{"id":39795,"date":"2019-07-04T00:01:01","date_gmt":"2019-07-03T22:01:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=39795"},"modified":"2020-11-26T15:29:25","modified_gmt":"2020-11-26T14:29:25","slug":"chillen-ii","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/07\/04\/chillen-ii\/","title":{"rendered":"Chillen II"},"content":{"rendered":"&nbsp;\r\n<p style=\"text-align: justify\">Chillen geh\u00f6rt heute zu den absoluten Standardvokabeln der deutschen Umgangssprache. Wer es nicht kennt, der sollte jetzt irgendwo im Netz nach den verschiedenen Bedeutungsunterschieden suchen &#8211; am ehesten ist es wohl mit &#8222;entspannt abh\u00e4ngen&#8220; zu \u00fcbersetzen, aber eben nicht ganz. Chillen ist eine Bewegung, ohne dass die Chiller es selber wissen. Sang Jochen Diestelmeyer nicht &#8222;Ich m\u00f6chte Teil einer Jugendbewegung sein&#8220;? Heute kann man sagen, dass vielleicht zum ersten Mal seit je zuvor eine ganze Generation nicht Teil einer Jugendbewegung ist, sondern vollst\u00e4ndig in diese involviert erscheint, abgesehen von den ber\u00fchmten Ausnahmen vielleicht.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Herr Nipp sa\u00df bei einem mittelm\u00e4\u00dfigen Glas Wein an der Theke eines mittelm\u00e4\u00dfigen Clubs und machte sich mittelm\u00e4\u00dfige Gedanken. Irgendwie war diesen Tag alles etwas medioker, sogar er selber f\u00fchlte sich so. Schlecht zu sein ist irgendwie noch ganz in Ordnung, denn man hebt sich von der Masse ab. Ein schlechter oder b\u00f6ser Mensch zu sein, ist in diesem Sinne vielleicht sogar erstrebenswert, wenn man sonst nichts zu bieten hat, weder Bildung, noch Motivation oder Talent, von anderen Eigenschaften gar nicht zu reden. Das B\u00f6se \u00fcbt immer seinen Reiz aus, das Gute scheint dagegen so langweilig. Schon wieder war Nipp vom H\u00f6lzchen aufs St\u00f6ckchen gekommen, dabei hatte er sich doch wirklich vorgenommen, endlich klare und stringente Gedanken zu entwickeln, die er bei den gro\u00dfen Denkern so sch\u00e4tzte. Das Mediokre aber hat keine klare Struktur, h\u00f6ppelt vor sich hin und wird sich auf keinen Fall festlegen, w\u00e4re doch auch zu schade, wenn man sp\u00e4ter einmal darauf festgenagelt w\u00fcrde, etwas Klares gesagt zu haben, etwas offensichtlich Eindeutiges. Ganz adenauersch handelt der Mittelm\u00e4\u00dfige nach dem Motto, was k\u00fcmmert mich mein Geschw\u00e4tz von gestern.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Er bestellte sich ein zweites Glas Wein, welches auch prompt gebracht wurde. Die junge und wirklich h\u00fcbsche Bedienung hatte wohl etwas Langeweile, darum fragte sie im Hinstellen des Glases: &#8222;Was schreibst du eigentlich in das Buch, immer wenn du hier sitzt, schreibst du in das Buch.&#8220; Herr Nipp versuchte ihr zu erkl\u00e4ren, dass man erst dann eine klare Sicht auf das Leben und die Welt entwickeln kann, wenn die Gedanken sortiert werden, wenn sie in einen gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang gesetzt werden. &#8222;Du musst einfach mal chillen, dann siehst du schon klar, du scheinst viel zu verkrampft.&#8220; Die Bedienung entfernte sich kurz, einen anderen Gast zu bedienen, kam dann wieder und erl\u00e4uterte Herrn Nipp das von ihr selbst entwickelte Verfahren, einen klaren Blick auf die Welt zu erhalten und lud ihn dazu ein: &#8222;Erstmal muss du ausschlafen, du darfst die Augen fr\u00fchestens um zehn aufmachen und wenn du festgestellt hast, wieviel Uhr es ist, dann muss du dich langsam herumdrehen und weiterschlafen. Solltest du nicht mehr schlafen k\u00f6nnen, dann nimm ein langweiliges Buch, dann geht das schon, vielleicht darfst du auch ein wenig Fernsehen gucken. Gegen zw\u00f6lf fr\u00fchestens stehst du auf und fr\u00fchst\u00fcckst, danach geht man wieder ins Bett und guckt einen Videofilm und d\u00f6st, gegen Abend kochst du dir etwas, immer alles zu zweit, das entspannt, das chillt.&#8220; (Es sei angemerkt, dass weder Herr Nipp noch der Verfasser die Realsprache der Bedienung auch nur ann\u00e4hernd angemessen wiedergeben kann.)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Herr Nipp war verbl\u00fcfft, zahlte, trank aus und ging nach Hause. Am n\u00e4chsten Morgen w\u00fcrde er wie immer gegen halb sieben aufstehen, etwas arbeiten, sp\u00e4ter lesen und schreiben und Sport treiben.<\/p>\r\n&nbsp;\r\n\r\n&nbsp;\r\n<p style=\"text-align: center\"><!-- \/wp:post-content --><!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center\"><!-- \/wp:paragraph --><!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich die\u00a0Totholzausgabe von Herrn Nipps <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> entwickelt.\u00a0Au\u00dferdem belegt sein Taschenbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a>, da\u00df man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=899\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> ein. Und au\u00dferdem pr\u00e4sentiert Haimo Hieronymus die bibliophile Kostbarkeit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41385\"><em>\u00dcber Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher<\/em><\/a> aus den Notizb\u00fcchern des Herrn Nipp. <span data-offset-key=\"bv319-0-0\">Begleitendes zur Ver\u00f6ffentlichung des Buches <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/04\/fatale-wirkungen\/\"><em>Fatale Wirkungen<\/em><\/a>, von Herrn Nipp (Mit Fotos von Stephanie Neuhaus). \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70620\">historische Aufgabe<\/a> von Herrn Nipp aus M\u00f6ppelheim.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Diese bibliophile Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\"><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Chillen geh\u00f6rt heute zu den absoluten Standardvokabeln der deutschen Umgangssprache. 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