style=\"color: #333399;\"><em>Atemschaukel<\/em><\/span><\/a><\/span>. Die Nacht ist gro\u00df und leer, die L\u00e4use sind das einzige, das sie ausf\u00fcllt. L\u00e4use und Nacht als Verdichtung von Lager-Einsamkeit und Hunger.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">N\u00e4chtlicher Gef\u00e4hrte Tod<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch es gibt Gef\u00e4hrlicheres als L\u00e4use. Es ist der Tod. Er tritt in Verbindung mit Nacht, vor allem mit \u203aKrankheit und Nacht\u2039, \u203aEinsamkeit und Nacht\u2039 in vielen Tageb\u00fcchern, Autobiografien und Krankenberichten auf. In Horst Karaseks Krankengeschichte <em>Blutw\u00e4sche<\/em> (1987) tritt der Tod n\u00e4chtens an das Fu\u00dfende des Krankenbetts: <em>Der Tod (ist) Samstagnacht an mein Fu\u00dfende getreten; ich bin ihm aber noch einmal von der Schippe gesprungen<\/em>. Das Bild vom Tod als <em>Schlafes Bruder<\/em> ist in der Kunst seit Bachs <span style=\"color: #333399;\"><a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=liJ73QGC6z4&amp;feature=related\"><span style=\"color: #333399;\"><em>Kreuzstab-Kantate<\/em><\/span><\/a><\/span> bekannt. In Robert Schneiders gleichnamigem Roman und dessen Verfilmung fand es seinen vorl\u00e4ufigen Gestaltungsh\u00f6hepunkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Hellichte Nacht<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber der Tod ist mit der Nacht auch noch ganz anders verbunden: Theo Breuer schreibt im <em>b&amp;b-gedicht<\/em>, das im Gedenken an den fr\u00fchen Unfalltod des Dichters Rolf Dieter Brinkmann geschrieben wurde: <em>z.b. \/ &#8230; an brink- \/ mann denken \/ + ein bi\u00dfchen das \/ quietschen + quetschen \/ f\u00fchlen \/ das mit seinem englischen \/ tod in hellichter nacht \/ einherging \/ &#8230;.<\/em> In <em>hellichter Nacht<\/em> \u2013 ein Beispiel f\u00fcr poetische Mehrdeutigkeit, man kann es vor biografischem und zugleich kulturhistorischem Hintergrund lesen: Das Oxymoron <em>in hellichter nacht<\/em> als \u00dcbertragung eines Merkmals des Antonyms \u203aTag\u2039 (vgl. \u203aam helllichten Tag\u2039) auf das Wort (den Signifikanten) \u203aNacht\u2039 wirkt wie ein <span style=\"color: #333399;\"><a href=\"http:\/\/www.munch.museum.no\/work.aspx?id=17&amp;wid=1&amp;lang=en\"><span style=\"color: #333399;\"><span style=\"color: #000000;\">Auf<\/span>schrei<\/span><\/a><\/span>. Zum anderen sind die hell erleuchteten Gro\u00dfstadtn\u00e4chte Thema der Lyrik seit dem Expressionismus, zumal mit der einziehenden Helligkeit in die N\u00e4chte auch die Lebensgewohnheiten der Menschen in gro\u00dfen St\u00e4dten sich ver\u00e4nderten. Wahrscheinlich schwingt von all diesen Konnotationen etwas mit: Brinkmann wurde <em>am Tore der Nacht<\/em> (Julius Overhoff) des 23. April 1975 in London von einem Auto \u00fcberfahren. Der<em> englische tod in hellichter nacht<\/em> erzeugt eine Aura der Widerspr\u00fcche \u2013 und des Widersprechens (gegen das grausame Geschehen).<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Insignien der Nacht<\/span><\/p>\n<div style=\"width: 180px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/d\/d9\/Zodiakallicht.jpg\/170px-Zodiakallicht.jpg\" alt=\"\" width=\"170\" height=\"228\" \/><p class=\"wp-caption-text\">\u00c8tienne L\u00e9opold Trouvelot \u00b7 Lumi\u00e8re zodicale<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gibt es Insignien der Nacht? Insignien als (Hoheits-)Zeichen, die Atmosph\u00e4re erzeugen, wie z.B. das Wort \u203aAster\u2039 das Bild des Herbstes heraufbeschw\u00f6rt? Gibt es Insignien in diesem Sinne auch f\u00fcr die Nacht? Wie ist es damit in der Alltagssprache bestellt? Ich vermute, dass Mond, Sterne, Dunkelheit und K\u00fchle zu den Insignien der Nacht geh\u00f6ren; vielleicht auch Wind, Sturm und ungewisse Gef\u00e4hrdungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dar\u00fcber hinaus fallen unter den Insignien besonders die Antonyme, Syn\u00e4sthesien und Farbbezeichnungen auf. Novalis erfand ein besonders sch\u00f6nes, antonymisches Gef\u00fcge: In seinen 1801 erschienenen <em>Hymnen an die Nacht<\/em> preist er die <em>zarte Geliebte<\/em> als liebliche <em>Sonne der Nacht<\/em>. Sonne und (implizit) Mond erscheinen als Antonyme, die das Wort (den Signifikanten) \u203aNacht\u2039 geradezu umstellen. Ausdr\u00fccke wie <em>samtene Nacht<\/em>,<em> in den N\u00e4chten, wenn die Rosen singen <\/em>(Lasker-Sch\u00fcler) oder die Sterne leise <em>zwitschern<\/em> (Poschmann) sind durch Syn\u00e4sthesien gekennzeichnet. Kein Wunder, w\u00fcrde Gernot B\u00f6hme sagen, werden Atmosph\u00e4ren doch nicht isoliert wahrgenommen, sondern stets von mehreren Sinnen gleichzeitig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch spezifische Farbbezeichnungen im Zusammenhang mit \u203aNacht\u2039 bilden Insignien. Hier m\u00fcsste von Schwarz, Grau und vor allem Blau gesprochen werden. Die produzierbaren Atmosph\u00e4ren des Wortes \u203aNacht\u2039 sind nahezu unz\u00e4hlbar. Nach kurzer Jagd l\u00e4sst sich bildhaft sagen: Die Nacht ist schwer beladen mit unterschiedlichsten Zuschreibungen. Viele lie\u00dfen\u00a0 sich noch entdecken, wenn man systematischer auf die Jagd nach W\u00f6rtern ginge, <em>die <\/em>[&#8230;] <em>traurig oder gl\u00fccklich machen k\u00f6nnen.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Vor 100 Jaren starb Georg Heym. KUNO erinnert nicht an ihn mit einem Gedicht, sondern durch seine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/01\/16\/die-bleistadt\/\">Prosa<\/a>.<\/p>\n<div id=\"attachment_97263\" style=\"width: 228px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-97263\" class=\"wp-image-97263 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-218x300.jpg\" alt=\"\" width=\"218\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-218x300.jpg 218w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym-160x220.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Georg_Heym.jpg 364w\" sizes=\"auto, (max-width: 218px) 100vw, 218px\" \/><p id=\"caption-attachment-97263\" class=\"wp-caption-text\">Georg Heym. Zeitgen\u00f6ssisches Photo<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong> \u2192\u00a0<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugt der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>. Um den Widerstand gegen die gepolsterte Gegenwartslyrik ein wenig anzufachen schickte <span data-offset-key=\"d96ve-1-0\">Wolfgang Schlott<\/span><span data-offset-key=\"d96ve-2-0\"> dieses\u00a0 post-dadaistische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/02\/03\/handwerkliche-anleitungen-zur-ueberwindung-von-schreibblockaden\/\">Manifest<\/a>. Warum<\/span> Lyrik wieder in die Zeitungen geh\u00f6rt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/07\/der-dichtung-eine-bresche-schlagen\/\">begr\u00fcndete<\/a> Walther Stonet, diese Forderung hat nichts an Aktualit\u00e4t verloren. Lesen Sie auch Maximilian Zanders <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5418\">Essay <\/a>\u00fcber Lyrik und ein R\u00fcckblick auf den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/01\/08\/lyrik-katalog-bundesrepublik\/\"><em>Lyrik-Katalog Bundesrepublik<\/em><\/a>. KUNO sch\u00e4tzt den minuti\u00f6sen Selbstinszenierungsprozess des lyrischen Dichter-Ichs von Ulrich Bergmann in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27947\">Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne \u2026 und Schwerkraft. Gedanken \u00fcber das lyrische Schreiben<\/a>. Lesen Sie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber die interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit von Angelika Janz, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin.<\/em> Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/08\/von-sappho-zu-sophie\/\">hier<\/a>, ein Essay fasst das transmediale Projekt<em> &#8222;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/14\/bi-textualitaet\/\">Wortspielhalle<\/a>&#8220; <\/em>zusammen<em>. <\/em>Auf KUNO lesen Sie u.a. Rezensionsessays von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/06\/17\/beschwoerungszauber\/\">Holger Benkel<\/a> \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/12\/mit-deutschen-untertiteln\/\">Ralph Pordzik<\/a>,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/20\/wohnraeume-der-poesie\/\">Friederike Mayr\u00f6cker<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/19\/welten-gegenwelten\/\">Werner Weimar-Mazur<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/26\/wohnraeume-der-poesie-2\/\">Peter Engstler<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/08\/17\/der-grill-auf-der-hauswiese-der-welt\/\">Linda Vilhj\u00e1lmsd\u00f3ttir<\/a>, und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/09\/17\/rettungsversuche-der-literatur-im-digitalen-raum\/\">A.J. Weigoni<\/a>. Lesenswert auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/05\/16\/verseschmied-und-lyrikfischer\/\">Gratulation<\/a> von Axel Kutsch durch Markus Peters zum 75. Geburtstag. Nicht zu vergessen eine Empfehlung der kristallklaren Lyrik von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/19\/die-lyrikerin-ines-hagemeyer\/\">Ines Hagemeyer<\/a>. Diese Betrachtungen versammeln sich in der Tradition von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins, dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Bottroper Literaturrocker<\/a> &#8222;Biby&#8220; Wintjes und Hadayatullah H\u00fcbsch, dem Urvater des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/30\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\"><em>Social-Beat<\/em><\/a>, im KUNO-Online-Archiv. Wir empfehlen f\u00fcr Neulinge als Einstieg in das weite Feld der nonkonformistischen Literatur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">diesem Hinweis<\/a> zu folgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Von W\u00f6rtern, die gl\u00fccklich oder traurig machen k\u00f6nnen Die Nacht hat aufgeh\u00f6rt zu kichern. Sie schl\u00e4ft in ihren Stiefeln. Und ein verdatterter Mond schaut zu. Welch ein Bild! Ich finde es 2009 in Dietmar Daths Roman S\u00e4mmtliche Gedichte. Auf&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/05\/15\/die-nacht-%e2%88%99-die-atmospharen-%e2%88%99-die-texte\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":26,"featured_media":97263,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[424,426,431,436,265,143,429,423,454,427,433,425,422,182,321,430,434,267,432,241,437,84,428],"class_list":["post-4074","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-arno-holz","tag-carl-zuckmayer","tag-clemens-meyer","tag-dietmar-dath","tag-else-lasker-schuler","tag-friederike-mayrocker","tag-georg-heym","tag-gernot-bohme","tag-hans-georg-bulla","tag-herta-muller","tag-horst-karasek","tag-johann-wolfgang-goethe","tag-jutta-dornheim","tag-karl-otto-conrady","tag-marion-poschmann","tag-maxie-wander","tag-novalis","tag-rainer-maria-rilke","tag-robert-schneider","tag-rolf-dieter-brinkmann","tag-rudolph-bauer","tag-theo-breuer","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4074","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/26"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4074"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4074\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4074"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4074"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4074"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}