{"id":39375,"date":"2017-01-19T00:00:41","date_gmt":"2017-01-18T23:00:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=39375"},"modified":"2020-11-25T07:24:11","modified_gmt":"2020-11-25T06:24:11","slug":"nebelbanktrauma","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/01\/19\/nebelbanktrauma\/","title":{"rendered":"Nebelbanktrauma"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">In der Nacht zum 19. Januar 2007 zog der Orkan <em>Kyrill<\/em>\u00a0nach Osten \u00fcber das Sauerland hinweg.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den T\u00e4lern liegt wieder Nebel, als Herr Nipp aus seinem Fenster schaut. Aus seiner kleinen Kemenate hat er durch eines der Dachfl\u00e4chenfenster einen wunderbaren Blick Richtung M\u00f6hnetal, nur teilweise durch H\u00e4user verdeckt, die in den letzten Jahren mit Photovoltaikanlagen aufger\u00fcstet wurden. Um die Bachl\u00e4ufe und Fl\u00fcsse hat sich in der Nacht das wei\u00dfe wasserdunstige Gespenst gesammelt. Von au\u00dfen sch\u00f6n anzusehen. Jedes Mal, wenn Herr Nipp auf seinen Radtouren durch das Sauerland durch eines dieser engen T\u00e4ler f\u00e4hrt, die in Jahrmillionen von kleinen B\u00e4chen in die Berge geschnitten wurden, muss er solche Nebelb\u00e4nke queren. Dann schl\u00e4gt ihm feuchtkalte Luft entgegen und schnell kommt ihm das fast be\u00e4ngstigende Gef\u00fchl, dass er selber in wenigen Minuten ein nebliges Gem\u00fct bekommt. Wenn er dann pl\u00f6tzlich und unerwartet aus dem Wei\u00df ins leuchtende Sonnenlicht bricht, ist alles schnell wieder vergessen. Seltsamerweise findet man gerade an den nebligsten Stellen h\u00e4ufig kleine Siedlungen, als h\u00e4tten die Ureinwohner eine heimliche Sehnsucht nach Unsichtbarkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bl\u00e4tter hatten inzwischen ihren allj\u00e4hrlichen Weg auf den Boden gefunden. Die letzten leuchtenden Farben hatte der Frost in ein unansehnliches Braunbeige mit schwarzen R\u00e4ndern verwandelt. Die Herbstpracht hatte sich innerhalb weniger eisiger N\u00e4chte verabschiedet. Dieses Jahr allerdings sehr sp\u00e4t. Bis in den November hinein, konnte man sich an der F\u00fclle verschiedener F\u00e4rbungen kaum satt sehen. Ein richtig langer Herbst. Jede Baumart hatte dabei ihre eigene Wertigkeit. Gelbe Ahorne, gr\u00fcngelbe L\u00e4rchen,\u00a0 orangefarbene Buchen und manchmal eine rote wilde Kirsche. Die Bl\u00e4tter wurden nun auf den Stra\u00dfen zu einem teigigen Matsch zerfahren, w\u00fcrden sich nach und nach in die Gr\u00e4ben schieben lassen und diese verstopfen. An manchen Stellen bildete sich auch ein richtig glitschiger Film auf den Bahnen, gerade in Kurven wurde dies so manchem unbedachten jungen Fahrer zum Verh\u00e4ngnis, da nutzte es auch nichts, wenn der Polo tiefer gelegt war. Ab in den Graben, da fressen ihn die Raben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lediglich die wenigen \u00fcbrig gebliebenen Buchenhaine konnten mit leuchtendem Orangegelb den gesamten schneelosen Winter hindurch aufwarten. Leuchtpunkte in einer tr\u00fcben Landschaft, Haltepunkte f\u00fcr das graugesch\u00e4digte Auge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im neunzehnten Jahrhundert hatte man innerhalb weniger Jahrzehnte aus wirtschaftlichen Erw\u00e4gungen und Notwendigkeiten die Eichen-, Buchen und Mischwaldbest\u00e4nde gef\u00e4llt und durch schnellwachsende Fichten ersetzt. Das Ruhrgebiet brauchte f\u00fcr den Stollenbau Holz, viel Holz. Auch die anwachsende Baut\u00e4tigkeit verschlang Unmengen dieses Rohstoffes. So hatte sich in kurzer Zeit das verwachsene Gesicht einer ganzen Landschaft v\u00f6llig ver\u00e4ndert. Das Antlitz des heutigen Sauerlandes hatte mit seiner urspr\u00fcnglichen Form nur wenig zu tun. Nur vereinzelt waren Flecken mit Laub- oder Mischwald bestehen geblieben. Einige Waldbauern hatten wohl schon fr\u00fch erkannt, dass die geforderten Monokulturen der Tod der Natur waren. Immerhin gab es inzwischen steuerliche F\u00f6rderungen, wenn abgeholzte Fichten von den Waldbesitzern durch Mischungen aufgeforstet wurden. Buchen, Eichen, Ahorn, Eschen, Ulmen allerdings waren wegen der Ulmenkrankheit ein Problem. Birken kamen von allein dazu, einige Kiefern, randst\u00e4ndig L\u00e4rchen, Kirschen und Ebereschen f\u00fcr das Auge und als Winternahrung f\u00fcr die V\u00f6gel. Das war auch nach dem verheerenden Kyrillsturm geschehen, der vor allem bei den Nadelb\u00e4umen gro\u00dfe Sch\u00e4den angerichtet hatte, w\u00e4hrend die meisten Laubb\u00e4ume verschont geblieben waren. Einige hatten allerdings Pech, wenn sie von fliegenden Fichten mitgerissen oder abgebrochen wurden. Damals hatte Herr Nipp mit einem seiner liebsten und bissigsten Freunde eine Autofahrt durch das Sauerland unternommen. Dieser sonst nie um einen vernichtenden oder zumindest b\u00f6sen Kommentar verlegene Mensch des geschriebenen Wortes hatte mit verst\u00f6rtem Gesicht meist geschwiegen, entsetzt \u00fcber die geschlagenen landschaftlichen\u00a0 Narben. Manchmal war ein fast verzweifeltes <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tunguska-Ereignis\">Tunguska<\/a> \u00fcber seine Lippen gekommen. Das war einige Jahre her, die Folgen aber w\u00fcrden in Jahrzehnten noch sichtbar sein. Hoffentlich, denn vielleicht konnte auf diese Weise wieder ein vielf\u00e4ltiges Sauerland entstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun aber radelte Herr Nipp mit sich selber um die Wette. Wusste, dass das vorgenommene Pensum mit seinem einfachen alten Damenrad schwer zu bew\u00e4ltigen war. Nach kaum einer Stunde Fahrt, er war gerade in eine dieser Nebelb\u00e4nke gerauscht, h\u00f6rte er ein seltsam knatterndes Ger\u00e4usch. Kein Motor, er konnte sich zun\u00e4chst nicht erkl\u00e4ren, was es war, ganz nah. Im Nebel kann man nicht gut sehen und die Ger\u00e4usche wirken befremdlich. Aber schon wenige Momente sp\u00e4ter, als er sowohl vorne als auch hinten auf der Felge fuhr, wusste er Bescheid. Ein Bauer hatte wohl eine Hecke mit Schlehenb\u00fcschen beschnitten und einige Zweige nett drapiert auf der Stra\u00dfe liegen lassen. Die Reifen lie\u00dfen schnell ihre Luft in die Atmosph\u00e4re entweichen. Gl\u00fccklicherweise hatte Herr Nipp erst zw\u00f6lf Kilometer hinter sich gebracht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Nacht zum 19. Januar 2007 zog der Orkan Kyrill\u00a0nach Osten \u00fcber das Sauerland hinweg. &nbsp; In den T\u00e4lern liegt wieder Nebel, als Herr Nipp aus seinem Fenster schaut. 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