{"id":39780,"date":"2019-03-05T00:01:27","date_gmt":"2019-03-04T23:01:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=39780"},"modified":"2021-06-27T07:52:56","modified_gmt":"2021-06-27T05:52:56","slug":"hallenbadkunst-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/03\/05\/hallenbadkunst-2\/","title":{"rendered":"Hallenbadkunst"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So extrem war es ihm noch nie zuvor aufgefallen. Dieser Sonntag allerdings sollte das Sehen schulen und f\u00fcr den Rest des Lebens grundlegend ver\u00e4ndern. Man wei\u00df ja, dass nur das gesehen wird, was benannt werden kann. Geht man \u00fcber eine Blumenwiese, so wird man als unbedarfter Spazierg\u00e4nger, der vielleicht zum ersten Mal aus der Stadt heraus gekommen ist, der zum ersten Mal durch die herrliche Welt der S\u00fcdtiroler Hochgebirgswiesen wandelt, eben nur eine Blumenwiese erkennen. Nicht allerdings der Pflanzenkundler mit Spezialgebiet S\u00fcdtiroler Alpenwelt, er wird an dieser Stelle die echte Arnika finden, wo andere nur eine unregelm\u00e4\u00dfige und gelbe Blume ausmachen. Dieses kleine fast schwarze Pfl\u00e4nzchen in \u00fcber 2000 Metern H\u00f6he entdeckt ist dann wahrscheinlich ein Kohlr\u00f6schen, welch ein Wunder, eine winzige Orchidee mit gefleckten Bl\u00e4ttern. Der St\u00e4dter tritt unsensibel darauf und zuckt bei zorniger Ansprache nicht mal mit den Schultern. Man muss erst sehen lernen, um die wahre Sch\u00f6nheit wahrnehmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hatte sich die Sachen gepackt und in der Tasche verstaut, drau\u00dfen unertr\u00e4gliche K\u00e4lte, die er vorher doch noch so mochte. Was aber macht man, wenn die 20 Grad im Minusbereich des Thermometers erreicht sind? Freizeitbad mit Saunam\u00f6glichkeit. Nein, heute bezeichnet man dieses eher als Erlebnisbad mit Wellnessbereich. Wohl niemand w\u00fcrde im Jahre 2012 damit noch zurechtkommen, wenn in einer Halle lediglich ein Becken von 12,5 mal 25 Metern liegen w\u00fcrde. Dort z\u00f6gen lediglich die Alten ihre Bahnen, verbissen, badebekappt und eisern, ansonsten wahrscheinlich eine Totgeburt. Nach sp\u00e4testens zwei Monaten m\u00fcsste ein solches Bad wegen Unwirtschaftlichkeit schlie\u00dfen. Kinder der Jetztzeit brauchten wohl solche Erlebnisb\u00e4der, mit Piratenbucht f\u00fcr die ganz Kleinen, mit Wasserrutschen und Strudeln, Wasserf\u00e4llen und massig Liegefl\u00e4chen. Drau\u00dfen auch im Winter nat\u00fcrlich mit Tiefenw\u00e4rme geheizte Hei\u00dfwasserbecken, am besten mit Salzwasser. Den Erwachsenen g\u00f6nnt man dort ein Dampfbad, dann kann man das Gegen\u00fcber wenigstens nicht sehen und jede Unterhaltung wird dadurch schon fast automatisch verhindert. Aber man sitzt dicht an dicht, welch ein Vergn\u00fcgen. Gegen Aufpreis Sauna und Solarium in einer arrangierten Landschaft. Die Essecke mit Men\u00fcs muss schon sein, halb Selbstbedienung, halb Restaurant mit Schnellimbissatmosph\u00e4re und eben solchen Gerichten. Vom Geschmack nicht zu sprechen. Die meisten der bezahlten Gerichte gehen zur H\u00e4lfte zur\u00fcck.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, der Whirlpool ist immer gut besetzt, einige Leute verbringen den halben Nachmittag darin. Herr Nipp z\u00e4hlt bis zu 12 Menschen, die sich in die sprudelnde Pf\u00fctze quetschen, irgendwann wird schon einer entnervt aufgeben. Der dazu kommende 150-Kilo-Mann l\u00e4sst einige Leute aufspringen, sie haben wohl Angst, dass er ausrutscht und einige unsanfte Knochenbr\u00fcche verursacht. Vielleicht ist es aber seine auff\u00e4llige Unansehnlichkeit. Die hat noch nicht einmal etwas mit dem f\u00fcr 160 cm L\u00e4nge einfach in der Breite zu gro\u00df bemessenen K\u00f6rper zu tun, nein, er hat ein Grinsen, das einem jeden Mitmenschen ein fast v\u00f6llig schwarzes Gebiss zeigt. Nicht vorzustellen, wenn er neben einem s\u00e4\u00dfe. Herr Nipp muss sofort an Seehunde denken, die von Natur aus tats\u00e4chlich fast schwarze Z\u00e4hne haben. Und starken Mundgeruch.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die beobachteten Kinder jedenfalls scheinen wirklich gl\u00fccklich mit der Situation zu sein. Sie kommen mit leuchtenden Augen nach der Rutschfahrt im Becken an, springen auf und heraus und laufen in unglaublicher Geschwindigkeit die Treppen wieder empor. Bei manchen von ihnen kann dieser Vorgang bis zu 23 Mal hintereinander beobachtet werden. Ein Ritual der Kinder, mal rutscht man auf dem Bauch, mal auf dem Hintern, dazu werden die Hosen halb nach unten gezogen, weil sie bremsen w\u00fcrden. Der Mensch ist erfinderisch, wenn es darum geht, die Geschwindigkeitsrekorde der Vorg\u00e4nger zu schlagen. Gute Auslastung dieser Investition ist folglich garantiert und wird jedem Investor in Zukunft vor Augen f\u00fchren, dass eine Wasserbahn unumg\u00e4nglich ist.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Herr Nipp allerdings hat die vielen Bilder entdeckt, die seine Mitb\u00fcrger auf ihren K\u00f6rpern tragen. Fast jeder Dritte ist durch eine Anzahl von mehr oder vor allem weniger gelungenen Tattoos gestaltet. Oftmals sieht er dabei die so genannten Tribals und obskure chinesische Zeichen, einige Damen tragen noch immer die in den neunziger Jahren bis 2005 so modernen Arschgeweihe. Eine Unsitte aus einer Zeit, als die Kleidung bauchfrei getragen wurde. Auch wenn man es nicht sehen wollte, man kam nicht daran vorbei. Dies \u00fcbrigens mit den bekannten Folgen f\u00fcr Nieren und Blasen. Nie vor- und nachher haben die Apotheker so viel an Blasenentz\u00fcndungen verdient als zu dieser Zeit. Einige Leute zeigen ihre Lieblingstiere, gerne Spinnen und Schlangen, aber auch mal einen Wellensittich, manchmal erkennt Herr Nipp ein Portrait, teilweise arg verformt, weil die Tr\u00e4ger einige Kilos zugelegt haben, aber vielleicht kann man sich tr\u00f6sten und die Portraitierten haben es ihnen gleichgetan. Sehr sch\u00f6n hier ein Portrait von Captain Jack Sparrow, welches inzwischen wohl die doppelte Breite erreicht hat. Irgendwie hat man hier das Gef\u00fchl, es k\u00f6nnte noch weitergehen. Ein sehr alter Herr hat den ganzen K\u00f6rper mit vielen alten Bildern versehen, die Farben sind verblaut, er tr\u00e4gt es mit Stolz in den Augen. Anker, Banner, Meerjungfrauen und viele Namen, teilweise wieder durchgestrichen, nat\u00fcrlich ein Kreuz und ein tr\u00e4nendes Herz. Der Mann ist wie ein Bilderbuch, nur lebendiger. Kaum einer, der nicht zumindest verstohlen einmal hinschaut. Man kann in den Falten weitere Bilder vermuten. Einer Frau verschwindet eine gestochene Eidechse unter der linken Brust im Bikinioberteil.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das beste Bild allerdings gibt eine Frau ab, auf deren nackt gezeigter Bauchfettsch\u00fcrze eine blauschwarze Welle bedenklich mit jeder Bewegung schwappt.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich die\u00a0Totholzausgabe von Herrn Nipps <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> entwickelt.\u00a0Au\u00dferdem belegt sein Taschenbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a>, da\u00df man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=899\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> ein. Und au\u00dferdem pr\u00e4sentiert Haimo Hieronymus die bibliophile Kostbarkeit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41385\"><em>\u00dcber Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher<\/em><\/a> aus den Notizb\u00fcchern des Herrn Nipp. <span data-offset-key=\"bv319-0-0\">Begleitendes zur Ver\u00f6ffentlichung des Buches <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/04\/fatale-wirkungen\/\"><em>Fatale Wirkungen<\/em><\/a>, von Herrn Nipp (Mit Fotos von Stephanie Neuhaus). \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70620\">historische Aufgabe<\/a> von Herrn Nipp aus M\u00f6ppelheim.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese bibliophile Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; So extrem war es ihm noch nie zuvor aufgefallen. Dieser Sonntag allerdings sollte das Sehen schulen und f\u00fcr den Rest des Lebens grundlegend ver\u00e4ndern. Man wei\u00df ja, dass nur das gesehen wird, was benannt werden kann. 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