{"id":39807,"date":"2019-10-04T00:01:03","date_gmt":"2019-10-03T22:01:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=39807"},"modified":"2021-10-25T15:09:32","modified_gmt":"2021-10-25T13:09:32","slug":"halb-leer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/10\/04\/halb-leer\/","title":{"rendered":"Halb leer"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf Festen hat man Gelegenheit in aller Freundschaft mit alten Bekannten zu reden, \u00fcber Gott und die Welt, wie man gerne sagt, meist jedoch \u00fcber Fernsehen und Fu\u00dfball. Da unterhalten sich zwei gestandene M\u00e4nner (sagt man so, wenn sie schon einige Jahre einen Beruf aus\u00fcben und um die H\u00fcfte herum einen stattlichen Umfang entwickelt haben) \u00fcber zuerst eine Fernsehserie, die sie regelm\u00e4\u00dfig sehen, beide. Nein, nicht eine, es handelt sich bei n\u00e4herem Hinh\u00f6ren um ein ganzes B\u00fcndel von Serien. Sendungen und Programmen. Die werden Abend f\u00fcr Abend gesehen. Verschlungen und verinnerlicht. Die beiden M\u00e4nner sind augenscheinlich einvernehmlich begeistert, diskutieren die dort zu sehenden Figuren aus, als w\u00e4ren es Leute aus der Nachbarschaft oder zumindest alte Bekannte, die man regelm\u00e4\u00dfig trifft und spricht. Auf Festivit\u00e4ten braucht es eben gute und unverbindliche Gespr\u00e4chsthemen. Man nimmt Augenkontakt auf, gr\u00fc\u00dft, tritt zu einer Gruppe oder Person hinzu und beginnt unverbindlich einen Smalltalk, so geh\u00f6rt sich das. Erst mit zunehmender Alkoholisierung sollte man ernsthafte Themen anschneiden, dann m\u00f6glichst in Form von Thekenparolen. Die kann jeder verstehen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Herr Nipp hinzutritt, hat er ein Glas mittelguten franz\u00f6sischen Rotweins in der Hand. Die guten Weine trinkt man gepflegt, im Sitzen, mit Freunden, mit leckeren Schweinereien dabei, Wurst, K\u00e4se, Schokolade. Auf Partys gibt es andere Sorten, das wei\u00df jeder, man sollte anderes auch nicht erwarten. Trotzdem kann man damit gut \u00fcber den Abend kommen. Vergn\u00fcglich nahm er einen Schluck nach der kurzen Begr\u00fc\u00dfung. Sie hatten ihn damit als Gespr\u00e4chspartner akzeptiert und w\u00fcrden im Laufe der n\u00e4chsten Minute erwarten, dass er sich am Gespr\u00e4ch beteiligt. Normalerweise gibt man neu hinzugekommenen Leuten die M\u00f6glichkeit, sich ins Thema zu finden, wenn allerdings nach einer Minute nichts kommt, gibt man mit der K\u00f6rperhaltung eindeutig zu verstehen, dass man sich wieder verdr\u00fccken sollte. Wenn man das nicht versteht, wird die Gruppe unter fadenscheinigen Gr\u00fcnden aufgel\u00f6st. Man geht zur Toilette oder holt sich ein neues Getr\u00e4nk und auf dem Weg wird man von jemand anderem angesprochen. Schon hat man seine Ruhe vor dem Schweiger. Den ganzen weiteren Abend meidet man es, auch nur in die N\u00e4he zukommen, aus Angst weiterhin angeschwiegen zu werden. Also gilt es m\u00f6glichst innerhalb von rund zwanzig Sekunden einen guten Kommentar zum Thema abzugeben, dann gilt man als weltgewandt, ein guter Gespr\u00e4chspartner. \u201eUnglaublich eigentlich, was die aus den kleinsten Indizien herausfinden k\u00f6nnen.\u201c \u201eSogar ein vertrocknetes Tr\u00f6pfchen Spucke kann da ausreichen, um einen T\u00e4ter zu \u00fcberf\u00fchren.\u201c \u201eGene, verstehst du?\u201c \u201eJa, ja, genetischer Fingerabdruck.\u201c Fachsimpelei auf h\u00f6chstem wissenschaftlichem Niveau k\u00f6nnte man glauben, nein inzwischen sind die beiden bei einer amerikanischen Krimiserie angekommen. Aber immerhin hat man sich die vielen Fachbegriffe gemerkt, da macht das Zuh\u00f6ren Freude und man muss aufmerksam folgen. \u201eTolles Team auch.\u201c \u201eJa, die eine ist schon ziemlich krank, meine ich, zumindest komisch.\u201c \u201eAber auch genial, t\u00fcftelt immer so neue Sachen aus.\u201c Die Zeit f\u00fcr Herrn Nipp l\u00e4uft langsam ab, wenn er nicht schnell eingreift, dann ist er f\u00fcr den ganzen Abend raus. \u201eJa, Wissenschaft ist schon ziemlich spannend, das kann man alles herausfinden, wenn man nur wei\u00df, wonach man sucht.\u201c Er schaut ein wenig verlegen, hofft, dass diese Meldung akzeptiert wird. \u201eJa, bei CSI sind die so, die suchen so lange, bis sie etwas gefunden haben.\u201c \u201eWas ist das genau?\u201c \u201e Eine der genialsten Serien aus Amerika, super spannend.\u201c \u201eHab keinen Fernseher.\u201c Dieses Gest\u00e4ndnis kann der Tod jeder Unterhaltung sein, wer kein TV-Ger\u00e4t besitzt, wird nicht f\u00fcr voll genommen. \u201eEcht? Krass!\u201c Das ist schon einmal gut, Bewunderung f\u00fcr etwas v\u00f6llig Uncooles zu bekommen, hei\u00dft, dass man voll in der Unterhaltung angekommen ist. Jetzt kann eigentlich jedes Thema gesetzt werden, zumindest bis die Gl\u00e4ser wirklich leer sind. \u201eJa, ich sehe auch nur noch Fu\u00dfball und ein paar Serien\u2026und nat\u00fcrlich Tagesschau, das muss schon sein, sonst ist man gar nicht informiert. Sonst kommt ja auch nichts mehr.\u201c \u201eNur bl\u00f6de Talkshows mit abgehalfterten G\u00e4sten, die seit zehn Jahren dasselbe von sich geben.\u201c \u201eStimmt, alles Bl\u00f6dsinn und die ganze Werbung.\u201c \u201eMan zappt den ganzen Abend durchs Programm und letztlich hat man nichts zu Ende gesehen.\u201c \u201eUnd am n\u00e4chsten Tag wei\u00df man gar nicht mehr, was man gesehen hat.\u201c \u201eHabe vor einem Jahr den Fernseher abgeschafft. Halte die Bilder nicht mehr aus, alles zu viel, zu schnell, zu bunt, zu grausam.\u201c \u201eAber abends mit `nem Bierchen Fu\u00dfball gucken?\u201c \u201eFind ich langweilig, kann man auch beim Angeln zugucken, da hat man meist mehr F\u00e4nge in anderthalb Stunden als beim Fu\u00dfball Tore fallen.\u201c \u201eAber beim Angeln zugucken gilt als langweiligste T\u00e4tigkeit \u00fcberhaupt, langweiliger noch als Angeln selbst.\u201c \u201eEben, andererseits rennen beim Fu\u00dfball 25 erwachsene und wahrscheinlich \u00fcberbezahlte M\u00e4nner hinter einem Ball her\u2026\u201c \u201e..du meinst 22\u2026\u201c \u201e..22 Spieler und die Schieds- und Linienrichter. Dann sitzen und stehen 80000 Fans im Stadion herum und 30 Millionen vor den Fernsehger\u00e4ten. Das nenne ich Langeweile.\u201c \u201eAber ist doch irgendwie auch geil, ne?\u201c \u201eJa, find ich auch, wenn die eigene Mannschaft gewinnt, nur die Interviews mit Spielern k\u00f6nnten sie sich schenken.\u201c \u201eUnd dann mit den anderen Fans feiern und singen.\u201c \u201eJa und \u00fcber das Spiel diskutieren und nacherz\u00e4hlen, klasse.\u201c \u201eBei einem Bierchen.\u201c \u201eFu\u00dfball find ich gut.\u201c \u201eEben, altes r\u00f6misches Prinzip \u2013 Brot und Spiele.\u201c \u201eWas meinst du damit?\u201c \u201eNa, was glaubst du denn, warum nicht die Vereine die polizeilichen Schutzma\u00dfnahmen bezahlen m\u00fcssen, sondern die Steuerzahler? \u2013 Na, Hartz IV und Fu\u00dfball. Gib den Menschen was zu essen und Ablenkung mit Fernsehen und Fu\u00dfball und schon sind sie ruhig. Da k\u00f6nnen sie sich das Elend der anderen Menschen anschauen und schon ist das eigene Leben gar nicht mehr so schlimm. Das h\u00e4lt die Bev\u00f6lkerung ruhig, da gibt es auch keine Demos. Wer glotzt und das Elend der Anderen sieht, ist selbst zufrieden.\u201c \u201eJa, und was machst du so?\u201c \u201eIch mache Sport, lese viel und schreibe.\u201c \u201eNaja, politisch aktiv kann man das auch nicht nennen.\u201c Kurz betretenes Schweigen. Der eine schaut auf die eigenen F\u00fc\u00dfe, macht eine Bewegung zur Seite. Mein Glas ist leer, ich hole mir mal was Neues.\u201c<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} \/-->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich die\u00a0Totholzausgabe von Herrn Nipps <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> entwickelt.\u00a0Au\u00dferdem belegt sein Taschenbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a>, da\u00df man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=899\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> ein. Und au\u00dferdem pr\u00e4sentiert Haimo Hieronymus die bibliophile Kostbarkeit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41385\"><em>\u00dcber Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher<\/em><\/a> aus den Notizb\u00fcchern des Herrn Nipp. <span data-offset-key=\"bv319-0-0\">Begleitendes zur Ver\u00f6ffentlichung des Buches <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/04\/fatale-wirkungen\/\"><em>Fatale Wirkungen<\/em><\/a>, von Herrn Nipp (Mit Fotos von Stephanie Neuhaus). \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70620\">historische Aufgabe<\/a> von Herrn Nipp aus M\u00f6ppelheim.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese bibliophile Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Auf Festen hat man Gelegenheit in aller Freundschaft mit alten Bekannten zu reden, \u00fcber Gott und die Welt, wie man gerne sagt, meist jedoch \u00fcber Fernsehen und Fu\u00dfball. Da unterhalten sich zwei gestandene M\u00e4nner (sagt man so, wenn sie&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/10\/04\/halb-leer\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":161,"featured_media":71748,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1334],"class_list":["post-39807","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-herr-nipp"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39807","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/161"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=39807"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39807\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=39807"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=39807"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=39807"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}