{"id":39809,"date":"2019-11-04T00:01:49","date_gmt":"2019-11-03T23:01:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=39809"},"modified":"2020-11-26T15:31:28","modified_gmt":"2020-11-26T14:31:28","slug":"european-diggers","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/11\/04\/european-diggers\/","title":{"rendered":"European Diggers"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Thekengespr\u00e4che haben vor allem f\u00fcr sich, dass man Gedanken entwickeln kann, welche etwas neben der Spur liegen. Dort darf man sich wilden Phantasien hingeben, ohne direkt als Spinner bezeichnet zu werden. Sogar gewisse politische Unkorrektheiten sind zugelassen, solange sie nicht in Richtung der Grenzen einer Geschichtsleugnung und Menschenverachtung zielen oder diese gar \u00fcberschreiten, wie es j\u00fcngst in Frankreich bei einem Designer geschehen. Man kann sich nicht in rechts- oder linksradikalem Gedankengut irgendwelche haneb\u00fcchenen Schl\u00fcssel zur Zukunft zurechtfeilen, das wird zwangsl\u00e4ufig in die Hose gehen. Die Geschichte hat zu Gen\u00fcge bewiesen, dass jede Form des diktatorischen Nationalismus und Internationalismus zu unmenschlichen, nein barbarischen Exzessen f\u00fchrt. Die Zeit zwischen 1914 und 1995, speziell aber zwischen 1933 und 1945, hat mit Millionen ermordeter oder traumatisierter Menschen in Europa die Folgen der Diktaturen gezeigt und immer noch viele leiden darunter. Ein modernes und vor allem humanes Miteinander sieht anders aus. Das muss an dieser Stelle nicht weiter ausgef\u00fchrt werden.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Die meisten Thekengespr\u00e4che greifen aktuelle Probleme auf und versuchen eigene L\u00f6sungswege zu gehen, dabei kommen sie zum Teil zu wagemutigen Ergebnissen, die im Normalfall wegen alkoholisch bedingter Amnesie am n\u00e4chsten Tag vergessen sind, in Gl\u00fccksf\u00e4llen aber vielleicht von halbwegs n\u00fcchternen Zeitgenossen vernommen und eventuell sogar zur Grundlage einer lukrativen Idee werden.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Als Herr Nipp sich sein wohlverdientes alkoholfreies Weizen bestellte, war die Kneipe jedenfalls noch leer gewesen und er konnte sich in seine geliebte Arbeit vertiefen, er hatte sich ein Buch (&#8222;Intimes Tagebuch&#8220; von Henri-Fr\u00e9d\u00e9ric Amiel), das neue halbleinene Notizbuch im Querformat, einen Bleistift zum Unterstreichen und seinen schwarzen Pelikan-F\u00fcller (das sch\u00f6nste Geschenk, welches er jemals erhalten hatte) mitgenommen, machte seine Exzerpte und Notate. Daf\u00fcr war er wohl inzwischen bekannt und kaum jemand sprach ihn an, wenn er irgendwo sa\u00df, erst wenn das Arbeitsmaterial zur Seite gelegt worden war, kamen die Bekannten zu ihm an den Tisch, oft aber sa\u00df er auch einfach noch alleine ein Weilchen dort und beobachtete selbst unbeachtet die G\u00e4ste.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Irgendwann hatten sich am Nachbartisch drei Freunde eingefunden, der eine schon etwas \u00e4lter, die beiden anderen noch recht jung. Sie hatten sich, un\u00fcblich f\u00fcr diese Sorte von Lokalen, in denen sonst nur Bier und Schnaps getrunken wurden, einen Rotwein bestellt, eine ganze Flasche sogar. Die Wirtin brachte diese mit freundlichem L\u00e4cheln und drei Wassergl\u00e4sern, einen italienischen Negroamaro, den Herr Nipp noch niemals angeboten bekommen hatte. Dieser Wein schien nur f\u00fcr die drei reserviert zu sein. Schon nach einer Stunde wurde eine n\u00e4chste Flasche bestellt und das Gespr\u00e4ch etwas lauter, so dass man, ohne allzu sehr lauschen zu m\u00fcssen, das Hin und Her verfolgen konnte.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">&#8222;&#8230;nein, das gro\u00dfe Problem ist doch, dass wir im M\u00fcll untergehen&#8230;unsere Gesellschaft geht doch&#8230;&#8220; &#8222;&#8230;das ist alles Quatsch, inzwischen haben wir das doch ganz gut im Griff&#8230;M\u00fclltrennung schon alleine.&#8220; &#8222;Ja klar, und dann wird alles zusammengekippt, in der Deponie, das ist doch wirklich Augenwischerei.&#8220; &#8222;Stimmt doch gar nicht, inzwischen&#8230;&#8220; &#8222;&#8230;wird thermisch verwertet, ja, man verbrennt alles und \u00fcbrig bliebt Asche&#8230;\u00f6kologische Form der Stromgewinnung&#8230;&#8220; &#8222;&#8230;und keiner will so eine Anlage in seiner N\u00e4he haben&#8230;&#8220; &#8222;&#8230;immerhin kann man aus der Asche prima D\u00fcnger machen&#8230;&#8220; &#8220; &#8230;und die Felder mit PAKs verseuchen und all den anderen Giften.&#8220; Der Dritte schaltete sich erst jetzt in das Gespr\u00e4ch ein, er hatte sich bisher dezent zur\u00fcckgehalten und lieber mehr von dem offensichtlich wohlschmeckenden Wein getrunken, doch jetzt waren auch seine sprachlichen D\u00e4mme gebrochen und er konnte sich frisch und frei in den verbalen Schlagabtausch einschalten. &#8222;Ihr m\u00fcsst die Sache mal ganz anders denken, ich habe mir da so einen Plan zurechtgelegt und ihr k\u00f6nnt vielleicht mitmachen. Im Nachbardorf wurde doch Jahrzehnte lang der Steinbruch als M\u00fcllkippe genutzt, gut verf\u00fcllt und mit Erde abgedeckt.&#8220; &#8222;Was kommt denn jetzt, willst du, dass wir dagegen demonstrieren?&#8220; &#8222;Nein, Geld verdienen.&#8220; Die beiden anderen schienen wie vom Blitz getroffen, schauten sich an und mussten herzhaft lachen. Ein solches Lachen kann man nicht erkl\u00e4ren, es entsteht wahrscheinlich, wenn man die vermutete Bl\u00f6dheit des eigenen Gesichts in dem des Gegen\u00fcbers entdeckt. &#8222;Ja, Geld verdienen, ist wahrscheinlich einfacher, als ihr euch das denkt. Wir m\u00fcssten rund F\u00fcnfzigtausend investieren, aber das sollte sich schon nach wenigen Wochen wieder eingespielt haben.&#8220; &#8222;Willst du eine gro\u00dfe Glaskuppel dar\u00fcber bauen und die entstehenden Methangase absaugen und als Biogas verkaufen?&#8220; &#8222;Das k\u00f6nnte man zus\u00e4tzlich machen, allerdings brauchte man dann noch einige Euronen mehr, meine Idee ist viel einfacher und vor allem eintr\u00e4glicher. Wir brauchen ein Einlass- und Kontrollh\u00e4uschen mit Wiegestation, alles recht edel eingerichtet, eben mit dem besonderen Flair. Einige einfache Werkzeuge, wie Sch\u00fcppen, Spaten, Spitzhacken, f\u00fcr die Peniblen auch Handschuhe, nat\u00fcrlich Schubkarren und Eimer. Das war es.&#8220; &#8222;Verstehe, du willst die M\u00fcllkippe ausbeuten und wir sollen f\u00fcr dich schuften.&#8220; &#8222;Nein, viel besser, ihr sollt Teilhaber werden. Wir werden die M\u00fcllkippe als modernes Abenteurerparadies vermarkten. Innerhalb des Gel\u00e4ndes werden Claims abgesteckt, diese kann man f\u00fcr einige Stunden oder einen ganzen Tag mieten und die arch\u00e4ologischen Sch\u00e4tze der j\u00fcngsten Vergangenheit bergen. Wir werden ganze Schulklassen dorthin ziehen, die mit ihren \u00fcberengagierten Geschichtslehrern Forschungen machen, auch Hobbyarch\u00e4ologen mit Metalldetektoren. Zun\u00e4chst m\u00fcssten diese nat\u00fcrlich Eintritt bezahlen, so je f\u00fcnf bis zehn Euro, dann k\u00f6nnten sie sich Werkzeug leihen, f\u00fcr weiteres Geld und alle Fundst\u00fccke, die mitgenommen werden, w\u00fcrden nach Gewicht bezahlt.&#8220; &#8222;Nach einigen Jahren h\u00e4tten wir M\u00fcllionen verdient.&#8220; &#8222;Ich w\u00fcrde auf jeden Fall einen Schnellimbiss integrieren, vielleicht M\u00e4cces, das passt doch.&#8220; &#8222;V\u00e4ter w\u00fcrden mit ihren S\u00f6hnen ganze gl\u00fcckliche Wochenenden dort verbringen und selig \u00fcber die Fundst\u00fccke schwadronieren, vielleicht eine Radkappe eines Opels aus den f\u00fcnfziger Jahren.&#8220; &#8222;Oder ein ganzes, aber verrostetes Bonanzarad aus den sp\u00e4ten Siebzigern.&#8220; &#8222;Nat\u00fcrlich m\u00fcsste man mit solchen Floskeln wie ultimatives Abenteuer, Schatzsucher, Goldgr\u00e4ber werben.&#8220; &#8222;Und wenn die M\u00fcllhalde ihren Reiz f\u00fcr diese Klientel verloren h\u00e4tte, was normalerweise nach zehn Jahren eintreten d\u00fcrfte&#8230;&#8220; Einer der drei bestellte die dritte Flasche. &#8222;&#8230;dann werden wir aus ganz Europa willige Arbeitskr\u00e4fte anwerben, die als Ich-AGs dort Sch\u00fcrfrechte erwerben k\u00f6nnten und die gefundenen Metalle vorsortiert an uns verkaufen.&#8220; &#8222;Ja, aber die d\u00fcrften sich nicht \u00fcber die Glasvorkommen hermachen, das w\u00e4ren dann Sonderrechte, die einzeln zu erwerben w\u00e4ren.&#8220; &#8222;&#8230;wir w\u00e4ren die Jobmaschine der Zukunft, vielleicht k\u00f6nnten irgendwann auch Ausbildungs- und Studienberufe daraus entstehen, wie zum Beispiel R\u00fcckgewinnungsmechaniker, Haldenmanagement, Recyclingingenieurwesen oder Zweitverwertungstechniker.&#8220; &#8222;Ja, und alle unter dem Dachverband der EUROPEAN DIGGERS, denn auch die anderen M\u00fcllkippen in Europa h\u00e4tten wir bis dahin unter unseren Fittichen.&#8220;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">In diesem Moment setzte sich ein Freund zu Herrn Nipp und er konnte dem Gespr\u00e4ch nicht weiter folgen.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} -->\r\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich die\u00a0Totholzausgabe von Herrn Nipps <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> entwickelt.\u00a0Au\u00dferdem belegt sein Taschenbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a>, da\u00df man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=899\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> ein. Und au\u00dferdem pr\u00e4sentiert Haimo Hieronymus die bibliophile Kostbarkeit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41385\"><em>\u00dcber Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher<\/em><\/a> aus den Notizb\u00fcchern des Herrn Nipp. <span data-offset-key=\"bv319-0-0\">Begleitendes zur Ver\u00f6ffentlichung des Buches <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/04\/fatale-wirkungen\/\"><em>Fatale Wirkungen<\/em><\/a>, von Herrn Nipp (Mit Fotos von Stephanie Neuhaus). \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70620\">historische Aufgabe<\/a> von Herrn Nipp aus M\u00f6ppelheim.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Diese bibliophile Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">\u00a0<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Thekengespr\u00e4che haben vor allem f\u00fcr sich, dass man Gedanken entwickeln kann, welche etwas neben der Spur liegen. Dort darf man sich wilden Phantasien hingeben, ohne direkt als Spinner bezeichnet zu werden. Sogar gewisse politische Unkorrektheiten sind zugelassen, solange sie&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/11\/04\/european-diggers\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":161,"featured_media":71748,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1334],"class_list":["post-39809","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-herr-nipp"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39809","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/161"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=39809"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39809\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=39809"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=39809"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=39809"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}