{"id":39767,"date":"2018-07-04T00:01:53","date_gmt":"2018-07-03T22:01:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=39767"},"modified":"2018-06-20T22:44:33","modified_gmt":"2018-06-20T20:44:33","slug":"defekte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/07\/04\/defekte\/","title":{"rendered":"Defekte"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das laute Poltern eines massiven Gegenstandes hatte er wahrgenommen, war aus dem Schlafzimmer geeilt. Doch nichts Besonderes bemerkbar, kein Gegenstand lag auf dem Boden herum. Alles Wichtige befand sich auf dem Tisch oder aber auf einem Sideboard, welches er vor einiger Zeit unter die niedrig auslaufende Schr\u00e4ge seines Dachgeschosses geschoben hatte. Verwundert am Kinn reibend schaute er die beiden friedlich spielenden Kinder an. Unger\u00fchrt und v\u00f6llig vertieft sa\u00dfen sie an dem kleinen runden Wohnzimmerglastisch aus den sechziger Jahren, ein Erbst\u00fcck. Schlichtestes Design nach Vorbild der Bauhaus-Entw\u00fcrfe, Form folgt Funktion. Klare Linien, einfache Formen, keine Schn\u00f6rkel, nichts war versteckt. Glasplatte, Rundgestell aus Holz, Rohrstahlbeine. \u201eIch bin, also bin ich.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie spielten Monopoly, die beste Metapher f\u00fcr die Situation unserer Gesellschaft. Die Habenschere geht auseinander. Einer geht bankrott, einer wird reich. Und dann gibt es zum Schluss heftige Proteste, handfesten Streit. Der beste Stratege oder Schummler siegt, das ist schon einmal klar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er zog sich wiederum in das Schlafzimmer zur\u00fcck, nicht um sich hinzulegen, auch wenn sich in den letzten Tagen gen\u00fcgend M\u00fcdigkeit aufgestaut hatte. Er wollte sich einfach nur umziehen. Gerade als er in das linke schwarze Hosenbein schl\u00fcpfen wollte, er stand dabei in ziemlich instabiler Position, h\u00f6rte er wieder dieses dumpf krachende Ger\u00e4usch. Nicht erkl\u00e4rbar. Er humpelte h\u00fcpfend her\u00fcber ins Nachbarzimmer. Situation weiterhin unver\u00e4ndert, nichts schien sich bewegt zu haben. Ein Stillleben reinster Idylle. Dabei schien ihn noch nicht einmal einer zu beachten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er musste an die Zeit vor einigen Jahren denken, als in einem von ihm angemieteten Arbeitsraum immer wieder seltsame Dinge passierten, die nicht erkl\u00e4rbar waren. Mal schritt man pl\u00f6tzlich durch eine ziemlich kalte Zone und f\u00fchlte sich in die Gegenwart einer offensichtlich nicht anwesenden Person versetzt. Nicht feindlich gesonnen, sondern gleichg\u00fcltig. Dann war er immer einige Schritte zur Seite getreten und auf dem R\u00fcckweg zum Wasserhahn war das Ph\u00e4nomen schon vorbei. Schnell verga\u00df er diese Erlebnisse wieder, doch die H\u00e4ufung macht es. Eines Nachts hatte er bis weit in die M\u00fcdigkeit gearbeitet und die Schiebet\u00fcr mit den daran montierten Glocken \u00f6ffnete sich h\u00f6rbar. Sehen konnte Herr Nipp dies allerdings nicht, weil er hinter einer Trennwand seiner T\u00e4tigkeit nachging. Dann h\u00f6rte er Schritte bis zur T\u00fcr seines R\u00e4umchens kommen, klar vernehmbar zweiundzwanzig Stapfen auf Beton. Man kennt diesen leicht schabenden, leicht knirschenden Ton. Der zu erwartende Besucher blieb vor der T\u00fcr stehen, Herr Nipp hatte geglaubt, sein Atmen zu h\u00f6ren, aber nichts tat sich weiter. Er schaute dahin, wo er jemanden vermutete und sah niemanden. Verlie\u00df seinen Platz, schaute auch in die anderen sechs R\u00e4ume, nirgends war jemand zu finden. Schultern zuckend kehrte er zu seiner Arbeit zur\u00fcck, als auch sein Rufen keine Reaktion hervorgerufen hatte. Wenn man so tief im Tun steckt, sich so sehr auf etwas konzentriert, dann kann es schon einmal vorkommen, dass die Sinne Streiche spielen. Dann verschwimmen \u00e4u\u00dfere und innere Realit\u00e4t. Auf diese Weise erkl\u00e4rte er sich das Erlebnis und konnte hierauf auch durchaus konzentriert weiter machen. Als er jedoch einige Minuten wieder geschaffen hatte, konnte er wiederum die Schritte auf Beton h\u00f6ren, gleicher Rhythmus, ganz klar und deutlich, es konnte keine T\u00e4uschung sein. Irgendjemand musste sich da entfernen. Die Schiebet\u00fcr wurde aufgezogen, die Glocken klimperten leicht disharmonisch. Dann wurde es still. Herr Nipp wollte einige Zeit sp\u00e4ter nach Hause fahren. Er musste feststellen, dass sich die Absperrung immer noch in abgeschlossenem Zustand befand, so wie er es gew\u00f6hnlich machte, wenn er alleine war, er hatte den Schl\u00fcssel innen stecken lassen. Erst in diesem Moment \u00fcberlief es ihn eiskalt. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass da etwas nicht gestimmt hatte. Niemand h\u00e4tte hinein kommen k\u00f6nnen, es sei denn, er w\u00e4re \u00fcber das Dach geklettert und h\u00e4tte sich durch einen der geborstenen Glasbausteine gezw\u00e4ngt. Bisher war er von einem Streich ausgegangen. Lange Zeit hatte er nichts dar\u00fcber verlauten lassen, denn man kommt sich schlie\u00dflich ein wenig seltsam vor, wenn man von solcherart Erscheinung spricht. Esoterischer Schwachkopf mit Hang zu diffuser Hysterie. In einem n\u00e4chtlichen, leicht alkoholisierten Gespr\u00e4ch hatte jedoch ein \u00e4lteres Mitglied der Arbeitsgruppe \u00c4hnliches berichtet. Der Wein lockert manchmal die Zunge und dann kommen einem Erlebnisse und Bekenntnisse \u00fcber die Lippen, die man eigentlich f\u00fcr sich behalten w\u00fcrde. Das hatte aufhorchen lassen. Irgendwie war allerdings auch dies eher am\u00fcsant. Ganz anders wurde es Herrn Nipp allerdings, als eine psychisch sehr anf\u00e4llige junge Frau bei einem Besuch fast wahnsinnig wurde, weil sie \u00fcberall seltsame Personen zu sehen glaubte, die ihren T\u00e4tigkeiten nachgingen, an unsichtbaren Ger\u00e4ten, diese Leute marschierten oder standen einfach zusammen, unterhielten sich. In panischer Flucht hatte sie das Geb\u00e4ude verlassen, verschwitzt, mit gehetztem Gesicht. Die verst\u00f6rte Frau war nie wieder in die Arbeitsr\u00e4ume gekommen, hatte alle weiteren Verabredungen mit einem anderen aus der Gruppe einfach abgesagt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass das Ger\u00e4usch ein drittes Mal erklang, muss jetzt eigentlich nur noch aus rein dramaturgischen Gr\u00fcnden erz\u00e4hlt werden. Klimax nennt sich dies wohl. Eine dreischrittige Steigerung, um zu verdeutlichen, wie brisant die Lage wirklich ist. M\u00e4rchen und Bibel arbeiten gerne auf diese Weise. \u201eWenn der Hahn dreimal gekr\u00e4ht hat\u2026\u201c oder &#8222;als er das dritte Mal&#8220; oder &#8222;in der dritten Nacht&#8220;, aber tats\u00e4chlich geschah es. Also, das Gepolter erklang ein drittes Mal, als Herr Nipp sich gerade sein dunkelgraues Hemd zukn\u00f6pfte. Er wollte schlie\u00dflich noch auf eine ihm wichtige Veranstaltung. Wieder aber konnte er keine Ver\u00e4nderung ausmachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bekannt d\u00fcrfte wohl sein, dass die Kamera zu seinen allt\u00e4glichen Ausr\u00fcstungsgegenst\u00e4nden geh\u00f6rt. Normalerweise geht er nicht aus dem Haus, ohne sie in die Tasche zu stecken. \u00dcberall konnte man schlie\u00dflich Kleinigkeiten entdecken, verbl\u00fcffende oder verbl\u00fcffend einfache Strukturen, die farbenpr\u00e4chtigen Himmelspiele zum Abend hin beobachten. In der Absicht am folgenden Tag fotografieren zu wollen, zeigte es sich, dass die Kamera nicht mehr funktionierte. Irgendein Teil des Verschlusses hatte sich gel\u00f6st und quergestellt, jetzt w\u00fcrde er die n\u00e4chsten Wochen ohne auskommen m\u00fcssen. Reparatur. Ob dies etwas mit dem Gepolter zu tun hatte, konnte allerdings nicht zweifelsfrei gekl\u00e4rt werden. Mag sein, dass die neuen Mieter in der unteren Wohnung ihre M\u00f6bel verr\u00fcckt hatten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich die\u00a0Totholzausgabe von Herrn Nipps <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> entwickelt. Zudem belegt sein Taschenbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a>, da\u00df man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=899\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> ein. Haimo Hieronymus\u00a0pr\u00e4sentiert zudem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41385\"><em>\u00dcber Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher<\/em><\/a> aus den Notizb\u00fcchern des Herrn Nipp.<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=41697&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Zyklop-e1518878819380.jpg\" alt=\"\" width=\"177\" height=\"266\" \/><\/a>In 2018 kommt etwas Gewichtiges auf Sie zu. <i>Zyklop I<\/i> ist mit einer partikularen Sichtweise eine ebenso wunderbare, wie irritierende Erfahrung. Das eine ist nicht vom anderen zu trennen, denn Haimo Hieronymus will unbestreitbar Sch\u00f6nheit schaffen und er will hier nicht weniger als von allem erz\u00e4hlen: Vom Gro\u00dfen, Ganzen, vom Kosmos, von der Sch\u00f6pfung. Gar vom Leben selbst, indem er in die Vollen greift, ohne Angst, etwas falsch zu machen. Kunst erkennt man daran, da\u00df sie das Ewige sichtbar macht, Bilder werden zu einem idealen Erkenntnismedium. <i>Zyklop I<\/i> ist ein sakrales Kunstprojekt ohne religi\u00f6se Dogmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur <i>Subscription<\/i> freigegeben: <b>Zyklop I,<\/b> Katalog von Haimo Hieronymus, Edition Das Labor. Erscheint im September 2018 in einer limitierten Auflage von 100 Exemplaren. Freunde und F\u00f6rderer werden im Katalog mit einer W\u00fcrdigung dokumentiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anfragen zu <i>Zyklop I<\/i> und den bibliophilen Kostbarkeiten \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das laute Poltern eines massiven Gegenstandes hatte er wahrgenommen, war aus dem Schlafzimmer geeilt. Doch nichts Besonderes bemerkbar, kein Gegenstand lag auf dem Boden herum. 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