{"id":39771,"date":"2018-08-04T00:01:53","date_gmt":"2018-08-03T22:01:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=39771"},"modified":"2018-06-20T22:45:37","modified_gmt":"2018-06-20T20:45:37","slug":"trost","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/08\/04\/trost\/","title":{"rendered":"Trost"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Dass er wegen eines Fu\u00dfballspiels irgendwann einmal versetzt werden w\u00fcrde, damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Wie ein Klatschen ins Gesicht mit einem nassen, kalten Waschlappen war es ihm vorgekommen. Nicht sauer, er war einfach traurig dar\u00fcber gewesen, h\u00e4tte niemals gedacht, dass Fu\u00dfball jemandem so wichtig war, sein konnte. Hatte im Fu\u00dfball immer etwas wie M\u00fc\u00dfiggang gesehen, abseitige Unterhaltung. Niemals aber konnte dies doch wichtiger sein, als ein gutes, selbst gemachtes Essen zu genie\u00dfen. Dabei hatte er doch an alles gedacht, die Zutaten bewusst eingekauft, immer auf beste Qualit\u00e4t geachtet. Na, jetzt also sa\u00df er da und wusste zun\u00e4chst nicht, was zu tun sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwann hatte er sich Wasser in die Wanne laufen lassen, hei\u00df, es konnte ja noch etwas k\u00fchler werden. Bis er fertig war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eigentlich hatte er schon morgens in einer Wanne gehockt, in einer kleinen Pension, dort in beengten Verh\u00e4ltnissen den Schlaf aus jeder Pore gesp\u00fclt. Wie erholsam konnte es sein, wenn man sich mit abwechselnd hei\u00dfem und kaltem Wasser abspritzte. Zuschaute, wie die einfach verglasten Fenster sich beschlugen und irgendwann v\u00f6llig blind wurden. Da er in der Zwischenzeit nichts Anstrengendes angegangen war, musste dieses zweite Bad wirklich nicht sein, reiner Luxus. Die M\u00f6glichkeit abzuschalten. Vor vielen Jahren hatte er sich ein arretierbares Brett gebaut, auf der einen Seite wurde dieses von der Kachelwand gehalten, auf der anderen konnte man es an den Wannenrand klemmen. So entstand ein kleiner Tisch. Bevor er sich in die Wanne setzte schob er dies damals immer zum Fu\u00dfende und sobald eine bequeme Position gefunden war, zog er es mit s\u00e4mtlichen darauf befindlichen Dingen zu sich heran. Daran musste er in dieser ach so schweren Stunde nun denken und wusste, demn\u00e4chst w\u00fcrde er sich wieder ein solches eigentlich unverzichtbares M\u00f6belst\u00fcck bauen m\u00fcssen. In Zeiten, da man sich auf andere nicht verlassen konnte, musste man sich selbst Hilfe zur Selbsthilfe erdenken. Selbsthilfe erm\u00f6glichen. Wohl gemerkt nat\u00fcrlich ganz eigenn\u00fctzlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch in anderen Situationen kam es ihm immer wieder vor, als m\u00fcsse er solcherart Dinge ersinnen. Wenn man dadurch besser leben konnte\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daraufhin hatte er sich in die K\u00fcche begeben, die eigentlich nur aus einer im Wohnraum stehenden Zeile bestand. Er hatte sich einen 500-Gramm-Becher mit mildem fettarmem Naturjoghurt aus dem K\u00fchlfach geangelt. Eine d\u00fcnnh\u00e4utige Avocado gesch\u00e4lt und in d\u00fcnne Scheiben geschnitten, rund 200 Gramm der s\u00e4uerlich geronnenen Milchspeise hinzugef\u00fcgt und in einer Sch\u00fcssel mit dem Kartoffelstampfer unter heftigem Dr\u00fccken vermengt. Dazu grobes Meersalz aus einer M\u00fchle, frisch zersto\u00dfenen Pfeffer dazu. (Den fahrenden Gew\u00fcrzh\u00e4ndlern sei an dieser Stelle gedankt, dass sie die innigsten W\u00fcnsche der Menschen erf\u00fcllen und diese gl\u00fccklich machen. Die Menschen, nicht die W\u00fcnsche, versteht sich. Wer hatte denn je von gl\u00fccklichen W\u00fcnschen geh\u00f6rt, denn die entstanden immer aus einem Bed\u00fcrfnis oder aus Ungl\u00fcck.) Aus einer angeschnittenen Zitrone waren einige Tropfen Saft geflossen, den Geschmack abzurunden, eine spritzige Note verleihend. Den restlichen Joghurt hatte er mit Fr\u00fcchten vermischt, Banane und einige Mandarinen, es konnten auch Clementinen sein, so genau hatte er die nie zu unterscheiden gewusst, waren nun mit Hilfe eines Zauberstabes zu einer homogenen Masse verquirlt wurden. Dazu ein gro\u00dfes Glas Saft. Orangensaft, Direktpressung, soviel war man sich schlie\u00dflich selber schuldig. Gerade als er zur Badewanne wollte, fiel ihm ein, es w\u00fcrde die ganze Sache abrunden, wenn er einige Scheiben zu Streifen geschnittenes K\u00f6rnerbrot im kaltgepressten Oliven\u00f6l anbriete. Goldig braun, dieses leicht bitterherbe Aroma in der ganzen Wohnung verteilend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf einem gro\u00dfen Teller sch\u00f6n hergerichtet, die Brotstreifen bildeten eine Strahlenaura um die gr\u00fcne Avocadomasse, deren richtigen Namen er nie richtig auszusprechen, viel weniger schreiben gelernt hatte. Die Farbe erinnerte ihn an einen jungen Buchenhain im Fr\u00fchling. Die Joghurtspeise in einer Glassch\u00fcssel, garniert von einem Spritzer Grenadine. Der Saft allerdings musste sich mit einem Plastikbecher zufrieden geben. Stillos, aber effektiv.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als er ins Wasser eintauchte, das Gesamtensemble von Abendgericht befand sich auf einem nebenstehenden Stuhl, konnte er ein gewisses Gl\u00fccksgef\u00fchl versp\u00fcren. Nein, eigentlich konnte er nicht mehr traurig sein, dass er diesen Abend alleine blieb. Aus dem Wohnraum waberte Nick Cave aus der Konserve und sp\u00fclte ihm seine weichsten Schmachtsongs \u00fcber Liebe und Liebesmorde durch das Geh\u00f6r ins Gehirn. Nachsichtig verzieh unser Protagonist der Welt ihre Ungerechtigkeit, gab sich der W\u00e4rme hin und brauchte \u00fcber eine Stunde, das Mahl genie\u00dfend zu verzehren. Er hatte auch gar kein schlechtes Gewissen, dass er sich nach und nach immer wieder einmal hei\u00dfes Wasser nachlaufen lie\u00df. Und als er sich sp\u00e4ter auch noch das Ergebnis des Fu\u00dfballspiels zu Gem\u00fcte f\u00fchrte, konnte Herr Nipp sogar schon wieder ganz breit grinsen. Das hatte man davon, wenn man sich eines seiner Essen entgehen lie\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich die\u00a0Totholzausgabe von Herrn Nipps <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> entwickelt. Zudem belegt sein Taschenbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a>, da\u00df man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=899\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> ein. Haimo Hieronymus\u00a0pr\u00e4sentiert zudem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41385\"><em>\u00dcber Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher<\/em><\/a> aus den Notizb\u00fcchern des Herrn Nipp.<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=41697&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Zyklop-e1518878819380.jpg\" alt=\"\" width=\"177\" height=\"266\" \/><\/a>In 2018 kommt etwas Gewichtiges auf Sie zu. <i>Zyklop I<\/i> ist mit einer partikularen Sichtweise eine ebenso wunderbare, wie irritierende Erfahrung. Das eine ist nicht vom anderen zu trennen, denn Haimo Hieronymus will unbestreitbar Sch\u00f6nheit schaffen und er will hier nicht weniger als von allem erz\u00e4hlen: Vom Gro\u00dfen, Ganzen, vom Kosmos, von der Sch\u00f6pfung. Gar vom Leben selbst, indem er in die Vollen greift, ohne Angst, etwas falsch zu machen. Kunst erkennt man daran, da\u00df sie das Ewige sichtbar macht, Bilder werden zu einem idealen Erkenntnismedium. <i>Zyklop I<\/i> ist ein sakrales Kunstprojekt ohne religi\u00f6se Dogmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur <i>Subscription<\/i> freigegeben: <b>Zyklop I,<\/b> Katalog von Haimo Hieronymus, Edition Das Labor. Erscheint im September 2018 in einer limitierten Auflage von 100 Exemplaren. Freunde und F\u00f6rderer werden im Katalog mit einer W\u00fcrdigung dokumentiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anfragen zu <i>Zyklop I<\/i> und den bibliophilen Kostbarkeiten \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass er wegen eines Fu\u00dfballspiels irgendwann einmal versetzt werden w\u00fcrde, damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Wie ein Klatschen ins Gesicht mit einem nassen, kalten Waschlappen war es ihm vorgekommen. Nicht sauer, er war einfach traurig dar\u00fcber gewesen, h\u00e4tte&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/08\/04\/trost\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":161,"featured_media":50393,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1334],"class_list":["post-39771","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-herr-nipp"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39771","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/161"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=39771"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39771\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=39771"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=39771"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=39771"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}