{"id":39804,"date":"2002-05-24T00:01:40","date_gmt":"2002-05-23T22:01:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=39804"},"modified":"2024-05-12T06:35:27","modified_gmt":"2024-05-12T04:35:27","slug":"die-diebischen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/05\/24\/die-diebischen\/","title":{"rendered":"Die Diebischen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Ruhrradwanderweg kann inzwischen, da er immer weiter ausgebaut wird, immer besser von der Quelle bis nach Duisburg befahren werden. Dabei sind verschiedenste Entwicklungsstufen und Landschaftsformen zu entdecken. So wurden in den vergangen f\u00fcnf Jahren die Bereiche im Raum Arnsberg renaturiert. An anderen Stellen sieht man noch den begradigten Fluss, Werk der f\u00fcnfziger bis achtziger Jahre. Wieder andere waren nie vergewaltigt worden. Naturbelassen schl\u00e4ngelte sich das Gew\u00e4sser hier durch die Landschaft. Herr Nipp fuhr diese Strecke immer wieder gerne. Lie\u00df sich mal rollen, an anderen Stellen musste er feste in die Pedale treten, weil durchaus auch mal Hindernisse in Form von H\u00fcgeln zu \u00fcberwinden waren. Neuerdings hatte er in H\u00f6he Neheim einige Kunstwerke entdeckt, besonders bemerkenswert dabei eine Steininstallation flussabw\u00e4rts hundertf\u00fcnfzig Meter nach einem Caf\u00e9 mit Ruhrblick. Der K\u00fcnstler Yanic Rossmann hatte sie ganz neckisch mit der typisch sauerl\u00e4ndisch anmutenden Wortneusch\u00f6pfung \u201eGetriersel\u201c versehen. Ein Name, der trifft, wie die Faust auf das eh schon blaue Auge. Eine Steinspirale, die eckig ist, wie die Steine. Kantig wie die Sauerl\u00e4nder. Hier kann man anhalten, die Eltern setzen sich gerne auf die nahegelegen Bank und plauschen, w\u00e4hrend die Kinder mit Heidenspa\u00df die immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Steine spiralf\u00f6rmig erklimmen. Ganz stolz stehen sie irgendwann auf dem h\u00f6chsten Stein und haben pl\u00f6tzlich einen anderen Blickwinkel auf die Landschaft. Auch Erwachsene wurden schon dabei beobachtet, wie sie diese unerwartete M\u00f6glichkeit der Bet\u00e4tigung nutzten. Herr Nipp hatte vor nicht allzu langer Zeit auch zwei nett anzublickende Mittvierzigerinnen mit breitem Lachen dort oben ersp\u00e4ht. Sich gegenseitig festhaltend, wie zwei M\u00e4dchen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute aber wollte er noch bis Haus F\u00fcchten kommen, er hatte von einem Freund erfahren, dass dort in den Ruhrwiesen \u00fcber 250 G\u00e4nse kampierten, neben Kanadag\u00e4nsen auch Graug\u00e4nse, ein unglaubliches Bild musste dies sein. Zwischen der M\u00fcndung der M\u00f6hne und eben jenem alten hochherrschaftlichen Geb\u00e4ude, das seit Jahren wohl renoviert wurde, allerdings nie zu einem Ende kam, f\u00fchrt die Strecke nur wenige Meter neben der Autobahn vorbei. Trotz der Ger\u00e4uschkulisse ist hier jeden Sonntag Hochverkehr. Dann m\u00fcssen sich die Spazierg\u00e4nger in Acht nehmen, weil von hinten in rasender Geschwindigkeit auch Fahrradrowdies ihr Unwesen treiben. Meist M\u00e4nner mit grimmigen Gesichtern, eingepfercht oder verschwei\u00dft (wie doppelsinnig) in Fahrradanz\u00fcge aus Polyester. Funktionskleidung, die aussieht, als seien diese Herren der Mittsechzigergeneration gerade einem Superheldenfilm der Siebzigerjahre entsprungen. N\u00f6rgelnd radeln sie an den Gehern vorbei, die das Wagnis eingehen, nebeneinander ihren Weg zu machen. Kurz hinter jener Flussm\u00fcndung, auch Ruhr-M\u00f6hne-Eck gehei\u00dfen, findet sich im Autol\u00e4rm eine Bank zum Verweilen. Neben dieser steht der obligatorische M\u00fclleimer. Als Herr Nipp sich in m\u00e4\u00dfigem Tempo n\u00e4herte, vernahm er das Schimpfen und Krakeelen eines Kurzstreckenwanderers. Man kennt sie fast schon gar nicht mehr. Klassisch mit Stabelstock bewaffnet hatte er sich auf Schusters Rappen begeben. Verdauungsgang. Diese Spezies ist in den letzten Jahren von den sogenannten Stockenten verdr\u00e4ngt worden. Meist in kleinen Rudeln auftretenden Semi &#8211; Sportgehern mit zwei schrecklich klackenden St\u00f6cken. \u201eSo eine Sauerei. Die Jugend von heute hat \u00fcberhaupt keine Manieren. Jetzt steht hier schon ein M\u00fclleimer und dann schmei\u00dfen die alles daneben. Schweinehunde und Saukerle das.\u201c Tats\u00e4chlich sah es nicht besonders gepflegt um dieses Gef\u00e4\u00df herum aus. Papier und Verpackungsreste hatten sich dort gleichm\u00e4\u00dfig verteilt. \u201eDa will man sich mal in Gottes sch\u00f6ne Natur setzen und dann so was. Die sollten sie mal zur Strafarbeit schicken, einen ganzen Monat lang oder noch mehr. Ja, damals w\u00e4re das nicht passiert. \u201c Er f\u00fchlte sich gem\u00fc\u00dfigt die Verdreckung zu beseitigen. Lobenswert. Spie\u00dfte jedes einzelne Teil mit der Stabelstockspitze auf und streifte die Beute vorsichtig, aber gezielt ab. Herr Nipp hatte abgebremst, tat so, als blicke er auf die an dieser Stelle sehr langweilige, weil begradigte Ruhr und schaute sich das Schauspiel an. Am\u00fcsiert, denn er wusste, was passieren w\u00fcrde. Hatte es schon h\u00e4ufiger beobachtet. Nach gut drei Minuten hatte der Mann (gr\u00fcne Lodenjacke, Hut und Rauhaardackel an der Leine) seine selbst gew\u00e4hlte Aufgabe vor sich hin motzend beendet. Er setzte sich jedoch nicht auf die Bank nieder, sondern entfernte sich ruhrabw\u00e4rts. Kaum hatte er sich zehn Meter vom Tatort entfernt, st\u00fcrzten zwei Elstern aus den nahegelegenen B\u00fcschen zum M\u00fclleimer herab und zupften geschickt die Verpackungen wieder heraus. Auf der Suche nach Nahrung. Herr Nipp h\u00e4tte das Gesicht des Mannes bei seiner Wiederkehr sehr gerne gesehen.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} -->\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich die\u00a0Totholzausgabe von Herrn Nipps <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> entwickelt.\u00a0Au\u00dferdem belegt sein Taschenbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a>, da\u00df man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=899\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> ein. Und au\u00dferdem pr\u00e4sentiert Haimo Hieronymus die bibliophile Kostbarkeit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41385\"><em>\u00dcber Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher<\/em><\/a> aus den Notizb\u00fcchern des Herrn Nipp. <span data-offset-key=\"bv319-0-0\">Begleitendes zur Ver\u00f6ffentlichung des Buches <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/04\/fatale-wirkungen\/\"><em>Fatale Wirkungen<\/em><\/a>, von Herrn Nipp (Mit Fotos von Stephanie Neuhaus). \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70620\">historische Aufgabe<\/a> von Herrn Nipp aus M\u00f6ppelheim.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese bibliophile Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Ruhrradwanderweg kann inzwischen, da er immer weiter ausgebaut wird, immer besser von der Quelle bis nach Duisburg befahren werden. Dabei sind verschiedenste Entwicklungsstufen und Landschaftsformen zu entdecken. 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