{"id":39801,"date":"2019-08-04T00:01:32","date_gmt":"2019-08-03T22:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=39801"},"modified":"2020-11-26T15:30:27","modified_gmt":"2020-11-26T14:30:27","slug":"anmassend","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/08\/04\/anmassend\/","title":{"rendered":"Anma\u00dfend"},"content":{"rendered":"&nbsp;\r\n<p style=\"text-align: justify\">Streitgespr\u00e4che geh\u00f6ren zum Alltag und geben ihm sogar eine gewisse W\u00fcrze. F\u00fcr einige Minuten oder vielleicht sogar Stunden schnellt der Blutdruck hoch, man kann sich herrlich aufregen und findet alles ungerecht. Zun\u00e4chst r\u00f6tet sich der Hals und man hat das Gef\u00fchl er schwelle langsam an. Das Gesicht wird immer w\u00e4rmer und irgendwann k\u00f6nnte man meinen, dass die Wangen unter dem ungeheuren Flie\u00dfen ungeheurer Blutmengen irgendwann platzen werden. Das allerdings s\u00e4he nicht so gut aus, also lassen sie es auch. Gut, wenn man bei der Sache bleibt, dann kann man sich hinterher freundschaftlich auf die Schulter klopfen und ein Bierchen trinken gehen oder Wein. Meistens wird man im Laufe des Abends in fast hysterisches Gel\u00e4chter ausbrechen, schon allein beim Gedanken dran, dass die anderen wahrscheinlich nun Schlimmstes bef\u00fcrchten. Die werden sich nie wieder in die Augen sehen k\u00f6nnen, diese Streith\u00e4hne werden wir auseinander halten m\u00fcssen. Keine Sorge, m\u00f6chte man dann sagen, das wird uns nicht passieren. Der ehrliche Streit ist das Salz in der Suppe einer guten Freundschaft, einer echten Partnerschaft.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Manchmal kippt ein solcher Disput allerdings ins Pers\u00f6nliche, vor allem bei Leuten, die sich per se nicht leiden m\u00f6gen, dann wird es tats\u00e4chlich gef\u00e4hrlich, denn in solchen F\u00e4llen bleiben Verletzungen nicht aus, tiefe Wunden, die nur sehr langsam heilen und dabei auch noch fiese Narben hinterlassen. Ein einmal ausgesprochenes Wort ist nicht zur\u00fccknehmbar. Es wird bleiben und wirken. Selbst wenn die Kontrahenten es irgendwann vergessen haben, irgendwer wird daran erinnern und dann kommen die alten Gef\u00fchle ganz pl\u00f6tzlich und unerwartet wieder hoch.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Auch Herrn Nipp war solches sicherlich schon h\u00e4ufiger passiert. Er galt nicht umsonst nicht gerade als Integrationsfigur, sondern seine St\u00e4rke lag im Polarisieren. Egal ob bei Freunden oder im Geldberuf, den er aus\u00fcbte, um den Rest machen zu k\u00f6nnen. Man mochte oder hasste ihn, dann konnte er mit s\u00fcffisantem Grinsen meist dar\u00fcber hinweg gehen. Er machte sich seine Gedanken und das Gegen\u00fcber merkte dies sehr deutlich. Manchmal ist das \u00e4tzend kleine S\u00e4urespritzerchen in einer Unterhaltung eine Falle. Es ist einfach eine Kunst, mit wenigen Worten den anderen zur Wei\u00dfglut zu bringen, am besten auf rein sachlicher Ebene. Aber was ist schon sachlich, ein harmloses Wort in einer Kommunikationskette kann immer genau das Gegenteil bewirken. Schon mit den Worten anzufangen, \u201eich glaube, das ist so nicht richtig\u201c kann andere v\u00f6llig aus der Fassung bringen, denn hier kommen zwei verschiedene Dinge aufeinander. Der Glaube ist unantastbar. Mit diesem allerdings kundzutun, dass eigentlich Wissen oder eine Meinung (hier kaum unterscheidbar) gemeint ist, bringt das werte Gegen\u00fcber automatisch in die Defensive. Er oder sie kann nun entweder selber mit dem Glauben argumentieren oder unterliegt im Umkehrschluss falschen Schlussfolgerungen. War nicht nach der Vorstellung des Konstruktivismus des Herrn von Fuchs eine objektive Welt auszuschlie\u00dfen, war diese nicht immer eine Folge der Betrachtung? Ja, Herr Nipp konnte ein Lied davon singen, dass er oft in solche Fallen gef\u00fchrt worden war, unentrinnbar. Dann ging die Eskalation ihren Weg und das Gegen\u00fcber konnte sich eins ins F\u00e4ustchen lachen. Herr Nipp f\u00fchlte sich damals meist als Verlierer und war im Anschluss ganz bedr\u00fcppelt. Es ist einfach nicht sch\u00f6n, wenn man in einem Streit einerseits unterliegt und andererseits auch noch beleidigt wird, das bringt einen zum Verstummen oder zur lautstarken Verbalklatsche. Beides ist besch\u00e4mend sp\u00e4ter. Besser war es in solchen F\u00e4llen, immerhin hatte er das gelernt, pl\u00f6tzlich ganz ruhig zu werden, die innere Mitte zu finden und ganz sachlich mit einen Tonfall zu reden, als sei der Streitgegner ein Kind. Man stelle sich nur einen erwachsenen Menschen vor, sei es Frau, sei es Mann, der so behandelt wird. Sein gesamtes Sozialisationsselbstverst\u00e4ndnis bricht in solchen F\u00e4llen einfach zusammen. Dies ist die h\u00f6chste Form der eristischen Dialektik. Das Gegen\u00fcber wird sich versteigen, selbstverst\u00e4ndlich und aus dieser selbst gebauten Falle nicht wieder heraus kommen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Andererseits hatte er wirklich immer wieder seine Freude daran, wenn andere sich stritten, dann konnte er sich gen\u00fcsslich zur\u00fcck lehnen und mit sich selber Wetten abschlie\u00dfen, wann die angespannte Unterhaltung v\u00f6llig kippen w\u00fcrde. Vor allem, wer gewinnen w\u00fcrde. Als inhaltlicher oder moralischer Sieger. Am Sch\u00f6nsten war eine solche Situation, wenn sie in einem Bildungsinstitut stattfand. In diesem Fall w\u00e4re alles hint\u00fcber gefallen, alles aus der Bahn gerissen worden. Die inhaltliche Diskussion w\u00fcrde zu einer pers\u00f6nlichen Beleidigungsschlacht. Endete im Extremfall mit der Anschuldigung, der Andere sei einfach nur anma\u00dfend, damit gemeint auch inkompetent. Wenn dieser dann ging, sich eine halbe Minute mit einem Becher voll dampfenden Kaffees an den Tisch setzte, dann w\u00fcrde er zeigen, dass er nun ein Aufputschmittel braucht. \u201eWas du sagst, meine Liebe, mein Lieber, kann mich nicht aufregen.\u201c Was hatte der schimpfw\u00f6rtersuchende Sprachwissenschaftler Reinhold Aman noch so sch\u00f6n formuliert: \u201eBeleidigungen sind ehrlicher als Kose- oder Lobesworte, weil sie aus dem tiefsten Hirn und aus der tiefsten Seele kommen.\u201c<\/p>\r\n&nbsp;\r\n\r\n&nbsp;\r\n<p style=\"text-align: center\"><!-- \/wp:post-content --><!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center\"><!-- \/wp:paragraph --><!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich die\u00a0Totholzausgabe von Herrn Nipps <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> entwickelt.\u00a0Au\u00dferdem belegt sein Taschenbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a>, da\u00df man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=899\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> ein. Und au\u00dferdem pr\u00e4sentiert Haimo Hieronymus die bibliophile Kostbarkeit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41385\"><em>\u00dcber Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher<\/em><\/a> aus den Notizb\u00fcchern des Herrn Nipp. <span data-offset-key=\"bv319-0-0\">Begleitendes zur Ver\u00f6ffentlichung des Buches <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/04\/fatale-wirkungen\/\"><em>Fatale Wirkungen<\/em><\/a>, von Herrn Nipp (Mit Fotos von Stephanie Neuhaus). \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70620\">historische Aufgabe<\/a> von Herrn Nipp aus M\u00f6ppelheim.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Diese bibliophile Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\"><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Streitgespr\u00e4che geh\u00f6ren zum Alltag und geben ihm sogar eine gewisse W\u00fcrze. F\u00fcr einige Minuten oder vielleicht sogar Stunden schnellt der Blutdruck hoch, man kann sich herrlich aufregen und findet alles ungerecht. 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