{"id":39785,"date":"2019-04-04T00:01:55","date_gmt":"2019-04-03T22:01:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=39785"},"modified":"2020-11-26T15:26:04","modified_gmt":"2020-11-26T14:26:04","slug":"gemuese","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/04\/04\/gemuese\/","title":{"rendered":"Gem\u00fcse"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Sie hatte ihm einen Gem\u00fcsekuchen gebacken, mit viel Liebe versteht sich und Salz und Pfeffer auch. Mit Zucchini und Zwiebeln, M\u00f6hren, Lauch, Steckr\u00fcbe. Leider hatte sie die M\u00f6hren drau\u00dfen bei minus 15 Grad liegen lassen, der K\u00fchlschrank war voll gewesen. \u201eDie waren kn\u00fcppelhart, ganz steif gefroren. Damit h\u00e4tten die Polizisten eine ganze Demo zusammen pr\u00fcgeln k\u00f6nnen.\u201c Dabei wei\u00df doch heute jeder, dass so etwas gar nicht vorkommen kann &#8211; hier und nirgendwo. Immer werden die Diener des Staates provoziert, niemals, wirklich niemals w\u00e4ren sie auch nur im Ansatz selber aggressiv. Wo hatte man je auf der gesamten gesehen, dass Polizisten ohne Vorwarnung zuschlugen? Die Demonstranten waren zweifelfrei selber daran schuldig, dass sie friedlich und unbewaffnet auf die Stra\u00dfe gingen und ihre demokratischen M\u00f6glichkeiten nutzten. Und au\u00dferdem w\u00fcrden Polizisten niemals M\u00f6hren einsetzen, wo es doch so h\u00fcbsche, dekorative und vor allem effektive Welt Schlagst\u00f6cke aus Eschenholz, Aluminium oder Hartgummi gibt. (An dieser Stelle muss sich der Erz\u00e4hler entschuldigen, dass er mal wieder nicht beim Thema Gem\u00fcsekuchen geblieben ist, man gebe ihm ein Stichwort und schon geht seine Fantasie mit ihm durch, da gibt es kein Halten mehr. Nat\u00fcrlich wei\u00df er selber, dass dies den sch\u00f6nen Lesefluss st\u00f6rt, aber er kann einfach nicht anders. Man erinnere sich einfach an den Ausspruch einer damals jungen Kunstgeschichtswissenschaftlerin, die moniert hatte, dass die Wechselrate an Themen bei einem Gespr\u00e4ch mit ihm an die Situation eines ADHS-Patienten erinnere. Er halte es keine drei Minuten aus, auch nur ein Thema durchzuhalten. Nein, dies hat den Schreiber nat\u00fcrlich in keiner Weise getroffen, dieser Ausspruch wurde nat\u00fcrlich auch sofort vergessen und niemals dar\u00fcber gegrummelt. Schlie\u00dflich wei\u00df doch jeder, dass nur Frauen, niemals jedoch M\u00e4nner historisch werden und die alten Geschichten so lange aufw\u00e4rmen, bis nichts davon \u00fcbrig geblieben ist.)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Also nicht so viele M\u00f6hren in den Kuchen, nicht nur deswegen, weil man nicht wei\u00df, wer damit verpr\u00fcgelt worden ist, sondern weil es schwierig ist, zutiefst gefrorene M\u00f6hren zu sch\u00e4len. Aber viel vom anderen Gem\u00fcse, sollte ja auch gesund sein. Eine K\u00e4seeiso\u00dfe dar\u00fcber gegossen und unten einen Hefeteig. Man kann sich die K\u00f6stlichkeit schon ausmalen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Der Tisch war wunderbar gedeckt. Zwischen den Tellern romantische Dekorationen und Kerzen aus Bienenwachs. Auch das gute Silberbesteck ihrer Gro\u00dfmutter hatte sie gedeckt. In der Dekantierkaraffe von Nachtmann leuchtete rubinrot der Wein \u2013 es sollte einen Dunkelfelder von der Nahe geben. Nicht zu verwechseln mit dem an jeder Hausecke zu erhaltenden Dornfelder, der diese geschmackliche Tiefe und Vielfalt nicht ann\u00e4hernd erreicht. Schon immer hatte Herr Nipp es wirklich gesch\u00e4tzt \u2013 und das wusste sie \u2013 wenn er solche Weine entdecken durfte, die eben nicht in jedem Supermarkt zu haben waren. Die sich entweder als uralte und wiederentdeckte Sorte oder als Neuz\u00fcchtung herausstellten. In S\u00fcdtirol war der Blatterle gewesen, vom Eberlehof der Familie Zisser ein spritziger Genuss. V\u00f6llig begeistert hatte ihn auch die Wei\u00dfweinspritzigkeit des Elblings von einem bisch\u00f6flichen Weingut, dessen Namen er vergessen hatte. Aber nat\u00fcrlich ging es nur vordergr\u00fcndig um das Neue, eigentlich liebte er einfach den Genuss von guten Weinen, die er sich allerdings noch leisten konnte. Genuss in seiner puren Form. Dann ist es doch letztlich egal, wie dieser Tropfen hei\u00dft.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Das Dekantieren jedenfalls lie\u00df den verhei\u00dfungsvollen Geruch \u00fcber die Tischplatte schweben. Die W\u00e4sser liefen im Mund zusammen. Probeweise goss er in die Gl\u00e4ser schon einmal ein, zwei Finger breit.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Dann der gro\u00dfe Moment. Der Kuchen wurde aus dem hei\u00dfen Backofen gezogen, mit zwei dicken Handschuhen zum Tisch getragen, fast feierlich. Der Raum wurde unter der Duftwolke, die sich in jede Ritze schob, fast erdr\u00fcckt. Sie z\u00fcckte das gro\u00dfe K\u00fcchenmesser mit schwarzem Griff und Klinge aus Solingen, schnitt das erste St\u00fcck, das zweite heraus. Je ein Prachtexemplar auf den Dekor umflorten Tellern platziert. Erst vorsichtig, wegen der Stauhitze, dann mit Hei\u00dfhunger fielen die beiden \u00fcber die Speise her. Zwischendurch Wein. Tiefe Blicke. \u201eHm, lecker.\u201c \u201eJa, nur das Gem\u00fcse k\u00f6nnte etwas Geschmack haben.\u201c<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich die\u00a0Totholzausgabe von Herrn Nipps <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> entwickelt.\u00a0Au\u00dferdem belegt sein Taschenbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a>, da\u00df man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=899\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> ein. Und au\u00dferdem pr\u00e4sentiert Haimo Hieronymus die bibliophile Kostbarkeit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41385\"><em>\u00dcber Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher<\/em><\/a> aus den Notizb\u00fcchern des Herrn Nipp. <span data-offset-key=\"bv319-0-0\">Begleitendes zur Ver\u00f6ffentlichung des Buches <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/04\/fatale-wirkungen\/\"><em>Fatale Wirkungen<\/em><\/a>, von Herrn Nipp (Mit Fotos von Stephanie Neuhaus). \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70620\">historische Aufgabe<\/a> von Herrn Nipp aus M\u00f6ppelheim.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Diese bibliophile Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">\u00a0<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie hatte ihm einen Gem\u00fcsekuchen gebacken, mit viel Liebe versteht sich und Salz und Pfeffer auch. Mit Zucchini und Zwiebeln, M\u00f6hren, Lauch, Steckr\u00fcbe. 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